Beruflicher und emotionaler Stress
Stress bezeichnet eine psychophysiologische Reaktion (körperlich-seelische Reaktion) auf innere oder äußere Anforderungen, die als bedeutsam, schwer kontrollierbar oder die eigenen Bewältigungsressourcen übersteigend wahrgenommen werden. Berufliche Stressoren (Belastungsfaktoren) sind unter anderem hohe Arbeitsdichte, Zeitdruck, geringe Entscheidungsspielräume, Konflikte, Arbeitsplatzunsicherheit, Schichtarbeit und eine unzureichende Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben. Emotionaler Stress kann beispielsweise durch familiäre Belastungen, soziale Konflikte, Verlusterlebnisse, Erkrankungen oder anhaltende Sorgen entstehen [1, LL1].
Eine zeitlich begrenzte Stressreaktion ist zunächst eine physiologische Anpassungsleistung (normale körperliche Anpassungsreaktion). Gesundheitlich relevant wird Stress insbesondere bei anhaltender Belastung, fehlender Erholung und dauerhaft unzureichenden Bewältigungsmöglichkeiten. Ernährungs- und mikronährstoffmedizinische Maßnahmen können die körperliche und psychische Belastbarkeit unterstützen, beseitigen jedoch weder krankmachende Arbeitsbedingungen noch behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen. Organisatorische, arbeitsmedizinische und gegebenenfalls psychotherapeutische Interventionen (psychotherapeutische Behandlungen) bleiben deshalb zentrale Bestandteile der Behandlung [1, LL1].
Stressphysiologie
Akuter Stress aktiviert das sympathische Nervensystem (aktivierender Teil des unwillkürlichen Nervensystems) mit Freisetzung der Katecholamine (Stressbotenstoffe) Adrenalin und Noradrenalin. Parallel wird die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) (hormonelles Stress-Regelsystem zwischen Gehirn und Nebennierenrinde) aktiviert. Das Corticotropin-releasing Hormone (Hormon, das die Freisetzung des Nebennieren-Steuerhormons auslöst) stimuliert die Freisetzung von Adrenocorticotropin (Steuerhormon zur Anregung der Nebennierenrinde), das wiederum die Cortisolsynthese (Bildung des Stresshormons Cortisol) in der Nebennierenrinde fördert [1].
Die akute Stressantwort erhöht kurzfristig Aufmerksamkeit, Herzfrequenz, Blutdruck und Energiebereitstellung. Glucose (Blutzucker) und freie Fettsäuren werden mobilisiert; gleichzeitig werden andere physiologische Funktionen vorübergehend moduliert. Diese Reaktion ist grundsätzlich adaptiv und wird durch Rückkopplungsmechanismen reguliert [1].
Bei chronischer Belastung kann es zu einer Dysregulation neuroendokriner, autonomer, metabolischer und immunologischer Systeme (Fehlregulation von Nerven-, Hormon-, Stoffwechsel- und Abwehrsystemen) kommen. Diese kumulative Beanspruchung wird als allostatische Belastung (langfristige körperliche Gesamtbelastung durch wiederholte Anpassungsreaktionen) bezeichnet. Sie ist mit Schlafstörungen, depressiven und ängstlichen Symptomen, ungünstigem Gesundheitsverhalten und einem erhöhten kardiometabolischen Risiko (Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen) assoziiert. Die Zusammenhänge sind multifaktoriell; einzelne Erkrankungen dürfen nicht monokausal auf Stress zurückgeführt werden [1].
Eine Cortisolbestimmung (Messung des Stresshormons Cortisol) gehört nicht zur ernährungsmedizinischen Routinediagnostik beruflicher oder emotionaler Alltagsbelastungen. Eine endokrinologische Diagnostik (Untersuchung des Hormonsystems) ist bei klinischem Verdacht auf eine Erkrankung der HPA-Achse indiziert.
Auswirkungen auf das Ernährungsverhalten
Stress beeinflusst die Ernährung vor allem über Veränderungen des Verhaltens. Eine Metaanalyse bei gesunden Erwachsenen zeigte im Mittel eine stressassoziierte Zunahme der aufgenommenen Nahrungsmenge, einen häufigeren Verzehr energiedichter Lebensmittel und einen geringeren Verzehr gesundheitsfördernder Lebensmittel. Die individuelle Reaktion ist jedoch unterschiedlich – manche Menschen essen unter Stress mehr, andere weniger [2].
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse bei Frauen im reproduktiven Alter (gebärfähigen Alter) zeigte eine inverse Assoziation zwischen wahrgenommenem Stress und Ernährungsqualität. Höhere Stressbelastungen waren häufiger mit einem verstärkten Verzehr von Süßwaren, Fast Food sowie fett- und salzreichen Lebensmitteln und mit einem geringeren Verzehr von Gemüse, Obst, Fisch und ungesättigten Fettsäuren (bestimmte gesundheitsfördernde Nahrungsfette) verbunden. Wegen der überwiegend beobachtenden Studiendesigns und der hohen Heterogenität ist keine eindeutige Kausalitätsaussage möglich [3].
Typische stressassoziierte Veränderungen sind:
- unregelmäßige oder ausgelassene Mahlzeiten
- häufiges Snacken ohne physiologischen Hunger
- erhöhter Konsum hochverarbeiteter, energie- und zuckerreicher Lebensmittel
- reduzierter Verzehr von Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und Nüssen
- verstärkter Konsum von Kaffee, Energydrinks oder zuckerhaltigen Getränken
- unzureichende Flüssigkeitszufuhr
- Alkoholkonsum zur vermeintlichen Entspannung oder Schlafförderung
Ein stressbedingtes Absinken des Glucosespiegels ist bei stoffwechselgesunden Personen nicht regelhaft zu erwarten. Subjektive Schwankungen von Energie, Konzentration und Hunger werden häufiger durch lange Nüchternphasen, Schlafmangel, eine unzureichende Energiezufuhr, große Mengen rasch verfügbarer Kohlenhydrate oder einen hohen Koffeinkonsum begünstigt.
Ernährungsmedizinisches Grundkonzept
Eine spezielle „Anti-Stress-Diät“ ist wissenschaftlich nicht etabliert. Grundlage ist eine pflanzenbetonte, abwechslungsreiche und nährstoffdichte Ernährung entsprechend den aktuellen lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung [12].
Empfohlen werden insbesondere:
- Gemüse und Obst in abwechslungsreicher Auswahl
- Vollkorngetreide und Kartoffeln
- Hülsenfrüchte
- Nüsse und Samen
- pflanzliche Öle mit einem hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren
- bedarfsgerechte Proteinquellen (Eiweißquellen) wie Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch oder geeignete pflanzliche Alternativen
- Wasser und andere energiearme Getränke
Eine planbare Mahlzeitenstruktur vermindert die Abhängigkeit von spontanen, stressinduzierten Lebensmittelentscheidungen. Praktikabel sind vorbereitete Mahlzeiten, mitgeführte Zwischenmahlzeiten und eine gesundheitsfördernde Auswahl am Arbeitsplatz. Multikomponente betriebliche Gesundheitsprogramme können die Ernährungsqualität sowie einzelne anthropometrische (Körpermaße betreffende) und kardiometabolische Parameter (Messwerte für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselgesundheit) geringfügig verbessern [5].
Kohlenhydratquellen sollten vorzugsweise mit Protein, Ballaststoffen und ungesättigten Fettsäuren kombiniert werden. Dies fördert die Sättigung und kann ausgeprägte Schwankungen von Hunger und Leistungsfähigkeit nach den Mahlzeiten vermindern.
Koffein kann kurzfristig Wachheit und Aufmerksamkeit erhöhen, beeinträchtigt aber dosis- und zeitabhängig die nachfolgende Schlafdauer und Schlafqualität. Bei Nervosität, Palpitationen (Herzklopfen), Angst oder Schlafstörungen sollte die Zufuhr reduziert und mehrere Stunden vor der geplanten Schlafzeit beendet werden [10]. Koffein ist kein geeigneter Ersatz für ausreichenden Schlaf.
Schicht- und Nachtarbeit
Schicht- und Nachtarbeit verbindet beruflichen Stress mit einer circadianen Disruption (Störung des biologischen Tag-Nacht-Rhythmus). Eine Metaanalyse zeigte bei rotierender Schichtarbeit eine geringfügig höhere mittlere tägliche Energiezufuhr sowie unregelmäßigere und häufigere Mahlzeiten, verstärktes nächtliches Snacken, weniger Grundnahrungsmittel und mehr Lebensmittel mit ungünstiger Nährstoffzusammensetzung. Die Studien waren jedoch heterogen [4].
Für die Ernährung während einer Nachtschicht sind folgende Maßnahmen sinnvoll [4, 11]:
- einen möglichst konstanten Mahlzeitenrhythmus beibehalten
- vor Beginn der Nachtschicht eine leichte, ausgewogene Hauptmahlzeit einnehmen
- um Mitternacht gegebenenfalls eine kleine, leichte Zwischenmahlzeit verzehren
- die Nahrungszufuhr in der zweiten Nachthälfte deutlich reduzieren
- vorbereitete Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten mit Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Obst oder Nüssen mitführen
- Wasser oder ungesüßten Tee als Hauptgetränke verwenden
- Koffein mehrere Stunden vor der geplanten Schlafzeit vermeiden
- nach der Schicht nur eine leichte Mahlzeit einnehmen
Allein durch Schichtarbeit entsteht keine generelle Indikation für eine umfassende Vitamin- oder Spurenelementsupplementierung (Ergänzung von Vitaminen oder Spurenelementen). Das Risiko einer unzureichenden Versorgung kann jedoch durch unregelmäßige Mahlzeiten, eingeschränkte Lebensmittelauswahl und eine insgesamt geringere Ernährungsqualität steigen [4, 11, 13].
Mikronährstoffmedizinische Bewertung
Psychischer oder beruflicher Stress allein ist keine etablierte Indikation für eine pauschale hoch dosierte Mikronährstoffsupplementierung (Einnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen als Präparate). Eine gezielte Ergänzung kann jedoch bei nachgewiesenem Mangel, unzureichender Zufuhr, erhöhtem physiologischem Bedarf, Resorptionsstörungen (Störungen der Nährstoffaufnahme im Darm) oder einer spezifischen medizinischen Indikation sinnvoll und klinisch relevant sein [13].
Das Risiko einer unzureichenden Versorgung steigt insbesondere bei:
- einseitiger oder quantitativ unzureichender Ernährung
- häufig ausgelassenen Mahlzeiten
- restriktiven Diäten oder Essstörungen
- veganer Ernährung ohne bedarfsgerechte Supplementierung
- erhöhtem Alkoholkonsum
- gastrointestinalen Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts) oder Resorptionsstörungen
- Arzneimitteln mit Einfluss auf den Mikronährstoffstatus (Versorgungszustand mit Mikronährstoffen)
- starken Menstruationsblutungen
- Schwangerschaft und Stillzeit
- schwerer körperlicher Arbeit und hohen Schweißverlusten
B-Vitamine
Die Vitamine B1, B2, B6, B12, Niacin, Pantothensäure, Biotin und Folat sind an Energiestoffwechsel, Neurotransmittersynthese (Bildung von Botenstoffen des Nervensystems), Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel (Stoffwechsel zur Übertragung einzelner Kohlenstoffbausteine) und neurologischer Funktion beteiligt. Daraus folgt jedoch nicht, dass chronischer Stress die B-Vitamin-Speicher regelhaft „aufbraucht“.
Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien zeigte für Präparate mit mehreren B-Vitaminen eine kleine, statistisch signifikante Verminderung selbstberichteter Stresssymptome. Für depressive Symptome und Angst wurde kein signifikanter Effekt nachgewiesen. Präparate, Dosierungen, Populationen und Endpunkte waren heterogen; mehrere Studien wiesen Interessenkonflikte mit der Supplementindustrie auf [6].
Eine B-Komplex-Supplementierung (Ergänzung mehrerer B-Vitamine) kann bei einseitiger Ernährung, plausibler Unterversorgung, erhöhtem Bedarf oder nachgewiesenem Mangel sinnvoll sein. Aus der vorhandenen Evidenz lässt sich jedoch keine allgemeingültige hoch dosierte „Anti-Stress-Dosis“ ableiten.
Vitamin B6 erfordert besondere Beachtung – eine längerfristig hohe Zufuhr kann eine sensorische Polyneuropathie (Schädigung mehrerer Gefühlsnerven) verursachen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat für Erwachsene einschließlich Schwangerer und Stillender eine tolerierbare obere Gesamtzufuhr von 12 mg Vitamin B6 täglich aus allen Quellen abgeleitet [7]. Bei Auswahl eines B-Komplex-Präparats ist daher die gesamte tägliche Vitamin-B6-Dosis zu berücksichtigen.
Magnesium
Magnesium ist an der neuromuskulären Erregungsleitung (Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln), der Adenosintriphosphat-abhängigen (vom zellulären Energieträger ATP abhängigen) Energiebereitstellung und zahlreichen enzymatischen Reaktionen (durch Enzyme gesteuerte Stoffwechselvorgänge) beteiligt. Eine unzureichende Versorgung kann neuromuskuläre Symptome und Müdigkeit begünstigen; diese Beschwerden sind jedoch unspezifisch.
Systematische Übersichtsarbeiten zeigen mögliche günstige Effekte einer Magnesiumsupplementierung auf leichte Angst- und Schlafsymptome, insbesondere bei niedriger Magnesiumzufuhr oder niedrigem Magnesiumstatus (Versorgungszustand mit Magnesium). Die Evidenz ist wegen kleiner Studien, unterschiedlicher Präparate, uneinheitlicher Dosierungen und teilweise kombinierter Interventionen jedoch begrenzt [8, 9].
Bei plausibler Unterversorgung oder nachgewiesenem Mangel kann eine gezielte Magnesiumsupplementierung bei normaler Nierenfunktion sinnvoll sein. Die vom Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlene Tageshöchstmenge von 250 mg Magnesium aus Nahrungsergänzungsmitteln dient der Risikobegrenzung und stellt keine stressspezifische Therapiedosis dar. Die Tagesmenge sollte auf mindestens zwei Einnahmen verteilt werden [14]. Häufigste dosisabhängige unerwünschte Wirkung ist Diarrhoe (Durchfall).
Bei eingeschränkter Nierenfunktion ist eine unkontrollierte Magnesiumsupplementierung zu vermeiden. Mögliche Interaktionen (Wechselwirkungen) mit Arzneimitteln müssen bei der individuellen Verordnung berücksichtigt werden.
Vitamin D
Eine Vitamin-D-Supplementierung (Ergänzung von Vitamin D) ist nicht als spezifische Behandlung beruflicher oder emotionaler Stresssymptome etabliert. Diagnostik und Supplementierung richten sich nach individuellen Risikofaktoren und einer gesicherten medizinischen Indikation [13, LL2].
Ein erniedrigter 25-Hydroxyvitamin-D-Spiegel (Messwert der Vitamin-D-Versorgung im Blut) darf nicht ungeprüft als Ursache unspezifischer Müdigkeit interpretiert werden. Die S3-Leitlinie „Müdigkeit“ stellt fest, dass ein Vitamin-D-Defizit (Vitamin-D-Mangel) nicht mit einer vermehrten Müdigkeit korreliert [LL2]. Ein bestätigter Vitamin-D-Mangel sollte dennoch unabhängig von der Stressbelastung fachgerecht behandelt werden.
Eisen, Vitamin B12 und Folat
Eisenmangel, Vitamin-B12-Mangel und Folatmangel (Mangel an Folsäure) können Müdigkeit, Leistungsminderung und Konzentrationsstörungen verursachen oder verstärken. Diese Beschwerden dürfen nicht vorschnell ausschließlich einer Stressbelastung zugeschrieben werden.
Eine gezielte Abklärung ist insbesondere angezeigt bei:
- starken oder verlängerten Menstruationsblutungen
- Schwangerschaft
- veganer oder stark eingeschränkter Ernährung
- gastrointestinalen Erkrankungen oder vorausgegangenen gastrointestinalen Operationen
- langfristiger Einnahme von Arzneimitteln mit möglichem Einfluss auf den Vitamin-B12-Status (Versorgungszustand mit Vitamin B12)
- Anämie (Blutarmut), Makrozytose (vergrößerte rote Blutkörperchen) oder neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems)
Eisen sollte nicht ohne indikationsgerechte Diagnostik supplementiert werden. Bei nachgewiesenem Eisenmangel ist eine gezielte Substitution (gezielte Zufuhr des fehlenden Nährstoffs) sinnvoll. Vitamin B12 muss bei veganer Ernährung dauerhaft in bedarfsgerechter Dosierung zugeführt werden [13, LL2].
Weitere Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente
Vitamin C, Zink und Selen erfüllen wichtige antioxidative (zellschützende), immunologische und enzymatische Funktionen. Für gesunde Personen ist jedoch nicht belegt, dass beruflicher oder emotionaler Stress allein einen Bedarf oberhalb der geltenden Referenzwerte verursacht.
Eine gezielte Supplementierung ist bei nachgewiesener Unterversorgung, stark eingeschränkter Lebensmittelauswahl, erhöhtem physiologischem Bedarf oder spezifischer medizinischer Indikation sinnvoll. Langfristig hochdosierte Zink-, Selen- oder antioxidative Kombinationspräparate sollten nicht ohne Indikations- und Sicherheitsprüfung eingesetzt werden [13].
Diagnostisches Vorgehen
Die ernährungsmedizinische Diagnostik sollte sich an Anamnese (Krankengeschichte), klinischem Befund (Ergebnis der ärztlichen Untersuchung) und individuellen Risikofaktoren orientieren. Zu erfassen sind insbesondere:
- Ernährungsweise und Mahlzeitenstruktur
- Gewichtsverlauf
- Arbeits- und Schichtzeiten
- Schlafdauer und Schlafqualität
- körperliche Aktivität
- Koffein-, Alkohol- und Tabakkonsum
- Menstruationsblutungen
- gastrointestinale Beschwerden
- Erkrankungen und Arzneimittel
- depressive, ängstliche oder somatoforme Symptome (körperliche Beschwerden ohne ausreichenden organischen Befund)
Bei über mehrere Wochen anhaltender, primär ungeklärter Müdigkeit empfiehlt die S3-Leitlinie als Basisdiagnostik (grundlegende Untersuchungen) Blutglucose (Blutzucker), großes Blutbild (umfassende Untersuchung der Blutzellen), Blutsenkung (Entzündungswert) bzw. C-reaktives Protein (CRP, Entzündungswert), Transaminasen (Leberenzyme) oder Gamma-Glutamyltransferase (Leber- und Gallenenzym) und Thyreoidea-stimulierendes Hormon (TSH, Steuerhormon der Schilddrüse). Bei Frauen im gebärfähigen Alter kann ergänzend Ferritin (Eisenspeicherwert) bestimmt werden. Weiterführende Labor- oder apparative Untersuchungen (Untersuchungen mit medizinischen Geräten) sollen nur bei auffälligen Vorbefunden oder spezifischen anamnestischen und klinischen Hinweisen erfolgen [LL2].
Vitamin B12, Folat, 25-Hydroxyvitamin D, Elektrolyte (Blutsalze) und weitere Mikronährstoffparameter (Laborwerte zur Mikronährstoffversorgung) sind bei entsprechenden Risikofaktoren oder klinischen Hinweisen zu bestimmen. Eine breite, ungezielte Untersuchung zahlreicher Vitamine, Spurenelemente, Aminosäuren (Eiweißbausteine) oder sogenannter oxidativer Stressmarker (Laborwerte für Zellbelastung durch reaktive Sauerstoffverbindungen) ist nicht sinnvoll.
Therapeutische Prioritäten
- Stressoren identifizieren und reduzieren – Arbeitsorganisation, Arbeitszeit, Pausen, Entscheidungsspielräume, Konflikte und Führungsverhalten berücksichtigen.
- Schlaf und Erholung sichern – ausreichende Schlafdauer, möglichst regelmäßige Schlafzeiten und störungsarme Erholungsphasen fördern.
- Ernährungsstruktur stabilisieren – Mahlzeiten planen, gesundheitsfördernde Lebensmittel verfügbar machen und lange unkontrollierte Nüchternphasen vermeiden.
- Koffein und Alkohol überprüfen – stimulierende bzw. sedierende Kompensationsstrategien reduzieren.
- Mikronährstoffrisiken (Risiken einer Unterversorgung mit Mikronährstoffen) erkennen – gezielte Anamnese und indikationsbezogene Labordiagnostik durchführen.
- Supplementierung individualisieren – bestätigte oder wahrscheinliche Defizite sicher dosiert korrigieren und den Behandlungserfolg kontrollieren.
- Psychische Erkrankungen erfassen – bei anhaltender Angst, depressiver Symptomatik, erheblicher Erschöpfung, Funktionsverlust oder Substanzmissbrauch (schädlicher Gebrauch von Alkohol, Medikamenten oder Drogen) fachgerechte Diagnostik und Behandlung veranlassen.
Die Weltgesundheitsorganisation priorisiert bei arbeitsbezogenen psychischen Belastungen organisatorische Interventionen, Schulungen von Führungskräften und Beschäftigten, individuelle psychologische Interventionen sowie strukturierte Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung [LL1]. Ernährungs- und Mikronährstoffmedizin sind dabei unterstützende, aber nicht alleinige Therapiekomponenten.
Fazit
Beruflicher und emotionaler Stress sind primär ein psychophysiologisches und psychosoziales Belastungsphänomen und keine eigenständige Mikronährstoffmangelerkrankung. Akuter Stress aktiviert sympathisches Nervensystem und HPA-Achse; chronische Belastung kann über neuroendokrine Regulation, Schlaf und Gesundheitsverhalten zur allostatischen Belastung beitragen [1].
Ernährungsmedizinisch relevant ist vor allem, dass Stress Mahlzeitenstruktur, Lebensmittelauswahl und Ernährungsqualität beeinträchtigen kann [2, 3]. Eine pflanzenbetonte, nährstoffdichte Ernährung, planbare Mahlzeiten, eine bedarfsgerechte Flüssigkeitszufuhr und ein kontrollierter Umgang mit Koffein bilden die Grundlage.
Gezielte Supplementierungen sind bei nachgewiesenem Mangel, unzureichender Zufuhr oder klarer Risikokonstellation sinnvoll. Für B-Vitamin-Kombinationen besteht begrenzte Evidenz für eine kleine Verminderung subjektiver Stresssymptome. Für Magnesium zeigen sich mögliche Vorteile bei leichter Angst- oder Schlafsymptomatik, insbesondere bei niedriger Versorgung; die Evidenz ist jedoch noch begrenzt [6, 8, 9]. Dosierung, Sicherheit, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Interaktionen sind individuell zu berücksichtigen.
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- S3-Leitlinie Müdigkeit. (AWMF-Registernummer 053-002) Version 5.0, Dezember 2022 Langfassung