ORGON-Therapie
Bei der ORGON-Therapie handelt es sich um ein Verfahren der Komplementärmedizin (ergänzende Medizin), das auf der von Wilhelm Reich postulierten Beeinflussung einer sogenannten Lebensenergie („Orgon“) beruht. Aus schulmedizinischer Sicht ist die Existenz einer spezifischen Orgonenergie bislang nicht durch reproduzierbare naturwissenschaftliche Nachweise belegt. Klinisch belastbare Wirksamkeitsnachweise aus methodisch hochwertigen kontrollierten Studien liegen für die ORGON-Therapie beziehungsweise den ORGON-Akkumulator nicht vor [1, 2]. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) führt ORGON-Akkumulatoren historisch als Beispiel früher regulatorischer Maßnahmen gegen nicht belegte Medizinprodukte beziehungsweise „quack products“ auf [5]. Das Verfahren kann daher nicht als evidenzbasierte medizinische Therapie (Behandlung) empfohlen werden und darf eine leitliniengerechte Diagnostik (Untersuchung zur Feststellung einer Erkrankung) oder Therapie nicht ersetzen. Für die Durchführung wird ein sogenannter ORGON-Akkumulator beschrieben, meist eine abgeschirmte Kabine oder Box mit metallischen und isolierenden Schichten.
Zielsetzung und Wirkungsweise der ORGON-Therapie
Zielsetzung
Die ORGON-Therapie wird in der Komplementärmedizin mit dem Ziel eingesetzt, das subjektive Wohlbefinden zu beeinflussen. Die postulierten Wirkungen sind jedoch nicht schulmedizinisch gesichert. Die Hauptziele der Anwender umfassen:
- Subjektive Unterstützung des Wohlbefindens: Eine Verbesserung des allgemeinen Befindens wird von Anwendern beschrieben, ist jedoch nicht durch belastbare klinische Studien belegt [1, 2].
- Begleitende Anwendung bei psychosomatischen Beschwerden: Die ORGON-Therapie steht historisch in Zusammenhang mit den Arbeiten Wilhelm Reichs und psychoanalytischen Konzepten. Ein spezifischer therapeutischer Nutzen gegenüber etablierten psychotherapeutischen Verfahren ist nicht gesichert [1, 2].
- Steigerung der Vitalität: Eine Steigerung der Vitalität wird komplementärmedizinisch postuliert, ist aber nicht evidenzbasiert nachgewiesen [1, 2, 5].
- Keine gesicherte komplementäre Tumortherapie: Für eine unterstützende Wirkung bei Tumorerkrankungen liegen keine ausreichenden klinischen Nachweise vor. Bei malignen Erkrankungen (bösartigen Erkrankungen) darf die ORGON-Therapie keinesfalls anstelle oder verzögernd gegenüber einer leitliniengerechten onkologischen Diagnostik und Therapie eingesetzt werden [3, 5].
Wirkungsweise
Die ORGON-Therapie basiert auf der Anwendung des ORGON-Akkumulators, der von Wilhelm Reich entwickelt wurde. Die zugrunde liegenden Konzepte wie „Orgon“, „Bione“ oder spezifische „Energiefelder“ sind aus schulmedizinischer Sicht nicht als physiologische oder physikalisch reproduzierbar nachweisbare Wirkmechanismen anerkannt [1, 2, 5]. Die beschriebene Wirkungsweise umfasst nach orgonomischer Vorstellung:
- Postulierte Beladung mit Orgon: Durch den Aufenthalt im ORGON-Akkumulator soll sich der Organismus (Körper) nach Reichs Theorie mit atmosphärischer Orgonenergie aufladen. Diese Annahme ist wissenschaftlich nicht gesichert [1, 2, 5].
- Postulierte Überlagerung von Energiefeldern: Die Vorstellung einer Überlagerung von Energiefeldern zwischen Akkumulator und Organismus gehört zum orgonomischen Denkmodell, ist aber kein etablierter medizinischer Wirkmechanismus [1, 2].
- Unspezifische Effekte: Subjektive Effekte können durch Erwartung, Entspannung, Ruhe, Zuwendung, Setting-Effekte oder Placeboeffekte (Scheinwirkungen) mitbedingt sein.
Die ORGON-Therapie wird von Anwendern mit einer Aktivierung von Selbstheilungskräften und einer Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens in Verbindung gebracht. Diese Aussagen sind als komplementärmedizinische Deutung zu verstehen und nicht als belegte medizinische Wirkung [1, 2, 5].
Indikationen
- Keine gesicherten schulmedizinischen Indikationen – Für die ORGON-Therapie liegen keine anerkannten, leitliniengestützten Indikationen (Anwendungsgebiete) vor. Sie ist nicht Bestandteil evidenzbasierter Diagnostik- oder Therapiekonzepte [1, 2, 5].
- Immundefizienz beziehungsweise Stärkung der Immunabwehr – Eine immunstärkende Wirkung der ORGON-Therapie ist nicht hinreichend belegt. Aussagen zu einer klinisch relevanten Beeinflussung des Immunsystems (Abwehrsystems), der Körperkerntemperatur oder der Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) sollten nicht als gesicherte Wirkung dargestellt werden [1, 2, 5].
- Psychosomatische Krankheitsbilder – Historisch wurde die ORGON-Therapie aus psychoanalytischen und körperpsychotherapeutischen Konzepten entwickelt. Bei psychosomatischen Beschwerden (körperlichen Beschwerden mit seelischer Mitbeteiligung) stehen jedoch leitliniengerechte Diagnostik, Psychoedukation (Aufklärung über seelisch-körperliche Zusammenhänge), Psychotherapie (seelische Behandlung), körperliche Aktivierung und gegebenenfalls eine fachärztliche Mitbehandlung im Vordergrund [1, 2].
- Vitalitätsstörungen beziehungsweise subjektive Befindlichkeitsstörungen – Eine Anwendung kann von Patienten als entspannend oder subjektiv wohltuend erlebt werden. Ein spezifischer medizinischer Nutzen ist nicht gesichert [1, 2, 5].
- Tumorerkrankungen – Für eine onkologische Wirksamkeit oder eine belastbar nachgewiesene unterstützende Wirkung gibt es keine ausreichende Evidenz. Bei Tumorerkrankungen darf die ORGON-Therapie nicht als Alternative zur leitliniengerechten Tumortherapie verstanden werden [3, 5].
Kontraindikationen
Da Wirksamkeit und Sicherheit der ORGON-Therapie nicht ausreichend durch kontrollierte klinische Studien untersucht sind, sollte die Anwendung insbesondere bei relevanten Vorerkrankungen nur nach ärztlicher Einschätzung erfolgen. Besondere Vorsicht ist geboten bei:
- Hypertonie (Bluthochdruck)
- Herzerkrankungen
- Tumoren des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark)
- Atherosklerose (Arteriosklerose)
- Zustand nach Apoplex (Schlaganfall)
- Akute Hautentzündungen
- Konjunktivitis (Bindehautentzündung)
- Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen)
- Schwere Angststörungen oder psychotische Erkrankungen
- Akute, ungeklärte oder progrediente Beschwerden
Vor der Therapie
- Individuelle Beratung und Aufklärung: Jeder Patient sollte darüber aufgeklärt werden, dass es sich nicht um ein schulmedizinisch anerkanntes oder evidenzbasiertes Therapieverfahren handelt [1, 2, 5].
- Gesundheitliche Einschätzung: Eine ärztliche Abklärung ist erforderlich, wenn Beschwerden neu auftreten, zunehmen, unklar sind oder auf eine behandlungsbedürftige Erkrankung hinweisen.
- Erwartungsmanagement: Es sollte ausdrücklich geklärt werden, dass keine gesicherte Heilwirkung nachgewiesen ist und die Methode keine leitliniengerechte Therapie ersetzt [5].
- Vorbereitung auf die Sitzung: Der Ablauf, die Dauer, mögliche raumbezogene Beschwerden und der Umgang mit Klaustrophobie sollten vorab besprochen werden.
Das Verfahren
Die ORGON-Therapie basiert auf der Anwendung des ORGON-Akkumulators, der von Wilhelm Reich entwickelt wurde. Innerhalb dieses Akkumulators sollen nach orgonomischer Theorie sogenannte Bione und Orgonenergie besonders wirksam sein. Diese Konzepte sind jedoch nicht Bestandteil der etablierten Biologie (Lehre vom Leben), Physiologie (Lehre von den Körperfunktionen) oder Medizin [1, 2, 5].
Bei dieser Therapie begibt sich der Patient in einen abgeschirmten Raum beziehungsweise eine Kabine. Nach Reichs Vorstellung sollen sich dort Orgone akkumulieren. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Annahme nicht ausreichend belegt. Beschriebene Empfindungen wie Wärme, Ruhe, Entspannung oder Kribbeln können unspezifisch sein und lassen keinen Nachweis einer spezifischen Orgonwirkung zu [1, 2, 4, 5].
Von Anwendern wird als Wirkprinzip eine Überlagerung von Energiefeldern zwischen Akkumulator und Organismus angenommen. Dieser Mechanismus ist schulmedizinisch nicht anerkannt. Die Anwendung sollte daher ausschließlich als komplementärmedizinische Maßnahme mit ungesicherter spezifischer Wirksamkeit verstanden werden [1, 2, 5].
Nach der Therapie
- Bewertung und Feedback: Nach der Sitzung kann das subjektive Wohlbefinden erfasst werden. Daraus lässt sich jedoch kein Nachweis einer spezifischen medizinischen Wirkung ableiten.
- Anpassung des Vorgehens: Bei Unwohlsein, Angst, Kreislaufbeschwerden oder Beschwerdezunahme sollte die Anwendung beendet und gegebenenfalls ärztlich abgeklärt werden.
- Nachsorgehinweise: Bei persistierenden, zunehmenden oder neu auftretenden Symptomen ist eine leitliniengerechte medizinische Diagnostik erforderlich.
Mögliche Komplikationen
- Psychologische Reaktionen: Emotionale oder psychische Reaktionen können auftreten, insbesondere bei belastender Vorgeschichte, Angststörungen oder klaustrophobischer Reaktion.
- Unzufriedenheit bei unrealistischen Erwartungen: Enttäuschung ist möglich, wenn eine nicht belegte Heilwirkung erwartet wird.
- Physiologische Reaktionen: Kreislaufbeschwerden, Wärmegefühl, Unruhe, Schwindel oder Unwohlsein können auftreten; eine spezifische Ursache durch Orgonenergie ist nicht belegt.
- Raumbezogene Beschwerden: Unwohlsein oder Klaustrophobie innerhalb des ORGON-Akkumulators.
- Risiko durch Therapieverzögerung: Das wichtigste medizinische Risiko besteht darin, dass wirksame diagnostische oder therapeutische Maßnahmen verzögert, reduziert oder ersetzt werden [5].
Literatur
- Foglia A. Introduction to medical orgone therapy. Swiss Arch Neurol Psychiatry Psychother. 2019;170:w03016. https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03016
- Foglia A. Medical Orgone Therapy, a relic of the past or a technique for the future? European Psychiatry. 2023;66(S1):S1023-S1024. https://doi.org/10.1192/j.eurpsy.2023.2172
- Carafa M. Orgone accumulators and energy for prevention and therapy of cancer? Interview granted to “Minerva Medica” by Walter Hoppe M.D. Minerva Med. 1972;63(43):2450-2452. PMID: 5034447. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/5034447/
- Mazzocchi A, Maglione R. A preliminary study of the Reich Orgone Accumulator effects on human physiology. Subtle Energies & Energy Medicine. https://journals.holosuniversity.org/index.php/seemj/article/view/452/413
- U.S. Food and Drug Administration. Part IV: Regulating Cosmetics, Devices, and Veterinary Medicine After 1938. Historische Einordnung von Orgone Accumulators als Beispiel früher regulatorischer Maßnahmen gegen nicht belegte Medizinprodukte. https://www.fda.gov/about-fda/changes-science-law-and-regulatory-authorities/part-iv-regulating-cosmetics-devices-and-veterinary-medicine-after-1938