Gleichgewichtstraining

Das Gleichgewichtstraining zählt zu den physiotherapeutischen Verfahren und ist ein wichtiger Bestandteil der Sturzprophylaxe insbesondere bei älteren Patienten. Neben der altersbedingten Gebrechlichkeit und einem mangelhaften Trainingszustand, bedingt durch zu vieles Sitzen und Liegen, können eine Reihe von Krankheitsbildern Gleichgewichtsstörungen verursachen. Hierzu zählen vor allem neurologische Erkrankungen sowie Erkrankungen des HNO-Bereiches (Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde). Auch nach Operationen an den Extremitäten, z. B. nach Implantation einer Hüft- oder Knieprothese, kann ein Gleichgewichtstraining im Rahmen der Rehabilitation den Heilungsprozess unterstützen.

Das Gleichgewicht wird über das zentrale Nervensystem (ZNS) gesteuert. Dabei erhält das ZNS Informationen aus dem Vestibularorgan (Gleichgewichtsorgan), dem visuellen System (Augen) sowie aus der Propriozeption (Tastsinn bzw. Tiefensensibilität). Ist einer dieser Sinne gestört bzw. liegt eine Schädigung des ZNS vor, kann dies zu Gleichgewichtsstörungen führen.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Ein Gleichgewichtstraining wird unter anderem eingesetzt als bzw. bei:

  • Erkrankungen bzw. Schädigung des Vestibularorgans – Z. B. nach SHT (Schädelhirntrauma)
  • Gangunsicherheit
  • Infantiler Zerebralparese – Zerebrale Bewegungsstörung, deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung liegt.
  • Multipler Sklerose (MS) – Chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems
  • Peripherer Neuropathie – Schädigung der peripheren Nerven insbesondere an den Beinen, die unter anderem für die Tiefensensibilität zuständig sind und die Stellung des Körpers im Raum registrieren.
  • Rehabilitation – z. B. nach Operationen im Bereich der Extremitäten
  • Sturzprophylaxe – Insbesondere bei älteren Patienten oder bei Osteoporose (Knochenschwund) ist eine Frakturprophylaxe (Vorbeugung von Knochenbrüchen) angezeigt.
  • Trainingstherapie zur körperlichen Fitness im Alter
  • Vertigo (Schwindel)
  • Zustand n. Apoplex (Schlaganfall)

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Grundsätzlich bestehen für das Gleichgewichtstraining keine spezifischen Kontraindikationen. Jedoch sollten Kontraindikationen hinsichtlich der Fähigkeit zum körperlichen Training beachtet werden. Hierzu zählt unter anderem eine erhöhte Blutungsgefahr, akute Infektionen mit Fieber, Kreislaufinsuffizienz sowie eine körperliche Behinderung, die physische Anstrengungen verbieten.

Vor dem Training

Vor dem Training sollten eine körperliche Untersuchung sowie eine Einschätzung des Trainingszustandes des Patienten erfolgen, um eine optimale Therapieplanung zu gestalten.

Das Verfahren

Das Gleichgewichtstraining sollte sowohl das statische als auch das dynamische Gleichgewicht trainieren. Zudem sind im Rahmen der Sturzprophylaxe Kombinationen mit Kraft- und Gangtraining sinnvoll. Begonnen wird mit einfachen Übungen, die im Verlauf gesteigert werden und durch motorische und kognitive Erweiterungen ergänzt werden können (Multitasking). Da ein Gleichgewichtstraining im Sitzen und Liegen ineffektiv ist, werden Übungen im Stehen oder Gehen bevorzugt. Des Weiteren muss das Training vom Patient als schwierig empfunden werden, da nur so ein adäquates Training des Gleichgewichts bzw. eine Steigerung möglich ist. Eine Trainingseinheit sollte etwa 25 Minuten andauern, einzelne Übungen sollten für 10-30 Sekunden durchgeführt werden. Nach jeder Übung sollten die Beine ausgeschüttelt werden und der Körper gelockert werden. Empfohlen wird eine stufenweise Steigerung des Schwierigkeitsgrades:

  • Reduktion der Standfläche – z. B. mithilfe des Einbeinstandes
  • Einschränkung der sensorischen Informationen – Z. B. durch Augen schließen, wackelige oder weiche Unterlage oder Kopfdrehung
  • Zusatzaufgaben – z. B. Ball werfen im Einbeinstand
  • Störung des Gleichgewichts – z. B. leichtes Stoßen durch den Therapeuten

Wichtig sind die Möglichkeit des Einschreitens durch den Therapeuten, sowie das Unterbrechen einer Übung sobald der Patient den Halt verliert. Wird eine Übungsstufe durch den Patienten als leicht empfunden, kann zur nächsten übergegangen werden. Für das Gleichgewichtstraining bei Erkrankungen des Vestibularorgans gibt es Trainingsprogramme, die auf Balance-Übungen nach Cowthorne und Cooksey basieren. Ziel ist die zentrale Kompensation des vestibulären Funktionsverlustes durch Übungen, die aufsteigend im Liegen, Sitzen und Stehen durchgeführt werden.

Nach dem Training

Nach dem Training sind keine besonderen Maßnahmen nötig.

Mögliche Komplikationen

Bei korrekter Indikationsstellung sowie adäquater Durchführung des Gleichgewichtstrainings sind keine Komplikationen zu erwarten.

Literatur

  1. Jansenberger H: Sturzprävention in Therapie und Training. Georg Thieme Verlag 2011
  2. Ernst A, Basta D: Gleichgewichtsstörungen: Diagnostik und Therapie beim Leitsymptom Schwindel. Georg Thieme Verlag 2011
  3. Mutschler WE, Kohn D, Pohlemann T: Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie. Georg Thieme Verlag 2013
  4. Deutscher Turner Bund: Sturzprophylaxe, Gleichgewichtstraining. DTB
  5. Shaughnessy M: The effects of exercise-based rehabilitation on balance and gait for stroke patients: a systematic review. Journal of Neuroscience Nursing 2011
  6. Tofthagen C, Visovsky C, Berry DL: Strength and balance training for adults with peripheral neuropathy and high risk of fall: current evidence and implications for future research. Oncology Nursing Forum 2012
  7. Paltamaa J, Sjögren T, Peurala SH, Heinonen A: Effects of physiotherapy interventions on balance in multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Rehabilitation Medicine 2012  
  8. Lubetzky-Vilnai A, Kartin D: The effect of balance training on balance performance in individuals poststroke: a systematic review; Journal of Neurologic Physical Therapy 2010

     
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