Blutegeltherapie

Die Blutegeltherapie ist ein Naturheilverfahren und gehört zu den sogenannten ausleitenden Verfahren. Der Blutegel (Hirudo medicinalis) ist mit dem Regenwurm verwandt, der zur Familie der Ringelwürmer zählt. Blutegel werden speziell für medizinische Zwecke steril gezüchtet und können über die Apotheke geliefert werden.
Das Prinzip der Blutegeltherapie beruht auf dem lokalen Aderlass (ein seit der Antike bekanntes Verfahren)
und auf der Wirkung spezifischer Blutegelwirkstoffe. Dem Patienten wurde eine bestimmte Menge Blut entnommen, da man glaubte, schlechtes Blut müsse entfernt werden.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Erkrankungen des Bewegungsapparats:
    • Arthrose (Gelenkverschleiß) – z. B. Coxarthrose (Hüftgelenksverschleiß), Gonarthrose (Kniegelenksarthrose) [6], Rhizarthrose (degenerative Erkrankung des Daumensattelgelenkes (Karpometakarpalgelenk I)) [5], Sprunggelenksarthrose 
    • Arthritis (entzündliche Gelenkerkrankung)
    • Chronisch muskuloskelettale Schmerzsyndrome
    • Chronische untere Rückenschmerzen (chronisches unspezifisches Lendenwirbelsäulensyndrom, LWS-Syndrom) [9]
    • Epikondylitis humeri radialis (Tennisellenbogen) [4]
    • Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises
  • Venöse Erkrankungen
    • Akute und chronische Thrombophlebitiden (oberflächliche Venenentzündung)
    • Posthrombotisches Syndrom (PTS) mit begleitenden Stauungsbeschwerden – bezeichnet die Auswirkungen des dauerhaften Schadens am tiefen Venensystem des Armes oder des Beines nach einer abgelaufenen Phlebothrombose (kompletten oder teilweisen Verschluss einer Vene durch ein Blutgerinnsel/Thrombus).
    • Stauungszustände von Lymphgefäßen und Venen 
    • Hämorrhoidalleiden – knotenförmige, arterielle Gefäßerweiterungen im Bereich des Anus (Mündung bzw. Ausscheidungsöffnung des Darms)
  • Sonstige Indikationen
    • Akute und chronische Otitis media (Mittelohrentzündung)
    • Cephalgie (Kopfschmerzen) infolge einer Hypertonie (Bluthochdruck)
    • Furunkel – eitrige Entzündung von Haarfollikeln oder Talgdrüsen
    • Herpes zoster (Gürtelrose)
    • Infizierte Insektenstiche
    • Panaritium – eitrige Entzündung eines Fingers
    • Tinnitus (Ohrgeräusche)
    • Wundheilungsstörungen durch postoperativen (nach der Operation) Lymph- und venösen Rückstau

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

  • Hauterkrankungen an der Applikationsstelle
  • Hämorrhagische Diathesen (krankhaft gesteigerte Blutungsneigung) bzw. Hämophilie ("Bluterkrankheit")
  • Blutgerinnungsstörungen durch Medikamente (z. B. Marcumar®)
  • Anämie (Hb < 10 g/dl), d. h. deutliche Blutarmut
  • Allergien gegen Blutegel-Inhaltsstoffe (Hirudin, Histamin, etc.)
  • Akute Magen- oder Darmgeschwüre
  • Ausgeprägten Wundheilungsstörungen (z. B. bei schlecht eingestelltem Diabetes mellitus)
  • Fortgeschrittene periphere Gefäßerkrankungen (pAVK ab Stadium III)
  • Gangrän – ischämische Nekrose (Gewebsuntergang) durch fehlende Durchblutung
  • Schwere Immundefizienz/Immunschwäche (AIDS, Chemotherapie)
  • Schwere chronische Erkrankungen (z. B. Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium)

Vor der Therapie

  • Acetylsalicylsäure (ASS) sollte sieben bis zehn Tage vor einer Behandlung nach Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt werden.

Das Verfahren

Vor der Behandlung sollte der Patient über Nebenwirkungen wie z. B. Wundheilungsstörungen, Narbenbildung oder Hyperpigmentierungen (mögliche, verstärkte bräunliche Färbung der Haut) aufgeklärt werden.
Da Blutegel besonders empfindlich auf Gerüche und Ausdünstungen durch die Haut des Patienten reagieren, sollte der Patient vor der Behandlung auf Alkohol, Nikotin, Medikamente und Duftstoffe (z. B. Parfüm) verzichten. Zur Anregung der Durchblutung wird das zu behandelnde Areal (Gebiet) mit warmen Tüchern abgerieben. Die Behandlung sollte in einer entspannten Umgebung stattfinden.

Die Blutegel werden mithilfe einer Plastikpinzette direkt auf die gewünschte Stelle aufgesetzt. Der Biss ist vom Patienten meist nicht zu spüren. Haben die Blutegel eine gewisse Sättigung erreicht, lösen sie den Sog von selbst und sollten direkt von dem Therapeuten aufgefangen werden. Sie dürfen nicht gewaltsam abgelöst werden, da ein Zurückbleiben des knorpeligen Saugapparates in der Wunde vermieden werden muss. Außerdem ist die Verwendung von Salzlösungen zur Entfernung der Blutegel ungeeignet (kontraindiziert), da diese auf den Stimulus (Reiz) hin ihren Darminhalt erbrechen, der eine Infektion auslösen kann.

Circa. 20-30 Minuten nach der Behandlung werden die Wunden mit Watte und Zellstoff verbunden. Sollten die Wunden stark bluten, wird der Verband zunächst stündlich gewechselt, später alle 12 Stunden. Die Behandlung erfolgt meist über einen Zeitraum von einer halben bis zwei Stunden. Je nach Indikation und Lokalisation erfolgt die Therapie mit ca. 6-12 Blutegeln. Zur Optimierung des Erfolges kann die Therapie wiederholt werden. Ein Blutegel wird nur einmal verwendet, da sonst eine mögliche Infektionsgefahr (z. B. von Hepatitis oder HIV) für andere Patienten bestehen würde.
Blutegel gehören zu den Arzneimitteln, weshalb der Umgang mit ihnen streng geregelt ist.

Der Speichel der Blutegel enthält mehr als 100 biologisch aktive Substanzen [7].

Folgende spezielle Blutegelwirkstoffe sind wertvoller Bestandteil der Therapie:

  • Hirudin (Thrombininhibitor) – wirkt antithrombotisch ("gegen eine Thrombose gerichtet"; gegen Bildung von Thrombosen), fibrinolytisch (gerinnungshemmend), immunisierend, lymphstromfördernd, antibiotisch und diuretisch (fördert die Harnausscheidung); die lokale Vasodilatation (Gefäßerweiterung) wirkt spasmolytisch (krampflösend).
  • Eglin – wirkt hemmend auf Proteasen (Enzyme die Proteine (Eiweiß) spalten).
  • Bdellin – ein Plasminhemmer (Plasmin ist ein Enzym, das Bestandteile von Blutgerinnseln abbauen kann)
  • Hementin – wirkt hyperämisierend (durchblutungsfördernd).

Biochemische Untersuchungen haben neben den bekannten gerinnungshemmenden Eigenschaften inzwischen auch analgetische (schmerzstillende) und antiinflammatorische (antientzündliche) Eigenschaften nachweisen können [8].

Mögliche Komplikationen

  • Verlängerte und starke Nachblutung (Blutung bis zu 24 Stunden)  
  • Juckendes Erythem (flächenhafte Hautrötung) um die Bissstellen
  • Wundinfektion (z. B. Erysipel/Wundrose)
  • Vorübergehender Gelenkerguss
  • Lokale Schwellung
  • Regionale Lymphadenopathie (Lymphknotengrößerung)
  • Pigmentstörungen
  • Kleine Papel (Knötchen) oder/und Vernarbungen an der Bisstelle

Ihr Nutzen

Die Blutegeltherapie ist ein bewährtes Naturheilverfahren, das eine sinnvolle Ergänzung zur schulmedizinischen Behandlung und Therapie darstellt.

Literatur

  1. Michalsen A, Aurich M: Blutegeltherapie, Georg Thieme Verlag 2006
  2. Beer AM, Hajeck-Lang B: Stationäre Naturheilkunde. Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2005
  3. Bierbach E: Handbuch Naturheilpraxis. Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2005
  4. Bäcker M, Lüdtke R, Afra D, et al.: Effectiveness of leech therapy in chronic lateral epicondylitis: a randomized controlled trial. Clin J Pain 2011 Jun;27(5):442-7. doi: 10.1097/AJP.0b013e318208c95b.
  5. Michalsen A, Lüdtke R, Cesur O, et al.: Effectiveness of leech therapy in women with symptomatic arthrosis of the first carpometacarpal joint: a randomized controlled trial. Pain 2008 Jul 15;137(2):452-9. doi: 10.1016/j.pain.2008.03.012. Epub 2008 Apr 14.
  6. Lauche R, Cramer H, Langhorst J, Dobos G: A systematic review and meta-analysis of medical leech therapy for osteoarthritis of the knee. Clin J Pain 2014 Jan;30(1):63-72. doi: 10.1097/AJP.0b013e31828440ce.
  7. Baskova IP, Zavalova LL, Basanova AV, Moshkovskii SA, Zgoda VG: Protein profiling of the medicinal leech salivary gland secretion by proteomic analytical methods. Biochemistry (Mosc) 2004; 69: 770-5
  8. Hildebrandt JP, Lemke S: Small bite, large impact-saliva and salivary molecules in the medicinal leech, Hirudo medicinalis. Naturwissenschaften 2011 Dec;98(12):995-1008. doi: 10.1007/s00114-011-0859-z. Epub 2011 Nov 9.
  9. Hohmann CD, Stange R, Steckhan N, Robens S, Ostermann T, Paetow A, Michalsen A: The effectiveness of leech therapy in chronic low back pain – a randomized controlled trial. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 785–92. doi: 10.3238/arztebl.2018.0785

     
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