Elektrokrampftherapie

Die Elektrokrampftherapie (EKT), auch Elektrokonvulsionstherapie, ist ein somatisches neurobiologisches Behandlungsverfahren der Psychiatrie, bei dem unter kontrollierten medizinischen Bedingungen durch einen kurzen elektrischen Stimulus ein generalisierter epileptischer Anfall (Krampfanfall) ausgelöst wird. Die Behandlung erfolgt standardisiert unter Vollnarkose und medikamentöser Muskelrelaxation (Muskelentspannung) und stellt heute ein hochwirksames und sicheres Therapieverfahren bei schweren affektiven (Stimmungs-) und psychotischen (wahnhaften) Erkrankungen dar.

Historisch wurde die EKT 1938 von Cerletti und Bini eingeführt. Frühere unmodifizierte Anwendungen ohne Narkose führten zu einer erheblichen gesellschaftlichen Stigmatisierung (Stempel/Schädigung des Ansehens). Die moderne, modifizierte EKT ist hiervon klar abzugrenzen und gilt heute als evidenzbasiertes, leitliniengestütztes Verfahren.

Zielsetzung und Wirkweise

Zielsetzung

  • Rasche Remission (Beschwerdefreiheit) schwerer depressiver (niedergeschlagener), psychotischer (wahnhaften) oder katatoner (mit Bewegungsstarre einhergehender) Zustandsbilder
  • Reduktion akuter Lebensgefahr, insbesondere bei ausgeprägter Suizidalität (Selbstmordgefährdung) oder Nahrungsverweigerung
  • Behandlung therapieresistenter (schwer behandelbarer) Verläufe nach unzureichendem Ansprechen auf Pharmakotherapie (Behandlung mit Medikamenten)
  • Verkürzung der Krankheitsdauer und der stationären Behandlungszeit

Insbesondere bei vitaler Gefährdung (Lebensgefahr) stellt die EKT ein Verfahren mit raschem Wirkungseintritt dar.

Wirkweise

  • Modulation monoaminerger Neurotransmittersysteme (Botenstoffe im Gehirn)
  • Erhöhung neurotropher Faktoren (Wachstumsfaktoren für Nervenzellen), insbesondere des Brain-Derived Neurotrophic Factor
  • Funktionelle und strukturelle Veränderungen limbischer (Gefühls-) und präfrontaler (Stirnhirn-) neuronaler Netzwerke (Nervennetzwerke)
  • Langfristige Erhöhung der Krampfschwelle (Anfallsschwelle) mit antikonvulsivem Effekt (krampflösendem Effekt)
  • Normalisierung dysregulierter Stressachsen (Stress-Regelsysteme)

Indikationen

Therapie der ersten Wahl

  • Wahnhafte Depression (Depression mit Wahn)
  • Depressiver Stupor (depressive Starre)
  • Schizoaffektive Psychose (schizophrenieähnliche Erkrankung mit Stimmungssymptomen) mit schwerer depressiver Verstimmung
  • Depression mit ausgeprägter Suizidalität (Selbstmordgefährdung) oder Nahrungsverweigerung
  • Akute, lebensbedrohliche (perniziöse) Katatonie (lebensgefährliche Bewegungsstarre)

Therapie der zweiten Wahl

  • Fehlendes Ansprechen auf leitliniengerechte antidepressive Pharmakotherapie (Behandlung mit antidepressiven Medikamenten nach Leitlinien)
  • Ältere Patienten mit schwerer Depression aufgrund der signifikant schnelleren Remission (Beschwerdefreiheit) im Vergleich zur medikamentösen Behandlung [1]

Ansprechrate: 50-75 %.

Damit stellt die Elektrokrampftherapie das wirksamste antidepressive Behandlungsverfahren dar.

Kontraindikationen

Absolute Kontraindikationen (Gegenanzeigen) bestehen nicht. Relative Kontraindikationen erfordern eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung:

  • Frischer Myokardinfarkt (frischer Herzinfarkt)
  • Instabile koronare Herzkrankheit (instabile Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße)
  • Dekompensierte Herzinsuffizienz (akute Herzschwäche)
  • Frischer Schlaganfall (Hirninfarkt) oder intrakranielle Raumforderungen (Raumforderung im Schädel)
  • Schwerwiegende pulmonale Erkrankungen (schwere Lungenerkrankungen)
  • Erhöhter intrakranieller Druck (erhöhter Hirndruck)

Vor der Therapie

Vor Durchführung einer Elektrokrampftherapie sind obligat (zwingend erforderlich):

  • Umfassende psychiatrische (seelische) und internistische (körperliche) Anamnese (Krankengeschichte)
  • Körperliche Untersuchung
  • Aufklärung und schriftliche Einwilligung
  • Anästhesiologische Prämedikation (Vorbereitung durch den Narkosearzt)
  • Ruhe-Elektrokardiogramm (EKG in Ruhe)
  • Basis-Labordiagnostik (Blutuntersuchungen) inklusive Elektrolyte und herzspezifische Parameter

Aufgrund der beschriebenen Assoziation zwischen EKT und Takotsubo-Kardiomyopathie (Stress-Herzmuskelkrankheit), insbesondere bei weiblichen Patienten mit einem mittleren Alter um 65 Jahre, ist eine sorgfältige kardiovaskuläre Risikoabschätzung (Beurteilung des Herz-Kreislauf-Risikos) erforderlich [2].

Das Verfahren

Die Elektrokrampftherapie erfolgt:

  • Unter Vollnarkose
  • Mit medikamentöser Muskelrelaxation (Muskelentspannung)
  • Unter kontinuierlicher Überwachung von Elektrokardiogramm (EKG), Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Elektroenzephalogramm (EEG)

Ablauf:

  1. Narkoseeinleitung
  2. Applikation des elektrischen Stimulus (elektrischer Reiz)
  3. Auslösung eines generalisierten epileptischen Anfalls (Krampfanfall)
  4. kontrollierte postiktale Überwachungsphase (Kontrolle nach dem Anfall)

Die Behandlungsserie umfasst in der Regel 6-12 Sitzungen, durchgeführt 2-3-mal pro Woche.

Nach der Therapie

Nach erfolgreicher Elektrokrampftherapie ist eine Rezidivprophylaxe (Vorbeugung eines Rückfalls) obligat:

  • Leitliniengerechte antidepressive Pharmakotherapie (Behandlung mit antidepressiven Medikamenten nach Leitlinien)
  • In ausgewählten Fällen Erhaltungs-EKT (Erhaltungsbehandlung)

Eine Fortsetzungsbehandlung (Weiterbehandlung) mit Lithium zeigt im Vergleich zu einer Behandlung ohne Lithium eine signifikant überlegene Wirksamkeit hinsichtlich der Rückfallprävention (Vorbeugung eines Rückfalls) nach erfolgreicher EKT bei Major Depression (schwere Depression) [3].

Mögliche Komplikationen

Häufig

  • Kognitive Einschränkungen (Denk- und Gedächtnisprobleme)
  • Störungen des Kurzzeitgedächtnisses (Kurzzeitgedächtnisprobleme)
  • Postiktale Desorientierung (Verwirrtheit nach dem Anfall)

Diese Nebenwirkungen sind überwiegend transient (vorübergehend) und bilden sich in der Regel innerhalb weniger Tage nach Abschluss der Therapie vollständig zurück.

Selten

  • Kardiale Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen)
  • Prolongierte epileptische Anfälle (verlängerte Krampfanfälle)
  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit

Aufgrund der möglichen Assoziation mit Takotsubo-Kardiomyopathie (Stress-Herzmuskelkrankheit) sind serielle Elektrokardiogramm-Kontrollen (wiederholte EKG-Kontrollen) und die Überwachung herzspezifischer Laborparameter im Therapieverlauf empfohlen [2].

Weiteres

Elektrokrampftherapie versus Ketamin:

In einer randomisierten Vergleichsstudie (zufallsbasierten Vergleichsstudie) bei schweren therapieresistenten (schwer behandelbaren) Depressionen zeigte Ketamin eine höhere Ansprechrate als die Elektrokrampftherapie (55 % versus 41 %) bei gleichzeitig geringerer Nebenwirkungsrate [4]. Dennoch bleibt die EKT insbesondere bei psychotischer (wahnhaften) Depression, Katatonie (Bewegungsstarre) und akuter vitaler Gefährdung (Lebensgefahr) das bevorzugte Verfahren.

Literatur

  1. Spaans HP, Sienaert P, Bouckaert F et al.: Speed of remission in elderly patients with depression: electroconvulsive therapy v. medication. Br J Psychiatry. 2015;206(1):67-71. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.114.148213
  2. Sharp RP, Welch EB. Takotsubo cardiomyopathy as a complication of electroconvulsive therapy. Ann Pharmacother. 2011;45(12):1559-1565. https://doi.org/10.1345/aph.1Q393
  3. Lambrichts S, Detraux J, Vansteelandt K et al.: Does lithium prevent relapse following successful electroconvulsive therapy for major depression? Acta Psychiatr Scand. 2021;143(4):294-306. https://doi.org/10.1111/acps.13277
  4. Anand A, Charney DS, Oren DA et al.: Ketamine versus electroconvulsive therapy for nonpsychotic treatment-resistant major depression. N Engl J Med. 2023;388:2315-2325. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2302399