HELLP-Syndrom – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende, auf HELLP-spezifische Befunde und mögliche akute Komplikationen ausgerichtete klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen und therapeutischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, Körpertemperatur, peripherer Sauerstoffsättigung und Bewusstseinslage; des Weiteren:
- Beurteilung des Allgemeinzustands [ausgeprägtes Krankheitsgefühl, Unruhe, Somnolenz (ausgeprägte Schläfrigkeit), Bewusstseinsstörung (Beeinträchtigung des Bewusstseins)] [1]
- Blutdruckmessung
- Messung nach kurzer Ruhephase mit einem für die Schwangerschaft validierten Messgerät und einer an den Armumfang angepassten Manschette
- Bei erstmalig erhöhtem Blutdruck Wiederholungsmessung zur Bestätigung [arterielle Hypertonie (Bluthochdruck); schwere Hypertonie bei systolischem Blutdruck ≥ 160 mmHg und/oder diastolischem Blutdruck ≥ 110 mmHg] [LL1]
- Beachte: Ein normaler oder nur gering erhöhter Blutdruck schließt ein HELLP-Syndrom (schwere Schwangerschaftskomplikation mit Zerfall roter Blutkörperchen, erhöhten Leberenzymen und verminderter Blutplättchenzahl) nicht aus. Die Diagnose beruht auf dem laborchemischen Nachweis von Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), erhöhten Leberenzymen und Thrombozytopenie (Verminderung der Blutplättchenzahl) [1, LL1].
- Inspektion (Betrachtung)
- Haut, Schleimhäute und Punktionsstellen – bei klinischem Verdacht auf eine Blutungsneigung [Petechien (punktförmige Hautblutungen), Ekchymosen (flächenhafte Hautblutungen), Schleimhautblutungen oder anhaltende Blutung aus Punktionsstellen bei schwerer Thrombozytopenie beziehungsweise Gerinnungsstörung (Störung der Blutgerinnung)] [1]
- Beachte: Sichtbare Blutungszeichen gehören nicht zur diagnostischen HELLP-Trias, können jedoch auf eine schwere hämatologische (das Blut betreffende) oder gerinnungsmedizinische Komplikation hinweisen.
- Kreislaufbeurteilung – insbesondere bei starken Oberbauchschmerzen oder Verdacht auf eine intraabdominelle Blutung (Blutung im Bauchraum)
- Beurteilung von Puls und Blutdruck [Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Hypotonie (niedriger Blutdruck) oder Kreislaufinstabilität (instabiler Blutkreislauf) als mögliche Hinweise auf ein rupturiertes Leberhämatom (gerissener Bluterguss der Leber) und eine intraabdominelle Blutung] [2]
- Untersuchung der Lunge – bei Dyspnoe (Atemnot), Tachypnoe (beschleunigte Atmung) oder verminderter Sauerstoffsättigung
- Inspektion von Atemfrequenz und Atemarbeit [Tachypnoe, Dyspnoe, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur (zusätzlicher Atemmuskeln)]
- Auskultation (Abhören) der Lunge [feuchte Rasselgeräusche bei Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge)]
- Beurteilung der peripheren Sauerstoffsättigung [Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) bei Lungenödem oder akuter respiratorischer Beeinträchtigung (akuter Beeinträchtigung der Atmung)] [LL1]
- Beachte: Das Lungenödem gehört nicht zur diagnostischen HELLP-Trias, ist jedoch eine mögliche lebensbedrohliche Komplikation einer begleitenden schweren Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Erkrankung mit Bluthochdruck und möglicher Organbeteiligung) [LL1].
- Untersuchung des Abdomens (Bauch)
- Inspektion [Schonhaltung bei ausgeprägten Oberbauchschmerzen]
- Palpation (Abtasten) des Abdomens [Druckschmerz im Epigastrium (Oberbauch) und/oder rechten Oberbauch als charakteristischer klinischer Warnbefund des HELLP-Syndroms] [1, LL1]
- Beurteilung auf Abwehrspannung (unwillkürliche Anspannung der Bauchmuskulatur) und Zeichen einer peritonealen Reizung (Reizung des Bauchfells) [Verdacht auf subkapsuläres Leberhämatom (Bluterguss unter der Leberkapsel) oder Leberruptur (Leberriss) bei plötzlich einsetzenden starken Oberbauchschmerzen, Abwehrspannung und Kreislaufinstabilität – geburtshilflicher Notfall] [2]
- Fakultative neurologische Untersuchung – bei Kopfschmerzen, Sehstörungen, Bewusstseinsveränderungen, motorischer Unruhe oder Krampfanfall zum Nachweis einer gleichzeitig bestehenden schweren Präeklampsie, Eklampsie (Krampfanfall im Rahmen einer schweren schwangerschaftsbedingten Erkrankung) oder zerebralen Komplikation (Komplikation des Gehirns)
- Beurteilung von Bewusstseinslage und Orientierung [Agitiertheit (ausgeprägte Unruhe), Somnolenz, Bewusstseinsstörung]
- Orientierende Prüfung von Pupillenreaktion, Hirnnerven, Motorik und Sensibilität (Empfindungsvermögen) [Sehstörung, fokal-neurologisches Defizit (umschriebener Ausfall des Nervensystems)]
- Prüfung der Muskeleigenreflexe und auf Klonus (rhythmische Muskelzuckungen) [gesteigerte Muskeleigenreflexe, persistierender Klonus als Hinweis auf eine zentrale neuromuskuläre Übererregbarkeit (gesteigerte Erregbarkeit von Nervensystem und Muskulatur)] [LL1]
- Beachte: Neurologische Befunde sind nicht Bestandteil der diagnostischen HELLP-Trias. Sie dienen der Erkennung einer assoziierten schweren Präeklampsie, Eklampsie oder zerebralen Komplikation [LL1].
- Fakultative geburtshilfliche Untersuchung – bei vaginaler Blutung (Blutung aus der Scheide), uterinen Schmerzen (Schmerzen der Gebärmutter) oder klinischem Verdacht auf eine vorzeitige Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens)
- Inspektion des äußeren Genitales und Palpation (Abtasten) des Abdomens beziehungsweise des Uterus (Gebärmutter) zur klinischen Ersteinschätzung [LL1]
- Beachte: Die Untersuchung dient der Erkennung einer möglichen geburtshilflichen Komplikation und gehört nicht zur diagnostischen HELLP-Trias. Eine weiterführende vaginale Untersuchung erfolgt ausschließlich bei zusätzlicher geburtshilflicher Indikation.
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- Adorno M, Maher-Griffiths C, Grush Abadie HR: HELLP Syndrome. Crit Care Nurs Clin North Am 2022;34(3):277-288. doi: 10.1016/j.cnc.2022.04.009
- Augustin G, Hadzic M, Juras J et al.: Hypertensive disorders in pregnancy complicated by liver rupture or hematoma: a systematic review of 391 reported cases. World J Emerg Surg 2022;17:40. doi: 10.1186/s13017-022-00444-w
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG), Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG): S2k-Leitlinie Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie. AWMF-Registernummer 015-018. Version 7.0, Stand 17.07.2024, gültig bis 16.07.2029. Langfassung. [LL1]