Maritime Tiere (passiver Giftkontakt)

Passiver Giftkontakt entsteht durch den Verzehr kontaminierter Meeresprodukte, meist infolge von Algentoxinen oder bakterieller Histaminbildung. Diese Toxine sind hitzestabil, d. h., Kochen oder Braten macht sie nicht ungiftig.

Reisende in tropischen Regionen sind besonders betroffen. Eine kausale Therapie existiert häufig nicht – Prävention ist daher entscheidend.

Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Maßnahmen bei maritimen Tieren nach passivem Giftkontakt

Tiere/Auslöser Symptome Maßnahmen (Prävention, Therapie)

Ciguatera-Fische (häufigste Fischvergiftung)

Der sonst ungiftige Fisch wird über die Nahrungskette mit Algentoxin (Ciguatoxine, CTX) kontaminiert! Ciguatoxine sind Stoffwechselprodukte eines marinen Dinoflagellaten (Panzergeißler).

Im Laufe der Nahrungskette reichert sich das Gift mehr und mehr an und erreicht in den großen Riffjägern die höchsten Konzentrationen.

Verbreitung: Karibik, Indopazifik

 

 

Akute Symptome:

  • Durchfall, Erbrechen, Bauchkrämpfe
  • Hypotonie (niedriger Blutdruck)
  • Neurologisch: Schwindel, Gangstörungen, Parästhesien (Missempfindungen), Dysästhesien (unangenehme, veränderte Sinnesempfindungen der Haut)
  • Ein besonders charakteristisches Merkmal der Vergiftung besteht darin, dass Kälte schmerzhafte, brennende oder kribbelnde Empfindungen an den Händen und Füßen und im Mundbereich hervorruft (Kälteallodynie). Dies kann z. B. beim Kontakt mit normalerweise angenehm kühler Luft geschehen.

Chronische Symptome:

  • Wochen- bis monatelang anhaltende neurologische Beschwerden
  • Rezidive (Wiederauftreten) nach vorübergehender Besserung sind möglich!
  • Letalität (Sterblichkeit) < 1 %

Prävention:

  • In Endemiegebieten Verzicht auf große Riffjäger
  • Giftige Fische äußerlich nicht erkennbar

Therapie:

  • Flüssigkeits-/Elektrolyt-Substitution
  • Früh: Mannitol i.v. (intravenös/in die Vene gespritzt) möglich
  • Keine spezifische Antitox-Therapie (Gegengift)
  • Vermeiden von Alkohol, Nüssen, Fisch → Rezidive (Wiederauftreten)!

Muscheltoxine

  • PSP = Paralytic Shellfish Poisoning
  • DSP = Diarrhetic SP
  • NSP = Neurotoxic SP

Die Toxine sind hitzestabil und werden durch Braten und Kochen nicht inaktiviert.

Verbreitung: Sie kommen sowohl im Salzwasser, Brackwasser als auch Süßwasser vor, von der Arktis und Antarktis bis in die Tropen. 

  • PSP: Atemlähmung möglich, periorale Parästhesien (ungewöhnliche Missempfindungen rund um den Mund), Schwäche, Ataxie (Gangunsicherheit)
  • DSP: Übelkeit, Diarrhoe (Durchfall) über 1-2 Tage
  • NSP: Parästhesien (Missempfindungen), gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden); Toxine (Gifte) sind hitzestabil

Prävention:

  • Nur geprüfte Muscheln essen
  • Lokale Warnungen beachten (z. B. Red Tide: giftige Algenblüte, die das Meer rot färbt und zu Muschel- oder Fischvergiftungen führen kann)

Therapie:

  • Keine Antidote (Gegengifte)
  • Symptomatische Therapie
  • Magenspülung/aktivierte Kohle (früh)
  • Flüssigkeits-/Elektrolyt-Substitution bei gastroenteraler Form
  • Bei PSP intensivmedizinische Überwachung (Atemunterstützung)
  • Verlauf: nach 2-4 Tagen rückläufig
  • Keine Spätfolgen

Scombrotoxismus (Histaminvergiftung)

  • Thunfisch
  • Makrele
  • Sardinen (falsch gekühlt)

Die genaue chemische Zusammensetzung des Scombrotoxins ist unbekannt. Es wird  angenommen, dass es sich dabei um einen Komplex handelt, der sich aus verschiedenen Substanzen u. a. Histamin, Saurin, zusammensetzt.
Die "Histaminvergiftung" ist eine der häufigsten auftretenden Fischvergiftungen.

  • Nausea (Übelkeit), Emesis (Erbrechen), Diarrhoe (Durchfall) – bereits wenige Minuten, aber auch erst nach einigen Stunden nach Fischgenuss
  • Urtikaria (Nesselsucht), Ödeme, Juckreiz, Rötung
  • Hypotonie (niedriger Blutdruck), Zyanose (Blaufärbung) an Lippen, Gaumen und Zunge
  • Ggf. neurologische Symptome mit Kopfschmerzen, Tremor
  • In seltenen Fällen: Bronchospasmus (krampfartige Verengung der Atemwege), Erstickungsanfälle und Dyspnoe (Atemnot)

Prävention:

  • Kühlkette strikt einhalten
  • Kein Fisch mit Ammoniakgeruch

Therapie:

  • Antihistaminika (H1-/H2-Blocker, z. B. Ranitidin, 50-100 mg)
  • Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution
  • Ggf. Beta-2-Mimetika bei Bronchospasmus (plötzliche, krampfartige Verengung der Atemwege)
  • Symptome verschwinden in der Regel von selbst:
    • ohne Therapie innerhalb von 8-10 h
    • mit Antihistaminika innerhalb von 2-3 h
  • Keine Spätfolgen

Literatur

  1. Friedman MA et al: An Updated Review of Ciguatera Fish Poisoning: Clinical, Epidemiological, Environmental, and Public Health Management. TMar Drugs. 2017 Mar 14;15(3):72. doi: 10.3390/md15030072.
  2. Noguchi T, Arakawa O: Tetrodotoxin – Distribution and Accumulation in Aquatic Organisms, and Cases of Human Intoxication. Marine Drugs. May 20086(2):220-242. doi: 10.3390/md20080011.
  3. Traylor J, Murray BP, Singhal M: Ciguatera Toxicity. StatPearls. March 19, 2024.
  4. European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Factsheet for health professionals on ciguatera fish poisoning.
  5. Eyer-Silva WA, Hoyos VPA, Nascimento L: Scombroid Fish Poisoning. Am J Trop Med Hyg. 2022 Mar 21;106(5):1300. doi: 10.4269/ajtmh.21-1345.