Giftschlangen (terrestrische Gifttiere)

Giftschlangen kommen weltweit vor und stellen insbesondere in tropischen und subtropischen Regionen ein relevantes Gesundheitsrisiko dar – sowohl für die lokale Bevölkerung als auch für Reisende. Schlangenbisse gehören in vielen Ländern zu den häufigsten notfallmedizinischen Problemen der Reise- und Tropenmedizin. Die Vergiftungssymptomatik unterscheidet sich deutlich zwischen den Familien der Giftschlangen, da deren Gifte verschiedene Organsysteme beeinflussen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrachtet Schlangenbisse als vernachlässigte Tropenerkrankung und betont die Bedeutung konsequenter Prävention sowie einer schnellen medizinischen Versorgung. Eine frühzeitige Gabe eines spezifischen Antivenoms (Antigift) verbessert die Prognose deutlich.

Stamm/Familie Verbreitung Typische Symptome Maßnahmen (Prävention, Therapie)
Giftschlangen allgemein
  • Weltweit
  • Höchste Dichte in tropischen und subtropischen Regionen

Unterschiedliche Vergiftungssymptomatik je nach Familie und Gifttyp:

→ neurotoxisch/nervenschädigend
→ hämo-/zytotoxisch/blut- und zellschädigend
→ myotoxisch/muskelschädigend

Prävention

  • Festes Schuhwerk und lange Hosen tragen – bis zu ca. 80 % der Bisse erfolgen an Beinen/Füßen unterhalb des Knies.
  • Nachts immer Taschenlampe benutzen; nicht barfuß gehen.
  • Keine Hände in Löcher, Spalten, hohes Gras stecken; keine Steine oder Holz einfach umdrehen.
  • Gras/Vegetation um Wege, Häuser und Spielflächen kurz halten, Abfall und Nager vermeiden (reduziert Schlangenverstecke).

Erste Hilfe/Therapie:

  • Betroffene Person beruhigen, betroffene Extremität ruhigstellen und möglichst tief lagern.
  • Keine Einschnitte, kein Aussaugen, kein Abbinden (Tourniquet), kein Eis
  • Schnellstmöglicher Transport in medizinische Einrichtung.
  • Antivenom (Gegengift) bei nachweisbarer/systemischer Envenomierung (Giftwirkung nach einem Biss oder Stich eines Gifttieres) so früh wie möglich.
    • Bei Antivenomgabe: Bereitschaft zur Behandlung eines anaphylaktischen Schocks (Adrenalin, Antihistaminika, Kortikosteroide, Sauerstoff, Reanimationsausrüstung).
  • Symptomatische Therapie (Analgesie (Schmerzmittelgabe), Volumen, Atemwegsmanagement, Gerinnung, Nierenfunktion)
  • Sterile Wundversorgung, Tetanusschutz prüfen

Giftnattern (Elapidae)
z. B. Kobras, Mambas, Taipane, Tigerottern, Braunschlangen

→ Hochgiftige Schlangen

  • In tropischen und subtropischen Regionen auf allen Kontinenten, außer Europa und der Antarktis
  • Viele Arten in Afrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika
Überwiegend neurotoxisch:
  • Frühe neurologische Symptome, z. B. Ptosis/herabhängendes Oberlid, Doppelbilder, Dysarthrie/undeutliches oder verwaschenes Sprechen
  • Progrediente Lähmungen, v. a. Atemmuskulatur → Atemstillstand
  • Lokale Symptome oft milder als bei Vipern.

Wie bei "Giftschlangen allgemein"

  • Zusätzlich: sehr frühe Klinikaufnahme wegen rasch progredienter Atemlähmung
  • Antivenom (möglichst spezifisch/regionale Präparate)
  • Frühzeitige Atemwegssicherung, ggf. Intubation/Beatmung
Klapperschlangen (Gattung Crotalus, Sistrurus)
Grubenottern
  • New-World-Vipern (native) in Nord-, Mittel- und Teilen Südamerikas – von südlichem Kanada bis mindestens Zentral-/Nordargentinien
  • Höchste Artenvielfalt in Südwest-USA und Mexiko
  • Viele Arten bevorzugen trockene, halbtrockene Habitate; tropische Arten meiden feuchte Regenwälder und extreme Hochlagen.

Vorwiegend hämo- und myotoxisch:

  • Starke lokale Schmerzen und rasch zunehmende Schwellung
  • Hämorrhagien (Blutungen)/Gerinnungsstörungen (Blutungsneigung)
  • Myolyse (Auflösung bzw. Zerfall von Muskelzellen) mit Myoglobinurie (Ausscheidung von Myoglobin im Urin), Gefahr des akuten Nierenversagens

Wie bei "Giftschlangen allgemein"

  • Antivenom bei moderater/schwerer Envenomierung (Koagulopathie (Gerinnungsstörung), ausgeprägte Schwellung, systemische Symptome)
  • Engmaschige Überwachung von Gerinnung, Hämoglobin (Blutfarbstoff) und Nierenparametern
  • Flüssigkeitstherapie, ggf. Blut- und Gerinnungsfaktoren-Substitution
Vipern/Ottern (Viperidae)
inkl. europäischer Kreuzotter, Halysotter u. a.
  • Amerika, Afrika, Eurasien

Zytotoxisch/hämorrhagisch dominiert:

  • Ausgeprägte lokale Ödeme, Spannungsblasen
  • Nekrosen im Bissbereich, Gefahr von Kompartmentsyndrom und späteren Funktionsverlusten
  • Unterblutungen (Petechien/Hauteinblutungen, Hämatome/Blutergüsse)
  • Koagulopathie bis disseminierte intravasale Gerinnung (DIC/schwere, lebensbedrohliche Form einer Gerinnungsstörung), systemische Blutungen

Wie bei "Giftschlangen allgemein"

  • Frühzeitige Risikostratifizierung (lokale Ausbreitung, Gerinnung, Organbeteiligung)
  • Antivenom (Gegengift) bei Zeichen signifikanter Envenomierung (Giftwirkung nach einem Biss oder Stich eines Gifttieres; systemische Blutungen, ausgeprägtes Ödem, Labor-Koagulopathie)
  • Chirurgische Mitbeurteilung bei drohendem Kompartmentsyndrom oder ausgeprägten Nekrosen

Literatur

  1. Gutiérrez JM, Calvete JJ, Habib AG et al.: Snakebite envenoming. Nat Rev Dis Primers. 2017;3:17079. doi:10.1038/nrdp.2017.79.
  2. Warrell DA: Snake bite. Lancet. 2010;375(9708):77-88. doi:10.1016/S0140-6736(09)61754-2.
  3. World Health Organization (WHO): Snakebite envenoming: A strategy for prevention and control. 2019.
  4. Williams DJ, Faiz MA, Abela-Ridder B et al.: Strategy for a globally coordinated response to a priority neglected tropical disease: snakebite envenoming. PLoS Negl Trop Dis. 2019;13(2):e0007059. doi:10.1371/journal.pntd.0007059.
  5. Alcoba G, Sharma SK, Bolon I et al.: Snakebite epidemiology in humans and domestic animals across the Terai region in Nepal: a multicluster random survey. Lancet Glob Health. 2022;10(3):e409-e419.