Anthropoden (terrestrische Gifttiere)

Anthropoden – Gliederfüßler wie Spinnen, Skorpione und andere Gifttiere – kommen in nahezu allen Regionen der Welt vor und spielen in der Reisemedizin eine wichtige Rolle. Besonders in tropischen und subtropischen Gebieten, aber zunehmend auch in Teilen Europas, können giftige Arten ernsthafte gesundheitliche Probleme verursachen. Während viele Bisse und Stiche nur lokale Beschwerden auslösen, können einige Arten schwere neurotoxische (nervenschädigend), kardiotoxische (herzschädigend) oder systemische (den gesamten Körper betreffende) Reaktionen hervorrufen, die eine rasche medizinische Versorgung erforderlich machen.

Typische Risikosituationen treten beim Zelten, Wandern, Arbeiten im Freien, Reisen durch ländliche Regionen, beim Aufenthalt in einfachen Unterkünften oder beim Umgang mit Obst- und Warenlieferungen auf. Viele gefährliche Anthropoden verstecken sich in Kleidung, Schuhen, Bettzeug, Holzstapeln oder dunklen Ritzen. Andere, wie bestimmte Skorpione oder Latrodectus-Arten, leben in Felsregionen, Geröllfeldern oder in Bodennähe zwischen Steinen und Gestrüpp.

Für Reisende ist es daher wichtig, typische Lebensräume, Verhaltensweisen und Symptome zu kennen, um Risiken frühzeitig zu erkennen. Ebenso entscheidend sind präventive Maßnahmen, die in vielen Fällen einen Biss oder Stich zuverlässig verhindern können. Bei gefährlichen Arten, insbesondere in Süd- und Mittelamerika, Nordafrika, dem Nahen Osten und Teilen Asiens, sollte im Notfall rasch ein medizinisches Zentrum aufgesucht werden, das Antiseren vorrätig hat.

Die folgende Tabelle gibt einen kompakten Überblick über die wichtigsten terrestrischen Gifttiere unter den Anthropoden, ihre geografische Verbreitung, typische Symptome sowie empfohlene Maßnahmen zu Prävention und Therapie.

Gifttier (Verbreitung) Symptome Maßnahmen (Prävention, Therapie)

Bananenspinne (Armadeira, Phoneutria spp.)

Alle Arten gelten als sehr aggressiv und hochgiftig.

  • Verbreitung: tropisches Südamerika von Ecuador bis in den Norden Argentiniens; Hauptverbreitungsgebiet ist Brasilien
  • Achtung: gelegentliche Verschleppung nach Europa über den Bananen- und Obsthandel (z. B. in Kisten, Containern)
  • Sehr starker lokaler Schmerz an der Bissstelle, Schmerzausstrahlung entlang der Extremität.
  • Vegetative Symptome: Schwitzen, Tachykardie (Herzrasen), Unruhe
  • Neuromuskuläre Symptome möglich (Muskelkrämpfe, Hypertonie (Bluthochdruck))
  • In Einzelfällen schwere systemische Verläufe.

Prävention

  • Obstkisten, Bananenstauden, Lagerbereiche visuell kontrollieren.
  • Kleidung, Schuhe, Handtücher vor dem Anziehen ausschütteln.
  • Keine Spalten, Ritzen oder Bananenstauden mit bloßer Hand absuchen.

Therapie

  • Rasche ärztliche Vorstellung.
  • Symptomatische Schmerztherapie (NSAID ("non-steroidal anti-inflammatory drug")/Schmerz- und Entzündungshemmer wie Ibuprofen oder Diclofenac, ggf. Opioide unter Monitoring), Kühlung
  • Bei schweren Symptomen und in Endemiegebieten: spezifisches Antivenom (Gegengift; z. B. Instituto Butantan, Brasilien), intensivmedizinische Überwachung.

Schwarze Witwe (Latrodectus spp.)

Sammelbegriff für mehrere Arten der Gattung: Latrodectus („Echte Witwen“)

  • Europäische Schwarze Witwe (Latrodectus tredecimguttatus): Süd- und Südosteuropa, Naher Osten, Nordafrika; von der südlichen Ukraine und Südrussland bis nach Zentralasien und Westchina
  • Südliche Schwarze Witwe (L. mactans): südöstliche USA, von den südlichen Neuenglandstaaten bis Florida, westlich bis Oklahoma, Texas und Kansas
  • Westliche Schwarze Witwe (L. hesperus): äußerster Südwesten Kanadas, Westküste der USA bis Mexiko, im Osten bis West-Texas
  • Nördliche Schwarze Witwe (L. variolus): Ostküste Nordamerikas, vom nördlichen Florida bis in den Südosten Kanadas

Lebensraum: unter Felsvorsprüngen, Felsen und Geröll, in ungestörten Wäldern, Baumstümpfen, Steinmauern sowie in trockenen, steppenähnlichen Gebieten in Bodennähe zwischen Steinen und Gestrüpp; auch an Gebäuden und landwirtschaftlichen Strukturen

 

  • Biss meist zunächst wenig schmerzhaft.
  • Nach Minuten bis wenigen Stunden: ausgeprägte, generalisierte Muskelschmerzen und Muskelkrämpfe, bauchbrettartige Muskelspannung, Schweißausbruch, Tachykardie (Herzrasen), Unruhe, Angstgefühl.
  • Dauer der Beschwerden typischerweise 12-24 Stunden, gelegentlich länger.
  • Schwere Verläufe vor allem bei Kindern, älteren oder multimorbiden Personen.

Prävention

  • Spinnennetze und dunkle Spalten (unter Steinen, in Holzstapeln, unter Sitzbänken, in Schuppen, Toilettenhäuschen) vermeiden.
  • Kleidung und Schuhe ausschütteln, Campingplätze und Lagerplätze optisch kontrollieren.
  • Handschuhe bei Garten- und Feldarbeit in Endemiegebieten.

Therapie

  • Antivenom (Gegengift) ist in vielen Regionen nur eingeschränkt verfügbar; Einsatz v. a. bei schweren systemischen Verläufen.
  • Schmerztherapie und Muskelrelaxation (z. B. Benzodiazepine) sind oft wirksamer als Analgetika (Schmerzmittel) allein; reine Opioidgabe ohne Muskelrelaxation ist wenig effektiv.
  • Überwachung von Blutdruck, Herzfrequenz und Atmung; supportive Therapie, Flüssigkeit, ggf. Intensivüberwachung.
  • Prognose bei adäquater Behandlung in der Regel gut.

Skorpione (Scorpiones)

Ordnung der Spinnentiere (Arachnida)

Weltweite Verbreitung auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis:

  • In Europa: v. a. im Mittelmeerraum (Spanien, Südfrankreich, Italien, Griechenland, Balkan) mit meist nur lokal schmerzhaften Stichen; wenige Arten potenziell gefährlich.
  • In Brasilien, Mexiko, Algerien, Marokko, Libyen, Tunesien, im Nahen Osten, Indien und Teilen Nordafrikas/Vorderasiens besteht ein relevantes bis hohes Gesundheitsrisiko durch hochtoxische Arten.

Merksatz: Je kleiner der Skorpion, desto potentiell gefährlicher (Ausnahme möglich).

  • Lokale Stichreaktion mit starkem Schmerz, Rötung, gelegentlich Taubheitsgefühl oder Brennen.
  • Systemische Vergiftung (je nach Art und Dosis): vermehrtes Schwitzen, Speichelfluss, Übelkeit, Erbrechen, Hypertonie (Bluthochdruck), Tachykardie (Herzrasen), Herzrhythmusstörungen, neurologische Symptome (Agitation (Unruhe), Krampfanfälle) bis zum akuten Lungenödem und Kreislaufversagen.
  • Toxizität: myotoxisch (muskelschädigend), neurotoxisch (nervenschädigend), kardiotoxisch (herzschädigend) – je nach Art und Region

Prävention

  • Beim Campen/Zelten: nie direkt auf dem Boden schlafen, sondern auf Feldbett/Isomatte, Zelt immer vollständig schließen.
  • Schuhe, Kleidung, Schlafsäcke und Handtücher morgens ausschütteln.
  • Nie blind in Felsspalten, Mauerritzen, Holzstapel oder unter Steine greifen; Steine nicht unnötig umwenden; im hohen Gras Vorsicht beim Greifen.
  • Beim Klettern und Arbeiten in Endemiegebieten: stabile Lederhandschuhe und festes Schuhwerk.

Therapie

  • Sofortige ärztliche Vorstellung bei Stich in Endemiegebieten, insbesondere bei Kindern.
  • Schmerztherapie, Wundreinigung, Tetanusschutz prüfen/auffrischen.
  • Bei systemischen Symptomen: Überwachung, ggf. intensivmedizinische Behandlung (Monitoring, Sauerstoffgabe, ggf. Beatmung, Kreislaufunterstützung).
  • Regionale, artspezifische Antiseren einsetzen, sofern verfügbar und indiziert; Nutzen ist in endemischen Regionen gut belegt.

Speispinnen (Familie Scytodidae, „Leimschleuderspinnen“)

Mehrere Gattungen (z. B. Dictis, Scytodes, Soeuria, Stedocys).

Weltweite Verbreitung:

  • In tropischen und subtropischen Regionen
  • In Mitteleuropa ist die drei bis sechs Millimeter große Scytodes thoracica die einzige heimische Art; sie bewohnt nahezu ausschließlich Gebäude (z. B. Keller, Dachböden, Lager).
  • Lokal: Biss mit Rötung und Schwellung, in Einzelfällen Blasenbildung.
  • Hautnekrosen (Absterben von Hautarealen) an der Bissstelle möglich, vorwiegend bei empfindlichen Personen oder verzögerter Versorgung.
  • Selten systemische Komplikationen wie Nierenfunktionsstörungen bis zum Nierenversagen beschrieben.

Prävention

  • Sichtkontrolle von Wänden, Ecken, Regalen und Lagerbereichen in alten Gebäuden.
  • Spinnen nicht mit bloßer Hand anfassen oder bedrängen.

Therapie

  • Sterile Wundversorgung (Reinigung, ggf. antiseptische Lösung, sterile Abdeckung).
  • Verlaufskontrolle; bei zunehmender Rötung, Blasen, Nekrose oder Fieber ärztliche Vorstellung.
  • Systemische Therapie (z. B. Antibiotika, stationäre Überwachung) bei Zeichen der Infektion oder ausgeprägter Nekrose.
  • Antiserum steht nur in einzelnen südamerikanischen Zentren zur Verfügung und wird in der Praxis selten eingesetzt.

Vogelspinnen (Familie Theraphosidae)

Verbreitung:

  • Nord-, Mittel- und Südamerika, Afrika, Asien, Indien
  • Reise-Relevanz v. a. durch Haltung als Heimtiere (Transport, Import) und durch Kontakt in tropischen Regionen
  • Biss: meist nur milde bis mäßige Schmerzen, lokale Schwellung und Rötung.
  • Besonderheit: sogenannte Brennhaare („urticating hairs“), die bei Abwehrreaktionen abgestreift werden; diese führen zu Juckreiz, Rötung und Quaddeln (Urtikaria), bei Augenbeteiligung zu starker Reizung der Augenoberfläche (Konjunktiva (Bindehaut), Hornhaut).
  • Systemische, lebensbedrohliche Vergiftungen sind extrem selten.

Prävention

  • Tiere (wild oder in Gefangenschaft) nicht anfassen; Kinder entsprechend aufklären.
  • Beim Reinigen von Terrarien und beim Umgang mit Vogelspinnen Schutzbrille und ggf. Atemschutz verwenden; Hände nach Kontakt gründlich waschen.

Therapie

  • Lokal symptomatisch: Kühlen, ggf. topische Glukokortikoide und Antihistaminika.
  • Bei ausgeprägter allergischer Reaktion: systemische Antihistaminika und ggf. Glukokortikoide.
  • Bei Augenbeteiligung: sofortige Spülung mit viel Wasser oder Kochsalzlösung; rasche augenärztliche Vorstellung.

Hinweis zur Antiserumgabe

Bei Gabe von Antiseren (z. B. gegen Skorpion- oder Spinnengift) müssen immer alle Maßnahmen zur Behandlung eines möglichen anaphylaktischen Schocks bereitstehen:

  • Adrenalin i.m. (intramuskulär/in den Muskel gespritzt)
  • Hochdosierte Sauerstoffgabe
  • Volumentherapie i.v. (intravenös/in die Vene gespritzt)
  • Antihistaminika, Glukokortikoide
  • Engmaschiges Monitoring von Atmung, Kreislauf und Bewusstsein

Literatur

  1. Isbister GK, Fan HW: Spider bite. Lancet. 2011;378(9808):2039-2047. doi: 10.1016/S0140-6736(10)62230-1.
  2. Diaz JH: The Global Epidemiology, Syndromic Classification, Management, and Prevention of of spider bites. Am J Trop Med Hyg. 2004 Aug;71(2):239-50.
  3. Herness J, Snyder MJ, Newman RS: Arthropod Bites and Stings. Am Fam Physician. 2022 Aug;106(2):137-147.
  4. Reis MB, Arantes EC: Immunosuppressive therapies in scorpion envenomation: new perspectives for treatment. Front Toxicol. 2024 Nov 19:6:1503055. doi: 10.3389/ftox.2024.1503055.