Allgemeine Maßnahmen
Gifttiere kommen weltweit vor. Besonders artenreich sind tropische und subtropische Regionen. Für Einheimische wie auch für Reisende stellen sie ein relevantes Gesundheitsrisiko dar. Zu den gefährlichsten Gifttieren zählen Schlangen, Skorpione, Spinnen, Kegelschnecken, Seeschlangen, hochgiftige Quallen sowie bestimmte Fische. Ein Großteil schwerer Vergiftungen ist durch einfache Verhaltensregeln vermeidbar.
Prophylaktische Maßnahmen vor Ort
Allgemeines Verhalten
- Vor Reiseantritt Informationen über vorkommende Gifttiere im Reiseziel einholen (z. B. Tropeninstitute, CDC Travel Health, lokale Behörden).
- Stets Warnhinweise und lokale Empfehlungen beachten.
- Gifttiere nicht anfassen, nicht reizen und keine Nester oder Unterschlüpfe stören.
- Auf Spinnennetze achten.
- Bei Outdoor-Aktivitäten Bewegungen und Griffe immer unter Sichtkontrolle durchführen.
- Kleidung, Handtücher, Schuhe und Taschen vor dem Anziehen ausschütteln.
- Festes Schuhwerk mit Knöchelabdeckung tragen (90 % aller Schlangenbisse betreffen Unterbein und Fuß).
- Nachts nie ohne Taschenlampe gehen (viele Schlangen, Spinnen, Skorpione sind nachtaktiv).
- Küchenabfälle und Essensreste sicher entsorgen (schädlings- und nagerarm → geringeres Risiko für schlangenanziehende Mäusepopulationen).
Strand- und Wasserbereiche
- Immer Schutzschuhe im Wasser tragen (Seeigel, Steinfische, Skorpionfische).
- Keine Schnecken sammeln (Kegelschnecken können im Meerbereich hochgiftige Harpunenzähne ausfahren).
- Nicht im trüben oder seichten Wasser waten.
- Nicht allein schwimmen gehen.
- Nicht baden nach Stürmen (erhöhte Gefahr von Quallen, z. B. Würfelquallen).
- Angeschwemmte Meerestiere nicht berühren.
- Fische folgender Art nicht essen:
- auffällig gefärbte oder ungewöhnlich geformte Fische
- schuppenlose Fische
- Haut und Innereien von Rifffischen (Ciguatera-Risiko)
Beim Wandern und Trekking
- Büsche, Bäume, dichte Vegetation und tiefes Gras meiden (giftige Baumschlangen und bodennahe Schlangen).
- Beim Klettern Lederhandschuhe tragen (Schutz vor Skorpionstachel und Spinnen).
- Mit Stöcken oder Stiefeln vegetationsreiche Wege sondieren, nie mit Händen.
Beim Campen
- Nie direkt auf dem Boden schlafen (Skorpione, Spinnen, Schlangen).
- Betten mit Abstand zur Wand platzieren, um Aufstiegsmöglichkeiten für das Kleingetier zu reduzieren.
- Rucksäcke, Kleidung, Schlafsäcke nie am Boden lagern, sondern hochstellen oder aufhängen. Sie werden sonst tagsüber zum Rückzugsort von Skorpionen, Schlangen und Spinnen.
- Nachts nur mit Taschenlampe bewegen; Barfußgehen strikt vermeiden.
Besondere Hinweise für Kinder
- Keine „tote“ Schlange anfassen (Reflexbisse möglich).
- Nur auf gut einsehbaren Flächen spielen.
- Niemals mit Händen in Löcher, Felsspalten, unter Steine oder in hohes Gras greifen.
Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Bissen oder Stichen
Beruhigen und Vitalfunktionen sichern
- Betroffene beruhigen (Aufregung beschleunigt Giftresorption).
- Atmung, Puls, Blutdruck regelmäßig kontrollieren.
- Bei Verschlechterung Schocklage einnehmen.
Ruhigstellung und Vorbereitung für Transport
- Bissstelle ruhigstellen (z. B. Schienung; beachten, dass dabei keine Druckstellen entstehen).
- Entfernung von Armbändern, Ringe, Fußketten wegen der Gefahr der Gewebeschwellung (Prävention einer Durchblutungsstörung)
- Liegendtransport ins Krankenhaus (Bewegung beschleunigt Giftverteilung).
Kompressions-Immobilisations-Methode (CIM)
→ statt Abbinden (= venöse Stauung)
→ Ziel: Verlangsamung der Giftverteilung über die Lymphbahnen
→ Anlegen eines Kompressionsverbandes mit einem Druck von ca. 55 mmHg, nur venöser Druck > venöser Rückstrom, ohne arterielle Abklemmung
→ Entfernung des Kompressionsverbandes erst wieder im Krankenhaus (wo intensivmedizinische Maßnahmen möglich sind; Antiserum)
Indikationen (Gründe)
- Neurotoxische (Nervengifte) und kardiotoxische (herzschädigend) Gifte, z. B.
- bestimmte Elapidae (Kobras, Mambas, Kraits, Korallenschlangen, Tiger snakes)
- Seeschlangen
- Kegelschnecken
- Seewespe (nach Essigapplikation)
- Bienen und Wespen bei Bienenallergie
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
- Alle Gifttiere, die zu lokalen Gewebenekrosen führen, z. B.:
- Viperidae (Vipern, Ottern)
- Crotalinae (Grubenottern)
- manche Elapidae mit lokaler Nekrosetendenz
- Skorpione
- Spinnen wie die Braune Einsiedlerspinne (Loxosceles spp.)
Antiserumgabe
- Entscheidung durch medizinisches Personal vor Ort.
- In Europa sind Schlangenbisse selten antiserumpflichtig.
- Bei vielen Tieren existieren keine Antiseren oder die Wirksamkeit ist begrenzt (z. B. Skorpione).
- Antiserumgabe nur in Einrichtungen, die eine adäquate Notfallbehandlung anaphylaktischer Reaktionen gewährleisten.
Impfschutz
- Tetanus-Impfstatus prüfen → bei jeder verletzenden Tierinteraktion relevant
- Impfpass mitnehmen
Literatur
- World Health Organization (WHO): Snakebite Envenoming – Key Facts. 12. September (2023).
- Isbister GK, Fan HW: Spider bite. Volume 378, Issue 9808p2039-2047December 10, 2011.
- Paolino G, Riccardo Di Nicola M, Avella I, Mercuri SR: Venomous Bites, Stings and Poisoning by European Vertebrates as an Overlooked and Emerging Medical Problem: Recognition, Clinical Aspects and Therapeutic Management. Life (Basel). 2023 May 23;13(6):1228. doi: 10.3390/life13061228.