Reisekrankheit (Kinetose) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Vorbeugung und Linderung von Übelkeit, Erbrechen und Schwindel bei Kinetose (Reisekrankheit); Vermeidung von Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) sowie möglichst geringe Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit.

Therapieempfehlungen

Grundsätze und Evidenz

  • Medikamente wirken zuverlässiger, wenn sie vor Beginn der Bewegungsexposition angewendet werden. Die beste Evidenz besteht für die Prophylaxe (Vorbeugung): H1-Antihistaminika der ersten Generation vermindern bei anfälligen Erwachsenen wahrscheinlich das Auftreten einer Kinetose; Scopolamin ist gegenüber Placebo wirksam. Eine gesicherte Überlegenheit gegenüber Antihistaminika ist nicht belegt. Für die Behandlung bereits bestehender Beschwerden und für Kinder ist die Studienlage wesentlich schwächer [1, 2].
  • Begleitend Bewegungsreize reduzieren, zum Horizont schauen, Lesen und Bildschirmnutzung vermeiden und möglichst einen bewegungsarmen Sitzplatz wählen. Bei wiederholter Exposition kann Habituation helfen [3].
  • Nur bei Bedarf und so kurz wie erforderlich behandeln. Sedierende Medikamente sind keine geeignete Strategie für Personen, die selbst ein Fahrzeug führen müssen [3, FI1-FI3].

Prophylaxe nach Expositionsdauer

Situation Medikamentöse Auswahl Einordnung
Kurze Exposition, etwa bis 6 Stunden Dimenhydrinat; alternativ Meclozin bei geeignetem Präparat Vor Reisebeginn anwenden; Sedierung (Dämpfung der Wachheit) und Gegenanzeigen berücksichtigen [3, FI1, FI3].
Längere Exposition, über 6 Stunden Bei mäßigen Beschwerden Dimenhydrinat oder Meclozin; bei stärkerer beziehungsweise mehrtägiger Belastung Scopolamin-Pflaster Scopolamin erfordert mehrstündigen Vorlauf und schützt bis zu 72 Stunden. Die Dauergrenze dient der praktischen Auswahl, nicht als starre Indikationsgrenze [3, FI2].
Bereits eingetretene Beschwerden Dimenhydrinat zur symptomatischen Behandlung Ein neu aufgeklebtes Scopolamin-Pflaster ist wegen des verzögerten Wirkungseintritts keine rasche Akuttherapie [1, 2, FI1, FI2].

Behandlung bereits eingetretener Beschwerden

  • Wenn möglich, Fahrt unterbrechen beziehungsweise den auslösenden Reiz beenden; hinlegen und kleine Flüssigkeitsmengen zuführen. Bei wiederholtem Erbrechen Flüssigkeit und Elektrolyte ersetzen [3].
  • Bei leichteren Beschwerden und möglicher Einnahme kann orales Dimenhydrinat eingesetzt werden. Eine kinetosebedingte Magenentleerungsstörung (verlangsamte Entleerung des Magens) kann die Aufnahme verzögern. Bei anhaltendem Erbrechen kann ein geeignetes nichtorales Präparat erforderlich sein; Dosierung und Altersgrenzen sind darreichungsformspezifisch. Parenterale Therapie gehört in ärztliche Hand [3, FI1].
  • Nach Erbrechen eine bereits eingenommene Dosis nicht unkritisch erneut geben; die aufgenommene Wirkstoffmenge ist unklar.

Auswahl nach Altersgruppe und Risikokonstellation

  • Säuglinge und Kinder unter 3 Jahren: keine routinemäßige medikamentöse Reiseprophylaxe. Dimenhydrinat nur nach strenger ärztlicher Indikationsstellung und mit einem für Alter und Gewicht geeigneten Präparat; Überdosierungen können lebensbedrohlich sein. Eine pauschale wirkstoffbezogene Altersgrenze von 3 Jahren ist unzutreffend [FI1, FI5].
  • Kinder: zunächst nichtmedikamentöse Maßnahmen. Bei Dimenhydrinat gelten Alter, Gewicht und Fachinformation des konkreten Präparats. Für Meclozin unterscheiden sich die nationalen Zulassungen. Scopoderm TTS ist laut deutscher Fachinformation bei Kindern über 10 Jahren anwendbar; wegen möglicher Verwirrtheit und Halluzinationen (Sinneswahrnehmungen ohne äußeren Reiz) keine unkritische Standardoption für Kinder [3, FI1-FI3].
  • Ältere Menschen: erhöhte Empfindlichkeit gegenüber anticholinergen Wirkungen (Wirkungen durch Hemmung des Botenstoffs Acetylcholin); besonders bei Demenz (Erkrankung mit nachlassendem Gedächtnis und Denkvermögen), Harnabflussstörung und erhöhtem Sturzrisiko zurückhaltend verordnen. Die gesamte Begleitmedikation prüfen [FI1-FI3].
  • Schwangerschaft und Stillzeit: keine pauschale Selbstmedikation; individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung anhand der jeweiligen Fachinformation. Scopolamin nur bei zwingender Indikation [FI1-FI3].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

H1-Antihistaminika der ersten Generation

Wirkstoff Besonderheiten
Dimenhydrinat Prophylaxe und symptomatische Therapie. Beispielpräparat: Vomex A 50-mg-Dragees. Die Alters- und Gewichtsgrenzen sind präparatebezogen. Bei geringerem Gewicht beziehungsweise jüngerem Alter keine Übertragung der Erwachsenendosis; geeignetes Präparat auswählen. Nur kurzfristig; Abhängigkeits- und Missbrauchsrisiko [FI1].
Meclozin Länger wirkende Alternative, häufig für längere Tagesreisen. Ausländisches Beispielpräparat: Postafen aus Norwegen. Verfügbarkeit und landesspezifische Zulassung vor Verordnung prüfen. Die dortige pädiatrische Zulassung (Zulassung für Kinder) ist keine allgemeine deutsche Altersfreigabe [3, FI3].
  • Wirkweise: zentrale H1-Rezeptorblockade mit zusätzlichen anticholinergen Effekten; Dämpfung vestibulär vermittelter (vom Gleichgewichtsorgan ausgehender) Brechreize.
  • Indikation: Prophylaxe der Kinetose; Dimenhydrinat auch zur symptomatischen Behandlung [FI1, FI3].
  • Kontraindikationen (Gegenanzeigen): Dimenhydrinat unter anderem bei Engwinkelglaukom (Form des grünen Stars mit verengtem Abfluss des Augenwassers), Prostatahyperplasie (Vergrößerung der Vorsteherdrüse) mit Restharn (nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibendem Urin), Krampfanfällen, akutem Asthmaanfall, Phäochromozytom (seltener hormonbildender Tumor), Porphyrie (Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs) und bestimmten Herzrhythmusstörungen. Bei schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung besondere Vorsicht. Meclozin nach dem genannten Präparat kontraindiziert bei Leberfunktionsstörung und Überempfindlichkeit gegen Piperazinderivate; Vorsicht unter anderem bei Glaukom (grünem Star), Harnabflussstörung, Myasthenia gravis (Erkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche) und Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen) [FI1, FI3].
  • Nebenwirkungen: Schläfrigkeit, verminderte Konzentration und Reaktionsfähigkeit, Mundtrockenheit, Sehstörungen, Obstipation (Verstopfung) und Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Blase zu entleeren); bei Kindern auch paradoxe Erregung (Unruhe statt der erwarteten Beruhigung). Bei Überdosierung sind Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen und Atemdepression (Abschwächung des Atemantriebs) möglich [FI1, FI3, FI5].

Antimuskarinika

Wirkstoff Besonderheiten
Scopolamin, transdermal Zur Prophylaxe; besonders für längere Exposition. Bei Kindern über 10 Jahren laut deutscher Fachinformation anwendbar. Nur ein Pflaster gleichzeitig, nicht zerschneiden. Hände nach Kontakt sowie Haut nach Entfernen waschen; Augenkontakt vermeiden. Vor bildgebenden Verfahren gemäß Fachinformation entfernen [FI2].
  • Wirkweise: zentrale muskarinische Acetylcholinrezeptorblockade; Hemmung der Weiterleitung vestibulärer Reize zum Brechzentrum [FI2].
  • Indikation: Vorbeugung von Reise- und Seekrankheit; keine rasch wirksame Behandlung bereits ausgeprägter Beschwerden [2, FI2].
  • Kontraindikationen: Glaukom und Überempfindlichkeit. Die deutsche Fachinformation nennt Glaukom insgesamt, nicht ausschließlich Engwinkelglaukom. Besondere Vorsicht bei Harnabflussbehinderung, Pylorusstenose (Verengung des Magenausgangs), behinderter Darmpassage, Herzrhythmusstörungen, Bradykardie (verlangsamtem Herzschlag), Epilepsie sowie Leber- oder Nierenfunktionsstörung [FI2].
  • Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Schläfrigkeit, Schwindel, Akkommodationsstörungen (Störungen der Scharfstellung des Auges), Mydriasis (Pupillenerweiterung) und trockene Augen; außerdem Verwirrtheit, Halluzinationen, Harnverhalt und lokale Hautreaktionen. Wirkstoffübertragung ins Auge kann eine einseitige Pupillenerweiterung auslösen. Nebenwirkungen können nach Entfernen mindestens 24 Stunden fortbestehen [FI2].

Beachte

  • Sedierung und Fahrtüchtigkeit: Dimenhydrinat, Meclozin und Scopolamin können Reaktionsfähigkeit und Sehvermögen beeinträchtigen. Während der Anwendung nicht selbst Auto fahren, keine Maschinen bedienen und keine sicherheitsrelevanten Tätigkeiten ausführen. Auch Nachwirkungen berücksichtigen. Eine gute Verträglichkeit bei früherer Einnahme garantiert keine Fahrtüchtigkeit [FI1-FI3].
  • Wechselwirkungen: Alkohol meiden. Sedierung kann durch Schlafmittel, Benzodiazepine und Opioide verstärkt werden; andere anticholinerge Medikamente erhöhen die anticholinerge Belastung. Scopolamin nicht eigenständig mit weiteren Mitteln gegen Reisekrankheit kombinieren [FI1-FI3].
  • Domperidon: keine Empfehlung zur Prophylaxe oder Behandlung einer Kinetose. Ein ausreichender kinetosespezifischer Wirksamkeitsnachweis fehlt; die allgemeine Indikation Übelkeit/Erbrechen belegt keinen Nutzen bei vestibulär ausgelösten Beschwerden. Hinzu kommen QT-Verlängerung, ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) und das Risiko eines plötzlichen Herztodes. Ein routinemäßiges Dosierungsschema wird deshalb nicht aufgeführt [4].
  • Cinnarizin + Dimenhydrinat: keine regelhafte Kombinationstherapie der Kinetose. Die deutsche Fachinformation von Arlevert betrifft Schwindelsymptome verschiedener Genese bei Erwachsenen; dies begründet keine bevorzugte Reiseprophylaxe [FI4].
  • Diphenhydramin und Promethazin: keine routinemäßigen zusätzlichen Standardoptionen; insbesondere Promethazin ist stark sedierend. Schlafmittel-Dosierungsschemata sind nicht auf die Behandlung von Kinetosen zu übertragen [3].

Phytotherapeutika

  • Ingwer: Kleine Studien zeigen teilweise günstige Effekte, die Gesamtevidenz ist jedoch uneinheitlich. Keine gleichwertig gesicherte Alternative zu Dimenhydrinat oder Scopolamin; aus den verfügbaren Daten lässt sich kein allgemeingültiges Einnahmeschema alle 4 Stunden ableiten [3, 5].

Red Flags (Warnzeichen bei Kinetose)

  • Anhaltendes Erbrechen mit fehlender Flüssigkeitsaufnahme, Zeichen einer Dehydratation oder Kreislaufstörungen erfordern ärztliche Abklärung.
  • Neurologische Ausfälle (Störungen von Nervenfunktionen), neu auftretende starke Kopfschmerzen, Hörverlust oder anhaltender Schwindel ohne Bewegungsreiz sprechen gegen eine unkomplizierte Kinetose und erfordern eine zeitnahe, bei akutem Beginn gegebenenfalls notfallmäßige Abklärung.
  • Augenschmerzen mit Sehverschlechterung, akuter Harnverhalt, ausgeprägte Verwirrtheit, Halluzinationen oder Bewusstseinsstörung unter der Medikation: Behandlung beenden, Scopolamin-Pflaster entfernen und unverzüglich ärztliche Hilfe veranlassen [FI1-FI3].

Abkürzungen

  • FI: Fachinformation; hier auch Kennzeichnung behördlicher Sicherheitshinweise.
  • H1: Histamin-Rezeptor Typ 1.
  • mg: Milligramm.
  • QT: Zeitabschnitt der elektrischen Erregung und Erholung der Herzkammern im Herzstrombild.
  • TTS: transdermales therapeutisches System; Pflaster zur Wirkstoffabgabe durch die Haut.

Literatur

  1. Karrim N, Byrne R, Magula N, Saman Y: Antihistamines for motion sickness. Cochrane Database Syst Rev. 2022;10:CD012715. doi: 10.1002/14651858.cd012715.pub2.
  2. Spinks A, Wasiak J: Scopolamine (hyoscine) for preventing and treating motion sickness. Cochrane Database Syst Rev. 2011;6:CD002851. doi: 10.1002/14651858.cd002851.pub4.
  3. Golding JF: Motion Sickness. CDC Yellow Book 2026. Aktualisiert am 23. April 2025. Onlinefassung.
  4. European Medicines Agency: Domperidone-containing medicines. Risikobewertungsverfahren und Anwendungsbeschränkungen, 2014. Behördliche Bewertung; Bewertungsbericht.
  5. Lien HC, Sun WM, Chen YH, Kim H, Hasler W, Owyang C: Effects of ginger on motion sickness and gastric slow-wave dysrhythmias induced by circular vection. Am J Physiol Gastrointest Liver Physiol. 2003;284:G481-G489. doi: 10.1152/ajpgi.00164.2002.

Fachinformationen und behördliche Sicherheitshinweise

  1. Klinge Pharma: Vomex A Dragees, 50 mg. Fachinformation; ergänzend Gebrauchsinformation [FI1].
  2. Baxter Deutschland: Scopoderm TTS, Scopolamin 1,3 mg pro transdermalem Pflaster. Stand April 2025. Fachinformation [FI2].
  3. CampusPharma: Postafen 25 mg Tabletten. Norwegische Produktinformation. Fachinformation [FI3].
  4. Hennig Arzneimittel: Arlevert 20 mg/40 mg Tabletten. Fachinformation [FI4].
  5. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Dimenhydrinat und Diphenhydramin: Überdosierung oraler und rektaler Antiemetika bei Kindern unter 3 Jahren. Sicherheitsinformation [FI5].