Reisekrankheit (Kinetose) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Kinetose (Reisekrankheit) mitbedingt sein können:

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Veränderungen der Chromosomen) (Q00-Q99)

  • Keine hinreichend belegten Folgeerkrankungen.

Atmungssystem (Atemwege und Lunge) (J00-J99)

  • Aspirationsereignis (Verschlucken von Mageninhalt in die Atemwege) bzw. Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch Einatmen von Mageninhalt) – seltene indirekte Komplikation bei schwerem Erbrechen, eingeschränkten Schutzreflexen, Sedierung (medikamentöse Dämpfung) oder fehlender Möglichkeit zur sicheren Lagerung; spezifische kinetosebezogene Häufigkeitsdaten fehlen [LL 1, 1, 2]

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode (Zeit um die Geburt) haben (P00-P96)

  • Keine hinreichend belegten Folgeerkrankungen.

Augen und Augenanhangsgebilde (Augenlider, Tränenapparat und Augenmuskeln) (H00-H59)

  • Akutes Winkelblockglaukom (plötzlich erhöhter Augeninnendruck durch Abflussblockade) – keine Folge der Kinetose selbst, aber relevante seltene therapieassoziierte Komplikation durch anticholinerge Medikation (Medikamente mit hemmender Wirkung auf den Botenstoff Acetylcholin), insbesondere Scopolamin (Wirkstoff gegen Reisekrankheit), bei disponierten Personen; Glaukom gilt deshalb als Kontraindikation für Scopolamin [LL 1, 2]
  • Asthenopische Beschwerden (Überanstrengungsbeschwerden der Augen) und unscharfes Sehen – vor allem bei visuell induzierter Kinetose (durch Sehreize ausgelöster Reisekrankheit) in Simulatoren oder Virtual-Reality-Umgebungen beschrieben; in der Regel funktionell (ohne strukturelle Organschädigung) und reversibel (rückbildungsfähig), ohne Nachweis einer strukturellen Augenschädigung [LL 2]

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Keine hinreichend belegten Folgeerkrankungen.

Endokrine (hormonelle), Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Exsikkose (Austrocknung) bzw. Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) – relevante indirekte Komplikation bei anhaltendem oder wiederholtem Erbrechen, insbesondere bei Kindern, älteren Personen, Schwangerschaft, Hitzeexposition oder eingeschränkter Flüssigkeitszufuhr [LL 1, 3]
  • Elektrolyt- und Säure-Basen-Störungen (Störungen der Blutsalze und des Säure-Basen-Gleichgewichts) – bei prolongiertem Erbrechen möglich; klinisch relevant sind vor allem Hypovolämie (vermindertes Blutvolumen), Hypochlorämie (Chloridmangel im Blut), Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut) und metabolische Alkalose (stoffwechselbedingte Blutalkalisierung), wobei kinetosespezifische Häufigkeitsdaten fehlen [LL 1]

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Keine eigenständigen Folgeerkrankungen; Blässe und kalter Schweiß sind typische autonome Begleitsymptome (unwillkürliche Körperreaktionen) der akuten Kinetose, aber keine Hauterkrankungen [LL 1]

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Orthostatische Kreislaufdysregulation (Kreislaufprobleme beim Aufrichten) bzw. Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht) – seltene indirekte Komplikation bei schwerem Erbrechen, Dehydratation und vegetativer Aktivierung (Aktivierung des unwillkürlichen Nervensystems); die Evidenz ist vor allem klinisch-extrapolativ, nicht aus robusten Kinetose-Kohorten abgeleitet [LL 1]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Keine direkte infektiöse Folgeerkrankung; eine Aspirationspneumonie ist gegebenenfalls unter Atmungssystem einzuordnen.

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Keine hinreichend belegten Folgeerkrankungen.

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Prolongiertes Erbrechen und Würgen – zentrale klinische Komplikation schwerer Kinetose; kann zu eingeschränkter oraler Medikamentenresorption (Aufnahme von Medikamenten über den Magen-Darm-Trakt) führen, da bereits früh eine gastrale Stase (verzögerte Magenentleerung) auftreten kann [LL 1]
  • Refluxbeschwerden (Beschwerden durch Rückfluss von Magensäure) bzw. Ösophagitis (Speiseröhrenentzündung) – indirekt möglich bei wiederholtem Erbrechen und Säureexposition; spezifische Kinetose-Evidenz ist begrenzt [3, LL 1]
  • Mallory-Weiss-Läsion (Schleimhautriss am Übergang von Speiseröhre zu Magen) – sehr seltene indirekte Komplikation nach heftigem Würgen oder Erbrechen; bei Kinetose nur bei schwerem Verlauf plausibel, nicht als typische Folgeerkrankung belegt [LL 1]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Keine hinreichend belegten primären Folgeerkrankungen.

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Keine hinreichend belegten Folgeerkrankungen.

Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)

  • Mal-de-Débarquement-Syndrom (MdDS; anhaltendes Schwankgefühl nach Reisebewegung) – seltenes persistierendes postmotionelles Schwank-, Schaukel- oder Wippgefühl nach passiver Bewegungsexposition (Bewegungsreiz ohne eigene aktive Fortbewegung), typischerweise nach Schiffs-, Flug- oder Landreise; definitionsgemäß Beginn innerhalb von 48 Stunden nach Ende der Bewegungsexposition und Persistenz (Anhalten) über 48 Stunden [LL 3, 4]
  • Persistierende visuell induzierte Bewegungskrankheit (anhaltende durch Sehreize ausgelöste Bewegungskrankheit) – seltene Verlaufsform nach visueller Bewegungsexposition, etwa Virtual Reality oder Simulator; anhaltende Beschwerden nach Reizende sollten zur Abklärung vestibulärer (das Gleichgewichtsorgan betreffender), neurologischer (das Nervensystem betreffender) oder ophthalmologischer (augenärztlicher) Ursachen führen [LL 2]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Sopite-Syndrom (Müdigkeits- und Benommenheitssyndrom bei Reisekrankheit) – durch Müdigkeit, Schläfrigkeit, Apathie (Teilnahmslosigkeit), Konzentrationsminderung und reduzierte Leistungsfähigkeit geprägtes Symptomcluster der Kinetose; kann auch bei milder Kinetose die kognitive Multitasking-Leistung (geistige Leistung bei mehreren gleichzeitigen Aufgaben) vermindern [5, LL 1]
  • Migräneattacke (Migräneanfall) bzw. vestibuläre Migräne-Exazerbation (Verschlechterung einer mit Schwindel verbundenen Migräne) – Kinetose ist bei Personen mit Migräne und vestibulären Störungen gehäuft und kann Beschwerden verstärken; sie ist jedoch nicht als primäre Ursache einer Migräne einzuordnen [LL 1, 6]
  • Angst- und Vermeidungsverhalten – bei wiederholter schwerer Kinetose möglich, insbesondere vor Reisen, Schiffsfahrten, Flügen, Simulatortraining oder Virtual-Reality-Exposition; die Evidenz spricht eher für eine funktionelle bzw. verhaltensmedizinische Folge als für eine eigenständige organische Erkrankung [6, 7]

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Keine eigenständige schwangerschaftsspezifische Folgeerkrankung der Kinetose belegt; Schwangerschaft erhöht jedoch die Suszeptibilität (Anfälligkeit) für Kinetose und kann bei Erbrechen das Risiko für Dehydratation klinisch relevanter machen [LL 1]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Kopfschmerz, Blässe, kalter Schweiß, Hypersalivation (vermehrter Speichelfluss), Wärmegefühl, Müdigkeit und Konzentrationsstörung – typische akute Kinetosemanifestationen; bei Persistenz nach Ende der Bewegungsexposition ist eine Differentialdiagnostik (Abklärung anderer möglicher Ursachen) vestibulärer, neurologischer, gastrointestinaler (Magen-Darm-betreffender), metabolischer (stoffwechselbedingter) oder toxischer (giftbedingter) Ursachen erforderlich [LL 1, LL 2]
  • Hyperventilation (zu schnelle oder zu tiefe Atmung) – als autonome Begleitreaktion beschrieben; klinisch relevant vor allem bei Angst, Panik, Parästhesien (Missempfindungen) oder präsynkopalen Beschwerden [LL 1]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Harnverhaltung (plötzliche Unfähigkeit, Wasser zu lassen) – keine Folge der Kinetose selbst, aber relevante therapieassoziierte Komplikation antimuskarinischer Medikation (Medikamente mit hemmender Wirkung auf bestimmte Acetylcholin-Rezeptoren), insbesondere Scopolamin, bei entsprechender Prädisposition (Veranlagung) wie Prostatahyperplasie (Prostatavergrößerung) oder Abflussbehinderung (Harnabflussstörung) [LL 1, 2]

Ursachen (äußere) von Morbidität (Krankheitshäufigkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) (V01-Y84)

  • Verkehrs-, Bord- oder Arbeitsunfallrisiko – indirekt erhöht bei Schwindel, Somnolenz (Schläfrigkeit), eingeschränkter Konzentration, sopitiven Symptomen oder sedierender Medikation; besonders relevant bei Führen von Fahrzeugen, Seefahrt, Luftfahrt, Tauchen, Maschinenbedienung und Simulatortraining [5, LL 1]

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Sturz- und Verletzungsrisiko – indirekt möglich bei Schwindel, posturaler Instabilität (Unsicherheit der Körperhaltung), Erbrechen, Kreislaufdysregulation oder Sedierung; direkte populationsbezogene Risikoschätzungen für Kinetose fehlen [LL 1, 5]
  • Therapieassoziierte Sedierung, Delir (akute Verwirrtheit), Halluzinationen (Sinnestäuschungen) und anticholinerge Nebenwirkungen – insbesondere bei Scopolamin und sedierenden H1-Antihistaminika (Allergiemedikamente mit Wirkung gegen Übelkeit) zu beachten; bei Kindern kann Übersedierung (zu starke medikamentöse Dämpfung) schwerwiegend sein, Scopolamin soll bei Kindern vermieden werden [LL 1, LL 4, 1, 2]

Weiteres

  • Reise-, Freizeit-, Berufs- und Simulatorintoleranz (Unverträglichkeit von Simulatornutzung) – relevante funktionelle Folge bei schwerer oder rezidivierender Kinetose; betrifft insbesondere Schiffsreisen, Flugreisen, Bus- und Autofahrten, Virtual Reality, Simulatortraining sowie Tätigkeiten in automatisierten Fahrzeugen [6, 7, LL 1, LL 2]
  • Medikamentenversagen durch verzögerte Resorption (Aufnahme) – bei einsetzender Kinetose kann eine gastrale Stase die orale Aufnahme von Antikinetotika (Medikamente gegen Reisekrankheit) beeinträchtigen; deshalb ist die prophylaktische Gabe (vorbeugende Einnahme) vor Exposition wirksamer als die Gabe nach Symptombeginn [LL 1]

Prognosefaktoren

  • Patientenalter – Kinder unter 2 Jahren sind selten betroffen; die Suszeptibilität nimmt danach zu, erreicht typischerweise im Schulalter ihren Gipfel und nimmt im Erwachsenenalter häufig wieder ab [LL 1]
  • Individuelle Suszeptibilität und genetische Disposition (erbliche Veranlagung) – ein erheblicher Anteil der interindividuellen Anfälligkeit ist genetisch bzw. familiär mitbedingt; frühere Kinetoseepisoden sind ein starker Prädiktor (Vorhersagefaktor) für erneute Episoden [LL 1, 6]
  • Migräne, Schwindelanamnese (Vorgeschichte mit Schwindel) und vestibuläre Störungen – erhöhen die Wahrscheinlichkeit und Schwere von Kinetosebeschwerden [LL 1, 6]
  • Weibliches Geschlecht und hormonelle Faktoren – Assoziationen (Zusammenhänge) bestehen u. a. mit Menstruation, Schwangerschaft und oralen Kontrazeptiva (Verhütungsmittel zum Einnehmen); die Effekte sind klinisch relevant, aber heterogen (uneinheitlich) [LL 1, 6]
  • Expositionsstärke (Stärke des auslösenden Reizes) und -dauer – hohe Bewegungsintensität, niederfrequente Schiffsbewegungen, schlechte Sicht auf den Horizont, rückwärtsgerichtetes Sitzen, Lesen, Bildschirmnutzung und Virtual-Reality-Exposition erhöhen das Risiko [LL 1, LL 2]
  • Schlafmangel, Alkohol und Nikotin – verschlechtern die Suszeptibilität bzw. Symptomschwere und sollten vor bzw. während relevanter Exposition vermieden werden [LL 1]
  • Habituation (Gewöhnung) – wiederholte, kontrollierte Exposition ist der wirksamste nichtmedikamentöse Schutzfaktor, kann jedoch langsam entstehen und nach Expositionspausen wieder abnehmen [LL 1, 7]
  • Therapiezeitpunkt – Antikinetotika wirken am besten prophylaktisch vor Exposition; nach Symptombeginn kann die orale Resorption durch gastrale Stase vermindert sein [LL 1, 1, 2]

Literatur

  1. Karrim N, Byrne R, Magula N, Saman Y: Antihistamines for motion sickness. Cochrane Database Syst Rev. 2022;10(10):CD012715. doi: 10.1002/14651858.CD012715.pub2.
  2. Zhang YX, Niu XY, Xiao ZY, Wang MT, Zheng H: Scopolamine for patients with motion sickness: a systematic review and meta-analysis with trial sequential analysis. Acta Otolaryngol. 2024;144(7-8):429-438. doi: 10.1080/00016489.2024.2397556.
  3. Leung AKC, Hon KL: Motion sickness: an overview. Drugs Context. 2019;8:2019-9-4. doi: 10.7573/dic.2019-9-4.
  4. Van Ombergen A, Van Rompaey V, Maes L, Van de Heyning P, Wuyts F: Mal de debarquement syndrome: a systematic review. J Neurol. 2016;263(5):843-854. doi: 10.1007/s00415-015-7962-6.
  5. Matsangas P, McCauley ME, Becker W: The Effect of Mild Motion Sickness and Sopite Syndrome on Multitasking Cognitive Performance. Hum Factors. 2014;56(6):1124-1135. doi: 10.1177/0018720814522484.
  6. Mittelstaedt JM: Individual predictors of the susceptibility for motion-related sickness: A systematic review. J Vestib Res. 2020;30(3):165-193. doi: 10.3233/VES-200702.
  7. Koch A, Cascorbi I, Westhofen M, Dafotakis M, Klapa S, Kuhtz-Buschbeck JP: The Neurophysiology and Treatment of Motion Sickness. Dtsch Arztebl Int. 2018;115(41):687-696. doi: 10.3238/arztebl.2018.0687.

Leitlinien

  1. CDC Yellow Book 2026: Motion Sickness. In: CDC Yellow Book, 2026 edition: Health Information for International Travel, Stand 23.04.2025. Volltext.
  2. Bárány Society/International Classification of Vestibular Disorders: Cha YH, Golding JF, Keshavarz B, Furman J, Kim JS, Lopez-Escamez JA et al.: Motion sickness diagnostic criteria: Consensus Document of the Classification Committee of the Bárány Society. J Vestib Res. 2021;31(5):327-344. doi: 10.3233/VES-200005.
  3. Bárány Society/International Classification of Vestibular Disorders: Cha YH, Baloh RW, Cho C, Magnusson M, Song JJ, Strupp M et al.: Mal de débarquement syndrome diagnostic criteria: Consensus document of the Classification Committee of the Bárány Society. J Vestib Res. 2020;30(5):285-293. doi: 10.3233/VES-200714.
  4. NHG-Behandelrichtlijn: Reisziekte, Stand April 2017. Volltext.