Interstitielle Zystitis – Medizingerätediagnostik
Obligate Medizingerätediagnostik
- Urethrozystoskopie (Harnröhren- und Blasenspiegelung), bei entsprechender Symptomatik (Beschwerden)/Fragestellung mit Hydrodistension (Blasendehnung) – zentrales Verfahren zum Ausschluss intravesikaler Pathologien (krankhafter Veränderungen innerhalb der Harnblase) mit ähnlicher Symptomatik, insbesondere Blasentumor (Geschwulst der Harnblase), Carcinoma in situ (oberflächliche Krebsfrühform), Blasensteine, Fremdkörper, chronische infektiöse Zystitis (dauerhafte infektiöse Blasenentzündung) und andere entzündliche Schleimhautveränderungen (Veränderungen der Blasenschleimhaut)
- Die Zystoskopie (Blasenspiegelung) dient nicht allein der Diagnosesicherung, sondern vor allem der strukturierten Ausschlussdiagnostik und der Beurteilung IC/BPS-typischer Veränderungen.
- Aufgrund der häufig erhöhten Schmerzempfindlichkeit soll die Untersuchung, insbesondere bei geplanter Biopsie (Gewebeentnahme), in Narkose beziehungsweise unter adäquater Analgesie (Schmerzausschaltung)/Sedierung (Beruhigung) angeboten werden.
- Bei ausgeprägter Symptomatik, unklarer Befundlage oder primär unauffälliger Zystoskopie kann eine Hydrodistension unter standardisierten Bedingungen durchgeführt werden.
- Eine unauffällige Zystoskopie schließt eine interstitielle Zystitis (Blasenschmerzsyndrom)/ein Blasenschmerzsyndrom nicht aus.
- Hunner-Läsionen (Hunner-Schleimhautveränderungen) – umschriebene, gerötete, hypervaskularisierte Schleimhautareale (stark durchblutete Schleimhautbereiche) mit radiär zum Zentrum ziehender Gefäßzeichnung, zentraler Narbe und möglichem Fibrin- oder Koagelbelag; sie definieren einen klinisch relevanten IC/BPS-Phänotyp (Erscheinungsbild).
- Glomerulationen (punktförmige Schleimhautblutungen) – petechiale Schleimhauteinblutungen nach Hydrodistension; sie können bei IC/BPS auftreten, sind jedoch nicht krankheitsspezifisch und besitzen allein keine ausreichende diagnostische Spezifität (Treffsicherheit).
- Mukosa-Cracking (Schleimhauteinrisse) und Schleimhauteinrisse – mögliche Befunde nach Hydrodistension; sie sind im klinischen Kontext zu bewerten und nicht isoliert beweisend.
- Blasenkapazität (Fassungsvermögen der Harnblase) unter Narkose – kann zur Phänotypisierung (Einordnung nach Erscheinungsbild) und Therapiestratifizierung (Einteilung für die Behandlungsplanung) herangezogen werden, insbesondere bei Verdacht auf fibrotische Schrumpfblase (narbig verkleinerte Harnblase) oder schwere Hunner-Läsion-Erkrankung.
- Biopsie – nicht essenziell zur Diagnosesicherung einer IC/BPS; indiziert zum Ausschluss anderer Pathologien, insbesondere Carcinoma in situ, Malignom (bösartige Erkrankung), spezifischer Entzündung oder unklarer Schleimhautläsionen (Schleimhautschäden).
- Mastzellbestimmung (Bestimmung bestimmter Entzündungszellen) – diagnostisch nicht ausreichend sicher verwertbar und nicht als alleiniges diagnostisches Kriterium geeignet.
- Kaliumchloridtest – nicht als routinemäßiges diagnostisches Verfahren empfohlen, da Sensitivität und Spezifität unzureichend sind und die Untersuchung schmerzhaft sein kann; allenfalls historisch beziehungsweise in speziellen Einzelfällen zu bewerten.
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik und obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- Uroflowmetrie (Harnflussmessung) mit Restharnbestimmung – bei Verdacht auf Harnblasenentleerungsstörung, obstruktive Miktion (erschwertes Wasserlassen), funktionelle Blasenentleerungsstörung, neurogene Blasenfunktionsstörung (nervenbedingte Blasenfunktionsstörung) oder relevante Restharnbildung
- Indikationen – abgeschwächter Harnstrahl, Pressmiktion, intermittierender Harnfluss, inkomplette Blasenentleerung, rezidivierende Harnwegsinfekte (wiederkehrende Harnwegsinfektionen), Verdacht auf Beckenbodendysfunktion (Fehlfunktion des Beckenbodens)
- Flow-Elektromyographie (Flow-EMG) – bei Verdacht auf funktionelle infravesikale Obstruktion (funktionelle Abflussbehinderung unterhalb der Harnblase), Beckenboden-Dyssynergie (Fehlkoordination des Beckenbodens) oder nicht-neurogene/neurogene Koordinationsstörung der Miktion
- Indikationen – pathologische Uroflowmetrie, intermittierender Harnfluss, Pressmiktion, Verdacht auf Beckenbodenhypertonus (erhöhte Spannung des Beckenbodens), persistierende Entleerungsbeschwerden trotz unauffälliger Morphologie (Form und Struktur)
- Urodynamik (Blasenfunktionsmessung)/Zystometrie (Blasendruckmessung) – nicht routinemäßig erforderlich; indikationsbezogen bei diagnostischer Unsicherheit oder Verdacht auf konkurrierende Funktionsstörung
- Indikationen – Verdacht auf überaktive Blase, neurogene Blasenfunktionsstörung, Compliance-Störung (verminderte Dehnbarkeit der Harnblase), Detrusorüberaktivität (Überaktivität des Blasenmuskels), relevante Harninkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust), Harnretention (Harnverhalt), Operationsplanung oder therapierefraktäre Symptomatik mit unklarer Funktionsdiagnose
- Urosonographie (Ultraschalluntersuchung der Harnorgane) inklusive Nierensonographie und ableitender Harnwege – bei Verdacht auf urologische Differentialdiagnosen oder komplizierende Faktoren
- Indikationen – Flankenschmerz, Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin), rezidivierende Harnwegsinfekte, Verdacht auf Harnstau, Urolithiasis (Harnsteinleiden), Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung), Restharnbildung oder strukturelle Auffälligkeiten des Urogenitaltraktes (Harn- und Geschlechtsorgane)
- Transvaginale Sonographie (Ultraschalluntersuchung durch die Scheide) – bei Frauen zur gynäkologischen differentialdiagnostischen Abklärung chronischer Beckenschmerzen
- Indikationen – zyklusabhängige Schmerzen, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), Dysmenorrhoe (schmerzhafte Regelblutung), Adnexbefund (Befund an Eierstock oder Eileiter), Verdacht auf Endometriose (Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter), Adenomyose (Gebärmutterschleimhaut in der Gebärmuttermuskulatur), Ovarialzyste (Eierstockzyste), Myom (gutartige Muskelgeschwulst der Gebärmutter) oder andere gynäkologische Schmerzursachen
- Transrektale Prostatasonographie (Ultraschalluntersuchung der Prostata über den Enddarm) – bei Männern nur bei entsprechender klinischer Fragestellung
- Indikationen – Verdacht auf Prostatitis (Prostataentzündung), Abszess (Eiteransammlung), Prostatavergrößerung mit obstruktiver Symptomatik oder andere prostatabezogene Differentialdiagnosen
- Miktionszystourethrographie (Röntgendarstellung von Harnblase und Harnröhre beim Wasserlassen) oder Miktionsurosonographie (Ultraschalldarstellung beim Wasserlassen) – nicht routinemäßig bei IC/BPS; nur bei gezieltem Verdacht auf vesikoureteralen Reflux (Rückfluss von Urin aus der Harnblase in den Harnleiter) oder relevante anatomisch-funktionelle Abflussstörung
- Indikationen – rezidivierende febrile Harnwegsinfekte (wiederkehrende fieberhafte Harnwegsinfektionen), Verdacht auf Refluxnephropathie (Nierenschädigung durch Urinrückfluss), angeborene Fehlbildung, komplexe pädiatrische/urologische Vorgeschichte oder pathologische Vorbefunde
- Magnetresonanztomographie (MRT) des Beckens beziehungsweise Magnetresonanz (MR)-Urographie – nicht Bestandteil der Routinediagnostik einer IC/BPS; indikationsbezogen zur Abklärung extravesikaler oder komplexer urogenitaler Ursachen
- Indikationen – Verdacht auf tiefe infiltrierende Endometriose, komplexe Fehlbildungen, Tumor, Fistel (unnatürlicher Verbindungsgang), Abflussstörung, Narbenbildung des Nierenparenchyms (Nierengewebe) oder unklare chronische Beckenschmerzen mit diskrepantem Basisbefund
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Cystitis (IC/BPS). (AWMF-Registernummer: 043-050), September 2024 Kurzfassung Langfassung
- Clemens JQ, Erickson DR, Varela NP, Lai HH. Diagnosis and Treatment of Interstitial Cystitis/Bladder Pain Syndrome. J Urol. 2022;208(1):34-42. https://doi.org/10.1097/JU.0000000000002756
- European Association of Urology. EAU Guidelines on Chronic Pelvic Pain. 2026. https://uroweb.org/guidelines/chronic-pelvic-pain