Harnsteine (Urolithiasis) – Metaphylaxe bei Xanthinsteinen
Therapieziel
- Vermeidung von Steinrezidiven und xanthinbedingten Nierenschäden
Therapieempfehlungen
Hinweis: Xanthinsteine sind seltene, jedoch mit einem hohen Rezidivrisiko verbundene Harnsteine. Die hereditäre Xanthinurie wird autosomal-rezessiv vererbt. Ursächlich sind pathogene Varianten des Xanthindehydrogenase-Gens (XDH; Xanthinurie Typ I) oder des Molybdän-Cofaktor-Sulfurase-Gens (MOCOS; Xanthinurie Typ II). Durch die fehlende beziehungsweise stark verminderte Aktivität der Xanthinoxidoreduktase wird Xanthin nicht ausreichend zu Harnsäure umgewandelt. Typische Befunde sind ein erniedrigter Harnsäurespiegel im Serum, eine verminderte Harnsäureausscheidung sowie erhöhte Xanthinkonzentrationen im Blut und Urin [1, LL1].
Eine iatrogene Xanthinsteinbildung kann in Einzelfällen unter Allopurinol auftreten, insbesondere bei hoher Purinproduktion beziehungsweise hohem Purinumsatz. Durch die Hemmung der Xanthinoxidoreduktase steigt die Konzentration des schlecht löslichen Xanthins im Urin [1, 2]. Allopurinol beziehungsweise Oxypurinol können zudem selbst Bestandteile medikamenteninduzierter Harnsteine sein; deshalb ist eine zuverlässige Steinanalyse erforderlich [LL1].
Ernährungstherapie und Harnverdünnung
- Flüssigkeitszufuhr: großzügige, gleichmäßig über den Tag verteilte Flüssigkeitszufuhr, vorzugsweise Wasser. In der Regel sind 2,5-3,0 l/d erforderlich; bei erhöhten Flüssigkeitsverlusten entsprechend mehr. Zielwerte sind ein 24-Stunden-Urinvolumen > 2,5 l und eine Urindichte < 1,010 [LL1].
- Bei Herzinsuffizienz, fortgeschrittener Niereninsuffizienz oder anderen Erkrankungen mit notwendiger Flüssigkeitsrestriktion ist die Trinkmenge individuell festzulegen.
- Purinarme Ernährung: Einschränkung purinreicher Lebensmittel und Vermeidung einer übermäßigen Zufuhr tierischer Proteine. Die verminderte Purinzufuhr reduziert die Xanthinbildung und das Risiko einer spontanen Xanthinkristallisation im Urin [LL1].
Wirkstoffe beziehungsweise Maßnahmen der Metaphylaxe
- Hereditäre Xanthinurie: Eine etablierte medikamentöse Metaphylaxe steht nicht zur Verfügung [LL1].
- Allopurinol, Febuxostat oder andere Xanthinoxidoreduktasehemmer sind zur Metaphylaxe von Xanthinsteinen nicht geeignet.
- Eine routinemäßige medikamentöse Harnalkalisierung mit Alkalicitraten oder Natriumhydrogencarbonat ist für Xanthinsteine nicht leitlinienbasiert etabliert und kann daher nicht generell empfohlen werden [LL1].
- Theobromin und dessen Metaboliten hemmten die Xanthinkristallisation in vitro. Klinische Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweise fehlen; eine therapeutische Anwendung kann derzeit nicht empfohlen werden [3].
- Iatrogene Xanthinsteinbildung unter Allopurinol: zeitnahe Überprüfung von Indikation und Dosierung. Abhängig von der Grunderkrankung sind unter fachärztlicher Kontrolle eine Dosisreduktion, eine Therapieunterbrechung oder eine alternative Behandlung zu prüfen [1, 2].
- Ein Wechsel von Allopurinol auf Febuxostat stellt wegen der ebenfalls bestehenden Hemmung der Xanthinoxidoreduktase keine etablierte ursächliche Metaphylaxe dar.
- Bei Erkrankungen mit stark erhöhter Purinproduktion, insbesondere HPRT1-assoziierten Erkrankungen oder Tumorlysesyndrom, muss die Therapie anhand der Grunderkrankung und der Purinmetaboliten individuell festgelegt werden.
Verlaufskontrolle
- Xanthinsteinbildner gelten als Hochrisikopatienten und benötigen eine spezifische metabolische Abklärung sowie regelmäßige urologische beziehungsweise nephrologische Verlaufskontrollen [LL1].
- Kontrolle von Nierenfunktion, Harnsäure im Serum, Urinvolumen, Urindichte und bei Verfügbarkeit der Xanthinausscheidung; die Kontrollintervalle sind wegen der Seltenheit der Erkrankung individuell festzulegen.
- Nachweis oder Ausschluss von Rest- beziehungsweise Rezidivsteinen mittels geeigneter Bildgebung. Xanthinsteine sind im konventionellen Röntgenbild nicht sichtbar, können jedoch durch Sonographie oder native Computertomographie erfasst werden [LL1].
Literatur
- Sekine M, Okamoto K, Ichida K: Association of Mutations Identified in Xanthinuria with the Function and Inhibition Mechanism of Xanthine Oxidoreductase. Biomedicines. 2021;9(11):1723. doi: 10.3390/biomedicines9111723
- Shields LBE, Peppas DS, Rosenberg E: Xanthine calculi in a patient with Lesch-Nyhan syndrome and factor V Leiden treated with allopurinol: case report. BMC Pediatr. 2018;18(1):231. doi: 10.1186/s12887-018-1197-5
- Grases F, Costa-Bauza A, Roig J, Rodriguez A: Xanthine urolithiasis: Inhibitors of xanthine crystallization. PLoS One. 2018;13(8):e0198881. doi: 10.1371/journal.pone.0198881
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Urolithiasis. Limited Update March 2026. Leitlinienseite Langfassung [LL1]