Natrium

Natrium ist das wichtigste Kation des Extrazellulärraums (Raum außerhalb der Zellen) und ein zentraler Laborparameter der Wasser- und Osmoregulation (Regulation des Wasser- und Salzhaushalts). In der klinischen Labordiagnostik dient die Bestimmung von Natrium vor allem der Abklärung von Hyponatriämie (zu niedrigem Natriumwert), Hypernatriämie (zu hohem Natriumwert) und Störungen des Wasserhaushalts. Die Serum-/Plasma-Natriumkonzentration spiegelt dabei primär das Verhältnis von Wasser zu austauschbarem Natrium und Kalium wider und ist daher stets zusammen mit Klinik, Volumenstatus, Serumosmolalität, Urinosmolalität und Urin-Natrium zu interpretieren [1-4].

Synonyme

  • Natrium
  • Serum-Natrium
  • Plasma-Natrium
  • Na
  • Sodium

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum oder Heparinplasma
  • Spontanurin oder 24-h-Urin, je nach Fragestellung
  • Bei Akutsituationen ggf. Vollblut im Rahmen einer Blutgasanalyse

Vorbereitung des Patienten

  • Für die Serum-/Plasmabestimmung in der Regel keine spezielle Vorbereitung erforderlich
  • Für Urinuntersuchungen sollten Diuretikatherapie, Infusionsbehandlung und Flüssigkeitszufuhr bei der Interpretation berücksichtigt werden
  • Bei 24-h-Urin ist eine vollständige Sammelperiode erforderlich

Störfaktoren

  • Pseudohyponatriämie bei indirekter ionenselektiver Elektrode bei ausgeprägter Hyperlipidämie (erhöhten Blutfetten) oder Hyperproteinämie (erhöhten Eiweißwerten im Blut)
  • Präanalytische Verdünnung durch Blutentnahme aus Infusionsnähe
  • Methodenunterschiede zwischen direkter und indirekter ionenselektiver Elektrode
  • Für Urin-Natrium starke Abhängigkeit von Kochsalzzufuhr, Volumenstatus und Diuretikatherapie

Methode

  • Routinemäßig Bestimmung mittels ionenselektiver Elektrode
  • Im Zentrallabor meist indirekte ionenselektive Elektrode
  • In Blutgasanalysatoren direkte ionenselektive Elektrode

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe Referenzbereich
Serum/Plasma, Erwachsene 135-145 mmol/l
Serum/Plasma, Kinder > 1 Jahr meist 135-145 mmol/l
Serum/Plasma, Säuglinge alters- und laborabhängig
Urin, 24 h stark zufuhrabhängig; orientierend etwa 40-220 mmol/24 h

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen 

  • Verdacht auf Störungen des Wasserhaushalts
  • Abklärung von Hyponatriämie oder Hypernatriämie
  • Polyurie/Polydipsie (vermehrtes Wasserlassen/vermehrter Durst)
  • Verwirrtheit, Somnolenz (Schläfrigkeit), Krampfanfälle oder Koma unklarer Genese (unklarer Ursache)
  • Monitoring bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Leberzirrhose (Vernarbung der Leber), nephrotischem Syndrom und Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
  • Kontrolle unter Diuretika (Entwässerungsmitteln), Desmopressin, Antidepressiva, Antiepileptika oder Infusionstherapie

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Hypernatriämie beruht meist auf Wasserverlust bei relativem Natriumüberschuss [1, 3, 4]
    • Extrarenale Verluste: Diarrhoe (Durchfall), Erbrechen, Fieber, Schwitzen, Verbrennungen [1, 3, 4]
    • Renale Verluste: osmotische Diurese, Diuretika, zentraler Diabetes insipidus (Störung des Wasserhaushalts durch Hormonmangel), renaler Diabetes insipidus (Störung des Wasserhaushalts durch fehlende Hormonwirkung an der Niere) [1, 3, 4]
    • Natriumzufuhr/Natriumbelastung: hypertones Natriumchlorid, Natriumbicarbonat, selten Salzintoxikation (Salzvergiftung) oder Mineralocorticoidexzess [1, 3, 4]
  • Erniedrigte Werte
    • Hyponatriämie muss zunächst nach Tonicität und Volumenstatus eingeordnet werden [1-4]
    • Hypotone hypovolämische Hyponatriämie: gastrointestinale Verluste, kutane Verluste (Verluste über die Haut), Diuretika, primäre Nebenniereninsuffizienz (Nebennierenschwäche), renale Salzverluste [1-4]
    • Hypotone euvolämische Hyponatriämie: Syndrom der inadäquaten Antidiurese (SIAD), sekundäre Nebenniereninsuffizienz, Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), primäre Polydipsie (krankhaft gesteigerter Durst), geringe osmotische Zufuhr [1-4]
    • Hypotone hypervolämische Hyponatriämie: Herzinsuffizienz, Leberzirrhose, nephrotisches Syndrom, fortgeschrittene Niereninsuffizienz [1-4]
    • Isoosmolale Hyponatriämie: Pseudohyponatriämie bei Hyperlipidämie oder Hyperproteinämie [3, 5]
    • Hyperosmolale Hyponatriämie: translozierende Hyponatriämie, insbesondere bei Hyperglykämie (erhöhtem Blutzucker) oder Mannitol [1, 3, 4]
  • Spezifische Konstellationen
    • SIAD: erniedrigte Serumosmolalität, unangemessen konzentrierter Urin und meist nicht supprimiertes Urin-Natrium bei klinischer Euvolämie [1-4]
    • Chronische milde Hyponatriämie ist klinisch relevant und kann mit Gangunsicherheit, Stürzen, kognitiven Defiziten und Frakturen (Knochenbrüchen) assoziiert sein [1, 3, 4]
    • Eine zu rasche Korrektur chronischer Hyponatriämie erhöht das Risiko eines osmotischen Demyelinisierungssyndroms [1-4]
  • Medikamente
    • Gut belegt als Auslöser einer Hyponatriämie sind vor allem Thiazid-/thiazidartige Diuretika, Antidepressiva, Antipsychotika, Antiepileptika und Desmopressin [2, 6-11]
    • ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker sind deutlich seltener beteiligt; ein Signal besteht vor allem zu Therapiebeginn, die Assoziation ist insgesamt wesentlich schwächer als bei Thiaziden [6, 7]
    • Analgetika (Schmerzmittel)
      • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) können eine Hyponatriämie begünstigen, insbesondere bei gleichzeitiger SIAD-Konstellation, Volumendepletion oder unter Desmopressin; die Evidenz ist jedoch schwächer als für Thiazide oder Antidepressiva [6, 12]
      • Opioide sind als mögliche Auslöser beschrieben, meist über SIAD-ähnliche Mechanismen oder im Zusammenspiel mit weiteren Risikofaktoren [6, 12]
    • Antidepressiva
      • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Venlafaxin sind am stärksten mit Hyponatriämie assoziiert [8-10]
      • Mirtazapin weist im Vergleich dazu ein geringeres, aber nicht aufgehobenes Risiko auf [8-10]
      • Trizyklische Antidepressiva können ebenfalls beteiligt sein, die Evidenz ist jedoch weniger konsistent als für selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Venlafaxin [8-10]
    • Antiepileptika
      • Besonders gut belegt sind Carbamazepin und Oxcarbazepin; auch Eslicarbazepin ist relevant [6, 11]
      • Für Gabapentin und Topiramat ist die Evidenz deutlich schwächer; sie gelten nicht als klassische Hauptauslöser [6, 11]
    • Antipsychotika
      • Antipsychotika können eine schwere Hyponatriämie auslösen; das Risiko scheint für typische Antipsychotika höher zu sein als für atypische [6, 7]
      • Haloperidol ist als möglicher Auslöser beschrieben, jedoch nicht spezifisch stärker belegt als andere Vertreter der Klasse [6, 7]
    • Diuretika
      • Thiaziddiuretika und thiazidartige Diuretika sind die klinisch wichtigste medikamentöse Ursache der Hyponatriämie [6, 7]
      • Hierzu zählen insbesondere Hydrochlorothiazid, Chlortalidon, Indapamid und Xipamid; das Risiko ist bei älteren Patienten besonders relevant [6, 7]
    • Hormone/Antidiuretika
      • Desmopressin ist ein etablierter Auslöser einer Wasserretention mit Hyponatriämie [2, 6, 12]
      • Vasopressin kann erwartungsgemäß ebenfalls eine Hyponatriämie fördern [2, 6]
      • Oxytocin kann vor allem bei höheren Dosen bzw. größerer freier Wasserzufuhr antidiuretische Effekte mit Hyponatriämie begünstigen, klinisch ist dies jedoch deutlich seltener als bei Desmopressin [6]
    • Zytostatika (Medikamente gegen Krebs)
      • Vor allem Cyclophosphamid ist als Auslöser einer teils schweren Hyponatriämie gut beschrieben [6, 13]
      • Auch Platinverbindungen und Vinca-Alkaloide können im Rahmen von SIAD oder renalen Salzverlusten beteiligt sein [6]
    • Sonstige Stoffe/Substanzen
      • MDMA/Ecstasy ist ein klassischer Auslöser einer akuten Hyponatriämie, insbesondere bei exzessiver Flüssigkeitsaufnahme [6]
      • Für Atovaquon besteht keine belastbare Evidenz als regelhafter Auslöser einer Hyponatriämie; dieser Punkt wurde daher nicht übernommen
      • Für moderne Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid, Gliclazid, Glipizid oder Glimepirid besteht keine belastbare Evidenz als klinisch relevante Standardursache der Hyponatriämie; historisch ist vor allem Chlorpropamid relevant, das heute praktisch keine Rolle mehr spielt [6]
      • Für Clofibrat besteht vor allem historische Evidenz; aufgrund der heutigen geringen klinischen Relevanz wurde es nicht als regulärer Hauptpunkt übernommen [6]
      • Füll-/Quellmittel wie Flohsamen oder Leinsamen sind keine etablierte direkte Arzneimittelursache; problematisch kann allenfalls eine übermäßige freie Wasseraufnahme in Einzelfällen sein
  • Erhöhter Bedarf/erhöhte Verluste
    • Erhöhte Schweißverluste nach schwerer körperlicher Tätigkeit oder Hitzebelastung können Natriumverluste verursachen [4, 14]
    • Gravidität (Schwangerschaft) und Laktation (Stillzeit) führen zu physiologischen Anpassungen des Wasser- und Natriumhaushalts; ein genereller klinisch relevanter „Natriummangel“ ist daraus jedoch nicht regelhaft abzuleiten. Dieser Punkt sollte daher nicht pauschal als Ursache einer Hyponatriämie formuliert werden.
    • Verluste über die Haut, etwa bei ausgedehnten Verbrennungen oder bei Mukoviszidose, können relevante Natriumverluste verursachen [4]

Weiterführende Diagnostik

  • Serumosmolalität
  • Urinosmolalität
  • Urin-Natrium im Spontanurin oder 24-h-Urin
  • Glucose, Harnstoff, Kreatinin, Cystatin C, Kalium, Chlorid, Bicarbonat
  • Cortisol bei Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz
  • TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), ggf. fT4
  • Bei Polyurie/Polydipsie ggf. weitere Abklärung auf Diabetes insipidus, in spezialisierten Zentren auch Copeptin-basierte Diagnostik

Klinische Hinweise

  • Natriumwerte sind nur im klinischen Kontext aussagekräftig
  • Bei Hyponatriämie sind Tonicität, Volumenstatus, Urinosmolalität und Urin-Natrium entscheidend
  • Bei Verdacht auf Pseudohyponatriämie sollte eine Kontrollmessung mit direkter ionenselektiver Elektrode erwogen werden
  • Die Korrektur von Dysnatriämien muss sich an Ursache, Symptomatik und Chronizität orientieren

Literatur

  1. Spasovski G. Hyponatremia - Treatment standard 2024. Nephrol Dial Transplant. 2024;39(10):1583-1592. https://doi.org/10.1093/ndt/gfae162
  2. Yun G, Baek SH, Kim S. Evaluation and management of hypernatremia in adults: clinical perspectives. Korean J Intern Med. 2023;38(3):290-302. https://doi.org/10.3904/kjim.2022.346
  3. Mannheimer B, Salem CB, Skov J et al.: Drug-induced hyponatremia in clinical care. Eur J Intern Med. 2025;139:106359. https://doi.org/10.1016/j.ejim.2025.05.024
  4. Aziz F, Al Tameemi W, Al Mahri S, Al Hinai A, Al Kalbani N, Deleu D et al.: Pseudohyponatremia: Mechanism, Diagnosis, Clinical Associations and Management. J Clin Med. 2023;12(12):4076. https://doi.org/10.3390/jcm12124076
  5. Datta SK, Chopra P. Interference in Ion-Selective Electrodes Due to Proteins and Lipids. J Appl Lab Med. 2022;7(2):589-595. https://doi.org/10.1093/jalm/jfab125
  6. Falhammar H, Calissendorff J, Skov J, Nathanson D, Lindh JD, Mannheimer B. Associations Between Antihypertensive Medications and Severe Hyponatremia: A Swedish Population-Based Case-Control Study. J Clin Endocrinol Metab. 2020;105(10):e3696-e3705. https://doi.org/10.1210/clinem/dgaa194
  7. Andersson NW, Hallas J, Pottegård A, et al. Predicting High Excess Risk of Hyponatremia Among Thiazide Users. Eur J Prev Cardiol. 2025. doi: 10.1093/eurjpc/zwaf474.
  8. Gheysens T, Van Den Eede F, De Picker L. The risk of antidepressant-induced hyponatremia: A meta-analysis of antidepressant classes and compounds. Eur Psychiatry. 2024;67(1):e20. https://doi.org/10.1192/j.eurpsy.2024.11
  9. Norello D, Defazio G, Corona G, Caiulo C, Maggi M, Peri A. Treatment with antidepressant drugs and hyponatremia: a network meta-analysis. J Endocrinol Invest. 2025;48(8):1707-1715. https://doi.org/10.1007/s40618-025-02587-4
  10. Issa I, Svedlund S, Mannheimer B et al.: The association of selective serotonin reuptake inhibitors and venlafaxine with profound hyponatremia. Eur J Endocrinol. 2025;193(1):179-188. https://doi.org/10.1093/ejendo/lvaf140
  11. Intravooth T, Staack AM, Juerges E et al.: Antiepileptic drugs-induced hyponatremia: Review and analysis of 560 hospitalized patients. Epilepsy Res. 2018;143:7-10. doi: 10.1016/j.eplepsyres.2018.03.023
  12. Caputo C, Refardt J, Gubbi S et al.: Medication-Induced Severe Hyponatremia After Elective Vasopressin Challenge Testing: A Case Report and Literature Review. J Clin Endocrinol Metab Case Rep. 2026;4(2):luaf319. https://doi.org/10.1210/jcemcr/luaf319
  13. Clifton K, Cronin L, Pantalone KM. Two Case Reports of Severe Hyponatremia following Cyclophosphamide Infusion in Breast Cancer Patients. Case Rep Endocrinol. 2018;2018:3235947. doi: 10.1111/tbj.13026
  14. EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens (NDA). Dietary reference values for sodium. EFSA J. 2019;17(9):e05778. https://doi.org/10.2903/j.efsa.2019.5778