CRH-Stimulationstest (Corticotropin-Releasing-Hormon)

CRH ist das Corticotropin-Releasing-Hormon, ein hypothalamisches Peptidhormon (Botenstoff des Hypothalamus) und der zentrale physiologische Stimulus der ACTH-Sekretion im Hypophysenvorderlappen (Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse).

In der klinischen Labordiagnostik hat die direkte Bestimmung des endogenen CRH praktisch keine Routinebedeutung. Relevant ist vielmehr der CRH-Stimulationstest mit exogen appliziertem humanem CRH zur funktionellen Beurteilung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (Regelkreis zwischen Zwischenhirn, Hirnanhangsdrüse und Nebennierenrinde) und in ausgewählten Konstellationen zur differentialdiagnostischen Abklärung von Störungen der ACTH-/Cortisol-Sekretion [1-5].

Synonyme

  • CRH
  • Corticotropin-Releasing-Hormon
  • Corticoliberin
  • Corticorelin
  • CRH-Stimulationstest

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • EDTA-Plasma für ACTH
    • Serum oder methodenabhängig Plasma für Cortisol
  • Vorbereitung des Patienten
    • Testdurchführung bevorzugt morgens
    • Ruhige Liegephase vor Testbeginn, üblicherweise 30-60 Minuten
    • Anlage eines venösen Zugangs (Zugang in eine Vene) vor Beginn des Tests
    • Basale Blutentnahme für ACTH und Cortisol unmittelbar vor CRH-Gabe
    • Intravenöse Applikation (Gabe über eine Vene) von 100 µg humanem CRH bei Erwachsenen; bei Kindern gewichtsadaptierte Dosierung
    • Weitere Blutentnahmen für ACTH und Cortisol typischerweise nach 15, 30, 45, 60, 90 und 120 Minuten; je nach lokalem Protokoll sind verkürzte Schemata möglich
    • Interferierende Medikation (beeinflussende Medikamente), insbesondere Glucocorticoide (Kortisonpräparate), ist bei der Befundinterpretation zu berücksichtigen
  • Störfaktoren
    • Stress, Schmerz, körperliche Aktivität, Schlafmangel
    • Zirkadiane Rhythmik (Tag-Nacht-Rhythmus) von ACTH und Cortisol
    • Glucocorticoide und weitere die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse beeinflussende Medikamente
    • Akute schwere Erkrankungen
    • Präanalytik (Phase vor der Laboranalyse) des ACTH: rasche Kühlung, schneller Transport und zügige Verarbeitung erforderlich
    • Methodenabhängige Unterschiede der Cortisol-Assays (Messverfahren); Grenzwerte sind nicht zwischen allen Assays übertragbar
  • Methode
    • Funktionstest nach intravenöser Gabe von humanem CRH
    • ACTH-Bestimmung mittels Immunoassay
    • Cortisol-Bestimmung mittels Immunoassay oder Liquid Chromatography-Tandem-Mass Spectrometry (LC-MS/MS)

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Testkonstellation Referenz-/Orientierungsbereich
ACTH basal Kein einheitlicher universeller Referenzbereich; methoden- und laborabhängig
Cortisol basal (morgens) Kein einheitlicher universeller Referenzbereich; methoden- und laborabhängig
Intakte corticotrope Antwort im CRH-Test ACTH-Anstieg typischerweise mit Gipfel nach 15-30 Minuten, Cortisol-Anstieg typischerweise mit Gipfel nach 30-60 Minuten
Differentialdiagnostik ACTH-abhängiges Cushing-Syndrom In älteren und weiterhin häufig zitierten Protokollen sprechen ein ACTH-Anstieg ≥ 35-50 % und/oder ein Cortisol-Anstieg ≥ 14-20 % nach CRH eher für Morbus Cushing als für ektopes ACTH-Syndrom; assay- und protokollabhängig, nicht als universelle Normwerte zu verstehen.
Abklärung zentraler ACTH-Insuffizienz Keine einheitlichen universellen Cut-offs; aktuelle Daten sprechen dafür, dass insbesondere der 30-Minuten-Cortisolwert assayabhängig interpretiert werden muss.

Normbereiche und Entscheidungsgrenzen sind methoden-, assay- und protokollabhängig [2-6].

Indikationen 

  • Abklärung einer zentralen Nebennierenrindeninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde durch Störung der übergeordneten Steuerung), insbesondere bei Verdacht auf sekundäre oder tertiäre Form
  • Beurteilung der corticotropen Reserve bei hypothalamisch-hypophysären Erkrankungen (Erkrankungen von Hypothalamus und Hirnanhangsdrüse)
  • Differentialdiagnostik des ACTH-abhängigen Cushing-Syndroms in spezialisierten endokrinologischen Settings (hormonmedizinischen Spezialbereichen)
  • Ergänzende funktionelle Diagnostik bei unklaren Konstellationen der ACTH-/Cortisol-Achse

Interpretation

  • Erhöhte bzw. adäquate Reaktion
    • Deutlicher ACTH-Anstieg mit nachfolgendem Cortisol-Anstieg spricht für eine erhaltene corticotrope Funktion
    • Bei ACTH-abhängigem Hypercortisolismus (Cortisolüberschuss) spricht eine stimulierbare ACTH-/Cortisol-Antwort eher für Morbus Cushing als für ein ektopes ACTH-Syndrom, jedoch ohne absolute Trennschärfe
    • Ein verzögerter und prolongierter ACTH-Anstieg kann für eine hypothalamische Ursache sprechen
  • Verminderte bzw. fehlende Reaktion
    • Basal erniedrigtes ACTH/Cortisol ohne ausreichenden ACTH-Anstieg spricht für eine sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz bei hypophysärer Störung (Störung der Hirnanhangsdrüse)
    • ACTH-Anstieg ohne adäquaten Cortisol-Anstieg spricht für eine primäre Nebennierenrindeninsuffizienz oder eine länger bestehende zentrale Insuffizienz mit adrenalem Funktionsverlust (Funktionsverlust der Nebenniere)
    • Fehlende Stimulierbarkeit von ACTH und Cortisol kann bei ausgeprägter hypophysärer Insuffizienz oder bei ACTH-unabhängigem Hypercortisolismus vorkommen
  • Spezifische Konstellationen
    • Der CRH-Test ist kein First-Line-Screeningtest für das Cushing-Syndrom; initial empfohlen sind 24-h-Urin-Cortisol, Late-night-Salivary-Cortisol und/oder 1-mg-Dexamethason-Hemmtest
    • Für die Unterscheidung Morbus Cushing versus ektopes ACTH-Syndrom ist der CRH-Test ein Second-Line-Test; bei unklarer Konstellation bleibt die Katheterisierung der Sinus petrosi inferiores (Untersuchung der unteren Felsenbeinvenen) der Referenzstandard
    • Bei zentraler Nebennierenrindeninsuffizienz muss die Interpretation immer im klinischen Kontext, zusammen mit Basalwerten und oft ergänzend mit Synacthen-Test bzw. Insulin-Hypoglykämie-Test (Unterzuckerungstest) erfolgen

Typische Fallkonstellationen

Konstellation Basales ACTH Basales Cortisol Reaktion im CRH-Test Typische Interpretation
Intakte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse Im Referenzbereich Im Referenzbereich ACTH-Anstieg früh, Cortisol-Anstieg nachfolgend Normale corticotrope Reserve
Sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz (hypophysär) Erniedrigt/inadäquat normal Erniedrigt Kein oder nur geringer ACTH-Anstieg, entsprechend keine/geringe Cortisolantwort Hypophysärer ACTH-Mangel
Tertiäre Nebennierenrindeninsuffizienz (hypothalamisch) Erniedrigt/inadäquat normal Erniedrigt ACTH-Antwort oft verzögert und prolongiert; Cortisolantwort variabel Hypothalamische Störung wahrscheinlich
Primäre Nebennierenrindeninsuffizienz Erhöht Erniedrigt ACTH kann weiter ansteigen, Cortisol bleibt unzureichend Adrenale Ursache (Ursache in der Nebenniere)
ACTH-abhängiges Cushing-Syndrom durch Morbus Cushing Normal bis erhöht Erhöht ACTH-/Cortisol-Anstieg nach CRH typischer als bei ektoper ACTH-Sekretion Pituitäre Ursache (Ursache in der Hirnanhangsdrüse) wahrscheinlicher
ACTH-abhängiges Cushing-Syndrom durch ektopes ACTH Meist erhöht Erhöht Häufig keine oder nur geringe Reaktion; Überlappungen möglich Ektope Quelle (außerhalb der Hirnanhangsdrüse) wahrscheinlicher
ACTH-unabhängiges Cushing-Syndrom Supprimiert Erhöht Keine diagnostisch relevante ACTH-Stimulation; Cortisol autonom Adrenaler Hypercortisolismus

Weiterführende Diagnostik

  • ACTH basal im EDTA-Plasma
  • Cortisol basal, ggf. Tagesprofil
  • 1-mg-Dexamethason-Hemmtest
  • Late-night-Salivary-Cortisol
  • 24-h-Urin-Cortisol
  • Synacthen-Test
  • Insulin-Hypoglykämie-Test in spezialisierten Zentren
  • Magnetresonanztomographie (MRT) der Hypophyse
  • Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) der Nebennieren
  • Katheterisierung der Sinus petrosi inferiores bei unklarer ACTH-abhängigen Konstellation

Laboralgorithmus bei Verdacht auf Cushing-Syndrom

Schritt Fragestellung Empfohlenes Vorgehen Konsequenz
1 Besteht ein klinischer Verdacht auf endogenen Hypercortisolismus? Anamnese (Krankengeschichte), klinische Zeichen, Ausschluss exogener Glucocorticoidzufuhr (äußerlich zugeführter Kortisongabe) Nur bei begründetem Verdacht biochemische Abklärung
2 Liegt biochemisch ein Hypercortisolismus vor? First-Line-Testung mit 1-mg-Dexamethason-Hemmtest und/oder Late-night-Salivary-Cortisol und/oder 24-h-Urin-Cortisol Bei mindestens zwei pathologischen Befunden Bestätigung des Hypercortisolismus
3 Ist das Cushing-Syndrom ACTH-abhängig oder ACTH-unabhängig? Basales ACTH Supprimiertes ACTH spricht für ACTH-unabhängige, nicht supprimiertes/erhöhtes ACTH für ACTH-abhängige Form
4A ACTH-unabhängiges Cushing-Syndrom Adrenale Bildgebung (Bildgebung der Nebennieren) Abklärung von Adenom, Karzinom oder bilateraler Hyperplasie (beidseitiger Vergrößerung)
4B ACTH-abhängiges Cushing-Syndrom CRH-Test und/oder Hochdosis-Dexamethason-Test in spezialisierten Zentren Pituitäre Ursache wahrscheinlicher bei stimulierbarer Antwort, ektope Ursache wahrscheinlicher bei fehlender Antwort
5 Bleibt die Zuordnung unklar? Katheterisierung der Sinus petrosi inferiores Referenzmethode zur Unterscheidung pituitär versus ektop

Besonderheiten der aktuellen Bewertung

  • Der vorgelegte Ausgangstext wurde inhaltlich aktualisiert: Die direkte CRH-Bestimmung ist kein Routine-Laborparameter; klinisch relevant ist der CRH-Stimulationstest [1-5].
  • Die frühere Angabe „Störfaktoren: keine bekannt“ ist nicht haltbar; Präanalytik, Stress, Tageszeit und Assay-Unterschiede sind relevant [2-6].
  • Feste universelle Referenzbereiche für die dynamische Testantwort existieren nicht; die Interpretation muss assay- und protokollspezifisch erfolgen [2-6].
  • Für die Cushing-Diagnostik ist der CRH-Test heute ein Second-Line-Test und nicht die primäre Screeninguntersuchung [1, 2, 4].

Literatur

  1. Nieman LK, Biller BMK, Findling JW, Newell-Price J, Savage MO, Stewart PM, Montori VM. The diagnosis of Cushing's syndrome: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2008;93(5):1526-1540. https://doi.org/10.1210/jc.2008-0125
  2. Fleseriu M, Auchus R, Bancos I, Ben-Shlomo A, Bertherat J, Biermasz NR, Boguszewski CL, Bronstein MD, Buchfelder M, Carmichael JD, et al. Consensus on diagnosis and management of Cushing's disease: a guideline update. Lancet Diabetes Endocrinol. 2021;9(12):847-875. https://doi.org/10.1016/S2213-8587(21)00235-7
  3. Bornstein SR, Allolio B, Arlt W, Barthel A, Don-Wauchope A, Hammer GD, Husebye ES, Merke DP, Murad MH, Stratakis CA, Torpy DJ. Diagnosis and treatment of primary adrenal insufficiency: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2016;101(2):364-389. https://doi.org/10.1210/jc.2015-1710
  4. Ritzel K, Beuschlein F, Berr CM, Osswald A, Reisch N, Bidlingmaier M, Schneider HJ, Reincke M. ACTH after 15 min distinguishes between Cushing's disease and ectopic Cushing's syndrome: a proposal for a short and simple CRH test. Eur J Endocrinol. 2015;173(2):197-204. https://doi.org/10.1530/EJE-14-0912
  5. Newell-Price J, Morris DG, Drake WM, Korbonits M, Monson JP, Besser GM, Grossman AB. Optimal response criteria for the human CRH test in the differential diagnosis of ACTH-dependent Cushing's syndrome. J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(4):1640-1645. https://doi.org/10.1210/jcem.87.4.8357
  6. Izuchi T, Iwama S, Yamagami K, Kobayashi H, Suzuki K, Murase T, Ando T, Murasawa A, Mukai K, Takagi H, et al. Defining a serum cortisol cutoff level post-CRH stimulation for diagnosing ACTH deficiency: a retrospective study validated by a nationwide registry. Front Endocrinol (Lausanne). 2026;17:1741709. https://doi.org/10.3389/fendo.2026.1741709