Vanillinmandelsäure (Urin)
Vanillinmandelsäure im Urin ist ein terminaler Metabolit (Endprodukt eines Abbauprozesses) des Katecholaminstoffwechsels (Abbau von Stresshormonen). Sie entsteht vor allem aus Adrenalin (Stresshormon) und Noradrenalin (Stresshormon) über Metanephrin, Normetanephrin und weitere Aldehyd- beziehungsweise Säuremetabolite. In der klinischen Labordiagnostik wird Vanillinmandelsäure im Urin heute vor allem als Bestandteil der Katecholaminmetabolit-Diagnostik bei Neuroblastom (Tumor des Nervengewebes) eingesetzt. Bei Verdacht auf Phäochromozytom (Tumor des Nebennierenmarks) oder Paragangliom (Tumor von Nervenknoten) ist Vanillinmandelsäure wegen geringerer diagnostischer Sensitivität (Empfindlichkeit eines Tests) nicht mehr der bevorzugte Primärparameter; leitliniengerecht werden hier freie Plasma-Metanephrine oder fraktionierte Urin-Metanephrine verwendet.
Synonyme
- Vanilmandelsäure
- Vanillylmandelsäure
- Vanillylmandelic acid
- VMA
- 4-Hydroxy-3-methoxymandelsäure
- 4-Hydroxy-3-methoxymandelic acid
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- 24-Stunden-Sammelurin, angesäuert oder nach laborinternem Stabilisierungsschema
- Spontanurin beziehungsweise Morgenurin mit Bezug auf Kreatinin, insbesondere in der pädiatrischen Diagnostik (Untersuchung von Kindern), sofern methodisch validiert
- Parallelbestimmung von Homovanillinsäure (HVA), insbesondere bei Verdacht auf Neuroblastom
- Urin-Kreatinin zur Plausibilitätskontrolle der Sammelmenge beziehungsweise zur Kreatinin-Normierung bei Spontanurin
- Vorbereitung des Patienten
- Beachtung der labor- und methodenspezifischen Vorgaben zu Diät (Ernährung) und Medikation (Arzneimitteleinnahme); diätetische Einschränkungen sind insbesondere bei älteren oder interferenzanfälligen Verfahren relevant.
- Bei diätetischer Vorgabe durch das Labor: Verzicht auf potenziell interferierende Nahrungsmittel 48-72 h vor und während der Urinsammlung, insbesondere Vanille, Bananen, Schokolade, Kakao, Kaffee, Tee und Nüsse
- Vermeidung starker körperlicher Belastung und ausgeprägter Stresssituationen vor und während der Sammelperiode
- Dokumentation der Medikation, insbesondere Sympathomimetika (anregende Medikamente des Stressnervensystems), L-Dopa, trizyklische Antidepressiva, Monoaminoxidase-Hemmer, Labetalol, Paracetamol und anderen potenziell methodenabhängig interferierenden Substanzen
- Medikamente nur nach ärztlicher Rücksprache pausieren; eine unkritische Medikamentenpause ist nicht zulässig.
- Störfaktoren
- Präanalytische Störfaktoren
- Unvollständige 24-Stunden-Urinsammlung
- Fehlende oder unzureichende Ansäuerung beziehungsweise Stabilisierung des Sammelurins, abhängig vom Laborverfahren
- Fehlerhafte Lagerung, insbesondere längere ungekühlte Lagerung
- Fehlende Dokumentation von Sammelmenge, Sammelzeit und Kreatinin-Ausscheidung
- Diätfehler mit Aufnahme potenziell interferierender Lebensmittel, sofern das jeweilige Laborverfahren hierfür anfällig ist
- Analytische und klinische Störfaktoren
- Medikamenteninterferenzen, insbesondere bei chromatographischen und älteren photometrischen Verfahren
- Akuter Stress, Schmerz, schwere Erkrankung, hypertensive Krise (Blutdruckkrise) und intensive körperliche Aktivität
- Nierenfunktionsstörungen (Störungen der Nierenleistung) mit veränderter renaler Ausscheidung
- Methodenabhängige Interferenzen durch strukturell verwandte phenolische Säuren
- Präanalytische Störfaktoren
- Methode
- Bevorzugt Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) mit elektrochemischer Detektion oder tandem-massenspektrometrischer Detektion
- Flüssigchromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) mit gleichzeitiger Bestimmung von Homovanillinsäure und Vanillinmandelsäure, insbesondere in spezialisierten Laboren
- Ältere Farbreaktionen, z. B. nach Goldbarg und Parekh, sind wegen geringerer analytischer Spezifität (Treffsicherheit eines Tests) obsolet.
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Material | Referenzbereich |
|---|---|
| Erwachsene, 24-Stunden-Sammelurin | Ca. < 8 mg/24 h, methoden- und laborabhängig |
| Kinder, 24-Stunden-Sammelurin | Altersabhängig; Bewertung ausschließlich mit alters- und methodenspezifischen Referenzbereichen |
| Kinder, Spontanurin/Morgenurin | Kreatininbezogene Referenzbereiche, altersabhängig und laborabhängig |
| Verlaufskontrolle bei Neuroblastom | Bewertung als Dynamik im Verlauf; identische Methode und möglichst identische Probenart erforderlich |
Normbereiche sind methoden-, alters- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Biochemische Zusatzdiagnostik bei Verdacht auf Neuroblastom, insbesondere zusammen mit Homovanillinsäure
- Verlaufskontrolle bei Neuroblastom, insbesondere bei initial erhöhter Vanillinmandelsäure und/oder Homovanillinsäure
- Therapie- und Rezidivmonitoring (Kontrolle auf Wiederauftreten) bei neuroblastischen Tumoren, sofern der Tumor catecholaminmetabolit-positiv war
- Ergänzende Diagnostik bei Ganglioneuroblastom (Tumor aus Nervenknotengewebe) oder Ganglioneurom (gutartiger Tumor aus Nervenknotengewebe)
- Nicht mehr bevorzugte Primärdiagnostik bei Verdacht auf Phäochromozytom oder Paragangliom; hier sind freie Plasma-Metanephrine oder fraktionierte Urin-Metanephrine leitliniengerecht vorrangig
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Neuroblastom, insbesondere bei gleichzeitiger Erhöhung von Homovanillinsäure
- Ganglioneuroblastom
- Ganglioneurom, seltener und meist mit geringerer Ausprägung
- Phäochromozytom oder sympathisches Paragangliom, jedoch mit geringerer diagnostischer Sensitivität als Metanephrin-/Normetanephrin-Diagnostik
- Akute sympathoadrenerge Aktivierung (Aktivierung des Stressnervensystems), z. B. Stress, Schmerz, schwere Erkrankung oder hypertensive Krise
- Diät- oder Medikamenteninterferenz, insbesondere bei nicht eingehaltenen präanalytischen Vorgaben oder methodenabhängig interferenzanfälligen Verfahren
- Erniedrigte Werte
- In der Regel keine eigenständige klinische Relevanz
- Im Verlauf eines catecholaminmetabolit-positiven Neuroblastoms kann ein Abfall unter Therapie einen Therapieeffekt anzeigen; die Interpretation muss immer im Gesamtkontext von Bildgebung, Klinik und weiteren Tumormarkern erfolgen.
- Spezifische Konstellationen
- Verdacht auf Neuroblastom
- Vanillinmandelsäure sollte nicht isoliert interpretiert werden, sondern zusammen mit Homovanillinsäure und idealerweise weiteren Katecholaminmetaboliten.
- Erweiterte Katecholaminmetaboliten-Panels, insbesondere unter Einschluss von 3-Methoxytyramin und weiteren Dopamin-/Noradrenalinmetaboliten, können die diagnostische Sensitivität gegenüber alleiniger Vanillinmandelsäure-/Homovanillinsäure-Bestimmung erhöhen.
- Eine normale Vanillinmandelsäure schließt ein Neuroblastom nicht sicher aus.
- Bei klinisch hohem Verdacht sind Bildgebung, Histopathologie (Gewebeuntersuchung) und molekulare Risikostratifizierung (Einteilung des Risikos anhand biologischer Merkmale) entscheidend.
- Verdacht auf Phäochromozytom oder Paragangliom
- Vanillinmandelsäure ist wegen niedrigerer Sensitivität kein geeigneter alleiniger Ausschlusstest.
- Primärdiagnostik sind freie Plasma-Metanephrine oder fraktionierte Urin-Metanephrine.
- Bildgebung sollte erst nach klarer biochemischer Evidenz (Nachweis durch Stoffwechselwerte) erfolgen, sofern keine Notfallsituation oder hochgradig verdächtige Raumforderung (Gewebevergrößerung) vorliegt.
- Verlaufskontrolle
- Verlaufskontrollen sollten mit gleicher Methode, gleicher Probenart und möglichst identischen präanalytischen Bedingungen erfolgen.
- Ein isolierter Grenzwertbefund sollte vor invasiver Diagnostik (eingreifender Untersuchung) kontrolliert und auf Störfaktoren geprüft werden.
- Verdacht auf Neuroblastom
Weiterführende Diagnostik
- Homovanillinsäure im Urin, insbesondere bei Verdacht auf Neuroblastom
- 3-Methoxytyramin im Plasma oder Urin, insbesondere bei dopaminproduzierenden Tumoren und erweiterter neuroblastischer Diagnostik
- Erweiterte Katecholaminmetaboliten-Panels im Urin, insbesondere bei Verdacht auf Neuroblastom und nicht eindeutiger Vanillinmandelsäure-/Homovanillinsäure-Konstellation
- Freie Plasma-Metanephrine, insbesondere Metanephrin und Normetanephrin
- Fraktionierte Urin-Metanephrine im 24-Stunden-Sammelurin
- Chromogranin A im Plasma nur kontextabhängig und unter Beachtung relevanter Störfaktoren, insbesondere Protonenpumpenhemmer und Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
- Bildgebung bei Neuroblastomverdacht: Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane), Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT) und MIBG-Szintigraphie beziehungsweise nuklearmedizinische Verfahren nach onkologischem Standard
- Bildgebung bei Phäochromozytom/Paragangliom: Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) nach biochemischer Sicherung; funktionelle Bildgebung in Abhängigkeit von Tumorlokalisation, Metastasierungsrisiko (Risiko für Tochtergeschwülste) und geplanter Therapie
- Histopathologie und molekulare Tumordiagnostik nach Tumorgewinnung bei Neuroblastom
- Genetische Diagnostik (Untersuchung der Erbanlagen) bei Phäochromozytom/Paragangliom nach leitliniengerechter Indikationsstellung
Literatur
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- Eisenhofer G, Peitzsch M, Bechmann N, Huebner A.: Biochemical Diagnosis of Catecholamine-Producing Tumors of Childhood: Neuroblastoma, Pheochromocytoma and Paraganglioma. Front Endocrinol. 2022;13:901760. https://doi.org/10.3389/fendo.2022.901760
Leitlinien
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- Tanabe A, Katabami T, Hashimoto S, Izawa S, Ichijo T, Otsuki M et al.: Japan Endocrine Society Clinical Practice Guideline for the Diagnosis and Management of Pheochromocytoma and Paraganglioma 2025. Endocr J. 2026;73(1):1-65. https://doi.org/10.1507/endocrj.EJ25-0165
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