RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus) – Einleitung
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV; RS-Virus) (ICD-10-GM u. a. J21.0, B97.4) ist ein weltweit verbreiteter Erreger akuter Infektionen der oberen und unteren Atemwege. RSV stellt die häufigste Ursache schwerer unterer Atemwegsinfektionen bei Säuglingen und Kleinkindern dar und ist zudem ein klinisch relevanter Erreger bei älteren Erwachsenen sowie bei Patienten mit kardio-pulmonalen Grunderkrankungen (Herz- und Lungenerkrankungen) oder Immunsuppression (geschwächtes Immunsystem) [1-3, 5].
RSV-Infektionen treten saisonal gehäuft auf und können klinisch von milden Erkältungssymptomen bis zu schweren, hospitalisations- und beatmungspflichtigen Verläufen (v. a. Bronchiolitis (Entzündung der kleinen Atemwege) und Pneumonie (Lungenentzündung)) reichen [1, 3, 5].
Erreger und Übertragung
Das Respiratorische Synzytial-Virus ist ein einzelsträngiges, negativ orientiertes, unsegmentiertes RNA-Virus aus der Familie der Pneumoviridae (Genus Orthopneumovirus). Das etwa 15 Kilobasen große Genom kodiert für 10 Gene. RSV besitzt eine doppelschichtige Lipidhülle mit eingelagerten Glykoproteinen, insbesondere dem Fusions-(F-)Protein und dem Adhäsions-(G-)Protein, die eine zentrale Rolle für Zellbindung, Membranfusion und Pathogenität (Fähigkeit, eine Krankheit auszulösen) spielen [5].
Es existieren zwei antigenetisch unterschiedliche Hauptgruppen (RSV A und RSV B), die sich vor allem in der Struktur des G-Proteins unterscheiden. Beide Gruppen zirkulieren gleichzeitig, wobei RSV A in den meisten Saisons dominiert [5].
Die Übertragung erfolgt primär durch Tröpfcheninfektion sowie durch direkten Kontakt mit respiratorischen Sekreten (Atemwegssekrete). Zusätzlich ist eine indirekte Übertragung über kontaminierte Hände, Gegenstände und Oberflächen möglich. Eintrittspforten sind die Schleimhäute der oberen Atemwege und die Konjunktiven (Bindehaut der Augen) [5].
Vorkommen
RSV ist weltweit verbreitet und betrifft alle Altersgruppen. Die Krankheitslast ist besonders hoch bei Säuglingen und Kleinkindern. Global werden jährlich hohe Inzidenzen RSV-assoziierter akuter unterer Atemwegserkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren beobachtet, mit erheblicher Morbidität (Krankheitsbelastung) und Hospitalisationsrate (Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten) [1, 2].
Auch bei älteren Erwachsenen verursacht RSV relevante Erkrankungen der unteren Atemwege und ist mit erhöhter Hospitalisations- und Mortalitätsrate (Sterblichkeit) assoziiert, insbesondere bei bestehenden Grunderkrankungen [4, 5].
Saisonale Häufung
In gemäßigten Klimazonen tritt RSV saisonal gehäuft im Winterhalbjahr auf. In Deutschland liegt die RSV-Saison typischerweise zwischen November/Dezember und März/April, mit einem Gipfel meist im Januar oder Februar. Die saisonale Dynamik kann interindividuell und regional variieren [1].
Charakteristische Laborbefunde
- Erregernachweis: Direkter Virusnachweis aus respiratorischem Material (z. B. Nasopharynxabstrich (Nasenrachenabstrich)/-aspirat) mittels Nukleinsäureamplifikation (PCR) gilt als diagnostischer Goldstandard [5].
- Antigen-Nachweis: Schnelltests sind verfügbar, weisen jedoch eine geringere Sensitivität im Vergleich zur PCR auf und sind kontextabhängig zu interpretieren [5].
- Entzündungsparameter: C-reaktives Protein und Procalcitonin sind bei unkomplizierten RSV-Infektionen meistens niedrig bis moderat erhöht; deutlich erhöhte Werte sprechen eher für bakterielle Koinfektionen (zusätzliche bakterielle Infektionen) [5].
- Blutbild: Unspezifisch; möglich sind normale Befunde oder milde Leukozytose/Leukopenie (Veränderung der weißen Blutkörperchen) [5].
Die Labordiagnostik dient primär dem Erregernachweis sowie der Abgrenzung von bakteriellen Koinfektionen und der Verlaufsbeurteilung bei schweren Verläufen [5].
Formen der RSV-Infektion
- Infektion der oberen Atemwege: Rhinitis (Schnupfen), Pharyngitis (Rachenentzündung), Husten, ggf. Fieber; häufig milde Verläufe, insbesondere bei älteren Kindern und Erwachsenen [5].
- Bronchiolitis: Typisch im Säuglings- und Kleinkindalter; Leitsymptome sind Tachypnoe (beschleunigte Atmung), Einziehungen, Giemen und Trinkschwäche; häufigste Ursache RSV-bedingter Hospitalisationen im frühen Kindesalter [1-3].
- Pneumonie/untere Atemwegsinfektion: Schwere Verläufe mit Hypoxie (Sauerstoffmangel), Apnoen (Atempausen) (v. a. bei jungen Säuglingen und Frühgeborenen) sowie Beatmungspflicht möglich; auch klinisch relevant bei älteren Erwachsenen [4, 5].
Epidemiologie
Mensch-zu-Mensch-Übertragung: Ja.
Inkubationszeit: 2-8 Tage (durchschnittlich etwa 5 Tage) [5].
Häufigkeitsgipfel: Höchste Krankheitslast bei Säuglingen und Kleinkindern; schwere Verläufe bei Kindern häufiger bei Jungen als bei Mädchen. Bei Erwachsenen zunehmende Relevanz mit steigendem Alter und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) [1, 3-5].
Inzidenz:
- Weltweit hohe Inzidenz RSV-assoziierter akuter unterer Atemwegserkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren [1, 2].
- Klinisch relevante Krankheitslast auch bei älteren Erwachsenen mit erhöhter Hospitalisationsrate [4, 5].
Infektionsepidemiologie
Erreger: Respiratorisches Synzytial-Virus [5].
Erregerreservoir: Mensch [5].
Vorkommen: Weltweit; saisonale Häufung in gemäßigten Breiten [1].
Mensch-zu-Mensch-Übertragung: Ja, ohne Vektor [5].
Kontagiosität: Hoch; auch nosokomial bedeutsam, insbesondere bei Frühgeborenen und immunsupprimierten Patienten [5].
Übertragungsweg: Tröpfchen- und Kontaktinfektion; indirekte Übertragung über kontaminierte Oberflächen möglich [5].
Eintrittspforte: Schleimhäute der oberen Atemwege und Konjunktiven [5].
Krankheitsdauer: Meist 5-10 Tage, bei schweren unteren Atemwegsinfektionen verlängert [1, 3].
Dauer der Infektiosität: Variabel; bei Säuglingen und immunsupprimierten Patienten verlängerte Virusausscheidung möglich [5].
Seroprävalenz: Sehr hoch; bis zum Ende des 2. Lebensjahres haben nahezu alle Kinder mindestens eine RSV-Infektion durchgemacht. Reinfektionen sind häufig [3, 5].
Erregerspezifische Immunität: Unvollständig; keine dauerhafte sterile Immunität [5].
Verlauf und Prognose
Verlauf
- Der klinische Verlauf reicht von asymptomatischen oder milden Infektionen bis zu schweren Erkrankungen der unteren Atemwege.
- Schwere Verläufe betreffen vor allem Frühgeborene, junge Säuglinge, Kinder mit schweren Grunderkrankungen sowie ältere Erwachsene [1-5].
Prognose
- Die Prognose ist bei gesunden älteren Kindern und Erwachsenen in der Regel gut.
- Bei hospitalisierten Kindern unter 2 Jahren steigt die Letalität deutlich bei Vorliegen von Risikofaktoren wie Frühgeburtlichkeit, bronchopulmonaler Dysplasie oder angeborenen Herzfehlern [2, 3].
- Auch bei älteren Erwachsenen mit Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) ist RSV mit erhöhter Morbidität (Krankheitsbelastung) und Mortalität (Sterberate) assoziiert [4, 5].
Impfung/Prophylaxe
Für RSV stehen mittlerweile effektive Präventionsstrategien zur Verfügung, darunter die passive Immunisierung von Säuglingen sowie Impfungen für ältere Erwachsene. Diese Maßnahmen zielen insbesondere auf die Reduktion schwerer Verläufe und Hospitalisationen in Hochrisikogruppen ab [1, 4, 5].
Literatur
- Li Y, Wang X, Blau DM, Caballero MT, Feikin DR, Gill CJ, et al. Global, regional, and national disease burden estimates of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in children younger than 5 years in 2019: a systematic analysis. Lancet. 2022;399(10340):2047-2064. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(22)00478-0
- Shi T, McAllister DA, O’Brien KL, Simoes EAF, Madhi SA, Gessner BD, et al. Global, regional, and national disease burden estimates of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in young children in 2015: a systematic review and modelling study. Lancet. 2017;390(10098):946-958. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(17)30938-8
- Shi T, Denouel A, Tietjen AK, Campbell I, Moran E, Li X, et al. Global Disease Burden Estimates of Respiratory Syncytial Virus-Associated Acute Respiratory Infection in Older Adults in 2015: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Infect Dis. 2020;222(Suppl 7):S577-S583. https://doi.org/10.1093/infdis/jiz059
- Hall CB, Weinberg GA, Iwane MK, Blumkin AK, Edwards KM, Staat MA, et al. The burden of respiratory syncytial virus infection in young children. N Engl J Med. 2009;360(6):588-598. https://doi.org/10.1056/NEJMoa0804877
- Falsey AR, Walsh EE. Respiratory syncytial virus infection in adults. Clin Microbiol Rev. 2000;13(3):371-384. https://doi.org/10.1128/CMR.13.3.371-384.2000