Mykoplasmen – Folgeerkrankungen
Mycoplasma pneumoniae (M. pneumoniae; Bakterienart der Mykoplasmen)
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch respiratorische Mykoplasmeninfektionen (Atemwegsinfektionen durch Mykoplasmen), insbesondere durch Mycoplasma pneumoniae (M. pneumoniae), mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Akute Tracheobronchitis (Entzündung von Luftröhre und Bronchien) mit prolongiertem postinfektiösem Husten (verlängert anhaltendem Husten nach einer Infektion) [1, LL1, LL2]
- Ambulant erworbene Pneumonie (außerhalb des Krankenhauses erworbene Lungenentzündung), häufig als atypische Pneumonie (untypisch verlaufende Lungenentzündung) [1, LL1, LL2]
- Schwere oder refraktäre Pneumonie (nicht ausreichend auf Behandlung ansprechende Lungenentzündung) mit Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) oder respiratorischer Insuffizienz (unzureichender Atmung), insbesondere bei hospitalisierten Patienten und Kindern mit kompliziertem Verlauf [LL1, LL2]
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Autoimmunhämolytische Anämie (Blutarmut durch körpereigenen Abbau roter Blutkörperchen), insbesondere kälteagglutininvermittelt (durch kälteabhängige Antikörper ausgelöst) [1]
- Immunthrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen durch eine fehlgesteuerte Immunreaktion), selten und überwiegend als immunvermittelte extrapulmonale Manifestation (außerhalb der Lunge auftretende Krankheitserscheinung durch eine Immunreaktion) [1]
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Mycoplasma pneumoniae-induzierter Rash (Hautausschlag) und Mukositis (Schleimhautentzündung) [3]
- Erythema multiforme (entzündliche Hautreaktion mit typischen scheibenförmigen Hautveränderungen) bzw. Stevens-Johnson-Syndrom-ähnliche Mukokutanreaktion (schwere Reaktion an Haut und Schleimhäuten) [1, 3]
- Erythema nodosum (Knotenrose), selten [1]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Myokarditis (Herzmuskelentzündung) [1, 4]
- Perikarditis (Herzbeutelentzündung) bzw. Myoperikarditis (kombinierte Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung) [1, 4]
- Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) oder akute kardiale Dekompensation (plötzliche Verschlechterung der Herzfunktion) bei schwerer hospitalisationspflichtiger M. pneumoniae-Infektion, selten, aber prognostisch relevant (für die Krankheitsprognose bedeutsam) [4]
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (K70-K77; K80-K87)
- Hepatitis (Leberentzündung) bzw. cholestatische Hepatitis (Leberentzündung mit Gallenstau), selten [1]
- Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung), selten [1]
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Arthralgien (Gelenkschmerzen) [1]
- Reaktive Arthritis (Gelenkentzündung als Reaktion auf eine Infektion), selten [1]
Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)
- Otitis media (Mittelohrentzündung), vor allem im Kindesalter [LL1]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Enzephalitis (Gehirnentzündung) bzw. Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns) [1]
- Akute disseminierte Enzephalomyelitis (akute verstreute Entzündung von Gehirn und Rückenmark) [1]
- Meningitis (Hirnhautentzündung) bzw. Meningoenzephalitis (Entzündung von Hirnhäuten und Gehirn) [1]
- Myelitis (Rückenmarksentzündung) [1]
- Guillain-Barré-Syndrom (akute Nervenentzündung mit Lähmungserscheinungen); eine Assoziation (Zusammenhang) mit vorausgegangener M. pneumoniae-Infektion ist besonders bei Kindern beschrieben [2]
- Zerebellitis (Kleinhirnentzündung) bzw. akute Ataxie (plötzliche Störung der Bewegungskoordination) [1]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Glomerulonephritis (Entzündung der Nierenfilter) bzw. nephritisches Syndrom (Beschwerdebild durch entzündete Nierenfilter), selten und überwiegend immunvermittelt (durch eine Immunreaktion ausgelöst) [1]
Prognosefaktoren
- Erhöhtes Risiko für ungünstige Verläufe besteht bei schwerer oder refraktärer Pneumonie, respiratorischer Insuffizienz, intensivmedizinischer Behandlungsbedürftigkeit, neurologischer Beteiligung (Beteiligung des Nervensystems), kardialer Beteiligung (Beteiligung des Herzens), ausgeprägter Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Immundysregulation (Fehlsteuerung des Immunsystems) und relevanter Makrolidresistenz (Unempfindlichkeit gegen bestimmte Antibiotika) [1, 4, LL1, LL2].
Genitale Mykoplasmeninfektionen (Mykoplasmeninfektionen im Bereich der Geschlechtsorgane)
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch genitale Mykoplasmeninfektionen bzw. klinisch relevante Genitaltrakt-Kolonisationen (Besiedlungen des Genitaltrakts), insbesondere durch Mycoplasma genitalium (M. genitalium; Mykoplasmenart im Genitaltrakt), Mycoplasma hominis (M. hominis; Mykoplasmenart im Urogenitaltrakt), Ureaplasma urealyticum (U. urealyticum; Bakterienart aus der Gruppe der Ureaplasmen) und Ureaplasma parvum (U. parvum; Bakterienart aus der Gruppe der Ureaplasmen), mitbedingt sein können:
Einordnung
- M. genitalium ist als sexuell übertragbarer Erreger (durch Sexualkontakt übertragbarer Krankheitserreger) klinisch pathogen (krankmachend) und mit Urethritis (Harnröhrenentzündung), Cervicitis (Gebärmutterhalsentzündung) sowie entzündlicher Erkrankung des kleinen Beckens (Entzündung der inneren weiblichen Geschlechtsorgane im Becken) assoziiert [5, LL3, LL4].
- M. hominis, U. urealyticum und U. parvum sind häufige Kolonisierer des Urogenitaltrakts (Besiedler von Harn- und Geschlechtsorganen); außerhalb definierter Risikokonstellationen, Schwangerschaft, Frühgeburtlichkeit oder invasiver Infektionen (Infektionen, die in eigentlich sterile Körperbereiche eindringen) ist eine unkritische Kausalzuschreibung (Zuordnung als Ursache) nicht gerechtfertigt [6].
Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)
- Bronchopulmonale Dysplasie (chronische Lungenerkrankung von Frühgeborenen) bei Frühgeborenen im Zusammenhang mit U. urealyticum-Kolonisation (Besiedlung mit U. urealyticum); die Evidenz (wissenschaftliche Beleglage) zeigt eine Assoziation, die Sicherheit der Evidenz ist jedoch niedrig bis sehr niedrig [8]
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Chorioamnionitis (Entzündung von Eihaut und Fruchtwasserraum), insbesondere im Zusammenhang mit M. hominis und Ureaplasma-Spezies (Ureaplasma-Arten) [7]
- Vorzeitiger Blasensprung [7]
- Frühgeburt [7]
- Niedriges Geburtsgewicht [7]
- Perinatale Mortalität (Sterblichkeit um die Geburt herum) bzw. neonatale Morbidität (Krankheitshäufigkeit bei Neugeborenen) im Kontext ungünstiger Schwangerschafts- und Geburtsoutcomes (Schwangerschafts- und Geburtsergebnisse); die Bewertung muss Spezies (Erregerart), Erregerlast (Menge des Erregers), bakterielle Vaginose (Störung der Scheidenflora mit Vermehrung bestimmter Bakterien), Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) und Begleitinfektionen berücksichtigen [7]
- Postpartale Endometritis (Gebärmutterschleimhautentzündung nach der Geburt) bzw. postpartales Fieber (Fieber nach der Geburt), vor allem bei aufsteigender oder invasiver Infektion [6, 7]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Nichtgonorrhoische Urethritis (Harnröhrenentzündung, die nicht durch Gonokokken verursacht ist), persistierende (anhaltende) oder rezidivierende Urethritis (wiederkehrende Harnröhrenentzündung), insbesondere durch M. genitalium [5, LL3, LL4]
- Cervicitis, insbesondere durch M. genitalium [5, LL3, LL4]
- Endometritis (Entzündung der Gebärmutterschleimhaut) im Zusammenhang mit M. genitalium [5, 6]
- Adnexitis (Entzündung von Eileiter und Eierstock) bzw. entzündliche Erkrankung des kleinen Beckens im Zusammenhang mit M. genitalium; eine aktuelle Metaanalyse (zusammenfassende statistische Auswertung mehrerer Studien) zeigt eine signifikante Assoziation (statistisch bedeutsamen Zusammenhang) mit erhöhter Odds-Ratio (Chancenverhältnis) [5, LL3, LL4]
- Salpingitis (Eileiterentzündung) mit Risiko für tubare Fertilitätsstörung (eingeschränkte Fruchtbarkeit durch Eileiterschädigung), chronische Unterbauchschmerzen und Extrauteringravidität (Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter) als mögliche Folge einer entzündlichen Erkrankung des kleinen Beckens; für M. genitalium ist diese Folgebeziehung vor allem über die entzündliche Erkrankung des kleinen Beckens plausibel [5, LL3, LL4]
- Epididymitis (Nebenhodenentzündung) bzw. Epididymo-Orchitis (Entzündung von Nebenhoden und Hoden), selten und bei persistierenden oder rezidivierenden Beschwerden differenzialdiagnostisch (bei der Abklärung möglicher Ursachen) im Zusammenhang mit M. genitalium zu berücksichtigen [LL3, LL4]
Prognosefaktoren
- Erhöhtes Risiko für Folgekomplikationen besteht bei persistierenden Symptomen (anhaltenden Beschwerden), unbehandelter oder rezidivierender entzündlicher Erkrankung des kleinen Beckens, Schwangerschaft, Frühgeburtlichkeit, vorzeitigem Blasensprung, bakterieller Vaginose, Koinfektionen (Begleitinfektionen), hoher U. urealyticum-Erregerlast, Makrolid- und Fluorchinolonresistenz (Unempfindlichkeit gegen bestimmte Antibiotikagruppen) bei M. genitalium, invasiven gynäkologischen bzw. geburtshilflichen Eingriffen und Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) [5-8, LL3, LL4].
Oropharyngeale Mykoplasmenkolonisationen (Mykoplasmenbesiedlungen im Mund-Rachen-Raum)
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch oropharyngeale Mykoplasmenkolonisationen, insbesondere durch Mycoplasma salivarium (M. salivarium; Mykoplasmenart der Mundflora) und Mycoplasma orale (M. orale; Mykoplasmenart der Mundflora), mitbedingt sein können:
Einordnung
- Oropharyngeale Mykoplasmenkolonisation ist bei immunkompetenten Personen (Menschen mit funktionierendem Immunsystem) meistens kein behandlungsbedürftiger Krankheitsbefund. Klinisch relevante Folgeerkrankungen sind vor allem als seltene opportunistische (bei geschwächter Abwehr entstehende) oder invasive Infektionen bei Immundefizienz (Abwehrschwäche), gestörter Schleimhautbarriere (geschädigter Schutzschicht der Schleimhäute), Prothesenmaterial oder schwerer Grunderkrankung beschrieben [9].
- Ein oropharyngealer M. genitalium-Nachweis (Nachweis im Mund-Rachen-Raum) ist nicht als gesicherte Ursache oropharyngealer Beschwerden etabliert; oropharyngeale Testung (Untersuchung des Mund-Rachen-Raums) wird leitlinienseitig nicht empfohlen [LL3, LL4].
Atmungssystem (J00-J99)
- Pleuraempyem (Eiteransammlung zwischen Lunge und Brustwand) bzw. tiefe bronchopulmonale Infektion (Infektion der Bronchien und Lunge) durch M. salivarium, sehr selten und überwiegend bei Immunsuppression, Aspiration (Einatmen von Fremdmaterial), malignen Grunderkrankungen (bösartigen Grunderkrankungen) oder gestörter Schleimhautbarriere [9]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Opportunistische invasive Infektion durch M. salivarium oder M. orale, insbesondere bei humoraler Immundefizienz (Abwehrschwäche mit Antikörpermangel), hämatologischer Erkrankung (Erkrankung des Blutes oder blutbildenden Systems), Transplantation oder immunsuppressiver Therapie (Behandlung zur Unterdrückung des Immunsystems) [9]
- Sepsis (Blutvergiftung) bzw. disseminierte Infektion (im Körper ausgebreitete Infektion), sehr selten und nicht als Folge einer einfachen oropharyngealen Kolonisation bei Immunkompetenz (normaler Abwehrlage) zu werten [9]
Mund, Ösophagus, Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Erhöhte orale Mykoplasmenlast (erhöhte Menge von Mykoplasmen im Mundraum) bei Gingivitis (Zahnfleischentzündung) oder Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats); eine alleinige Kausalität als Folgeerkrankung der oropharyngealen Kolonisation ist nicht gesichert [9]
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Septische Arthritis (infektiöse Gelenkentzündung) bzw. prothesenassoziierte Gelenkinfektion (Infektion an einem künstlichen Gelenk) durch M. salivarium, sehr selten und überwiegend bei humoraler Immundefizienz oder Prothesenmaterial beschrieben [9]
Weiteres
- Oropharyngeale Mykoplasmenkolonisation allein begründet keine Routinebehandlung. Orale Neoplasien (Neubildungen im Mundraum) werden nicht als gesicherte Folgeerkrankung oropharyngealer Mykoplasmenkolonisation aufgenommen, da hierfür keine ausreichende Kausalitätsbasis (Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang) besteht [9].
Prognosefaktoren
- Erhöhtes Risiko für invasive Folgeinfektionen besteht bei humoraler Immundefizienz, Hypogammaglobulinämie (Mangel an bestimmten Antikörpern), hämatologischer Grunderkrankung, Transplantation, immunsuppressiver Therapie, schwerer Parodontitis, Schleimhautbarrierestörung, Prothesenmaterial, kritischer Erkrankung, Beatmung, Aspiration und polymikrobieller dentogener Infektion (durch mehrere Bakterienarten verursachte, von den Zähnen ausgehende Infektion) [9].
Literatur
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- Meyer Sauteur PMM et al.: Mycoplasma pneumoniae triggering the Guillain-Barré syndrome: A case-control study. Ann Neurol. 2016;80(4):566-580. doi: 10.1002/ana.24755
- Lofgren D, Lenkeit C: Mycoplasma Pneumoniae-Induced Rash and Mucositis: A Systematic Review of the Literature. Spartan Med Res J. 2021;6(2):25284. doi: 10.51894/001c.25284
- Har Shefi T et al.: Cardiac Manifestations of Mycoplasma pneumoniae Infections: A Cohort Study 2007-2024. Clin Infect Dis. 2025;81(5):e269-e276. doi: 10.1093/cid/ciaf453
- Htaik K et al.: Systematic Review and Meta-analysis of the Association Between Mycoplasma genitalium and Pelvic Inflammatory Disease (PID). Clin Infect Dis. 2026;82(2):e371-e379. Published online 2024 Jun 7. doi: 10.1093/cid/ciae295
- Horner P et al.: Should we be testing for urogenital Mycoplasma hominis, Ureaplasma parvum and Ureaplasma urealyticum in men and women? – a position statement from the European STI Guidelines Editorial Board. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2018;32(11):1845-1851. doi: 10.1111/jdv.15146
- Jonduo ME et al.: Adverse pregnancy and birth outcomes associated with Mycoplasma hominis, Ureaplasma urealyticum and Ureaplasma parvum: a systematic review and meta-analysis. BMJ Open. 2022;12(8):e062990. doi: 10.1136/bmjopen-2022-062990
- Chen X et al.: Association between Ureaplasma urealyticum colonization and bronchopulmonary dysplasia in preterm infants: a systematic review and meta-analysis. Front Pediatr. 2024;12:1436568. doi: 10.3389/fped.2024.1436568
- Xiao L et al.: Antimicrobial susceptibilities and mechanisms of resistance of commensal and invasive Mycoplasma salivarium isolates. Front Microbiol. 2022;13:914464. doi: 10.3389/fmicb.2022.914464
Leitlinien
- S2k-Leitlinie Management der ambulant erworbenen Pneumonie bei Kindern und Jugendlichen (paediatric community-acquired pneumonia, pCAP). (AWMF-Registernummer 048-013), Version 2.0, Stand 31.01.2024. Langfassung
- S3-Leitlinie Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie. (AWMF-Registernummer 020-020), Version 30.04.2021, Stand 30.04.2021. Langfassung
- European guideline on the management of Mycoplasma genitalium infections, 2021. IUSTI-Leitlinienseite. Leitlinie
- Centers for Disease Control and Prevention: Sexually Transmitted Infections Treatment Guidelines – Mycoplasma genitalium. Leitlinie