Hantavirus-Erkrankung – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte.

Bei der Hantavirus-Erkrankung dient die körperliche Untersuchung vor allem der Beurteilung von Allgemeinzustand, Kreislaufsituation, Hydratationsstatus (Flüssigkeitshaushalt), renaler Beteiligung (Beteiligung der Nieren), Blutungszeichen, pulmonaler Beteiligung (Beteiligung der Lunge) sowie Hinweisen auf relevante Differentialdiagnosen (Abgrenzung anderer Erkrankungen). Die Diagnose wird nicht durch einen pathognomonischen körperlichen Befund (krankheitstypischen Untersuchungsbefund) gesichert, sondern durch die Kombination aus Expositionsanamnese (Erhebung möglicher Ansteckungsquellen), klinischem Bild, Labordiagnostik und serologischer beziehungsweise molekularbiologischer Diagnostik [1-4].

Allgemeine körperliche Untersuchung

  • Erhebung der Vitalparameter
    • Blutdruck [Hypotonie (niedriger Blutdruck), hypertensive Entgleisung (stark erhöhter Blutdruck) im Rahmen einer akuten Nierenbeteiligung]
    • Puls [Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) bei schwerer Kreislaufdysregulation (Störung der Kreislaufregulation)]
    • Körpertemperatur [Fieber]
    • Atemfrequenz [Tachypnoe (beschleunigte Atmung)]
    • Sauerstoffsättigung [Hypoxämie (verminderter Sauerstoffgehalt im Blut)]
    • Körpergewicht und Körpergröße
  • Beurteilung des Allgemeinzustandes
    • Reduzierter Allgemeinzustand, Krankheitsgefühl, Adynamie (ausgeprägte Kraftlosigkeit)
    • Schüttelfrost, Myalgien (Muskelschmerzen), Kopfschmerz, ausgeprägte Schwäche
    • Bewusstseinslage [Somnolenz (Benommenheit), Verwirrtheit bei schwerem Verlauf, Sepsis (Blutvergiftung), Urämie (Harnvergiftung) oder neurologischer Differentialdiagnose]
  • Beurteilung des Hydratations- und Volumenstatus
    • Hautturgor (Hautspannung), Schleimhäute, Rekapillarisierungszeit (Wiederauffüllungszeit der kleinen Blutgefäße)
    • Periphere Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperbereiche) [kalte Akren (Finger, Zehen, Nase und Ohren), verlängerte Rekapillarisierungszeit]
    • Zeichen der Exsikkose (Austrocknung) [trockene Schleimhäute, stehende Hautfalten]
    • Zeichen der Volumenüberladung (Flüssigkeitsüberladung) [periphere Ödeme (Wassereinlagerungen), Halsvenenstauung, pulmonale Rasselgeräusche (Rasselgeräusche über der Lunge)]
    • Diureseanamnese (Erhebung der Urinausscheidung) und klinische Einschätzung der Urinausscheidung [Oligurie (verminderte Urinausscheidung), Anurie (fehlende Urinausscheidung)]
  • Inspektion von Haut und Schleimhäuten
    • Hautkolorit (Hautfarbe) [Blässe, Flush (Hautrötung), Zyanose (Blaufärbung)]
    • Konjunktiven (Bindehäute) und Skleren (Lederhäute der Augen) [konjunktivale Injektion (Rötung der Bindehaut), subkonjunktivale Blutung (Blutung unter der Bindehaut), Ikterus (Gelbsucht) als Hinweis auf Differentialdiagnose]
    • Schleimhäute [Petechien (punktförmige Hautblutungen), Schleimhautblutungen]
    • Haut [Petechien, Purpura (kleinfleckige Hautblutungen), Hämatome (Blutergüsse), Exanthem (Hautausschlag)]
    • Injektionsstellen oder Bagatelltraumen (kleine Verletzungen) [verstärkte Blutungsneigung]
  • Kardiovaskuläre Untersuchung
    • Auskultation (Abhören) des Herzens
    • Beurteilung von Herzfrequenz, Rhythmus und Kreislaufstabilität [Tachykardie, Arrhythmie (Herzrhythmusstörung), Kreislaufinstabilität]
    • Periphere Pulse und Hauttemperatur [Minderperfusion (verminderte Durchblutung)]
    • Ödeme [periphere Ödeme bei renaler Funktionsstörung (Funktionsstörung der Nieren) oder Volumenüberladung]
  • Untersuchung der Lunge
    • Inspektion (Betrachtung) der Atmung [Dyspnoe (Atemnot), Orthopnoe (Atemnot im Liegen), Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Zyanose]
    • Perkussion (Abklopfen) des Thorax (Brustkorbs) [gedämpfter Klopfschall bei Pleuraerguss (Flüssigkeit im Brustfellraum) oder Infiltrat (Gewebeverdichtung)]
    • Auskultation der Lunge [feinblasige Rasselgeräusche bei Lungenödem (Wasseransammlung in der Lunge), fokale Rasselgeräusche bei Pneumonie (Lungenentzündung), abgeschwächtes Atemgeräusch bei Pleuraerguss]
    • Bronchophonie (Prüfung der Stimmübertragung über die Lunge) und Stimmfremitus (Prüfung der Schwingungsübertragung über die Lunge) – bei fokalem Auskultationsbefund oder Verdacht auf Pneumonie/Pleuraerguss [verstärkte Schallleitung bei pulmonaler Infiltration (Verdichtung im Lungengewebe), verminderte Schallleitung bei Pleuraerguss]
  • Untersuchung des Abdomens
    • Inspektion des Abdomens (Bauchs) [Meteorismus (Blähbauch), Narben, Hernien (Brüche), sichtbare Gefäße]
    • Auskultation der Darmgeräusche [verminderte oder fehlende Darmgeräusche bei Ileusverdacht (Verdacht auf Darmverschluss)]
    • Palpation (Abtasten) des Abdomens [Druckschmerz, Abwehrspannung, Hepatomegalie (Lebervergrößerung), Splenomegalie (Milzvergrößerung)]
    • Beurteilung gastrointestinaler Begleitsymptome (Begleitsymptome des Magen-Darm-Traktes) [Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö (Durchfall), abdominaler Schmerz (Bauchschmerz)]
  • Untersuchung der Nierenlager
    • Klopfschmerz über den Nierenlagern [Flanken-/Nierenlagerklopfschmerz bei renaler Beteiligung oder pyelonephritischer Differentialdiagnose (Abgrenzung einer Nierenbeckenentzündung)]
    • Beurteilung von Flankenschmerz und Rückenschmerz [kolikartiger oder dumpfer Flankenschmerz]
  • Untersuchung des Bewegungsapparates
    • Palpation großer Muskelgruppen [Myalgien, Druckschmerz]
    • Beurteilung von Rücken- und Extremitätenschmerzen (Schmerzen der Arme und Beine) [ausgeprägte Myalgien, Gliederschmerzen]

Neurologische Untersuchung

  • Indikation
    • Bei Kopfschmerz, Nackensteifigkeit, Bewusstseinsstörung, fokal-neurologischen Symptomen (auf einen umschriebenen Bereich des Nervensystems bezogene Beschwerden), Krampfanfall oder Verdacht auf zentrale Differentialdiagnose
  • Untersuchungsinhalte
    • Orientierung, Vigilanz (Wachheit) und Sprache [Desorientierung, Somnolenz, Aphasie (Sprachstörung)]
    • Hirnnervenstatus (Untersuchung der Hirnnerven) [fokale Hirnnervenausfälle]
    • Motorik (Bewegungsfunktion), Sensibilität (Gefühlsempfinden), Reflexstatus und Koordination [fokal-neurologisches Defizit (umschriebener neurologischer Ausfall)]
    • Meningismusprüfung (Prüfung auf Hirnhautreizung) [Nackensteifigkeit]

Red Flags (Warnzeichen) bei Hantavirus-Erkrankung

  • Hypotonie, Schockzeichen oder rasch zunehmende Kreislaufinstabilität
  • Oligurie, Anurie oder klinische Zeichen einer rasch progredienten akuten Niereninsuffizienz (rasch fortschreitende akute Nierenschwäche)
  • Dyspnoe, Tachypnoe, Hypoxämie, Zyanose oder klinischer Verdacht auf Lungenödem
  • Ausgeprägte Blutungszeichen, Petechien, Purpura oder Schleimhautblutungen
  • Bewusstseinsstörung, Meningismus (Hirnhautreizzeichen), Krampfanfall oder fokal-neurologisches Defizit
  • Starke abdominale Schmerzen mit Abwehrspannung oder Verdacht auf akutes Abdomen (akuter Bauch)
  • Schwerer reduzierter Allgemeinzustand, persistierendes hohes Fieber oder Verdacht auf Sepsis

In eckigen Klammern [ ] wird ausschließlich auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.

Literatur

  1. Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber: Hantavirus-Erkrankung. Stand: 13.11.2020. Abruf: 05.05.2026.
    https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Hantaviren.html
  2. European Centre for Disease Prevention and Control. Factsheet on orthohantavirus infections. Abruf: 05.05.2026.
    https://www.ecdc.europa.eu/en/infectious-disease-topics/hantavirus-infection/factsheet-orthohantavirus-infections
  3. Vial PA, Ferrés M, Vial C, Klingström J, Ahlm C, López R et al.: Hantavirus in humans: a review of clinical aspects and management. Lancet Infect Dis. 2023;23(9):e371-e382. https://doi.org/10.1016/S1473-3099(23)00128-7
  4. Koehler FC, Di Cristanziano V, Späth MR, Hoyer-Allo KJ, Wanken M, Müller RU et al.: The kidney in hantavirus infection-epidemiology, virology, pathophysiology, clinical presentation, diagnosis and management. Clin Kidney J. 2022;15(7):1231-1252. https://doi.org/10.1093/ckj/sfac008