Hantavirus-Erkrankung – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Hantavirus-Erkrankung mitbedingt sein können:
Hantavirus-Erkrankungen können abhängig vom Virustyp (Virusart) und vom klinischen Syndrom (Krankheitsbild) vor allem renale (die Nieren betreffende), hämodynamische (den Blutfluss betreffende), pulmonale (die Lunge betreffende) und hämatologische (das Blut betreffende) Komplikationen (Folgeerkrankungen) verursachen. In Europa steht bei Puumala- und Dobrava-Belgrad-Virus-Infektionen überwiegend das hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom (Fiebererkrankung mit Blutungsneigung und Nierenbeteiligung) beziehungsweise die Nephropathia epidemica (Hantavirus-bedingte Nierenerkrankung) im Vordergrund. Das Hantavirus-kardiopulmonale Syndrom (Hantavirus-bedingte Herz-Lungen-Erkrankung) ist vor allem bei amerikanischen Hantaviren relevant. Schwere Langzeitfolgen nach Puumala-Hantavirus-Infektion sind insgesamt selten; Fatigue (anhaltende Erschöpfung) über Wochen sowie selten persistierende (fortbestehende) renale, endokrine (hormonelle) oder kardiovaskuläre (Herz und Gefäße betreffende) Auffälligkeiten sind beschrieben [1-4].
Atmungssystem (Atemwege und Lunge) (J00-J99)
- Akutes Lungenödem (akute Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) – kann bei schwerem Hantavirus-kardiopulmonalem Syndrom durch kapilläres Leck (Flüssigkeitsaustritt aus kleinsten Blutgefäßen), Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) und hämodynamische Instabilität (Kreislaufinstabilität) auftreten; beim hämorrhagischen Fieber mit renalem Syndrom meist im Zusammenhang mit Flüssigkeitsüberladung beziehungsweise schwerem Nierenversagen [2-4]
- Akutes Lungenversagen (ARDS; Acute respiratory distress syndrome) – seltene schwere Komplikation, insbesondere im Rahmen eines Hantavirus-kardiopulmonalen Syndroms oder eines Multiorganversagens (Versagen mehrerer Organe) [2-4]
- Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) – kann beim Hantavirus-kardiopulmonalen Syndrom beziehungsweise bei ausgeprägter kapillärer Permeabilitätsstörung (Durchlässigkeitsstörung kleinster Blutgefäße) auftreten [3, 4]
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (Abwehrsystem) (D50-D90)
- Blutungskomplikationen (Blutungsfolgen) – selten bei mitteleuropäischer Nephropathia epidemica, klinisch relevanter bei schweren Formen des hämorrhagischen Fiebers mit renalem Syndrom, insbesondere bei Dobrava-Belgrad- oder Hantaan-Virus-Infektionen [2-4]
- Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) – typischer Akutbefund (plötzlich auftretender Befund) der Hantavirus-Erkrankung und relevanter Schweregradmarker (Hinweis auf die Krankheitsschwere); ausgeprägte Thrombozytopenie ist mit schwereren Verläufen und höherem Risiko für akutes Nierenversagen assoziiert [1, 2]
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Hypophyseninsuffizienz (Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse) – seltene, aber beschriebene Spätkomplikation (spät auftretende Folgeerkrankung) nach Puumala-Hantavirus-Infektion; bei persistierender Fatigue, Hypotonie (niedriger Blutdruck), Hyponatriämie (erniedrigter Natriumwert im Blut) oder Zeichen einer endokrinen Insuffizienz (hormonellen Unterfunktion) differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung anderer Ursachen) zu berücksichtigen [3]
- Thyreoiditis (Schilddrüsenentzündung) – nur selten beziehungsweise kasuistisch (in Einzelfällen) beschrieben; keine regelhafte oder häufige Folgeerkrankung der Hantavirus-Erkrankung [3]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Herz-Kreislaufversagen – schwere Akutkomplikation insbesondere beim Hantavirus-kardiopulmonalen Syndrom mit Hypotonie, kapillärem Leck und Schock [2-4]
- Myokardiale Dysfunktion (Funktionsstörung des Herzmuskels) – kann beim Hantavirus-kardiopulmonalen Syndrom auftreten und bis zur schweren Kreislaufinstabilität führen [4]
- Myokarditis (Herzmuskelentzündung) – seltene Komplikation; vor allem bei Thoraxschmerz (Brustkorbschmerz), Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen), Troponinanstieg oder hämodynamischer Instabilität differentialdiagnostisch relevant [3, 4]
- Sekundäre Hypertonie (Folge-Bluthochdruck) – seltene mögliche Langzeitfolge nach schwerer renaler Beteiligung; nach akuter Nierenschädigung sind Blutdruck- und Nierenfunktionskontrollen sinnvoll [2, 3]
- Schock (Kreislaufversagen) – schwere Akutkomplikation beim hämorrhagischen Fieber mit renalem Syndrom und insbesondere beim Hantavirus-kardiopulmonalen Syndrom [2-4]
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Hepatitis (Leberentzündung) beziehungsweise Transaminasenerhöhung – meist milde, reversible (rückbildungsfähige) Leberbeteiligung im Rahmen der akuten systemischen Infektion (den ganzen Körper betreffenden Infektion); schwere Hepatitis ist nicht typisch [2-4]
- Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) – seltene extrapulmonale (außerhalb der Lunge gelegene) beziehungsweise extrarenale (außerhalb der Nieren gelegene) Komplikation; nur bei passender Klinik (Beschwerdebild) und entsprechender Laborkonstellation als Folgekomplikation zu werten [3]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Zentrale neurologische Beteiligung (Beteiligung von Gehirn oder Rückenmark) – seltene Komplikation; beschrieben sind unter anderem Meningismus (Nackensteifigkeit), Enzephalitis-ähnliche Verläufe (hirnentzündungsähnliche Verläufe) oder neurologische Symptome (Beschwerden des Nervensystems) im Rahmen schwerer systemischer Erkrankung [3]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Fatigue – häufige Rekonvaleszenzbeschwerde (Beschwerde während der Erholungsphase) über mehrere Wochen; persistierende Beschwerden sollten Anlass zur Kontrolle von Nierenfunktion, Blutdruck und gegebenenfalls endokrinen Achsen (hormonellen Regelkreisen) geben [3]
- Mikrohämaturie (mikroskopisch sichtbares Blut im Urin) – typischer akuter urinanalytischer Befund (Urinbefund) bei Hantavirus-Nephropathie (Hantavirus-bedingter Nierenerkrankung); als isolierte Langzeitfolge nicht typisch, bei Persistenz (Fortbestehen) nephrologisch (nierenfachärztlich) abklärungsbedürftig [2, 3]
- Oligurie (verminderte Urinausscheidung) – meist akute, vorübergehende Verlaufsphase bei schwerer renaler Beteiligung; geht häufig in eine polyurische Rekonvaleszenzphase (Erholungsphase mit vermehrter Urinausscheidung) über [2, 3]
- Proteinurie – typischer akuter Befund und Schweregradmarker der Hantavirus-Nephropathie; keine typische Langzeitfolge, bei Persistenz jedoch Hinweis auf relevante renale Folgeschädigung [1-3]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Akute Nierenschädigung beziehungsweise akutes Nierenversagen – zentrale Komplikation des hämorrhagischen Fiebers mit renalem Syndrom beziehungsweise der Nephropathia epidemica; in schweren Fällen kann eine temporäre Dialyse (zeitlich begrenzte Blutwäsche) erforderlich werden [1-4]
- Chronische Nierenerkrankung (dauerhafte Nierenerkrankung) – seltene Langzeitfolge nach schwerem Verlauf; nach schwerer akuter Nierenschädigung sind Verlaufskontrollen von Kreatinin, geschätzter glomerulärer Filtrationsrate, Proteinurie/Albuminurie und Blutdruck angezeigt [2, 3]
- Tubulointerstitielle Nephritis (Entzündung von Nierenkanälchen und Nierenzwischengewebe) – pathophysiologisches Korrelat (krankheitsmechanistische Entsprechung) der renalen Beteiligung, insbesondere bei Puumala-Hantavirus-Infektion [2, 3]
Prognosefaktoren
Drei Befunde bei Erstvorstellung deuten bei Nephropathia epidemica auf ein erhöhtes Risiko für ein schweres akutes Nierenversagen hin [1]:
| Thrombozytopenie | 2 Punkte |
| C-reaktives Protein (CRP) mindestens 12-fach oberhalb des oberen Normbereichs | 1 Punkt |
| Proteinurie | 1 Punkt |
Beurteilung:
- 0 Punkte: Patienten entwickeln mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 18 % ein schweres akutes Nierenversagen [1]
- 1 Punkt: Risikoerhöhung auf etwa 28 %; abhängig von Allgemeinzustand, Diurese (Urinausscheidung), Kreatininverlauf, Elektrolyten und Begleiterkrankungen ist eine ambulante Betreuung kritisch zu prüfen [1]
- 2 Punkte: Risikoerhöhung auf etwa 38 %; engmaschige klinische und laborchemische Kontrolle beziehungsweise stationäre Überwachung ist in der Regel zu erwägen [1]
- 3 Punkte: Risikoerhöhung auf etwa 50 %; stationäre Überwachung ist regelhaft angezeigt [1]
- 4 Punkte: Risikoerhöhung auf etwa 64 %; hohes Risiko für schweres akutes Nierenversagen mit möglichem Bedarf an intensivierter Überwachung beziehungsweise nephrologischer Mitbeurteilung [1]
Weitere ungünstige Prognosefaktoren:
- Höheres Alter, relevante Komorbidität (Begleiterkrankungen), vorbestehende chronische Nierenerkrankung, ausgeprägte Oligurie, deutlicher Kreatininanstieg, schwere Elektrolytstörungen, Hypotonie, Schock, pulmonale Beteiligung, respiratorische Insuffizienz (Atemschwäche) und Zeichen eines Multiorganversagens [2-4]
- Beim Hantavirus-kardiopulmonalen Syndrom: Hypoxämie, pulmonales Ödem, hämodynamische Instabilität, myokardiale Dysfunktion und erhöhter Lactatwert als Hinweise auf einen schweren Verlauf [4]
Literatur
- Latus J, Schwab M, Tacconelli E, Pieper FM, Wegener D, Rettenmaier B et al.: Acute kidney injury and tools for risk-stratification in 456 patients with hantavirus-induced nephropathia epidemica. Nephrol Dial Transplant. 2015;30(2):245-251. https://doi.org/10.1093/ndt/gfu319
- Mir S. Hantavirus Induced Kidney Disease. Front Med (Lausanne). 2022;8:795340. https://doi.org/10.3389/fmed.2021.795340
- Mustonen J, Vaheri A, Pörsti I, Mäkelä S. Long-Term Consequences of Puumala Hantavirus Infection. Viruses. 2022;14(3):598. https://doi.org/10.3390/v14030598
- Centers for Disease Control and Prevention. Clinician Brief: Hantavirus Pulmonary Syndrome (HPS). Updated May 23, 2024. https://www.cdc.gov/hantavirus/hcp/clinical-overview/hps.html