Sinustachykardie – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Behandlung der Ursache einer sekundären Sinustachykardie (durch eine andere Ursache ausgelöstes Herzrasen mit Ursprung im natürlichen Taktgeber des Herzens) sowie Verbesserung von Palpitationen (Herzklopfen), Schwindel, Belastungsintoleranz (verminderter körperlicher Belastbarkeit) und Lebensqualität bei inadäquater Sinustachykardie (unangemessen beschleunigtem Herzschlag ohne erklärende Grunderkrankung) (IST) oder posturalem orthostatischem Tachykardiesyndrom (anhaltender Kreislaufstörung mit übermäßigem Pulsanstieg beim Aufstehen) (POTS). Eine Normalisierung der Herzfrequenz allein ist kein ausreichendes Therapieziel. Bei kompensatorischer Tachykardie (beschleunigtem Herzschlag zum Ausgleich einer körperlichen Störung) muss die Organperfusion (Organdurchblutung) erhalten bleiben; eine unkritische Frequenzsenkung kann das Herzzeitvolumen (die pro Minute vom Herzen gepumpte Blutmenge) vermindern.
Therapieempfehlungen
Die folgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Sinustachykardie ist zunächst ein Befund und keine einheitliche Therapieindikation. Sekundäre Sinustachykardie, IST und POTS erfordern unterschiedliche Behandlungsstrategien. Zulassungsstatus und Gegenanzeigen sind für das konkret verordnete Präparat zu prüfen; eine Leitlinienempfehlung ersetzt keine arzneimittelrechtliche Zulassung [LL1, LL2, LL3].
- Diagnosesicherung: Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), Untersuchung, Blutdruck und 12-Kanal-EKG zur Bestätigung des Sinusrhythmus (vom natürlichen Taktgeber des Herzens gesteuerten Herzrhythmus) und Abgrenzung gegenüber atrialer Tachykardie (Herzrasen mit Ursprung in einem Herzvorhof), Vorhofflattern (Herzrhythmusstörung mit sehr schneller regelmäßiger Erregung der Herzvorhöfe) und anderen supraventrikulären Tachykardien (Formen von Herzrasen mit Ursprung oberhalb der Herzkammern). Je nach Befund Blutbild, Elektrolyte, Nierenfunktion, Schilddrüsenparameter, weitere ursachenbezogene Diagnostik sowie gegebenenfalls Echokardiographie und Langzeit-EKG. Fieber, Schmerz, Hypovolämie (vermindertes zirkulierendes Blutvolumen), Blutverlust, Anämie (Blutarmut), Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Infektion, Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel), Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Medikamente und stimulierende Substanzen sind zu berücksichtigen. Akute Dyspnoe (Atemnot), Thoraxschmerz (Brustschmerz), Synkope (kurzzeitige Ohnmacht) oder Kreislaufinstabilität erfordern eine unverzügliche Abklärung.
- Sekundäre, kompensatorische Sinustachykardie: Behandlung des Auslösers, beispielsweise Volumen- und Blutungsmanagement, Analgesie (Schmerzlinderung), Behandlung einer Infektion, Korrektur einer Hypoxämie oder spezifische Therapie einer Hyperthyreose. Bei Schock (schwerem Kreislaufversagen mit unzureichender Organdurchblutung) wird die Ursache behandelt; Betablocker, Ivabradin oder Calciumantagonisten dürfen die notwendige Kreislaufstabilisierung nicht ersetzen. Esmolol ist keine Standardtherapie der kompensatorischen Sinustachykardie. Eine Betablockade kann bei einzelnen Grunderkrankungen sinnvoll sein, setzt aber eine gesonderte Indikation und Beurteilung der Hämodynamik (Blutströmung und Druckverhältnisse im Kreislauf) voraus.
- IST: Typischerweise Sinusfrequenz > 100/min in Ruhe und mittlere Herzfrequenz > 90/min im 24-Stunden-EKG, verbunden mit belastenden Beschwerden, ohne erklärende Sekundärursache. Die Tachykardie besteht nicht ausschließlich beim Aufstehen. Auslöser und reversible Ursachen behandeln; bei fortbestehenden Beschwerden kann eine vorsichtig titrierte medikamentöse Therapie erwogen werden [LL1, LL3].
- POTS: Anhaltender Herzfrequenzanstieg um mindestens 30/min bei Erwachsenen beziehungsweise mindestens 40/min im Alter von 12-19 Jahren innerhalb von 10 Minuten nach dem Aufstehen oder im Kipptischtest, ohne relevante orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen). Zusätzlich müssen typische, im Stehen zunehmende und im Liegen nachlassende Beschwerden seit mindestens 3 Monaten bestehen. Ein Blutdruckabfall um mindestens 20 mmHg systolisch oder 10 mmHg diastolisch innerhalb von 3 Minuten spricht für klassische orthostatische Hypotonie. Eine kurzzeitige initiale Hypotonie schließt POTS nicht grundsätzlich aus. Andere Ursachen der orthostatischen Tachykardie müssen ausgeschlossen sein; ein isolierter Pulsanstieg genügt nicht zur Diagnose [LL2].
Für die orthostatische Beurteilung Herzfrequenz und Blutdruck nach 5-10 Minuten Liegen und wiederholt während eines 10-minütigen Stehtests dokumentieren, beispielsweise nach 1, 3, 5, 8 und 10 Minuten; gleichzeitig die Beschwerden erfassen. Tageszeit, Flüssigkeitsstatus und Medikamente können das Ergebnis beeinflussen. Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit und zunächst unauffälligem Test kann eine Wiederholung sinnvoll sein.
- IST: medikamentöse Auswahl: Nach ESC sollen Ivabradin allein oder in Kombination mit einem Betablocker bei symptomatischer IST erwogen werden, Empfehlungsgrad IIa, Evidenzgrad B. Betablocker allein sollen ebenfalls erwogen werden, IIa C. Die Kombination ist eine individuelle Option bei unzureichender Monotherapie und erfordert Kontrolle auf Bradykardie (verlangsamten Herzschlag) und Hypotonie (zu niedrigen Blutdruck). Pauschale hohe Betablockerdosen sind wegen Müdigkeit, Leistungsminderung und begrenzter Verträglichkeit nicht zu empfehlen [LL1].
- IST: Evidenzgrenzen: Eine kleine randomisierte Crossover-Studie mit Ivabradin zeigte eine Besserung der Beschwerden und eine Frequenzsenkung. Die Daten begründen eine symptomorientierte Behandlung, keinen gesicherten Vorteil hinsichtlich Mortalität oder langfristiger Krankheitsprogression. Bei ausbleibender klinischer Besserung ist eine Frequenzsenkung allein kein Grund zur dauerhaften Fortführung [2].
- POTS: Basistherapie: Individuell angepasstes körperliches Training, anfangs gegebenenfalls im Liegen oder Sitzen, sowie Kompression von Beinen und Abdomen (Bauch). Medikamente und Substanzen, die Tachykardie oder orthostatische Beschwerden verstärken, überprüfen. Häufig werden etwa 2-3 l Flüssigkeit und insgesamt 10-12 g Natriumchlorid pro Tag empfohlen; dies ist an Blutdruck, Nierenfunktion, Begleiterkrankungen und Verträglichkeit anzupassen. Bei Herzinsuffizienz, relevanter Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) oder Hypertonie (Bluthochdruck) ist eine pauschale Salz- und Flüssigkeitssteigerung ungeeignet [LL2, LL3].
- POTS: Salzstudie richtig einordnen: Garland et al. untersuchten kurzfristig eine experimentelle Natriumzufuhr von 300 mmol/Tag, entsprechend etwa 6,9 g Natrium beziehungsweise 17,5 g Natriumchlorid. Die beobachteten hämodynamischen Effekte sind kein Beleg für die Sicherheit oder Wirksamkeit einer solchen dauerhaften Salzzufuhr [1].
- POTS: Medikamente: Bei trotz Basismaßnahmen erheblichen Beschwerden Auswahl nach Herzfrequenz, Blutdruck und klinischem Phänotyp. Niedrig dosiertes Propranolol kommt bei ausgeprägter orthostatischer Tachykardie infrage; höhere Dosen können die Beschwerden trotz stärkerer Frequenzsenkung verschlechtern. Ivabradin ist eine Alternative bei ausgewählten Patienten, etwa bei Betablockerunverträglichkeit. Midodrin kommt insbesondere bei niedrigem Blutdruck infrage. Fludrocortison ist ein begründeter Therapieversuch bei vermuteter Hypovolämie, keine Routinebehandlung [3, 4, LL2, LL3].
- POTS: aktuelle kontrollierte Daten: In einer kleinen randomisierten Crossover-Studie von 2026 senkten Ivabradin und niedrig dosiertes Propranolol die orthostatische Herzfrequenz gegenüber Placebo. Die jeweils vierwöchigen Behandlungsphasen erlauben keine Aussage über eine langfristige Prognoseverbesserung; eine generelle klinische Überlegenheit eines der beiden Wirkstoffe ist daraus nicht abzuleiten. Symptomantwort, Blutdruck und Verträglichkeit bestimmen die individuelle Auswahl [5].
- Weitere Maßnahmen: Verapamil und Diltiazem sind keine routinemäßigen IST-Therapien. Klasse-I- und Klasse-III-Antiarrhythmika, Adenosin oder elektrische Kardioversion sind keine Standardtherapie einer bestätigten Sinustachykardie. Eine Sinusknotenmodifikation oder -ablation wird bei IST und POTS nicht routinemäßig empfohlen; mögliche Komplikationen und Rezidive (erneutes Auftreten der Erkrankung) erfordern eine besondere Zurückhaltung [LL1, LL3].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Betablocker
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Propranolol, nicht retardiert | Beste kontrollierte Betablockerdaten bei POTS. Keine automatische Steigerung auf hohe Dosen. Die POTS-Behandlung ist keine ausdrücklich benannte Zulassungsindikation; Präparat und Verordnung prüfen [4, 5, LL2, FI2]. |
| Metoprololsuccinat, retardiert | Beispiel einer niedrig dosierten Betablockade, keine verbindliche IST-Zieldosis. Bei unterschiedlichen Metoprololsalzen und Darreichungsformen Dosierungen nicht ungeprüft übertragen. IST-Behandlung je nach Präparat Off-Label-Use; Indikationsumfang präparatbezogen prüfen. |
- Wirkweise: Hemmung adrenerger Effekte mit Senkung der Sinusknotenfrequenz und Verminderung der Kontraktilität (Zusammenziehungskraft des Herzmuskels); Propranolol blockiert Beta1- und Beta2-Rezeptoren, Metoprolol wirkt vorwiegend Beta1-selektiv.
- Indikation: Symptomatische IST nach Ausschluss sekundärer Ursachen; bei POTS insbesondere niedrig dosiertes Propranolol. Bei sekundärer Tachykardie nur bei einer zusätzlichen, ursachenbezogenen Indikation, beispielsweise symptomatischer Hyperthyreose. Zugelassene Anwendungsgebiete unterscheiden sich zwischen Präparaten und Wirkstärken [LL1, FI2].
- Kontraindikationen: Insbesondere relevante Bradykardie, höhergradiger AV-Block (Störung der elektrischen Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern) ohne Schrittmacher, kardiogener Schock (durch schweres Herzpumpversagen ausgelöstes Kreislaufversagen) und akut dekompensierte Herzinsuffizienz (akut entgleiste Herzschwäche). Propranolol ist bei bronchialem Asthma (entzündlicher Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Verengung der Bronchien), Bronchospasmus (krampfartiger Verengung der Bronchien) und gemäß der referenzierten Fachinformation auch bei chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen (dauerhaften Atemwegserkrankungen mit verengten Atemwegen) kontraindiziert [FI2]. Hypotonie und ausgeprägte orthostatische Beschwerden können eine Anwendung begrenzen.
- Nebenwirkungen: Bradykardie, Hypotonie, Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit, kalte Extremitäten, Schlafstörungen und gegebenenfalls Bronchospasmus. Warnzeichen einer Hypoglykämie (Unterzuckerung) können maskiert werden. Eine längerfristige Behandlung nicht abrupt beenden; Kombinationen mit anderen frequenzsenkenden Substanzen gesondert überwachen.
If-Kanal-Hemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ivabradin | Bei IST und POTS ausdrücklich Off-Label-Use. Sinusrhythmus erforderlich. Titration anhand von Beschwerden, Ruhe- und orthostatischer Frequenz; keine pauschale Dosissteigerung allein wegen erhöhten Stehpulses [2, 3, 5, FI1]. |
- Wirkweise: Selektive Hemmung des If-Stroms im Sinusknoten mit Frequenzsenkung ohne die typische direkte negative Inotropie (Verminderung der Herzmuskelkraft) der Betablocker.
- Indikation: Off-Label-Use bei symptomatischer IST sowie ausgewähltem POTS. Die zugelassenen Erwachsenenindikationen sind chronische stabile Angina pectoris (wiederkehrende Brustenge durch vorübergehende Minderdurchblutung des Herzmuskels) bei koronarer Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße), Sinusrhythmus und Herzfrequenz ≥ 70/min bei Betablockerunverträglichkeit beziehungsweise -kontraindikation oder zusätzlich bei unzureichender Kontrolle mit optimaler Betablockerdosis; ferner stabile chronische Herzinsuffizienz NYHA II-IV mit systolischer Dysfunktion (eingeschränkter Pumpfunktion des Herzens), Sinusrhythmus und Herzfrequenz ≥ 75/min zusätzlich zur Standardtherapie einschließlich Betablocker oder bei dessen Kontraindikation beziehungsweise Unverträglichkeit [FI1].
- Kontraindikationen: Schwangerschaft, Stillzeit, fehlende geeignete Kontrazeption (Empfängnisverhütung) bei gebärfähigen Frauen, schwere Leberinsuffizienz (eingeschränkte Leberfunktion), schwere Hypotonie, kardiogener Schock und relevante Sinusknoten- beziehungsweise Leitungsstörungen. Verapamil, Diltiazem und starke CYP3A4-Inhibitoren dürfen nicht gleichzeitig angewendet werden [FI1].
- Nebenwirkungen: Bradykardie, Phosphene (vorübergehende Lichtempfindungen) und andere Sehstörungen sowie erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung mit unregelmäßiger Erregung der Herzvorhöfe). Bei dauerhaftem Ruhepuls < 50/min oder Bradykardiesymptomen Dosis reduzieren; bei Persistenz absetzen. Unregelmäßiger Puls erfordert eine EKG-Kontrolle [FI1].
Die Fachinformation nennt eine Ruhefrequenz < 70/min vor Behandlungsbeginn als Gegenanzeige. Ein Off-Label-Use bei POTS mit niedrigerer Ruhefrequenz liegt damit auch außerhalb dieser Anwendungsvorgabe und erfordert eine besonders begründete fachärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung; die Ruhefrequenzschwellen der zugelassenen Indikationen sind keine diagnostischen POTS-Kriterien. Der Stehpuls allein legitimiert die Verordnung nicht.
Alpha1-Adrenozeptoragonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Midodrin | Bei ausgewähltem POTS mit niedrigem Blutdruck Off-Label-Use. Letzte Einnahme mindestens 4 Stunden vor dem Schlafengehen. Blutdruck im Liegen und aufrecht kontrollieren; keine Anwendung bei Liegendhypertonie (erhöhtem Blutdruck im Liegen) [LL2, FI3]. |
- Wirkweise: Der aktive Metabolit steigert den arteriellen und venösen Gefäßtonus (Spannungszustand der Gefäßmuskulatur) und kann venöses Pooling (Ansammlung von Blut in den Venen) sowie die dadurch ausgelöste orthostatische Tachykardie vermindern.
- Indikation: Ausgewählte Patienten mit POTS und niedrigem Blutdruck nach unzureichender Basistherapie; zugelassen ist das referenzierte Präparat für primäre und sekundäre neurogene orthostatische Hypotonie (durch eine Störung der Nervensteuerung verursachten Blutdruckabfall beim Aufstehen), nicht für POTS. Bei normalem oder erhöhtem Blutdruck ist der Nutzen besonders kritisch zu prüfen [FI3].
- Kontraindikationen: Insbesondere Hypertonie, schwere Herzerkrankungen, akute oder schwere Nierenerkrankungen, Harnabflussstörung, Phäochromozytom (Tumor mit überschießender Freisetzung von Stresshormonen), Thyreotoxikose (krankhafte Wirkung eines Überschusses an Schilddrüsenhormonen), Schwangerschaft und Stillzeit [FI3].
- Nebenwirkungen: Liegendhypertonie, Kopfschmerzen, Piloerektion (Gänsehaut), Juckreiz der Kopfhaut, Harnretention (Unfähigkeit, die Harnblase ausreichend zu entleeren) und reflektorische Bradykardie. Eine Kombination mit Betablockern kann die Bradykardie verstärken.
Mineralocorticoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Fludrocortison | Off-Label-Use bei POTS; schwache Evidenz, keine Routinegabe. Bei vermuteter Hypovolämie trotz Basismaßnahmen zeitlich überprüfter Therapieversuch. Blutdruck, Gewicht, Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe), Kalium und Nierenfunktion überwachen [LL2, LL3, FI4]. |
- Wirkweise: Mineralocorticoide Wirkung mit gesteigerter renaler Natriumretention und Kaliumausscheidung; dadurch kann das intravasale Volumen (Blutvolumen innerhalb der Gefäße) zunehmen.
- Indikation: Ausgewähltes POTS mit vermutetem Volumenmangel. Die referenzierte Fachinformation nennt Substitution bei Morbus Addison (Hormonmangel durch Unterfunktion der Nebennierenrinde) und Salzverlustsyndrom (krankhaft gesteigertem Salzverlust) sowie Kurzzeittherapie einer schweren hypoadrenergen orthostatischen Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen durch unzureichende Aktivierung des kreislaufanregenden Nervensystems); diese Indikationen sind von POTS zu unterscheiden. Für die nicht substitutive Behandlung einer orthostatischen Hypotonie begrenzt die Fachinformation die Dauer grundsätzlich auf höchstens 2 Monate. Eine POTS-Behandlung ist gesondert zu begründen und regelmäßig neu zu bewerten [FI4].
- Kontraindikationen: Für nicht substitutive Anwendungen nennt die Fachinformation unter anderem Alter über 65 Jahre, Hypertonie, Hypokaliämie (zu niedrigen Kaliumgehalt im Blut), metabolische Alkalose (stoffwechselbedingte Verschiebung des Säure-Basen-Gleichgewichts zur alkalischen Seite), Herzinsuffizienz und Niereninsuffizienz. Bei POTS keine Anwendung bei klinischer Volumenüberlastung (übermäßiger Flüssigkeitsmenge im Kreislauf). Eine bestehende Substitutionspflicht bei Nebenniereninsuffizienz (unzureichender Hormonproduktion der Nebennieren) ist gesondert zu beurteilen [FI4].
- Nebenwirkungen: Hypokaliämie, Hypertonie, Ödeme, Gewichtszunahme und mögliche Verschlechterung einer Herzinsuffizienz. Kaliumverluste können durch Diuretika verstärkt werden; ein fehlender klinischer Nutzen rechtfertigt keine fortgesetzte Volumenexpansion.
Beachte
- Verlaufskontrolle: Vor Therapiebeginn konkrete Beschwerden und Funktionsziele erfassen; nach Beginn und Dosisänderungen Herzfrequenz, Blutdruck, orthostatische Symptome und Verträglichkeit prüfen. Bei Fludrocortison zusätzlich Elektrolyte und Flüssigkeitsretention kontrollieren. Eine Dosissteigerung ist nur bei klinisch relevantem Nutzen vertretbar.
- Kombinationen: Möglichst zunächst eine Maßnahme beziehungsweise einen Wirkstoff verändern. Kombinationen können bei unzureichendem Ansprechen sinnvoll sein, erschweren aber die Zuordnung von Wirkungen und Nebenwirkungen. Ivabradin mit Verapamil oder Diltiazem ist kontraindiziert. Betablocker mit Ivabradin oder Midodrin erfordern besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich Bradykardie.
- Besondere Patientengruppen: Schwangerschaft, Stillzeit, Minderjährigkeit sowie relevante Herz-, Leber- oder Nierenerkrankungen erfordern eine gesonderte Bewertung. Die Erwachsenendosierungen sind keine pädiatrischen Empfehlungen. Bei wechselnden Beschwerden oder neuer Kreislaufinstabilität Diagnose und Sekundärursachen erneut überprüfen.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Herz und Gefäßen sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Mineralstoffe (Magnesium)
- Spurenelemente (Chrom, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); Omega-6-Fettsäure: Gamma-Linolensäure (GLA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Traubenkern- und Olivenpolyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10))
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- AV: atrioventrikulär; die Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern betreffend.
- CYP3A4: Cytochrom P450 3A4; ein am Arzneimittelabbau beteiligtes Enzym.
- EKG: Elektrokardiogramm.
- ESC: European Society of Cardiology; Europäische Gesellschaft für Kardiologie.
- If: Schrittmacherstrom in den Zellen des Sinusknotens.
- IST: Inappropriate Sinus Tachycardia; inadäquate Sinustachykardie.
- NYHA: New York Heart Association; deren Klassen beschreiben die Einschränkung durch eine Herzinsuffizienz.
- POTS: posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom.
Literatur
- Garland EM et al.: Effect of High Dietary Sodium Intake in Patients With Postural Tachycardia Syndrome. J Am Coll Cardiol. 2021;77(17):2174-2184. doi:10.1016/j.jacc.2021.03.005.
- Cappato R et al.: Clinical efficacy of ivabradine in patients with inappropriate sinus tachycardia: a prospective, randomized, placebo-controlled, double-blind, crossover evaluation. J Am Coll Cardiol. 2012;60(15):1323-1329. doi:10.1016/j.jacc.2012.06.031.
- Taub PR et al.: Randomized Trial of Ivabradine in Patients With Hyperadrenergic Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome. J Am Coll Cardiol. 2021;77(7):861-871. doi:10.1016/j.jacc.2020.12.029.
- Raj SR et al.: Propranolol decreases tachycardia and improves symptoms in the postural tachycardia syndrome: less is more. Circulation. 2009;120(9):725-734. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.108.846501.
- Uppal J et al.: A Randomized Crossover Trial of Ivabradine, Propranolol, and Placebo in Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome: A Detailed Description. JACC Adv. 2026;5(6 Pt 2):102795. doi:10.1016/j.jacadv.2026.102795.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Brugada J et al.: 2019 ESC Guidelines for the management of patients with supraventricular tachycardia. Eur Heart J. 2020;41(5):655-720. doi:10.1093/eurheartj/ehz467 [LL1].
- Raj SR et al.: Canadian Cardiovascular Society Position Statement on Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome (POTS) and Related Disorders of Chronic Orthostatic Intolerance. Can J Cardiol. 2020;36(3):357-372. doi:10.1016/j.cjca.2019.12.024 [LL2].
- Sheldon RS et al.: 2015 Heart Rhythm Society Expert Consensus Statement on the Diagnosis and Treatment of Postural Tachycardia Syndrome, Inappropriate Sinus Tachycardia, and Vasovagal Syncope. Heart Rhythm. 2015;12(6):e41-e63. doi:10.1016/j.hrthm.2015.03.029 [LL3].
Fachinformationen und Produktinformationen
- Les Laboratoires Servier: Procoralan 5 mg und 7,5 mg Filmtabletten, Ivabradin. EU-Produktinformation, online verfügbare Fassung, abgerufen am 13.10.2026. EMA-Produktinformation [FI1].
- mibe GmbH Arzneimittel: Dociton 10 mg, 40 mg und 80 mg Filmtabletten, Propranololhydrochlorid. Fachinformation, Stand August 2019; online abgerufen am 13.10.2026. Fachinformation [FI2].
- CHEPLAPHARM Arzneimittel GmbH: Gutron Tabletten 2,5 mg, Midodrinhydrochlorid. Fachinformation, Stand Juli 2021; online abgerufen am 13.10.2026. Fachinformation [FI3].
- Merck Healthcare Germany GmbH: Astonin H 0,1 mg Tabletten, Fludrocortison. Fachinformation, Stand März 2022; online abgerufen am 13.10.2026. Fachinformation [FI4].