Sinustachykardie – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Sinustachykardie (beschleunigter Herzschlag aus dem normalen Schrittmacherzentrum des Herzens) mitbedingt sein können:
Die Sinustachykardie ist in den meisten Fällen eine physiologische Reaktion (normale Reaktion des Körpers) oder ein Sekundärphänomen (Begleiterscheinung) einer zugrunde liegenden Erkrankung. Für die Sinustachykardie selbst sind nur wenige eigenständige Folgeerkrankungen belastbar belegt. Epidemiologische Assoziationen (in Bevölkerungsstudien beobachtete Zusammenhänge) einer erhöhten Ruheherzfrequenz mit kardiovaskulären Ereignissen (Herz-Kreislauf-Ereignissen) und Mortalität (Sterblichkeit) erlauben keine kausale Zuordnung zur Sinustachykardie und werden daher nicht als Folgeerkrankungen, sondern unter den Prognosefaktoren aufgeführt [1, 5, 6, LL1].
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Tachykardieinduzierte Kardiomyopathie (durch anhaltend schnellen Herzschlag verursachte Herzmuskelerkrankung) (Tachykardiomyopathie) mit linksventrikulärer systolischer Dysfunktion (verminderter Pumpfunktion der linken Herzkammer) und ggf. sekundärer Herzinsuffizienz (nachfolgender Herzschwäche) – bei persistierender (anhaltender), insbesondere inadäquater Sinustachykardie (unangemessen beschleunigtem Sinusrhythmus) sehr selten; die Evidenz beruht überwiegend auf Einzelfallberichten. In einer Kohorte mit 305 Patienten mit inadäquater Sinustachykardie fand sich bei einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 3,5 Jahren keine der inadäquaten Sinustachykardie zurechenbare Kardiomyopathie; bei 77 Patienten mit echokardiographischer Verlaufskontrolle (Ultraschall-Verlaufskontrolle des Herzens) blieb die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (Auswurfleistung der linken Herzkammer) im Mittel unverändert [3, 4, 7].
Weiteres
- Einschränkung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität – insbesondere bei symptomatischer (mit Beschwerden einhergehender) inadäquater Sinustachykardie können Palpitationen (Herzklopfen), Belastungsintoleranz (verminderte körperliche Belastbarkeit), Dyspnoe (Atemnot), Schwindel, Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht) und gelegentlich Synkope (Ohnmacht) zu einer erheblichen Einschränkung der Alltagsfunktion und Lebensqualität führen, obwohl die strukturelle kardiale Langzeitprognose (langfristige Entwicklung des Herzens) im Regelfall günstig ist [2-4, LL2].
Prognosefaktoren
- Ätiologie (Ursache) der Sinustachykardie – bei physiologischer Sinustachykardie ist nach Wegfall des Auslösers keine eigenständige kardiale Folgeerkrankung zu erwarten; bei sekundärer Sinustachykardie wird die Prognose primär durch die zugrunde liegende Erkrankung bestimmt [1, LL1].
- Erhöhte Ruheherzfrequenz als populationsbezogener Prognosemarker (Merkmal zur Abschätzung des Krankheitsverlaufs) – in einer systematischen Übersichtsarbeit und Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von 87 prospektiven Studien war eine um 10 Schläge/min höhere Ruheherzfrequenz mit einem höheren relativen Risiko für koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) (1,07), Herzinsuffizienz (Herzschwäche) (1,18), Schlaganfall (1,06), kardiovaskuläre Erkrankungen insgesamt (1,15) und Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) (1,17) assoziiert [5]. Eine weitere Metaanalyse mit 46 Studien und 1.246.203 Personen zeigte pro 10 Schläge/min eine Zunahme des relativen Risikos für Gesamtmortalität um 9 % und für kardiovaskuläre Mortalität (Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen) um 8 % [6]. Diese Befunde sind nicht spezifisch für eine Sinustachykardie und belegen keine Kausalität (Ursächlichkeit).
- Inadäquate Sinustachykardie – die Langzeitprognose hinsichtlich struktureller Herzerkrankung und Mortalität ist überwiegend günstig. In einer Langzeitkohorte mit 305 Patienten zeigte sich weder eine der inadäquaten Sinustachykardie zurechenbare Kardiomyopathie noch eine Übersterblichkeit gegenüber einer alters- und geschlechtsgematchten Kontrollgruppe [3, 4].
- Persistenz und Frequenzbelastung – eine dauerhaft hohe Herzfrequenz und eine hohe Tachykardielast (zeitlicher Anteil eines zu schnellen Herzschlags) erhöhen grundsätzlich die Wahrscheinlichkeit einer tachykardieinduzierten linksventrikulären Dysfunktion; für die inadäquate Sinustachykardie ist dieses Risiko jedoch sehr niedrig und überwiegend kasuistisch dokumentiert [1, 4, 7].
- Vorbestehende strukturelle bzw. ischämische Herzerkrankung (Herzerkrankung durch Minderdurchblutung) oder Herzinsuffizienz – bei eingeschränkter kardialer Reserve (verminderter Leistungsreserve des Herzens) besitzt eine anhaltend erhöhte Herzfrequenz prognostische Bedeutung; die Sinustachykardie ist hierbei jedoch häufig zugleich Ausdruck der zugrunde liegenden Erkrankung und nicht als eigenständige kausale Folgeerkrankung zu werten [1].
Literatur
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- Ahmed A, Pothineni NVK, Charate R et al.: Inappropriate Sinus Tachycardia: Etiology, Pathophysiology, and Management: JACC Review Topic of the Week. J Am Coll Cardiol. 2022;79(24):2450-2462. doi: 10.1016/j.jacc.2022.04.019
- Shabtaie SA, Witt CM, Asirvatham SJ: Natural history and clinical outcomes of inappropriate sinus tachycardia. J Cardiovasc Electrophysiol. 2020;31(1):137-143. doi: 10.1111/jce.14288
- Olshansky B, Sullivan RM: Inappropriate sinus tachycardia. Europace. 2019;21(2):194-207. doi: 10.1093/europace/euy128
- Aune D, Sen A, O'Hartaigh B et al.: Resting heart rate and the risk of cardiovascular disease, total cancer, and all-cause mortality - A systematic review and dose-response meta-analysis of prospective studies. Nutr Metab Cardiovasc Dis. 2017;27(6):504-517. doi: 10.1016/j.numecd.2017.04.004
- Zhang D, Shen X, Qi X: Resting heart rate and all-cause and cardiovascular mortality in the general population: a meta-analysis. CMAJ. 2016;188(3):E53-E63. doi: 10.1503/cmaj.150535
- Winum PF, Cayla G, Rubini M et al.: A case of cardiomyopathy induced by inappropriate sinus tachycardia and cured by ivabradine. Pacing Clin Electrophysiol. 2009;32(7):942-944. doi: 10.1111/j.1540-8159.2009.02414.x
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Brugada J, Katritsis DG, Arbelo E et al.: 2019 ESC Guidelines for the management of patients with supraventricular tachycardia. Eur Heart J. 2020;41(5):655-720. doi: 10.1093/eurheartj/ehz467. ESC-Leitlinienseite. [LL1]
- Sheldon RS, Grubb BP 2nd, Olshansky B et al.: 2015 Heart Rhythm Society Expert Consensus Statement on the Diagnosis and Treatment of Postural Tachycardia Syndrome, Inappropriate Sinus Tachycardia, and Vasovagal Syncope. Heart Rhythm. 2015;12(6):e41-e63. doi: 10.1016/j.hrthm.2015.03.029. HRS-Konsensusseite. [LL2]