Nävus – Ursachen
Pathogenese (Krankheitsentstehung)
Ein Nävus (Muttermal) ist eine umschriebene angeborene (von Geburt an bestehende) oder erworbene (im Laufe des Lebens entstandene) Fehlbildung (angelegte Formveränderung) beziehungsweise benigne (gutartige) klonale (aus einer Zelllinie hervorgehende) oder hamartomatöse (fehlbildungsartige) Gewebeveränderung der Haut oder Schleimhaut (feuchte Innenhaut). Pathogenetisch (die Krankheitsentstehung betreffend) handelt es sich nicht um eine einheitliche Entität (eigenständiges Krankheitsbild), sondern um eine Sammelbezeichnung für Läsionen (Hautveränderungen) unterschiedlicher Zelllinien (Zellarten). Je nach Nävusform können Melanozyten (Pigmentzellen), Keratinozyten (Hornzellen), Adnexstrukturen (Hautanhangsgebilde), Gefäße (Blutgefäße), Bindegewebe (Stützgewebe) oder mehrere dieser Gewebekomponenten beteiligt sein [1-12, LL1].
Übergeordnete pathogenetische Mechanismen
- Postzygotischer somatischer Mosaizismus: (nach der Befruchtung entstandenes Zellmuster mit genetisch unterschiedlichen Körperzellen) Viele kongenitale (angeborene), segmentale (abschnittsweise), lineare oder nach Blaschko-Linien (entwicklungsgeschichtliche Hautlinien) angeordnete Nävi entstehen durch eine nach der Befruchtung auftretende somatische Mutation (erworbene Erbgutveränderung in Körperzellen). Je früher die Mutation während der Embryonalentwicklung (Entwicklung vor der Geburt) auftritt, desto ausgedehnter kann das betroffene Hautareal sein und desto eher können extrakutane Manifestationen (Krankheitszeichen außerhalb der Haut) auftreten [2, 4-8].
- Signalwegaktivierung: (Aktivierung zellulärer Steuerwege) Häufig betroffen sind Signalwege der Zellproliferation (Zellvermehrung) und Differenzierung (Zellreifung), insbesondere die mitogenaktivierte Proteinkinase (MAPK)-Kaskade (Wachstums-Signalweg) und der Phosphoinositid-3-Kinase-AKT-Signalweg (PI3K-AKT-Signalweg) (Zellwachstums- und Überlebenssignalweg). Eine einzelne aktivierende Treibermutation (auslösende Erbgutveränderung) führt dabei meistens zunächst zu lokaler Zellvermehrung; bei vielen Nävi folgt anschließend eine Wachstumsarretierung (Wachstumsstopp) beziehungsweise stabile benigne Persistenz (gutartiges Bestehenbleiben) [1, 3-5].
- Zelllinienabhängige Ausprägung: Die klinische Morphologie (klinisches Erscheinungsbild) eines Nävus ergibt sich aus der betroffenen Zelllinie. Melanozytäre Läsionen erscheinen pigmentiert (gefärbt), keratinozytäre Läsionen verrukös (warzenartig) oder papillomatös (warzen-/zottig), organoide Läsionen (organähnliche Veränderungen) adnexbezogen (Hautanhangsgebilde betreffend), vaskuläre Läsionen (gefäßbedingte Veränderungen) erythematös (gerötet) bis livide (bläulich-rötlich) und Bindegewebsnävi derb oder plaqueartig (plattenförmig) [1-12, LL1].
- Syndromassoziation: (Zusammenhang mit einem Krankheitskomplex) Ausgedehnte oder systematisierte (nach einem Muster angeordnete) Nävi können Ausdruck eines kutanen Mosaizismus (Mosaikbildung der Haut) mit Beteiligung weiterer Organe sein, z. B. bei epidermalen Nävussyndromen (Krankheitskomplexen mit Oberhaut-Muttermalen), Schimmelpenning-Syndrom, Sturge-Weber-Syndrom, Buschke-Ollendorff-Syndrom, Proteus-Syndrom oder tuberöser Sklerose [4-8].
Pathogenese nach Nävusformen
- Melanozytäre Nävi (pigmentzellbedingte Muttermale)
- Erworbener melanozytärer Nävus/Nävuszellnävus (Pigmentzell-Muttermal) – Entsteht durch klonale Vermehrung von Melanozyten beziehungsweise Nävuszellen. Häufig liegt eine aktivierende Mutation im BRAF-Gen (Erbanlage für einen Zellwachstumsschalter) (B-Raf proto-oncogene), seltener im NRAS-Gen (Erbanlage für einen weiteren Zellwachstumsschalter) (Neuroblastoma RAS viral oncogene homolog), vor. Die Aktivierung der mitogenaktivierten Proteinkinase (MAPK)-Kaskade fördert initial (anfänglich) die Proliferation; die nachfolgende onkogeninduzierte Seneszenz (durch ein Krebsgen ausgelöster Alterungsstopp der Zelle) erklärt die meistens langfristige biologische Stabilität [1].
- Kongenitaler melanozytärer Nävus (KMN) (angeborenes pigmentzellbedingtes Muttermal) – Beruht auf einer Fehlentwicklung und Proliferation melanoblastärer Zellen (Vorstufen von Pigmentzellen) während der Embryogenese (vorgeburtliche Entwicklung). Große und riesige kongenitale melanozytäre Nävi sind häufig mit NRAS-Mutationen, seltener mit BRAF-Veränderungen oder anderen Treibern assoziiert. Das Risiko für Melanom (schwarzer Hautkrebs) und neurokutane Melanozytose (Ansammlung von Pigmentzellen in Haut und Nervensystem) hängt insbesondere von Größe, Lokalisation (Körperstelle), Satellitenläsionen (Nebenherden) und Tiefe der Zellverteilung ab [1, 2].
- Dysplastischer beziehungsweise atypischer Nävus (auffällig aufgebautes beziehungsweise untypisches Muttermal) – Stellt keine obligate Präkanzerose (zwingende Krebsvorstufe) dar, sondern eine klinisch-histopathologische Risikoläsion (Hautveränderung mit auffälligem klinischem und feingeweblichem Befund) und einen Marker erhöhter Melanomdisposition (Veranlagung für schwarzen Hautkrebs). Pathogenetisch überschneiden sich dysplastische Nävi mit erworbenen melanozytären Nävi; relevant sind genetische Prädisposition, hohe Nävuszahl und ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung) [1].
- Spitz-Nävus und Spitz-Tumor (besondere pigmentzellbedingte Muttermal- beziehungsweise Tumorform) – Entstehen durch spezifische Treiberereignisse wie HRAS-Gen-Mutationen (Erbgutveränderungen in einem Zellwachstumsgen) (Harvey rat sarcoma viral oncogene homolog) oder Kinasefusionen (Verschmelzungen von Genen für Signalproteine), unter anderem mit ALK (anaplastische Lymphomkinase) (Signalprotein), ROS1 (ROS proto-oncogene 1) (Signalgen), NTRK1/2/3 (neurotrophe Tyrosinrezeptorkinasen) (Nervenwachstums-Signalproteine), RET (rearranged during transfection) (Signalgen) oder BRAF. Dadurch entsteht ein Spektrum von benignem Spitz-Nävus über atypischen Spitz-Tumor bis zum Spitz-Melanom [1, 3].
- Blauer Nävus, Nävus Ota und Nävus Ito (blaue beziehungsweise tief pigmentierte Muttermalformen) – Diese Läsionen beruhen auf dermalen (in der Lederhaut gelegenen) melanozytären Proliferationen. Durch die tiefe dermale Pigmentlage entsteht klinisch die bläuliche Farbe. Molekular (die Erbsubstanz betreffend) sind häufig Veränderungen in GNAQ (Guaninnukleotid-bindendes Protein alpha-q) (Signalgen) oder GNA11 (Guaninnukleotid-bindendes Protein alpha-11) (Signalgen) beteiligt [1].
- Halo-Nävus (Muttermal mit hellem Hof) – Entsteht durch eine immunvermittelte Reaktion (Abwehrreaktion) gegen Nävuszellen mit sekundärer Depigmentierung (Entfärbung) im umgebenden Hautareal. Pathogenetisch ist eine T-Zell-vermittelte Regression (Rückbildung durch Abwehrzellen) der zentralen melanozytären Läsion anzunehmen [1].
- Naevus spilus (Sprenkelnävus) – Entspricht einer segmentalen pigmentären Mosaikbildung (abschnittsweises Pigmentmuster) mit lentiginöser Grundpigmentierung (linsenfleckartiger Grundfärbung) und eingelagerten melanozytären Nävusanteilen. Das Melanomrisiko ist insgesamt niedrig, kann aber bei großen oder segmentalen Formen höher sein [1, 7].
- Nevus depigmentosus/Naevus achromicus (helles Muttermal) – Beruht auf einer umschriebenen pigmentären Mosaikstörung (umschriebene Störung der Hautfärbung) mit verminderter Melaninbildung (verminderter Bildung des Hautfarbstoffs), gestörter Melanosomenreifung (gestörter Reifung von Pigmentspeichern) oder reduzierter Melanosomenübertragung (verminderter Weitergabe von Pigmentspeichern). Die Läsion ist meistens kongenital, stabil und nicht inflammatorisch (nicht entzündlich) [7].
- Epidermale, keratinozytäre und organoide Nävi (Oberhaut-, Hornzell- und organähnliche Muttermale)
- Keratinozytärer epidermaler Nävus/Naevus verrucosus (Hornzell-Oberhaut-Muttermal/warzenartiges Muttermal) – Entsteht durch postzygotische Mutationen in Keratinozyten, häufig mit Beteiligung von HRAS, KRAS (Kirsten rat sarcoma viral oncogene homolog) (Signalgen), FGFR3 (Fibroblastenwachstumsfaktor-Rezeptor 3) (Wachstumsrezeptor) oder PIK3CA (Phosphatidylinositol-4,5-bisphosphat-3-Kinase katalytische Untereinheit alpha) (Signalgen). Die lineare oder systematisierte Anordnung folgt häufig den Blaschko-Linien [5].
- Inflammatorischer linearer verruköser epidermaler Nävus (ILVEN) (entzündliches linienförmiges warzenartiges Oberhaut-Muttermal) – Entspricht einer entzündlichen Variante des epidermalen Nävus. Pathogenetisch wird ein kutaner Mosaizismus mit epidermaler Differenzierungsstörung (Reifungsstörung der Oberhaut) und lokaler inflammatorischer Aktivierung (lokaler Entzündungsaktivierung) angenommen [5].
- Naevus sebaceus (Talgdrüsen-Muttermal) – Ist ein organoides Hamartom der follikulosebazeös-apokrinen Einheit (Haar-Talgdrüsen-Schweißdrüsen-Einheit). Ursache sind meistens postzygotische HRAS- oder KRAS-Mutationen. Die gleiche Mosaik-RASopathie (mosaikartige Erkrankung eines Zellwachstumssignalwegs) kann bei ausgedehntem Befall mit dem Schimmelpenning-Syndrom assoziiert sein. Sekundäre benigne Adnextumoren (gutartige Tumoren der Hautanhangsgebilde) können sich im Verlauf innerhalb der Läsion entwickeln [4].
- Naevus comedonicus (Komedonen-Muttermal) – Beruht auf einer lokalisierten Entwicklungsstörung des Haarfollikel-Infundibulums (oberer Haarbalgabschnitt) mit follikulärer Keratinretention (Hornmaterialstau im Haarfollikel). Bei systematisierten Formen ist eine Einordnung in das Spektrum epidermaler Nävussyndrome möglich [5].
- Schweißdrüsennävus und andere adnexale Nävi (Schweißdrüsen-Muttermal und andere Muttermale der Hautanhangsgebilde) – Entstehen durch hamartomatöse Fehlbildung ekkriner, apokriner (Schweißdrüsenarten) oder gemischter Adnexstrukturen. Die Pathogenese entspricht meistens einem lokal begrenzten Mosaizismus adnexaler Vorläuferzellen (Vorstufen von Hautanhangsgebilden) [5].
- Vaskuläre Nävi und vaskuläre Abgrenzungsläsionen (gefäßbedingte Muttermale und abzugrenzende Gefäßveränderungen)
- Naevus flammeus (Feuermal) – Entspricht nach aktueller Nomenklatur (Fachbezeichnung) einer kapillären Malformation (Fehlbildung kleinster Blutgefäße) und nicht einem Hämangiom (Blutschwämmchen). Ursächlich sind häufig somatische GNAQ-Mutationen mit persistierender Fehlentwicklung dermaler Kapillaren (kleinster Blutgefäße der Lederhaut). Bei fazialer Lokalisation (Lokalisation im Gesicht), insbesondere im Stirn-/Augenbereich, ist die Abgrenzung zum Sturge-Weber-Syndrom relevant [6, LL1].
- Naevus simplex (Storchenbiss) – Entspricht einer häufigen kapillären Malformation des Säuglingsalters mit oberflächlicher Kapillarektasie (Erweiterung kleinster Blutgefäße) und spontaner Rückbildungstendenz, insbesondere außerhalb der Nackenregion [6, LL1].
- Nevus anemicus (blasses Gefäßmal) – Ist keine Hypomelanose (verminderte Hautpigmentierung), sondern beruht auf einer lokal gesteigerten Sensitivität dermaler Gefäße gegenüber Katecholaminen (Stresshormonen) mit persistierender Vasokonstriktion (Gefäßverengung). Klinisch entsteht dadurch ein umschriebener blasser Fleck, der bei Reibung nicht erythematös reagiert [11].
- Spider nevus/Spider angioma (Gefäßspinne) – Ist meistens eine erworbene arterielle Gefäßektasie (Erweiterung eines arteriellen Gefäßes) mit zentralem Gefäßpunkt und radiären Teleangiektasien (erweiterten Äderchen). Pathogenetisch relevant sind wahrscheinlich vasodilatatorische (gefäßerweiternde), hormonelle (hormonabhängige), angiogene (gefäßneubildende) und hämodynamische Faktoren (den Blutfluss betreffende Faktoren); multiple Läsionen sprechen für eine systemische Abklärung (Untersuchung des ganzen Körpers), insbesondere hinsichtlich chronischer Lebererkrankungen [6, 12].
- Hämangiome und Granuloma pyogenicum (Blutschwämmchen und gutartiger blutreicher Gefäßtumor) – Werden nach moderner Klassifikation (Einteilung) nicht als eigentliche Nävi, sondern als vaskuläre Tumoren (Gefäßtumoren) eingeordnet. Das Granuloma pyogenicum entspricht einem lobulären kapillären Hämangiom (läppchenförmiger Blutschwamm aus kleinsten Gefäßen) und ist eher eine wichtige Differentialdiagnose (Abgrenzungsdiagnose) rasch wachsender, blutender vaskulärer Läsionen als eine Nävusform [6, LL1].
- Bindegewebsnävi (Bindegewebs-Muttermale)
- Bindegewebsnävus/Kollagennävus/Elastica-Nävus (Bindegewebs-/Kollagen-/Elastinfaser-Muttermal) – Entsteht durch umschriebene hamartomatöse Fehlbildung dermalen Bindegewebes mit vermehrten oder strukturell veränderten Kollagen- und/oder elastischen Fasern (Bindegewebs- und Dehnungsfasern). Klinisch resultieren derbe Papeln (Knötchen), Plaques (plattenförmige Herde) oder shagreenartige Areale (chagrinlederartige Hautareale) [8].
- Buschke-Ollendorff-Syndrom – Beruht auf LEMD3-Gen-Veränderungen (LEM domain-containing protein 3) (Erbgutveränderungen eines Regulationsgens) mit gestörter Regulation der extrazellulären Matrix (Zellzwischenraum). Typisch sind multiple Bindegewebsnävi in Kombination mit Osteopoikilose (fleckförmigen Knochenverdichtungen) [8].
- Proteus-Syndrom – Der zerebriforme Bindegewebsnävus (hirnwindungsartig geformtes Bindegewebs-Muttermal) ist eine charakteristische Manifestation eines segmentalen Überwuchssyndroms (abschnittsweisen Überwuchskrankheitsbildes), meistens durch postzygotische AKT1-Gen-Veränderungen (AKT-Serin/Threonin-Kinase 1) (Erbgutveränderungen eines Zellwachstumsgens) mit Aktivierung des PI3K-AKT-Signalwegs [8].
- Tuberöse Sklerose – Der shagreen patch (chagrinlederartige Hautveränderung) entspricht einem Bindegewebshamartom im Rahmen einer mTOR-Signalwegaktivierung (Aktivierung eines Zellwachstumssignalwegs) durch TSC1-Gen- oder TSC2-Gen-Veränderungen (tuberous sclerosis complex 1/2) (Erbgutveränderungen bei tuberöser Sklerose) [8].
- Becker-Nävus (Becker-Muttermal)
- Der Becker-Nävus ist ein kutanes Hamartom (fehlbildungsartige Hautveränderung) mit Hyperpigmentierung (verstärkter Hautfärbung), häufig Hypertrichose (vermehrter Behaarung) und gelegentlicher glatter Muskel- beziehungsweise Adnexbeteiligung (Beteiligung von Hautanhangsgebilden). Pathogenetisch wird eine erhöhte lokale Androgenrezeptoraktivität (verstärkte Wirkung männlicher Geschlechtshormone am Rezeptor) angenommen; dies erklärt die häufige Manifestation um die Pubertät (Geschlechtsreife) und die Betonung bei männlichen Patienten [9].
Ätiologie (Ursachen)
Die Ätiologie des Nävus ist abhängig von der jeweiligen Nävusform. Bei kongenitalen und segmentalen Nävi dominiert der postzygotische Mosaizismus, bei erworbenen melanozytären Nävi wirken genetische Disposition (erbliche Veranlagung), Hauttyp und ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung) zusammen. Organoide, epidermale, vaskuläre und bindegewebige Nävi sind überwiegend Entwicklungsstörungen beziehungsweise Hamartome und werden nicht primär durch Sonnenexposition verursacht [1-12, LL1].
Biographische Ursachen
- Genetische Prädisposition (erbliche Veranlagung)
- Hohe Gesamtzahl melanozytärer Nävi, familiäre Häufung atypischer Nävi und familiäre Melanombelastung erhöhen das individuelle Risiko für zahlreiche erworbene melanozytäre Nävi und für Melanomrisikokonstellationen [1].
- Kongenitale melanozytäre Nävi entstehen meistens sporadisch (vereinzelt) durch postzygotische Mutationen; eine klassische mendelsche Vererbung (Vererbung nach den Mendelschen Regeln) ist die Ausnahme [1, 2].
- Epidermale, organoide und vaskuläre Nävi sind häufig Ausdruck eines somatischen Mosaizismus; bei systematisierten Formen muss an ein Nävussyndrom gedacht werden [4-6, LL1].
- Alter und Entwicklungsphase
- Erworbene melanozytäre Nävi nehmen typischerweise in Kindheit und Jugend zu und können im höheren Lebensalter teilweise regredieren (sich zurückbilden) [1].
- Kongenitale melanozytäre Nävi, epidermale Nävi, Naevus sebaceus, Naevus flammeus, Naevus simplex, Nevus anemicus und viele Bindegewebsnävi sind bereits bei Geburt vorhanden oder werden im frühen Kindesalter sichtbar [2, 4-8, 11].
- Der Becker-Nävus wird häufig in der Pubertät auffällig, was zur androgenabhängigen Pathogenese passt [9].
- Hauttyp und Phänotyp (Erscheinungsbild)
- Heller Hauttyp nach Fitzpatrick I-II, helle Augenfarbe, rötliches oder blondes Haar und Ephelidenneigung (Neigung zu Sommersprossen) sind mit höherer Nävuszahl und höherer Sonnenempfindlichkeit assoziiert, insbesondere bei erworbenen melanozytären Nävi [1].
- Bei dunklerem Hauttyp sind melanozytäre Nävi klinisch anders verteilt; akrale (an Händen und Füßen gelegene) und mukosale Pigmentläsionen (Pigmentveränderungen der Schleimhaut) müssen differentialdiagnostisch besonders sorgfältig beurteilt werden [1].
- Ethnische Zugehörigkeit
- Die Zahl, Morphologie und Lokalisation melanozytärer Nävi unterscheiden sich zwischen ethnischen Gruppen, wesentlich vermittelt über Pigmentierung, Hauttyp und Expositionsmuster gegenüber ultravioletter Strahlung (UV-Strahlung) [1].
- Hormonelle Einflüsse
- Pubertät und Schwangerschaft können das klinische Erscheinungsbild bestehender melanozytärer Nävi verändern, ohne dass dies allein eine maligne Transformation (bösartige Umwandlung) beweist [1].
- Beim Becker-Nävus ist eine erhöhte lokale Androgenrezeptoraktivität pathogenetisch relevant [9].
- Spider nevi können bei Schwangerschaft, Hyperöstrogenämie (erhöhtem Östrogenspiegel) und chronischer Lebererkrankung gehäuft auftreten [6, 12].
Verhaltensbedingte Ursachen
- Ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung)
- Intermittierende Sonnenexposition (wechselnde starke Sonnenbelastung) und Sonnenbrände in Kindheit und Jugend fördern die Entwicklung erworbener melanozytärer Nävi und erhöhen die Gesamtzahl melanozytärer Nävi [1].
- Ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung) ist für kongenitale melanozytäre Nävi, epidermale Nävi, Naevus sebaceus, vaskuläre Malformationen und Bindegewebsnävi nicht der primäre Entstehungsmechanismus [1-8, LL1].
- Solariumnutzung
- Künstliche ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung) ist als exogener Risikofaktor (von außen wirkender Risikofaktor) für Hautschädigung und Melanomrisiko relevant; für die eigentliche Entstehung organoider, epidermaler, vaskulärer oder bindegewebiger Nävi besteht kein entsprechender pathogenetischer Zusammenhang [1].
- Mechanische Reizung
- Reibung, Rasur, Schmuck oder Kleidung können bestehende Nävi irritieren, entzünden oder traumatisieren (verletzen), gelten aber nicht als gesicherte Ursache der Nävusentstehung und nicht als belegter Auslöser einer malignen Transformation [1].
- Lokale Traumata (Verletzungen) können bei rasch wachsenden vaskulären Läsionen wie Granuloma pyogenicum als Trigger (Auslöser) diskutiert werden; diese Läsion gehört jedoch nicht zu den eigentlichen Nävi [6, LL1].
Krankheitsbedingte Ursachen
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- Epidermale Nävussyndrome – systematisierte epidermale Nävi mit möglicher Beteiligung von Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark), Augen, Skelett (Knochengerüst), Urogenitaltrakt (Harn- und Geschlechtsorgane) oder anderen Organen; Ursache ist ein postzygotischer Mosaizismus, häufig mit Beteiligung von HRAS, KRAS, FGFR3 oder PIK3CA [5].
- Schimmelpenning-Syndrom – Naevus sebaceus mit extrakutanen Manifestationen; pathogenetisch eine Mosaik-RASopathie durch postzygotische HRAS- oder KRAS-Mutationen [4].
- Sturge-Weber-Syndrom – kapilläre Malformation im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (Drillingsnerv) mit leptomeningealer (Hirnhaut betreffender) und okulärer Beteiligung (Beteiligung des Auges); pathogenetisch häufig GNAQ-Mosaizismus [6, LL1].
- Buschke-Ollendorff-Syndrom – multiple Bindegewebsnävi mit Osteopoikilose; Ursache sind LEMD3-Gen-Veränderungen mit Störung der extrazellulären Matrixregulation [8].
- Proteus-Syndrom – segmentales Überwuchssyndrom mit zerebriformem Bindegewebsnävus; pathogenetisch meistens postzygotische AKT1-Gen-Veränderung [8].
- Tuberöse Sklerose – shagreen patch als Bindegewebshamartom; Ursache sind TSC1- oder TSC2-Gen-Veränderungen mit Aktivierung des mTOR-Signalwegs [8].
- Pigmentärer Mosaizismus – segmentale Hypo-, Hyper- oder gemischte Pigmentierungsmuster (verminderte, verstärkte oder gemischte Färbungsmuster), darunter Naevus depigmentosus/Naevus achromicus und teils Naevus spilus; bei ausgedehnten Mustern ist an extrakutane Manifestationen zu denken [7].
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Hyperöstrogene Zustände (Zustände mit erhöhtem Östrogenspiegel), nicht näher bezeichnet – können die Ausbildung multipler Spider nevi begünstigen; hierbei handelt es sich um erworbene vaskuläre Ektasien (Gefäßerweiterungen) und nicht um kongenitale Nävi [6, 12].
- Thyreotoxikose (Schilddrüsenüberfunktion), nicht näher bezeichnet – kann mit Spider nevi assoziiert sein; der Mechanismus ist wahrscheinlich vasodilatatorisch-hormonell vermittelt [6, 12].
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (K70-K77; K80-K87)
- Fortgeschrittene chronische Lebererkrankungen, Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber) oder portale Hypertension (erhöhter Druck in der Pfortader) – können zur Ausbildung multipler Spider nevi führen; pathogenetisch sind hormonelle, vasodilatatorische, angiogene und hämodynamische Faktoren relevant [6, 12].
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Lokale Verletzung, operative Wunde oder chronische Irritation (dauerhafte Reizung) – kann ein Granuloma pyogenicum triggern; dieses ist als lobuläres kapilläres Hämangiom beziehungsweise vaskulärer Tumor einzuordnen und nicht als eigentlicher Nävus [6, LL1].
Medikamente
- Immunsuppressive Therapie (Behandlung zur Unterdrückung des Immunsystems) – insbesondere Anti-Tumor-Nekrose-Faktor-alpha-Antikörper (Anti-TNF-alpha-Antikörper) (Antikörper gegen einen Entzündungsbotenstoff), Azathioprin und Methotrexat können mit erhöhter Zahl melanozytärer Nävi und Veränderungen des dermatoskopischen Erscheinungsbildes (Erscheinungsbild in der Auflichtmikroskopie) assoziiert sein [10].
- Biologika (biotechnologisch hergestellte Medikamente) und konventionelle Immunsuppressiva (klassische Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems) – können bestehende melanozytäre Nävi klinisch und dermatoskopisch (in der Auflichtmikroskopie) verändern; solche Veränderungen erfordern eine dermatologische Beurteilung (hautärztliche Beurteilung), bedeuten aber nicht automatisch eine maligne Transformation [10].
Abzugrenzende nicht gesicherte Ursachen
- Mechanische Reizung eines bestehenden Nävus ist kein gesicherter ätiologischer Faktor (ursächlicher Faktor) für die Entstehung melanozytärer Nävi und kein belegter alleiniger Auslöser eines Melanoms [1].
- Hämangiome, Granuloma pyogenicum und andere vaskuläre Tumoren sollen in der modernen Nomenklatur nicht pauschal als Nävi bezeichnet werden; sie sind differentialdiagnostisch relevant, aber pathogenetisch von vaskulären Malformationen wie Naevus flammeus zu trennen [6, LL1].
- Ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung) erklärt erworbene melanozytäre Nävi, nicht aber die Entstehung von Naevus sebaceus, epidermalem Nävus, Bindegewebsnävus, Naevus flammeus oder Naevus anemicus [1-8, 11, LL1].
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Leitlinien
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