Nävus – Medizingerätediagnostik

Eine obligate Medizingerätediagnostik (Untersuchung mit medizinischen Geräten) ist bei klinisch eindeutig benignem (gutartigem), stabilem Nevus (Muttermal) nicht erforderlich.

Die apparative Diagnostik (gerätgestützte Untersuchung) erfolgt risikoadaptiert bei klinisch (durch ärztliche Untersuchung) atypischem (untypischem), dynamisch verändertem, symptomatischem (mit Beschwerden verbundenem), schwierig beurteilbarem oder malignitätsverdächtigem (krebsverdächtigem) Nevus sowie bei Patienten mit erhöhtem Melanomrisiko (Risiko für schwarzen Hautkrebs). Bei klinisch oder dermatoskopisch (mittels Auflichtmikroskopie) malignitätsverdächtiger Läsion (Hautveränderung) bleibt die vollständige Exzision (operative Entfernung) mit histopathologischer Untersuchung (feingeweblicher Untersuchung) das Referenzverfahren (Standardverfahren); eine unauffällige apparative Zusatzdiagnostik darf bei persistierendem (anhaltendem) Melanomverdacht nicht zur Verzögerung der Exzision führen [1, LL1, LL3].

Fakultative Medizingerätediagnostik (zusätzliche Untersuchung mit medizinischen Geräten) – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung und des klinischen Risikoprofils (individuellen Krankheitsrisikos) – zur differentialdiagnostischen Abklärung (zur Abklärung anderer möglicher Erkrankungen)

  • Dermatoskopie (Auflichtmikroskopie) (Untersuchung der Haut mit einem Auflichtmikroskop) – Basisverfahren zur weiteren Beurteilung klinisch auffälliger melanozytärer (von Pigmentzellen ausgehender) Läsionen; sie erhöht gegenüber der alleinigen Inspektion (Betrachtung) die diagnostische Treffsicherheit und dient der Differenzierung (Unterscheidung) zwischen benignem Nevus, dysplastischem/atypischem (gewebeverändertem/untypischem) Nevus, Spitz-/Reed-Nävus (besondere Muttermalform), blauem Nävus (blau erscheinendem Muttermal), seborrhoischer Keratose (Alterswarze), Angiom (Gefäßknötchen), Basalzellkarzinom (heller Hautkrebs) und malignem Melanom [1, 2, LL1, LL3]. [Asymmetrie (Ungleichmäßigkeit) von Struktur und Farbe, atypisches Pigmentnetz (untypisches Farbstoffnetz) mit unregelmäßigen Maschen und verdickten Netzlinien, irreguläre Punkte/Globuli (unregelmäßige Punkte/Kügelchen), irreguläre Streifen/Pseudopodien (unregelmäßige Streifen/fußartige Ausläufer), exzentrische Struktur- oder Farbveränderungen, blau-weißer Schleier, Regressionsstrukturen (Rückbildungszeichen), weiß glänzende Linien, negatives Pigmentnetz, atypische/polymorphe Gefäße (untypische/vielgestaltige Blutgefäße), milchig-rote Areale, multikomponentes oder chaotisches Muster]
  • Dermatoskopie spezieller Lokalisationen (Untersuchung besonderer Körperstellen mit einem Auflichtmikroskop) – indikationsbezogene Beurteilung akraler (an Handflächen und Fußsohlen gelegener), fazialer (im Gesicht gelegener), mukosaler (an der Schleimhaut gelegener) und ungualer (am Nagel gelegener) pigmentierter Läsionen, da hier andere Muster als an der Felderhaut (übrigen Körperhaut) gelten. [Akral: paralleles Leistenmuster, irreguläre diffuse Pigmentierung (unregelmäßige flächige Färbung), asymmetrische Pigmentverteilung; Gesicht/Lentigo-maligna-Spektrum (Vorstufen- oder Frühformenspektrum des schwarzen Hautkrebses): asymmetrisch pigmentierte Follikelöffnungen (Haarbalgöffnungen), rhomboidale Strukturen (rautenförmige Strukturen), annular-granuläres Muster (ringförmig-körniges Muster), graue Punkte/Globuli, follikuläre Obliteration (Aufhebung der Haarbalgöffnung); Nagel: irreguläre longitudinale Melanonychie (unregelmäßige längs verlaufende Nagelpigmentierung), unterschiedliche Linienbreite/-farbe, Verlust der Parallelität, Mikro-Hutchinson-Zeichen (feine Pigmentausdehnung auf die Nagelumgebung), periunguale Pigmentausdehnung (Pigmentausdehnung um den Nagel herum); Mukosa: multiple Farben, asymmetrische Struktur, atypische Gefäße]
  • Digitale Dermatoskopie/sequentielle digitale Dermatoskopie (digitale Auflichtmikroskopie/vergleichende digitale Auflichtmikroskopie im Verlauf) – zur Verlaufsbeurteilung einzelner klinisch/dermatoskopisch nicht eindeutig einzuordnender Läsionen, wenn keine unmittelbare Exzisionsindikation (Notwendigkeit zur operativen Entfernung) besteht; besonders relevant bei Patienten mit multiplen Nävi (mehreren Muttermalen) oder atypischem Nävussyndrom (Syndrom mit vielen untypischen Muttermalen). Kurzzeitkontrollen erfolgen typischerweise nach etwa 3 Monaten, längerfristige Kontrollen risikoadaptiert [3, LL3]. [Neu auftretende Asymmetrie, fokales oder asymmetrisches Wachstum, neue irreguläre Punkte/Globuli, neue Regression (Rückbildung), neue strukturlose Areale, neue atypische Gefäße, neue periphere Streifen/Pseudopodien (am Rand gelegene Streifen/fußartige Ausläufer), deutliche Farbzunahme oder Farbverlust, disproportionale Veränderung gegenüber dem übrigen Nävusmuster]
  • Ganzkörperfotografie/digitale Ganzkörperkartierung (Fotodokumentation des gesamten Körpers/digitale Erfassung aller Muttermale) – bei hohem Melanomrisiko, sehr hoher Nävuszahl, multiplen atypischen Nävi, positiver Eigen- oder Familienanamnese für Melanom, CDKN2A-Mutation (Veränderung im CDKN2A-Gen), Organtransplantation (Organverpflanzung) oder klinisch unübersichtlicher Nävuslandschaft; sie dient der Detektion (Erkennung) neu auftretender Läsionen und der objektivierbaren Verlaufskontrolle [3, LL3]. [Neu entstandene pigmentierte Läsion im Erwachsenenalter, Läsion mit abweichendem Erscheinungsbild im Sinne des „ugly duckling sign“ (auffällig anders aussehendes Muttermal im Vergleich zu den übrigen Muttermalen), makroskopisch (mit bloßem Auge sichtbar) dokumentierte Größenzunahme, Farb- oder Formänderung, Veränderung einzelner Läsionen gegenüber dem individuellen Hintergrundmuster]
  • Hochfrequenzsonographie der Haut (HFUS; engl. high-frequency ultrasound) (hochfrequente Ultraschalluntersuchung der Haut) – nicht routinemäßig bei gewöhnlichen Nävi; Einsatz nur bei tief reichenden, nodulären (knotigen), kongenitalen (angeborenen) oder klinisch unklaren dermalen/subkutanen (in der Lederhaut/unter der Haut gelegenen) Läsionen sowie präoperativ (vor einer Operation) bei Verdacht auf eine größere Tiefenausdehnung oder bei Verdacht auf ein Melanom zur ergänzenden Abschätzung von Tumordicke und lokaler Ausdehnung [5, LL2, LL3]. [Hypoechogene (echoarme) dermale/subkutane Raumforderung (Gewebevermehrung), inhomogene Echostruktur (uneinheitliche Ultraschallstruktur), unscharfe oder irreguläre Begrenzung, tiefe Infiltration (Einwachsen in tieferes Gewebe), Asymmetrie der Tiefenausdehnung, vermehrte Vaskularisation (Gefäßversorgung) in der Dopplersonographie (Ultraschalluntersuchung des Blutflusses), Verdickung oder Infiltration angrenzender Weichteile]
  • Sonographie regionaler Lymphknotenstationen (Ultraschalluntersuchung der zugehörigen Lymphknotenregionen) – nicht Bestandteil der Routinediagnostik eines benignen Nevus; nur bei klinischem oder histologischem (feingeweblichem) Verdacht auf Melanom beziehungsweise bei palpablen (tastbaren) oder sonographisch (im Ultraschall) suspekten (verdächtigen) Lymphknoten indiziert [LL1, LL3]. [Rundliche Lymphknotenkonfiguration (Lymphknotenform), Verlust des echoreichen Hilus (hellen Lymphknotenzentrums), kortikale Verdickung (Verdickung der Rindenschicht), exzentrische Rindenverbreiterung, irreguläre Begrenzung, periphere oder chaotische Vaskularisation, pathologische Größenzunahme]
  • Konfokale Laserscanmikroskopie (KLM; engl. confocal laser scanning microscopy (CLSM); in der dermatologischen In-vivo-Diagnostik meist reflectance confocal microscopy (RCM)) (mikroskopische Hautuntersuchung mit Laserlicht am lebenden Gewebe) – spezialisiertes nichtinvasives (nicht eingreifendes) Zusatzverfahren bei dermatoskopisch unklaren melanozytären Läsionen, insbesondere an kosmetisch oder funktionell sensiblen Arealen, im Gesicht, bei Lentigo-maligna-Verdacht oder bei klinisch-differentialdiagnostisch schwierigen flachen Läsionen; sie kann unnötige Exzisionen reduzieren, ersetzt aber bei malignitätsverdächtigem Befund nicht die Histologie (Gewebeuntersuchung) [4, LL2, LL3]. [Pagetoide atypische Zellen (untypische Zellen in oberflächlicher Ausbreitung) in der Epidermis (Oberhaut), atypische dendritische (baumartig verzweigte) oder rundliche Melanozyten (Pigmentzellen), Verlust der regelhaften Honigwabenstruktur, nicht abgegrenzte dermale Papillen (Lederhautpapillen), irreguläre Junktionsarchitektur (unregelmäßiger Aufbau der Grenzzone zwischen Oberhaut und Lederhaut), zytologische Atypien (Zellauffälligkeiten), atypische Zellnester, diffuse Infiltration an der dermoepidermalen Junktionszone (Grenzzone zwischen Oberhaut und Lederhaut), follikulotrope atypische Zellen (auf Haarfollikel bezogene untypische Zellen) bei Lentigo-maligna-Verdacht]
  • Dynamische optische Kohärenztomographie (D-OCT)/linienförmige konfokale optische Kohärenztomographie (LC-OCT) (lichtbasierte Schnittbilduntersuchung der Haut/linienförmige hochauflösende lichtbasierte Hautuntersuchung) – derzeit kein Routineverfahren für gewöhnliche melanozytäre Nävi; in spezialisierten Zentren ergänzend bei ausgewählten unklaren melanozytären Läsionen möglich. Die strukturelle optische Kohärenztomographie (OCT) allein hat für die sichere Differenzierung zwischen Nävus und malignem Melanom nur einen geringen Stellenwert [LL2]. [Architekturstörung (Störung des Gewebeaufbaus), Auflösung oder Unschärfe der dermoepidermalen Grenze (Grenze zwischen Oberhaut und Lederhaut), atypische Zellarchitektur (untypischer Zellaufbau), irreguläre vertikale Strukturen, erhöhte Gefäßdichte, chaotisches Gefäßmuster, atypisch geformte und irregulär verteilte Gefäße, erhöhter Gefäßdurchmesser]
  • Teledermatoskopie/teledermatologische Bildübermittlung (Fernbeurteilung auflichtmikroskopischer Hautbilder/Übermittlung dermatologischer Bilder) – kann zur Triage (Dringlichkeitseinschätzung) und Verlaufskommunikation eingesetzt werden, wenn hochwertige klinische und dermatoskopische Bilder, relevante Anamnesedaten (Angaben zur Krankengeschichte) und eine strukturierte Befundung vorliegen; bei hochgradigem Melanomverdacht, rascher Dynamik, Blutung, Ulzeration (Geschwürbildung), Knotenbildung oder unzureichender Bildqualität ist eine direkte dermatologische Untersuchung erforderlich [LL4]. [Bilddiagnostisch erkennbare Asymmetrie, irreguläre Begrenzung, multiple Farben, dermatoskopische Malignitätskriterien (Krebsverdachtszeichen), dokumentierte Veränderung gegenüber Voraufnahmen; eingeschränkte Beurteilbarkeit bei Unschärfe, Reflexionen, fehlender Maßstabsangabe oder fehlender dermatoskopischer Aufnahme]

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) gerätebezogene Befunde (Untersuchungsergebnisse) hingewiesen.

Literatur

  1. Dinnes J, Deeks JJ, Chuchu N et al.: Dermoscopy, with and without visual inspection, for diagnosing melanoma in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2018;12(12):CD011902. https://doi.org/10.1002/14651858.CD011902.pub2
  2. Carrera C, Marchetti MA, Dusza SW et al.: Validity and Reliability of Dermoscopic Criteria Used to Differentiate Nevi From Melanoma: A Web-Based International Dermoscopy Society Study. JAMA Dermatol. 2016;152(7):798-806. https://doi.org/10.1001/jamadermatol.2016.0624
  3. Russo T, Piccolo V, Moscarella E et al.: Indications for Digital Monitoring of Patients With Multiple Nevi: Recommendations from the International Dermoscopy Society. Dermatol Pract Concept. 2022;12(4):e2022182. https://doi.org/10.5826/dpc.1204a182
  4. Dinnes J, Deeks JJ, Saleh D et al.: Reflectance confocal microscopy for diagnosing cutaneous melanoma in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2018;12(12):CD013190. https://doi.org/10.1002/14651858.CD013190
  5. Sellyn GE, Lopez AA, Ghosh S et al.: High-frequency ultrasound accuracy in preoperative cutaneous melanoma assessment: A meta-analysis. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025;39(1):86-96. https://doi.org/10.1111/jdv.20179

Leitlinien

  1. Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms, Langversion 3.3, 2020, AWMF-Registernummer: 032/024OL. https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/melanom
  2. S1-Leitlinie: Bildgebende Diagnostik von Hauterkrankungen. (AWMF-Registernummer: 013-076) Oktober 2024 Langfassung
  3. Garbe C, Amaral T, Peris K et al.: European consensus-based interdisciplinary guideline for melanoma. Part 1: Diagnostics - Update 2024. Eur J Cancer. 2025;215:115152. https://doi.org/10.1016/j.ejca.2024.115152
  4. S2k-Leitlinie: Teledermatologie (AWMF-Registernummer: 013-097) Oktober 2020 Langfassung