Nävus – Einleitung
Der Nävus (Muttermal) bezeichnet eine umschriebene, meist gutartige Haut- oder Schleimhautfehlbildung (Fehlanlage der Haut oder Schleimhaut) beziehungsweise hamartomatöse Läsion (gutartige Gewebefehlbildung). Der Begriff umfasst keine einheitliche Krankheitsentität (eigenständiges Krankheitsbild), sondern eine heterogene Gruppe melanozytärer (von Pigmentzellen ausgehender), epidermaler (die Oberhaut betreffender), adnexaler (Hautanhangsgebilde betreffender), bindegewebiger (das Stützgewebe betreffender), lipomatöser (das Fettgewebe betreffender) und vaskulärer (die Blutgefäße betreffender) Veränderungen. Klinisch relevant ist die Unterscheidung zwischen harmlosen, beobachtungsbedürftigen und malignitätsverdächtigen (auf Bösartigkeit verdächtigen) Läsionen, insbesondere gegenüber dem malignen Melanom (schwarzer Hautkrebs) [1-3, LL1].
Synonyme und ICD-10-GM: Synonyme sind Leberfleck, Muttermal und Pigmentmal; fachlich sollte die Bezeichnung nach der jeweiligen Entität erfolgen. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM) (Diagnoseschlüssel) bildet Nävi nicht über einen einzigen Code ab, sondern entitätsbezogen, insbesondere ICD-10-GM D22.-: Melanozytennävus (Pigmentzellmuttermal), ICD-10-GM I78.1: Nävus, nicht neoplastisch (nicht tumorartiges Muttermal), ICD-10-GM Q82.5: Angeborener nichtneoplastischer Nävus, ICD-10-GM D18.0-: Hämangiom (Blutschwämmchen) und ICD-10-GM L81.-: Sonstige Störungen der Hautpigmentierung (Pigmentstörungen der Haut).
Formen der Nävi
Dermale melanozytäre Nävi (Pigmentzellmuttermale in der Lederhaut) (ICD-10-GM D22.-: Melanozytennävus)
- Kongenitale dermale Melanozytose (angeborene Pigmentzellvermehrung in der Lederhaut), historisch Mongolenfleck – unscharf begrenzte, graublaue dermale Pigmentierung (Pigmentfärbung der Lederhaut), meist lumbosakral (im unteren Rücken- und Kreuzbeinbereich) oder gluteal (das Gesäß betreffend) lokalisiert; typischerweise angeboren und im Kindesalter rückläufig; nicht ethnisch exklusiv.
- Nävus coeruleus (blauer Nävus) – meistens solitärer (einzeln auftretender), derber, blaugrauer bis blauschwarzer Knoten oder Fleck; die blaue Farbe entsteht durch tiefer dermal gelegene Melanozyten (Pigmentzellen) und den Tyndall-Effekt (optischer Streueffekt).
- Naevus Ota (okulodermale Melanozytose) (Pigmentzellvermehrung an Auge und Haut) – einseitige, blaugraue Pigmentierung im Versorgungsgebiet des ersten und zweiten Trigeminusastes (Ast des Gesichtsnervs), häufig mit okulärer Beteiligung (Beteiligung des Auges); wegen des okulären Melanom- und Glaukomrisikos (Risiko für grünen Star) augenärztlich relevant.
- Naevus Ito – blaugraue dermale Melanozytose im Schulter-, Supraklavikular- (oberhalb des Schlüsselbeins gelegenen) oder seitlichen Halsbereich; klinisch dem Naevus Ota verwandt, aber ohne typische okuläre Mitbeteiligung.
Epidermale/lentiginöse melanozytäre Pigmentläsionen (Pigmentveränderungen der Oberhaut/linsenförmige Pigmentzellveränderungen) (ICD-10-GM L81.-: Sonstige Störungen der Hautpigmentierung; je nach Entität auch ICD-10-GM D22.-)
- Café-au-lait-Macula/Café-au-lait-Fleck (milchkaffeefarbener Pigmentfleck) – scharf begrenzte, hell- bis dunkelbraune Macula (Fleck); multiple (mehrfache) oder große Läsionen können Hinweis auf ein neurokutanes Syndrom (Erkrankung von Nervensystem und Haut) sein.
- Epheliden (Sommersprossen) – kleine, hell- bis mittelbraune, UV-abhängig (von ultravioletter Strahlung abhängig) dunkler werdende Pigmentflecken, vor allem bei hellen Hauttypen.
- Lentigo simplex (einfacher Linsenfleck) – scharf begrenzte, kleine, braune Macula mit erhöhter Melanozytenzahl an der dermoepidermalen Junktionszone (Grenzschicht zwischen Oberhaut und Lederhaut); nicht obligat (nicht zwingend) UV-assoziiert (mit ultravioletter Strahlung verbunden).
- Solare Lentigines (sonnenbedingte Linsenflecken) – chronisch UV-induzierte (durch ultraviolette Strahlung ausgelöste), braune Maculae (Flecken), vor allem an lichtexponierten Arealen (sonnenbelasteten Hautbereichen); differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung ähnlicher Erkrankungen) gegenüber Lentigo maligna (Vorstufe eines Melanoms) abzugrenzen.
- Becker-Melanose/Becker-Nävus (Becker-Pigmentmal) – meist einseitige, großflächige, braune Hyperpigmentierung (verstärkte Pigmentierung), häufig mit Hypertrichose (übermäßiger Behaarung) und bevorzugt am Schulter-, Thorax- (Brustkorb-) oder Oberarmbereich.
- Naevus spilus (Sprenkel-Nävus) – hellbraune Hintergrundmacula mit multiplen dunkleren, punktförmigen oder papulösen (knötchenartigen) melanozytären Anteilen; selten können atypische (untypische) Veränderungen auftreten.
Melanozytäre Nävuszellnävi (Pigmentzell-Muttermale) (ICD-10-GM D22.-: Melanozytennävus)
- Junktionsnävus (Grenzzonen-Muttermal) – scharf begrenzte, flache, meistens homogen (gleichmäßig) braune bis braunschwarze Läsion mit melanozytären Zellnestern (Ansammlungen von Pigmentzellen) an der dermoepidermalen Junktionszone.
- Compound-Nävus (gemischtes Muttermal) – meistens leicht erhabene bis knotige braune Läsion mit junktionsnahen und dermalen Nävuszellanteilen (Muttermalzellanteilen); die Oberfläche kann papillomatös (warzenartig) oder zerklüftet sein.
- Dermaler/intradermaler Nävus (Muttermal in der Lederhaut) – hautfarbene bis bräunliche, häufig papillomatöse oder kuppelförmige Papel (Knötchen) mit dermal gelegenen Nävuszellnestern; Haarbesatz kann vorkommen.
- Erworbener melanozytärer Nävus (im Laufe des Lebens entstandenes Pigmentzellmuttermal) – im Kindes-, Jugend- oder frühen Erwachsenenalter entstehender melanozytärer Nävus; Zahl und Muster werden durch genetische Faktoren (Erbanlagen), Hauttyp und UV-Exposition (Belastung durch ultraviolette Strahlung) mitbestimmt [1, 2].
- Kongenitaler melanozytärer Nävus (KMN) (angeborenes Pigmentzellmuttermal) – bei Geburt vorhandener oder in den ersten Lebensmonaten manifest (sichtbar) werdender melanozytärer Nävus; das Melanomrisiko ist größenabhängig und bei großen/riesigen kongenitalen melanozytären Nävi am höchsten [3].
Sonderformen der melanozytären Nävi (besondere Formen der Pigmentzellmuttermale)
- Dysplastischer Nävus/atypischer Nävus (untypisches Muttermal) – erworbener melanozytärer Nävus mit klinischer Atypie (sichtbarer Unregelmäßigkeit), z. B. asymmetrischer Form, unscharfer Begrenzung, ungleichmäßiger Pigmentierung oder Größenzunahme; er ist vor allem Risikomarker (Hinweiszeichen für ein erhöhtes Risiko) für ein Melanom, nicht automatisch eine obligate Präkanzerose (zwingende Krebsvorstufe) [1, 2, LL1].
- Halo-Nävus/Sutton-Nävus (Muttermal mit hellem Hof) – melanozytärer Nävus mit depigmentiertem Hof (entfärbtem Randbereich) infolge immunologisch vermittelter Regression (durch das Abwehrsystem vermittelter Rückbildung); meist benigne (gutartig), bei Erwachsenen oder atypischer Morphologie (Form und Struktur) differentialdiagnostisch gegenüber Melanom abzugrenzen.
- Spitz-Nävus/Spitz-Tumor (Spitz-Muttermal) – meist rasch wachsender, rosafarbener bis bräunlicher Knoten, häufig bei Kindern und Jugendlichen; histologisch (feingeweblich) und klinisch kann die Abgrenzung zu spitzoiden Melanomen (Melanomen mit Spitz-ähnlichem Aufbau) anspruchsvoll sein.
- Reed-Nävus (stark pigmentiertes Spitz-ähnliches Muttermal) – stark pigmentierte spitzoide Läsion, häufig an den Extremitäten (Armen und Beinen) junger Erwachsener; dermatoskopisch (in der Auflichtmikroskopie) oft sternförmiges oder strahlenförmiges Muster.
- Rekurrenter Nävus (wiederkehrendes Muttermal) – Repigmentierung (erneute Pigmentbildung) im Bereich eines unvollständig entfernten Nävus; klinisch und dermatoskopisch kann eine Abgrenzung zum Melanom schwierig sein.
- Großer/riesiger kongenitaler melanozytärer Nävus, historisch auch Riesenpigmentnävus – großflächiger kongenitaler melanozytärer Nävus, bei sehr großer Ausdehnung mit erhöhtem Melanomrisiko und möglicher Assoziation (Verbindung) mit neurokutaner Melanozytose (Pigmentzellvermehrung von Haut und Nervensystem) [3].
Vaskuläre Nävi, vaskuläre Malformationen und Hämangiome (Gefäßmale, Gefäßfehlbildungen und Blutschwämmchen) (ICD-10-GM I78.1, Q82.5, D18.0-; Einordnung nach ISSVA-Klassifikation)
- Naevus simplex (einfaches Gefäßmal) – häufige, blassrote kapilläre Malformation (Fehlbildung kleinster Blutgefäße) im Bereich von Nacken, Stirn, Glabella (Bereich zwischen den Augenbrauen) oder Lidern; meist im Verlauf rückläufig, im Nacken häufig persistierend (bestehen bleibend).
- Naevus flammeus/Port-wine stain (Feuermal) – angeborene kapilläre Malformation mit scharf begrenzter hellroter bis lividroter (bläulich-roter) Verfärbung; persistiert in der Regel, kann im Verlauf dunkler, hypertroph (verdickt) oder knotig werden und syndromal (im Rahmen eines Syndroms) assoziiert sein [LL3].
- Infantiles Hämangiom (Blutschwämmchen des Säuglingsalters) – gutartiger vaskulärer Tumor (Gefäßtumor) des Säuglingsalters mit typischer postnataler Proliferationsphase (Wachstumsphase nach der Geburt) und anschließender Involution (Rückbildung); Hochrisikolokalisationen (Stellen mit erhöhtem Risiko) und funktionelle Risiken erfordern frühe fachärztliche Beurteilung [LL2, LL4].
- Kongenitales Hämangiom (angeborenes Blutschwämmchen) – bereits bei Geburt voll entwickelter vaskulärer Tumor; biologisch vom infantilen Hämangiom abzugrenzen, insbesondere als rasch involutierendes (sich rasch zurückbildendes), partiell involutierendes (sich teilweise zurückbildendes) oder nicht involutierendes (sich nicht zurückbildendes) kongenitales Hämangiom.
- Naevus araneus/Spider-Nävus (Gefäßspinne) – zentrale arterielle Papel (Knötchen aus einem Blutgefäß) mit radiär (strahlenförmig) abgehenden Teleangiektasien (erweiterten kleinen Blutgefäßen); kann physiologisch (ohne Krankheitswert), hormonell oder bei Lebererkrankungen auftreten.
- Hereditäre hämorrhagische Teleangiektasie/Morbus Osler-Rendu (erbliche Gefäßerkrankung mit Blutungsneigung) – autosomal-dominant vererbte (durch eine dominante Erbanlage weitergegebene) vaskuläre Erkrankung mit mukokutanen Teleangiektasien (erweiterten kleinen Blutgefäßen an Haut und Schleimhäuten) und arteriovenösen Malformationen (Kurzschlussverbindungen zwischen Arterien und Venen); streng genommen kein Nävus, aber im klinischen Kontext vaskulärer Hautläsionen differentialdiagnostisch relevant.
- Granuloma pyogenicum/lobuläres kapilläres Hämangiom (rasch wachsender Gefäßknoten) – rasch wachsender, leicht blutender vaskulärer Tumor, oft nach Trauma (Verletzung) oder Irritation (Reizung); nomenklatorisch (die Bezeichnung betreffend) kein klassischer Nävus, aber wichtige Differentialdiagnose vaskulärer papulöser Läsionen.
Epidermale Nävi (Oberhaut-Muttermale) (ICD-10-GM Q82.5 oder entitätsbezogen)
- Keratinozytärer epidermaler Nävus (Oberhautnävus aus Hornzellen) – meist angeborene oder frühkindlich auftretende, lineare oder segmentale (abschnittsweise), verruköse (warzenartige) epidermale Verdickung, häufig entlang der Blaschko-Linien (entwicklungsgeschichtlichen Hautlinien).
- Inflammatorischer linearer verruköser epidermaler Nävus (entzündlicher linienförmiger warzenartiger Oberhautnävus) – entzündliche, juckende, lineare, verruköse Sonderform, häufig therapieresistent (behandlungsresistent) und klinisch gegenüber Psoriasis (Schuppenflechte) oder Lichen striatus (streifenförmige Hautentzündung) abzugrenzen.
- Epidermal-nävus-Syndrome (Syndrome mit Oberhautnävi) – epidermale Nävi mit extrakutanen Manifestationen (Krankheitszeichen außerhalb der Haut), z. B. neurologischen (das Nervensystem betreffenden), ophthalmologischen (die Augenheilkunde betreffenden) oder skeletalen (das Skelett betreffenden) Auffälligkeiten; bei segmentaler Ausdehnung oder Begleitbefunden ist interdisziplinäre Abklärung erforderlich.
Talgdrüsen-Nävi (Talgdrüsen-Muttermale) (Naevus sebaceus)
- Naevus sebaceus (Talgdrüsen-Nävus) – angeborener organoider (aus mehreren Hautbestandteilen aufgebauter) epidermaler/adnexaler Nävus, häufig am Capillitium (behaarte Kopfhaut) oder Gesicht; initial (anfangs) gelblich-haarlose Plaque (flächige Erhabenheit), in Pubertät und Erwachsenenalter oft papillomatös oder verrukös zunehmend. Sekundäre Tumoren sind überwiegend benign; maligne Sekundärtumoren (bösartige Folgetumoren) sind selten, aber nicht vernachlässigbar [4].
Weitere Nävi und hamartomatöse Läsionen (weitere Muttermale und gutartige Gewebefehlbildungen)
- Apokrine und ekkrine Schweißdrüsennävi (Schweißdrüsen-Muttermale) – seltene adnexale Hamartome (gutartige Fehlbildungen der Hautanhangsgebilde) mit umschriebener Vermehrung oder Fehlanlage von Schweißdrüsenstrukturen.
- Bindegewebsnävi (Bindegewebsmuttermale) – umschriebene Hamartome dermaler Bindegewebsanteile; können kollagen (kollagenfaserreich), elastisch oder gemischt dominiert sein.
- Elastin-Nävi (Elastinfaser-Muttermale) – Sonderform des Bindegewebsnävus mit vermehrten oder veränderten elastischen Fasern.
- Haarnävi (Haarmuttermale) – lokalisierte hamartomatöse Veränderung mit vermehrter oder auffälliger Behaarung.
- Komedonennävus (Mitesser-Muttermal) – follikulärer (Haarfollikel betreffender) epidermaler Nävus mit gruppierten komedoartigen Hornpfropfen (Mitesser-ähnlichen Hornablagerungen); entzündliche Komplikationen sind möglich.
- Naevus lipomatosus superficialis (oberflächlicher Fettgewebsnävus) – umschriebener Fettgewebsnävus mit ektopem Fettgewebe (Fettgewebe am ungewöhnlichen Ort) in der Dermis (Lederhaut), meist als weiche, papillomatöse Papeln oder Plaques.
Die häufigsten klinisch relevanten Nävi sind erworbene melanozytäre Nävi, kongenitale melanozytäre Nävi, lentiginöse Pigmentläsionen, epidermale Nävi, Talgdrüsen-Nävi und im Säuglingsalter infantile Hämangiome. Die wichtigste klinische Aufgabe besteht darin, typische benigne Varianten von malignitätsverdächtigen Läsionen, vaskulären Malformationen, vaskulären Tumoren und syndromalen Befundkonstellationen (Befundmustern im Rahmen eines Syndroms) abzugrenzen [1-4, LL1-4].
Das Melanomrisiko steigt mit der Gesamtzahl melanozytärer Nävi und mit der Zahl atypischer Nävi deutlich an. Dabei sind Nävi sowohl Risikomarker als auch in einem Teil der Fälle Vorläuferläsionen (mögliche Vorstufen); die Mehrzahl der Melanome entsteht jedoch de novo (neu und nicht aus einer Vorveränderung) und nicht aus einem vorbestehenden Nävus [1, 2, LL1].
Epidemiologie
Häufigkeitsgipfel: Die Mehrzahl erworbener melanozytärer Nävi entsteht in Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter, vor allem in den ersten 20-30 Lebensjahren. Im höheren Lebensalter nimmt die Zahl gewöhnlicher melanozytärer Nävi häufig wieder ab. Talgdrüsen-Nävi sind meist angeboren oder in der frühen Kindheit erkennbar und werden in der Pubertät durch hormonelle Einflüsse häufig prominenter.
Epidermale Nävi: Epidermale Nävi treten überwiegend angeboren oder frühkindlich auf, häufig segmental oder entlang der Blaschko-Linien. Bei großflächigen, systematisierten (geordnet ausgedehnten) oder syndromverdächtigen (auf ein Syndrom hinweisenden) Befunden ist auf extrakutane Manifestationen zu achten.
Prävalenz (Krankheitshäufigkeit)
- Dysplastische Nävi – Prävalenz (Häufigkeit) stark populations- und definitionsabhängig; bei hellhäutigen Erwachsenen im niedrigen einstelligen bis zweistelligen Prozentbereich. Klinisch bedeutsam sind sie vor allem als Marker eines erhöhten Melanomrisikos [1, 2, LL1].
- Erworbene melanozytäre Nävi – sehr häufig; Zahl und Verteilung hängen von genetischer Disposition (erblicher Veranlagung), Hauttyp, UV-Exposition, Kindheits- und Jugendexposition sowie Alter ab [1, 2].
- Kongenitale melanozytäre Nävi – bei etwa 1 % der Neugeborenen; große/riesige kongenitale melanozytäre Nävi sind selten, aber prognostisch (für die Vorhersage des Verlaufs) besonders relevant [3].
- Epidermale Nävi – seltene, meist sporadische (vereinzelt auftretende) hamartomatöse Hautveränderungen; Auftreten überwiegend im Kindesalter.
- Talgdrüsen-Nävus – seltene angeborene Läsion, etwa 0,3 % der Neugeborenen; sekundäre Neoplasien (Folge-Neubildungen) entstehen überwiegend nach Pubertät und im Erwachsenenalter [4].
- Infantile Hämangiome – häufigste gutartige vaskuläre Tumoren des Säuglingsalters; Auftreten bevorzugt bei weiblichem Geschlecht, Frühgeburtlichkeit und niedrigem Geburtsgewicht [LL2, LL4].
- Naevus flammeus/kapilläre Malformation – meistens angeboren, persistierend und ohne spontane relevante Rückbildung; klinische Bedeutung abhängig von Lokalisation (Ort), Ausdehnung und syndromalen Begleitbefunden [LL3].
Verlauf und Prognose
Verlauf
- Entwicklung und Dynamik: Nävi können angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens entwickeln. Erworbene melanozytäre Nävi entstehen bevorzugt bis zum frühen Erwachsenenalter; Form, Farbe, Erhabenheit und Behaarung können sich im Verlauf verändern, ohne dass dies per se (an sich) malignitätsverdächtig ist.
- Einfluss von UV-Exposition: UV-Exposition kann Zahl und Pigmentierung erworbener melanozytärer Nävi beeinflussen. Besonders intermittierende (wiederholt unterbrochene) intensive UV-Exposition und Sonnenbrände in Kindheit und Jugend sind für das spätere Hautkrebsrisiko relevant [1, LL1].
- Dysplastische/atypische Nävi: Diese Läsionen sind klinisch relevant, weil sie mit einem erhöhten individuellen Melanomrisiko assoziiert sind. Eine prophylaktische (vorbeugende) Entfernung aller atypischen Nävi ist nicht regelhaft sinnvoll; entscheidend sind Risikostratifikation (Einteilung nach Risiko), Verlaufskontrolle, Dermatoskopie (Auflichtmikroskopie) und Exzision (operative Entfernung) suspekter Einzelläsionen (verdächtiger Einzelveränderungen) [1, 2, LL1].
- Kongenitale melanozytäre Nävi: Das Melanomrisiko ist abhängig von Größe, Lokalisation, Satellitenläsionen (kleinen Begleitläsionen) und Ausdehnung. Große/riesige kongenitale melanozytäre Nävi erfordern eine individualisierte (auf den Einzelfall abgestimmte) dermatologische (hautärztliche) und gegebenenfalls neuropädiatrische/neuroradiologische (kindernervenärztliche/bildgebende nervenbezogene) Beurteilung, insbesondere bei Verdacht auf neurokutane Melanozytose [3].
- Infantile Hämangiome: Typisch ist eine frühe Proliferation in den ersten Lebenswochen und -monaten mit anschließender Stabilisierung und Involution. Problematisch sind periokuläre (um das Auge gelegene), periorale (um den Mund gelegene), nasale (die Nase betreffende), anogenitale (After- und Genitalbereich betreffende), segmentale, ulcerierende (geschwürbildende), sehr große oder multiple Hämangiome sowie Befunde mit funktioneller Beeinträchtigung [LL2, LL4].
- Kapilläre Malformationen: Ein Naevus flammeus bildet sich in der Regel nicht spontan zurück, sondern kann im Verlauf dunkler und hypertroph werden. Je nach Lokalisation sind okuläre, neurologische oder syndromale Assoziationen zu prüfen [LL3].
- Talgdrüsen-Nävus: Die Läsion persistiert meist lebenslang und wird in der Pubertät häufig papillomatöser. Sekundärtumoren entstehen überwiegend im Erwachsenenalter und sind meist benign; maligne Sekundärtumoren sind selten, aber klinisch relevant [4].
Prognose
- Benigne Nävi: Die meisten Nävi bleiben gutartig und verursachen keine gesundheitlichen Probleme. Prognostisch entscheidend ist die korrekte Einordnung der jeweiligen Entität und die Erkennung dynamischer, atypischer oder malignitätsverdächtiger Veränderungen.
- Melanomrisiko: Eine hohe Anzahl melanozytärer Nävi und das Vorliegen atypischer Nävi erhöhen das Melanomrisiko deutlich. Das Risiko betrifft den Patienten als Ganzes und nicht nur die einzelne Nävusläsion [1, 2, LL1].
- Einzelläsionsrisiko: Das Transformationsrisiko (Risiko der Umwandlung) eines einzelnen gewöhnlichen Nävus ist sehr niedrig. Klinisch bedeutsam sind deshalb vor allem Neuauftreten, morphologische Dynamik (Veränderung von Form und Struktur), ABCDE-Kriterien (Beurteilungsregel für Muttermale), Ugly-duckling-Zeichen (auffällig anders aussehendes Muttermal), symptomatische Veränderungen (Veränderungen mit Beschwerden) und dermatoskopische Atypien (auffällige Befunde in der Auflichtmikroskopie) [2, LL1].
- Kongenitale melanozytäre Nävi: Kleine kongenitale melanozytäre Nävi haben in der Regel eine gute Prognose; bei mittleren, großen und riesigen kongenitalen melanozytären Nävi ist die Prognose stärker von Größe, Satellitenläsionen, Lokalisation, neurologischer Mitbeteiligung (Beteiligung des Nervensystems) und Melanomrisiko abhängig [3].
- Vaskuläre Läsionen: Die Prognose infantiler Hämangiome ist meist günstig, sofern keine Hochrisikomerkmale vorliegen. Kapilläre Malformationen persistieren meistens, können aber je nach Lokalisation therapeutisch (behandlungsbezogen) und syndromdiagnostisch (für die Erkennung eines Syndroms) relevant sein [LL2-4].
- Talgdrüsen-Nävus: Die Prognose ist überwiegend gut. Aufgrund möglicher sekundärer Neoplasien sollten neu auftretende Knoten, Ulzerationen (Geschwüre), Blutungen, rasches Wachstum oder deutliche Morphologieänderungen (Veränderungen der Form und Struktur) histologisch (feingeweblich) abgeklärt werden [4].
Literatur
- Gandini S, Sera F, Cattaruzza MS et al.: Meta-analysis of risk factors for cutaneous melanoma: I. Common and atypical naevi. Eur J Cancer. 2005;41(1):28-44. https://doi.org/10.1016/j.ejca.2004.10.015
- Shreberk-Hassidim R, Ostrowski SM, Fisher DE: The Complex Interplay between Nevi and Melanoma: Risk Factors and Precursors. Int J Mol Sci. 2023;24(4):3541. https://doi.org/10.3390/ijms24043541
- Scard C, Aubert H, Wargny M et al.: Risk of melanoma in congenital melanocytic nevi of all sizes: A systematic review. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2023;37(1):32-39. https://doi.org/10.1111/jdv.18581
- Pang S, Cevik J, Sreedharan S, Wilks DJ: Rate of Benign and Malignant Secondary Tumors Associated With Nevus Sebaceous: A Systematic Review and Meta-Analysis. Ann Plast Surg. 2024;92(6):711-719. https://doi.org/10.1097/SAP.0000000000003879
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms. Version 3.3. https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/melanom
- Krowchuk DP, Frieden IJ, Mancini AJ et al.: Clinical Practice Guideline for the Management of Infantile Hemangiomas. Pediatrics. 2019;143(1):e20183475. https://doi.org/10.1542/peds.2018-3475
- International Society for the Study of Vascular Anomalies: ISSVA Classification for Vascular Anomalies. Version 2025. https://www.issva.org/classification
- S2k-Leitlinie: Infantile Hämangiome im Säuglings- und Kleinkindesalter (AWMF-Register-Nr. 006-100) Oktober 2020 Langfassung