Restless-Legs-Syndrom – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verbesserung der Symptomatik: Reduktion des Bewegungsdrangs und der sensomotorischen Beschwerden (Missempfindungen mit Bewegungsdrang), Besserung von Ein- und Durchschlafstörungen (Schwierigkeiten beim Einschlafen und häufiges Erwachen in der Nacht) sowie Steigerung von Tagesfunktion und Lebensqualität.
  • Vermeidung therapiebedingter Schäden: Prävention von Augmentation (therapiebedingte Vorverlagerung und Verstärkung der Beschwerden), Impulskontrollstörungen (krankhaft vermindertes Kontrollvermögen über bestimmte Verhaltensweisen), Tagesschläfrigkeit (starke Müdigkeit am Tag), Stürzen, Atemdepression (gefährlich verlangsamte oder abgeschwächte Atmung) und Eisenüberladung (übermäßige Speicherung von Eisen im Körper) durch indikationsgerechte Auswahl, niedrige Dosierung und regelmäßige Verlaufskontrollen.

Therapieempfehlungen

  • Therapieindikation: Eine kontinuierliche medikamentöse Behandlung ist bei klinisch relevantem Leidensdruck sowie Beeinträchtigung von Schlaf-, Tagesfunktion oder Lebensqualität indiziert. Sie sollte so spät wie vertretbar begonnen und mit der niedrigsten wirksamen Dosis durchgeführt werden [LL1].
  • Verstärkende Faktoren: Vor jeder Pharmakotherapie sind Schlafmangel, Alkohol, Koffein, sedierende Antihistaminika, serotonerge Arzneimittel, Dopaminantagonisten, Metoclopramid sowie ein unbehandeltes obstruktives Schlafapnoesyndrom (Atemaussetzer im Schlaf durch eine Verengung der Atemwege) zu überprüfen und soweit möglich zu korrigieren [LL1, LL2].
  • Eisenstatus: Bei klinisch relevantem Restless-Legs-Syndrom (Syndrom der unruhigen Beine) sollen Ferritin und Transferrinsättigung regelmäßig bestimmt werden. Die Blutentnahme erfolgt möglichst morgens; eisenhaltige Präparate und eisenreiche Nahrung sollen mindestens 24 Stunden vorher vermieden werden [LL2].
  • Indikation zur Eisensubstitution: Ferritin ≤ 75 µg/l und/oder Transferrinsättigung < 20 %. Bei Entzündung, Lebererkrankung, Malignom (bösartige Erkrankung) oder chronischer Niereninsuffizienz (dauerhafte Einschränkung der Nierenfunktion) kann Ferritin trotz funktionellen Eisenmangels (unzureichend verfügbares Eisen trotz vorhandener Eisenspeicher) normal oder erhöht sein; dann ist die Transferrinsättigung besonders zu berücksichtigen [LL1, LL2].
  • Bevorzugte Dauertherapie: Nach Korrektur eines Eisenmangels werden bei chronisch persistierendem Restless-Legs-Syndrom Gabapentinoide bevorzugt. Gabapentin und Pregabalin sind in Deutschland für das Restless-Legs-Syndrom nicht zugelassen; ihre Anwendung ist ein Off-Label-Use [LL1, LL2].
  • Dopaminagonisten: Pramipexol, Ropinirol und Rotigotin bleiben zugelassene und wirksame Optionen. Wegen des langfristigen Augmentationsrisikos sollen sie nicht mehr unkritisch als routinemäßige Erstlinientherapie eingesetzt werden. Erforderlich sind eine gemeinsame Nutzen-Risiko-Abwägung, die niedrigste wirksame Dosis und ein regelmäßiges Augmentationsscreening [LL1, LL2].
  • Levodopa: Keine kontinuierliche Behandlung. Levodopa darf nur intermittierend bei sporadischen Beschwerden oder zu diagnostischen Zwecken und grundsätzlich nicht häufiger als 2-3-mal pro Woche eingesetzt werden [1, 2, LL1, LL2].
  • Refraktäres Restless-Legs-Syndrom: Retardiertes Oxycodon/Naloxon ist eine zugelassene Zweitlinientherapie bei schwerem bis sehr schwerem idiopathischem Restless-Legs-Syndrom nach Versagen einer dopaminergen Therapie. Andere Opioide stellen einen Off-Label-Use dar [5, LL1].

Übersicht – medikamentöse Therapie beim Restless-Legs-Syndrom

Wirkstoff

Besonderheiten

Eisen(II)-sulfat p. o.

Bei Ferritin ≤ 75 µg/l und/oder Transferrinsättigung < 20 %; möglichst nüchtern einnehmen; Abstand zu Calcium, Antazida und Protonenpumpenhemmern beachten [1, 2, LL1, LL2]

Ferrocarboxymaltose i. v.

Bei mittelgradigem bis schwerem Restless-Legs-Syndrom, unzureichender Wirkung, Unverträglichkeit oder Resorptionsstörung (gestörte Aufnahme aus dem Darm) unter oraler Therapie; Wirkungseintritt teilweise erst nach 4-12 Wochen; Hypophosphatämie (zu niedriger Phosphatspiegel im Blut) beachten [3, LL1, LL2]

Gabapentin

Bevorzugte Dauertherapie; Off-Label-Use; Dosisanpassung bei Nierenfunktionsstörung; günstig bei Schmerzen oder Insomnie (Schlaflosigkeit); Sedierung und respiratorische Risiken beachten [1, 2, LL1, LL2]

Pregabalin

Bevorzugte Dauertherapie; Off-Label-Use; Dosisanpassung bei Nierenfunktionsstörung; geringere Augmentationsrate als unter Pramipexol 0,5 mg/d [4, LL1, LL2]

Pramipexol

Zugelassene Alternative bei mittelgradigem bis schwerem idiopathischem Restless-Legs-Syndrom; renal eliminierter Dopaminagonist; Augmentation und Impulskontrollstörungen beachten [LL1, LL2, FI1]

Ropinirol

Zugelassene Alternative; Einnahme unmittelbar bis 3 Stunden vor dem Zubettgehen; CYP1A2-Interaktionen sowie Veränderungen bei Beginn oder Beendigung des Rauchens beachten [LL1, LL2, FI3]

Rotigotin transdermal

Zugelassene Alternative bei mittelgradigem bis schwerem idiopathischem Restless-Legs-Syndrom; kontinuierliche Wirkung; Pflaster vor Magnetresonanztomographie oder Kardioversion entfernen [LL1, LL2, FI2]

Levodopa/Benserazid

Nur intermittierend oder zu diagnostischen Zwecken; keine Dauertherapie; hohes und dosisabhängiges Augmentationsrisiko [1, 2, LL1, LL2]

Oxycodon/Naloxon retard

Zugelassene Zweitlinientherapie bei schwerem bis sehr schwerem idiopathischem Restless-Legs-Syndrom nach Versagen dopaminerger Therapie; Schlafapnoesyndrom, Atemdepression, Obstipation (Verstopfung) und Abhängigkeitspotenzial beachten [5, LL1, FI4]

Eisen

  • Wirkweise: Korrektur des systemischen und funktionellen zentralnervösen Eisenmangels mit Stabilisierung eisenabhängiger dopaminerger und adenosinerger Signalwege.
  • Indikationen: Ferritin ≤ 75 µg/l und/oder Transferrinsättigung < 20 %; erneute Prüfung des Eisenstatus auch bei Symptomverschlechterung oder Augmentation [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Eisenüberladung, Hämochromatose (erblich bedingte übermäßige Eisenspeicherung), bekannte Überempfindlichkeit gegen das jeweilige Präparat; intravenöse Eisenpräparate im ersten Trimenon vermeiden.
  • Nebenwirkungen: Oral vor allem Übelkeit, Oberbauchbeschwerden, Obstipation und dunkler Stuhl; intravenös Infusionsreaktionen, selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen sowie insbesondere unter Ferrocarboxymaltose Hypophosphatämie.
  • Dosierung: Orales Eisen höchstens einmal täglich und bei Bedarf jeden 2. Tag; eine häufigere Gabe vermindert die fraktionelle Resorption und erhöht gastrointestinale Nebenwirkungen [2].
  • Kontrollen: Ferritin und Transferrinsättigung nach etwa 3 Monaten oraler Therapie; nach intravenöser Ferrocarboxymaltose klinische Kontrolle und Eisenstatus nach etwa 12 Wochen. Bei wiederholten Infusionen oder Risikofaktoren zusätzlich Phosphat bestimmen [2, LL1].
  • Therapieziel: Mindestens Ferritin > 75 µg/l und Transferrinsättigung ≥ 20 %; internationale Expertenalgorithmen streben häufig Ferritin > 100 µg/l an [1, 2].
  • Internationaler Aktualisierungshinweis: Der RLS-Foundation-Algorithmus von 2026 eröffnet bei geeigneten Patienten ein breiteres Fenster für intravenöses Eisen bei Ferritin 75-300 µg/l und Transferrinsättigung < 45 %. Diese Expertenempfehlung ist nicht mit den engeren AWMF- und AASM-Kriterien gleichzusetzen und soll im deutschsprachigen Versorgungskontext individuell bewertet werden [2, LL1, LL2].

α2δ-Liganden – Gabapentin und Pregabalin

  • Wirkweise: Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle mit Reduktion der Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter.
  • Indikationen: Bevorzugte Behandlung des chronisch persistierenden Restless-Legs-Syndroms, insbesondere bei schmerzhafter Symptomatik, Insomnie, Angststörung, Impulskontrollstörung oder erhöhtem Augmentationsrisiko [2, 4, LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei Nierenfunktionsstörung ist eine Dosisanpassung erforderlich. Besondere Vorsicht gilt bei respiratorischer Insuffizienz (unzureichender Atemfunktion), obstruktivem Schlafapnoesyndrom, Gebrechlichkeit, Sturzrisiko, Substanzabhängigkeit sowie gleichzeitiger Anwendung von Opioiden oder anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln.
  • Nebenwirkungen: Schwindel, Somnolenz (ausgeprägte Schläfrigkeit), Gangunsicherheit, Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Sehstörungen, periphere Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe), Gewichtszunahme, kognitive Beeinträchtigung (Einschränkung des Denkens und Erinnerns), Abhängigkeit und Atemdepression bei disponierten Patienten.
  • Zulassungsstatus: Gabapentin und Pregabalin sind in Deutschland nicht zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms zugelassen; Anwendung als Off-Label-Use. Gabapentin-Enacarbil wird von der AASM stark empfohlen, ist im europäischen Raum jedoch nicht regulär verfügbar [LL1, LL2].
  • Evidenz: Pregabalin 300 mg/d war in einer randomisierten Studie wirksam und mit einer niedrigeren Augmentationsrate verbunden als Pramipexol 0,5 mg/d [4].

Dopaminagonisten – Pramipexol, Ropinirol und Rotigotin

  • Wirkweise: Stimulation dopaminerger D2- und D3-Rezeptoren.
  • Indikationen: Zugelassene Alternative bei mittelgradigem bis schwerem idiopathischem Restless-Legs-Syndrom, wenn Gabapentinoide ungeeignet, unverträglich oder unzureichend wirksam sind und der Patient das Augmentationsrisiko nach Aufklärung akzeptiert [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff; besondere Vorsicht bei Psychosen (schweren Störungen des Realitätsbezugs), Demenz (fortschreitende Beeinträchtigung geistiger Fähigkeiten), ausgeprägter Tagesschläfrigkeit, orthostatischer Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) und bestehender Impulskontrollstörung.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, orthostatische Hypotonie, periphere Ödeme, Somnolenz, Schlafattacken, Halluzinationen (Sinneswahrnehmungen ohne äußeren Reiz), Impulskontrollstörungen und Augmentation.
  • Dosierungsprinzip: Nur einen Dopaminagonisten verwenden, mit der niedrigsten Dosis beginnen und nicht bis zur zugelassenen Maximaldosis aufdosieren, wenn eine andere Wirkstoffklasse eingesetzt werden kann. Das Addendum der DGN und DGSM empfiehlt Pramipexol 0,088-0,18 mg, Ropinirol 0,5-1 mg und Rotigotin 1-2 mg/24 h als besonders niedrige Dosisbereiche [LL1].
  • Aufklärung: Vor Beginn und im Verlauf gezielt nach pathologischem Spielen, Kauf-, Ess- oder Sexualverhalten, Tagesmüdigkeit, Schlafattacken und früher einsetzenden beziehungsweise sich ausbreitenden Beschwerden fragen.
  • Retardpräparate: Retardiertes Pramipexol und retardiertes Ropinirol sind zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms nicht zugelassen; ihre Anwendung ist ein Off-Label-Use [LL1].
  • Beachte: Bei Schlafattacken dürfen keine Kraftfahrzeuge geführt und keine gefährlichen Maschinen bedient werden. Ein Rotigotin-Pflaster muss wegen seiner aluminiumhaltigen Rückschicht vor Magnetresonanztomographie und Kardioversion entfernt werden [FI2].

Levodopa/Benserazid – nur intermittierend

  • Wirkweise: Levodopa dient als Dopaminvorstufe; Benserazid hemmt die periphere Decarboxylierung.
  • Indikationen: Sporadisches oder vorhersehbares Restless-Legs-Syndrom, beispielsweise bei Reisen oder einzelnen belastenden Abenden, sowie diagnostischer Therapieversuch [1, 2, LL1].
  • Kontraindikationen: Keine kontinuierliche Anwendung; besondere Vorsicht bei Psychosen, Engwinkelglaukom (erhöhter Augeninnendruck durch einen verengten Abflusswinkel), schweren kardiovaskulären Erkrankungen und gleichzeitiger Behandlung mit nichtselektiven Monoaminoxidasehemmern.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, orthostatische Hypotonie, Schwindel, Somnolenz, Halluzinationen, Dyskinesien (unwillkürliche Bewegungen) und insbesondere Augmentation.
  • Beachte: Die Tagesdosis von 100 mg Levodopa soll bei intermittierender Anwendung grundsätzlich nicht überschritten werden. Bereits bei regelmäßiger Anwendung und insbesondere bei Dosierungen ≥ 200 mg/d steigt das Augmentationsrisiko deutlich [LL1].

Opioide – Oxycodon/Naloxon retard

  • Wirkweise: Zentraler μ-Opioidrezeptor-Agonismus durch Oxycodon; enteraler Antagonismus opioidbedingter Darmwirkungen durch Naloxon bei ausgeprägtem First-Pass-Metabolismus.
  • Indikationen: Zugelassene Zweitlinientherapie bei schwerem bis sehr schwerem idiopathischem Restless-Legs-Syndrom nach Versagen einer dopaminergen Therapie; im klinischen Gesamtkonzept auch bei schwerer Augmentation oder refraktärem Verlauf nach Versagen geeigneter nicht opioider Optionen [2, 5, LL1, FI4].
  • Kontraindikationen: Schwere Atemdepression, schwere chronisch obstruktive Lungenerkrankung (dauerhafte Lungenerkrankung mit verengten Atemwegen), paralytischer Ileus (Darmlähmung), akutes Abdomen (plötzlich aufgetretenes schweres Krankheitsbild im Bauchraum) sowie mittelgradige bis schwere Leberfunktionsstörung; besondere Vorsicht bei Schlafapnoesyndrom, Nierenfunktionsstörung und Substanzabhängigkeit.
  • Nebenwirkungen: Sedierung, Benommenheit, Übelkeit, Obstipation, Pruritus (Juckreiz), Hyperhidrosis (übermäßiges Schwitzen), Atemdepression, zentrale Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf durch eine Störung der Atemsteuerung), Toleranzentwicklung sowie physische und psychische Abhängigkeit.
  • Vor Therapiebeginn: Suchtrisiko, Komedikation, Atemwegserkrankungen und Schlafapnoerisiko prüfen. Die Kombination mit Alkohol, Benzodiazepinen, Gabapentinoiden oder anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln erhöht das Risiko für Sedierung und Atemdepression.
  • Kontrollen: Regelmäßige Prüfung von Wirksamkeit, Tagesfunktion, Dosisstabilität, Obstipation, Atemfunktion, Fehlgebrauch und fortbestehender Behandlungsindikation.
  • Beachte: Tramadol soll wegen seiner zusätzlichen serotonergen Wirkung und berichteter Augmentation nicht zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms eingesetzt werden [LL1].

Augmentation – Erkennen und Handeln

  • Definition: Iatrogene Verschlechterung unter dopaminerger Therapie mit Vorverlagerung des täglichen Symptombeginns um etwa 2 Stunden, kürzerer Latenz bei Ruhe, Zunahme der Intensität, Ausbreitung auf andere Körperregionen oder Verkürzung der Wirkdauer [LL1].
  • Differentialdiagnose: Natürliche Krankheitsprogression, Schlafmangel, neue Begleiterkrankungen, Eisenmangel, Einnahme verstärkender Arzneimittel, Wirkverlust, Rebound und Opioid-induzierte Hyperalgesie (gesteigerte Schmerzempfindlichkeit durch Opioide) ausschließen.
  • Prävention: Eisenstatus optimieren, Gabapentinoide bei Dauertherapie bevorzugen, Levodopa nicht kontinuierlich anwenden und Dopaminagonisten nur in der niedrigsten wirksamen Dosis einsetzen [1, 2, LL1, LL2].
  • Frühe oder milde Augmentation: Einnahmezeitpunkt überprüfen, Dosissteigerung vermeiden und gegebenenfalls eine einmalige Aufteilung der bisherigen Dosis erwägen. Bei weiterer Progression ist ein Wechsel der Wirkstoffklasse erforderlich.
  • Manifestierte Augmentation: Eisenstatus kontrollieren und gegebenenfalls substituieren; Gabapentinoid oder bei schwerem Verlauf ein geeignetes Opioid einführen; anschließend den Dopaminagonisten schrittweise reduzieren und möglichst absetzen [2, LL1].
  • Kein abruptes Absetzen: Höher dosierte Dopaminagonisten dürfen wegen ausgeprägter Rebound-Symptome, Schlaflosigkeit und möglicher Entzugssymptome nicht abrupt beendet werden. Die Reduktion erfolgt langsam und überlappend mit der Ersatztherapie [1, 2].
  • Langwirksamer Dopaminagonist: Die ursprüngliche S2k-Leitlinie nennt Rotigotin als mögliche Umstellungsoption. Der aktualisierte internationale Algorithmus von 2026 bevorzugt bei gesicherter Augmentation den Wechsel aus der dopaminergen Wirkstoffklasse, da ein langwirksamer Dopaminagonist das zugrunde liegende Augmentationsrisiko nicht beseitigt [2, LL1].
  • Stationäre Behandlung: Bei schwerer Augmentation, nicht beherrschbarem Rebound, erheblicher psychiatrischer Komorbidität oder notwendiger komplexer Opioidumstellung erwägen [LL1].

Besondere Behandlungssituationen

  • Chronische Niereninsuffizienz: Gabapentin und Pregabalin strikt an die Nierenfunktion anpassen. Bei terminaler Niereninsuffizienz und Hämodialyse kann Gabapentin eingesetzt werden; die AASM empfiehlt bei Ferritin < 200 µg/l und Transferrinsättigung < 20 % bedingt intravenöses Eisensaccharat [LL2].
  • Komorbides Schlafapnoesyndrom: Vor allem vor Opioiden und bei Kombination zentral dämpfender Arzneimittel diagnostizieren und behandeln. Bei Opioidtherapie kann eine respiratorische beziehungsweise schlafmedizinische Verlaufskontrolle erforderlich sein.
  • Ältere Patienten: Gabapentinoide besonders langsam titrieren; Stürze, Gangunsicherheit, kognitive Beeinträchtigung, Ödeme und respiratorische Komorbiditäten berücksichtigen. Dopaminagonisten können Halluzinationen, Orthostase und Impulskontrollstörungen auslösen.
  • Substanzabhängigkeit: Gabapentinoide und Opioide nur nach dokumentierter Nutzen-Risiko-Abwägung, mit begrenzten Verordnungsmengen und strukturiertem Monitoring einsetzen.

Schwangerschaft und Stillzeit

  • Grundprinzip: Nicht medikamentöse Maßnahmen, ausreichender Schlaf und die Behandlung verstärkender Faktoren haben Vorrang. Der Eisenstatus soll bestimmt und bei Ferritin ≤ 75 µg/l korrigiert werden [LL1].
  • Orales Eisen: Im ersten Trimenon bevorzugte Form der erforderlichen Eisensubstitution.
  • Intravenöses Eisen: Erst nach Abschluss des ersten Trimenons. Ferrocarboxymaltose 500-1.000 mg kann bei entsprechender Indikation, insbesondere bei Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel), eingesetzt werden [LL1].
  • Levodopa/Carbidopa: Bei schwerem, refraktärem Restless-Legs-Syndrom zeitlich begrenzt möglich; 100/25-200/50 mg am Abend, maximal 200 mg Levodopa/d. Levodopa/Benserazid soll wegen möglicher Embryotoxizität von Benserazid vermieden werden [LL1].
  • Dopaminagonisten: In der Schwangerschaft vermeiden. In der Stillzeit können Dopaminagonisten und Levodopa die Prolaktinsekretion und damit die Milchbildung hemmen.
  • Gabapentinoide: Gabapentin und Pregabalin sollen nach der S2k-Leitlinie nicht zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms in der Schwangerschaft eingesetzt werden [LL1].
  • Schwerstes refraktäres Restless-Legs-Syndrom: Niedrig dosiertes Oxycodon/Naloxon mit insgesamt 5-20 mg Oxycodon/d oder Clonazepam 0,5-1 mg zur Nacht kann nach der S2k-Leitlinie im zweiten oder dritten Trimenon ausnahmsweise erwogen werden. Dies erfordert eine strengste, interdisziplinäre Indikationsstellung, die kürzestmögliche Behandlungsdauer und die Berücksichtigung fetaler beziehungsweise neonataler Risiken [LL1].

Nicht empfohlene oder nicht ausreichend belegte Arzneimittel

  • Ergot-Dopaminagonisten: Cabergolin und andere Ergot-Dopaminagonisten sollen wegen fibrotischer Herzklappenveränderungen (narbiger Veränderungen der Herzklappen) nicht zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms eingesetzt werden [LL1, LL2].
  • Benzodiazepine: Keine reguläre RLS-spezifische Therapie; eine Wirksamkeit auf die sensomotorischen Kernsymptome ist nicht ausreichend belegt. Clonazepam kommt lediglich in eng begrenzten Ausnahmesituationen infrage [LL1, LL2].
  • Cannabinoide: Keine ausreichende kontrollierte Evidenz; keine Empfehlung zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms [LL1].
  • Magnesium: Keine ausreichende Evidenz für eine RLS-spezifische Wirksamkeit; eine Substitution ist nur bei nachgewiesenem Magnesiummangel indiziert [LL1].
  • Dipyridamol: Von der AASM bedingt empfohlen, von DGN und DGSM wegen schmaler Evidenzbasis nicht als Standardtherapie unterstützt; eine Anwendung wäre ein spezialärztlich zu begründender Off-Label-Use [LL1, LL2].
  • Bupropion, Carbamazepin, Valproinsäure und Valerian: Keine reguläre Anwendung zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms [LL2].

Verlaufskontrollen

  • Wirksamkeit: Symptombeginn, Häufigkeit, Intensität, Schlafqualität, Tagesfunktion und Lebensqualität dokumentieren.
  • Eisenstatus: Ferritin und Transferrinsättigung nach Beginn einer Substitution sowie bei Wirkverlust, Rezidiv oder Augmentation kontrollieren.
  • Dopaminerge Therapie: Bei jeder Kontrolle nach Vorverlagerung der Symptome, Ausbreitung, Dosissteigerungsbedarf, Impulskontrollstörungen, Halluzinationen und Schlafattacken fragen.
  • Gabapentinoide: Nierenfunktion, Sedierung, Gangstabilität, Gewicht, Ödeme, respiratorische Risiken und Hinweise auf Fehlgebrauch überprüfen.
  • Opioide: Atemfunktion, Schlafapnoerisiko, Obstipation, Sedierung, Dosisentwicklung, Fehlgebrauch und Abhängigkeitspotenzial regelmäßig beurteilen.

Red Flags (Warnzeichen) bei Restless-Legs-Syndrom

  • Akute einseitige Beinschwellung, Rötung oder Schmerzen: Keine typische RLS-Konstellation; tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene) beziehungsweise andere akute vaskuläre oder entzündliche Ursache ausschließen.
  • Dyspnoe (Atemnot), Thoraxschmerz, Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) oder Hämoptyse (Bluthusten): Sofortige Abklärung auf Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel) beziehungsweise andere kardiorespiratorische Notfälle.
  • Neue Parese (Lähmung), Sensibilitätsstörung (Störung der Wahrnehmung von Berührung, Schmerz oder Temperatur), Sattelanästhesie (Gefühllosigkeit im Gesäß- und Genitalbereich) oder Blasen-/Mastdarmstörung: Dringliche neurologische beziehungsweise neurochirurgische Abklärung.
  • Rasche Vorverlagerung oder Ausbreitung der Beschwerden: Verdacht auf Augmentation; keine eigenständige Dosissteigerung dopaminerger Arzneimittel.
  • Schlafattacken, Halluzinationen oder neue Impulskontrollstörung: Dopaminagonisten unverzüglich überprüfen; bis zur Klärung kein Kraftfahrzeug führen.
  • Ausgeprägte Somnolenz, verlangsamte Atmung, Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten) oder Bewusstseinsstörung: Verdacht auf Atemdepression unter Opioiden, Gabapentinoiden oder sedierenden Kombinationen; notfallmäßige Behandlung.
  • Ausgeprägte Anämie oder rezidivierender Eisenmangel: Blutverlust, gastrointestinale Erkrankung, Malabsorption und andere Ursachen abklären; keine unkontrollierte Dauersubstitution.

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Nerven und Psyche sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Calcium, Kalium, Magnesium)
  • Spurenelemente (Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Grüntee-Polyphenole, Epigallocatechingallate)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), Phosphatidylserin, Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesium-, Kalium- und Calciumcitrat))

Bei Vorliegen einer Insomnie (Schlafstörung) infolge eines Restless-Legs-Syndroms s. u. Insomnie/Medikamentöse Therapie/Supplemente.

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • AASM: American Academy of Sleep Medicine
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CoQ10: Coenzym Q10
  • CYP1A2: Cytochrom-P450-Isoenzym 1A2
  • d: Tag
  • DGN: Deutsche Gesellschaft für Neurologie
  • DGSM: Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin
  • DHA: Docosahexaensäure
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • EPAR: European Public Assessment Report
  • Fe2+: zweiwertiges Eisen
  • FI: Fachinformation
  • h: Stunde
  • i. v.: intravenös
  • LL: Leitlinie
  • p. o.: per os
  • RLS: Restless-Legs-Syndrom
  • S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
  • SmPC: Summary of Product Characteristics

Literatur

  1. Silber MH, Buchfuhrer MJ, Earley CJ et al.: The Management of Restless Legs Syndrome: An Updated Algorithm. Mayo Clin Proc. 2021;96(7):1921-1937. doi: 10.1016/j.mayocp.2020.12.026 [1]
  2. Silber MH, Berkowski JA, Buchfuhrer MJ et al.: An Updated Algorithm for the Management of Restless Legs Syndrome. Mayo Clin Proc. 2026;101(9):1561-1588. doi: 10.1016/j.mayocp.2026.05.010 [2]
  3. Trenkwalder C, Winkelmann J, Oertel W et al.: Ferric carboxymaltose in patients with restless legs syndrome and nonanemic iron deficiency: A randomized trial. Mov Disord. 2017;32(10):1478-1482. doi: 10.1002/mds.27040 [3]
  4. Allen RP, Chen C, Garcia-Borreguero D et al.: Comparison of Pregabalin with Pramipexole for Restless Legs Syndrome. N Engl J Med. 2014;370(7):621-631. doi: 10.1056/NEJMoa1303646 [4]
  5. Trenkwalder C, Beneš H, Grote L et al.: Prolonged release oxycodone-naloxone for treatment of severe restless legs syndrome after failure of previous treatment: a double-blind, randomised, placebo-controlled trial with an open-label extension. Lancet Neurol. 2013;12(12):1141-1150. doi: 10.1016/S1474-4422(13)70239-4 [5]

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie: Restless Legs Syndrom (RLS). (AWMF-Registernummer: 030 - 081), Juni 2022; Addendum zu den AASM Practice Guidelines vom März 2026 Langfassung [LL1]
  2. Winkelman JW, Berkowski JA, DelRosso LM et al.: Treatment of restless legs syndrome and periodic limb movement disorder: an American Academy of Sleep Medicine clinical practice guideline. J Clin Sleep Med. 2025;21(1):137-152. doi: 10.5664/jcsm.11390 [LL2]

Fachinformationen

  1. European Medicines Agency: Sifrol – EPAR und Produktinformation [FI1]
  2. European Medicines Agency: Neupro – EPAR und Produktinformation [FI2]
  3. Electronic Medicines Compendium: Adartrel 0.25 mg, 0.5 mg and 2 mg film-coated tablets – Summary of Product Characteristics [FI3]
  4. Electronic Medicines Compendium: Targinact 5 mg/2.5 mg prolonged-release tablets – Summary of Product Characteristics [FI4]