Präeklampsie/Eklampsie – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Vermeidung maternaler Akutkomplikationen (akuter Komplikationen bei der Mutter), insbesondere Schlaganfall, intrazerebraler Blutung (Blutung im Gehirn), Eklampsie (Krampfanfallserkrankung in der Schwangerschaft), Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge), HELLP-Syndrom-Progression (Fortschreiten einer schweren Schwangerschaftskomplikation), akuter Nierenschädigung (plötzlicher Schädigung der Nieren) und Plazentalösung (vorzeitiger Ablösung des Mutterkuchens) [LL1-4]
  • Rasche, kontrollierte Senkung schwerer Blutdruckwerte bei gleichzeitiger Vermeidung einer überschießenden Hypotonie (zu niedriger Blutdruck) und möglicher uteroplazentarer Minderperfusion (verminderte Durchblutung von Gebärmutter und Mutterkuchen) [LL1-4]
  • Krampfprophylaxe (Vorbeugung von Krampfanfällen) und Krampftherapie (Behandlung von Krampfanfällen) bei schwerer Präeklampsie (Schwangerschaftserkrankung mit Bluthochdruck und Organbeteiligung) mit hohem Krampfrisiko bzw. bei Eklampsie [LL1-3, 2-3]
  • Stabilisierung der Mutter bis zur geburtshilflich indizierten Entbindung (aus medizinischen Gründen notwendigen Geburt); die Entbindung von Plazenta (Mutterkuchen) und Kind bleibt die einzige kausale Beendigung des Krankheitsprozesses [LL1-3]
  • Reduktion fetaler Risiken (Risiken für das ungeborene Kind) durch leitliniengerechte maternale Stabilisierung, fetale Überwachung, antenatale Lungenreifeinduktion (Förderung der Lungenreifung vor der Geburt) bei drohender Frühgeburt (Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche) und geburtshilfliches Timing [LL1, LL5, 5]
  • Prävention einer frühen bzw. präterm (vorzeitig) auftretenden Präeklampsie bei Risikopatientinnen (Patientinnen mit erhöhtem Risiko) durch niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (ASS) [LL1-2, 4]

Therapieempfehlungen

  • Grundsatz – Die Pharmakotherapie (medikamentöse Behandlung) behandelt Hypertonie (Bluthochdruck), Krampfrisiko und Begleitkomplikationen; sie ist keine kausale Therapie der plazentaren Erkrankung [LL1-3].
  • Schwere Hypertonie – Bei Blutdruckwerten ≥ 160 mmHg systolisch (oberer Blutdruckwert) und/oder ≥ 110 mmHg diastolisch (unterer Blutdruckwert) soll die medikamentöse Akuttherapie stationär (im Krankenhaus) erfolgen; Ziel ist die Prävention maternaler Akutkomplikationen, insbesondere zerebrovaskulärer Ereignisse (akute Durchblutungs- oder Blutungsereignisse im Gehirn) [LL1-4].
  • Antihypertensive Dauertherapie – Mittel der ersten Wahl in der Schwangerschaft sind α-Methyldopa, Nifedipin retard und Labetalol bzw. Metoprolol; die Auswahl richtet sich nach Blutdruckdynamik, Komorbidität (Begleiterkrankung), Verfügbarkeit, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Nebenwirkungsprofil [LL1-4, 1].
  • Therapiebeginn und Verlauf – Eine ambulante Einleitung (Behandlungsbeginn außerhalb des Krankenhauses) oder Anpassung kommt nur bei stabiler maternaler und fetaler Situation, standardisierter Blutdruckselbstmessung, Patientinnenschulung, schriftlicher Dokumentation und klaren Wiedervorstellungsgrenzen infrage [LL1-3].
  • Blutdruckziel – Ziel ist die Vermeidung schwerer Hypertonien; postpartal (nach der Geburt) sollte der Blutdruck auf Werte <135/85 mmHg eingestellt werden [LL1, 6].
  • Kombinationstherapie – Bei unzureichender Monotherapie (Behandlung mit einem einzelnen Wirkstoff) sollte bevorzugt eine zweite Substanzklasse ergänzt werden, statt die Maximaldosis eines einzelnen Wirkstoffs auszureizen [LL1].
  • Akuttherapie schwerer Hypertonie – In Deutschland stehen initial Urapidil i.v., Nifedipin p.o. und Dihydralazin i.v. zur Verfügung; Labetalol i.v. ist international sowie in Österreich und der Schweiz etabliert [LL1-4].
  • Eklampsie und drohende Eklampsie – Magnesiumsulfat ist Mittel der Wahl zur Therapie eklamptischer Krampfanfälle und zur Krampfprophylaxe bei schwerer Präeklampsie mit hohem Krampfrisiko [LL1-3, 2-3].
  • Präeklampsieprophylaxe – Bei anamnestischem Risiko (Risiko aus der Vorgeschichte) und/oder hohem Risiko im Präeklampsie-Screening (Suchuntersuchung auf Präeklampsie) soll ASS 100-150 mg/Tag, vorzugsweise abends, möglichst vor 16+0 Schwangerschaftswochen begonnen werden [LL1-2, 4].
  • Antenatale Kortikosteroide – Bei drohender medizinisch indizierter Frühgeburt sind Betamethason oder Dexamethason zur fetalen Lungenreifeinduktion leitliniengerecht einzusetzen; eine dringlich indizierte Entbindung darf dadurch nicht unangemessen verzögert werden [LL1, LL5, 5].
  • Calcium-Supplementation – Calcium ist keine universelle Standardprophylaxe der Präeklampsie; nach aktueller Evidenz ist der präventive Effekt auf hypertensive Schwangerschaftserkrankungen unsicher und nicht robust genug für eine routinemäßige präeklampsiespezifische Empfehlung [LL1, 7].
  • Nicht empfohlene Supplemente – Magnesium-Supplementation, Selen, Vitamine, NO-Donatoren und Fischöl werden nicht als spezifische Präeklampsieprophylaxe empfohlen [LL1].
  • Postpartale antihypertensive Therapie – Postpartal sind strukturierte Blutdruckkontrollen erforderlich; α-Methyldopa sollte bei fortbestehendem Therapiebedarf auf geeignetere, mit dem Stillen vereinbare Antihypertensiva umgestellt und postpartal nicht bevorzugt neu begonnen werden [LL1, 6].
  • Kontraindizierte bzw. zu vermeidende Substanzen in der Schwangerschaft – ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptorblocker, Renin-Inhibitoren und Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten sind in der Schwangerschaft kontraindiziert bzw. zu vermeiden; Diuretika sind nicht routinemäßig zur Präeklampsietherapie einzusetzen [LL1-4].

Hauptindikation

Antihypertensiva zur oralen Dauertherapie in der Schwangerschaft

Wirkstoff Besonderheiten
α-Methyldopa Längste klinische Erfahrung in der Schwangerschaft; verzögerter Wirkeintritt; postpartal wegen depressiver Symptomatik und geringerer Wirksamkeit nicht bevorzugt
Nifedipin retard Stärkere antihypertensive Wirkung als α-Methyldopa; leitliniengestützter Off-Label-Use (zulassungsüberschreitender Einsatz); kontraindiziert bei relevanter maternaler Aortenstenose (Verengung der Hauptschlagader bei der Mutter)
Labetalol International etabliertes Erstlinienmedikament; in Deutschland nicht regelhaft verfügbar; kontraindiziert bei schlecht eingestelltem Asthma bronchiale (Asthma der Bronchien); neonatale Bradykardie (verlangsamter Herzschlag des Neugeborenen) und Hypoglykämie sowie erhöhtes SGA-Risiko (Risiko für ein im Verhältnis zum Schwangerschaftsalter zu kleines Kind) beachten
Metoprolol β1-selektiver Betablocker; individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung; fetales Wachstum sowie neonatale Bradykardie und Hypoglykämie beachten

α-Methyldopa

  • Wirkweise – α-Methyldopa wirkt zentral antiadrenerg über α2-adrenerge Mechanismen und senkt den Sympathikotonus (Aktivität des Stressnervensystems) [LL1-4].
  • Indikationen – Dauertherapie der nicht schweren Hypertonie in der Schwangerschaft bei stabiler maternaler und fetaler Situation [LL1-4, 1].
  • Nebenwirkungen – Müdigkeit, Sedierung (Dämpfung), Mundtrockenheit, orthostatische Beschwerden (Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen), depressive Verstimmung, postpartale depressive Symptomatik, Transaminasenerhöhung, selten immunologisch vermittelte Leberreaktionen (durch das Abwehrsystem ausgelöste Leberreaktionen) [LL1-4, 6].

Nifedipin retard

  • Wirkweise – Nifedipin ist ein Dihydropyridin-Calciumkanalblocker und bewirkt durch Relaxation (Entspannung) der glatten Gefäßmuskulatur eine arterielle Vasodilatation (Erweiterung der Schlagadern) [LL1-4].
  • Indikationen – Orale Dauertherapie der Hypertonie in der Schwangerschaft; bevorzugt als retardierte Form [LL1-4, 1].
  • Nebenwirkungen – Kopfschmerz, Flush (Hautrötung mit Wärmegefühl), Schwindel, Tachykardie (Herzrasen), Palpitationen (Herzklopfen), periphere Ödeme (Wassereinlagerungen an Armen oder Beinen), Hypotonie [LL1-4].

Labetalol

  • Wirkweise – Labetalol blockiert α1- und β-Rezeptoren und senkt den Blutdruck durch Reduktion des peripheren Widerstands (Gefäßwiderstands) und β-adrenerger Effekte [LL1-4].
  • Indikationen – Orale Dauertherapie hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen in Ländern mit Verfügbarkeit; intravenöse Akuttherapie (Notfallbehandlung über die Vene) bei schwerer Hypertonie nach Klinikstandard [LL1-4, 1].
  • Nebenwirkungen – Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Müdigkeit, Schwindel, orthostatische Beschwerden, Bronchospasmus (Verkrampfung der Atemwege) bei prädisponierten Patientinnen (vorbelasteten Patientinnen), neonatale Bradykardie, neonatale Hypoglykämie; Assoziation (Zusammenhang) mit Small-for-Gestational-Age-Kindern beachten [LL1-4].

Metoprolol

  • Wirkweise – Metoprolol ist ein β1-selektiver Betablocker und reduziert Herzfrequenz, kardiale Kontraktilität (Kontraktionskraft des Herzens) und Blutdruck [LL1-4].
  • Indikationen – Antihypertensive Therapie in der Schwangerschaft bei geeigneter mütterlicher Indikation und individueller Nutzen-Risiko-Abwägung [LL1-4, 1].
  • Nebenwirkungen – Bradykardie, Müdigkeit, Schwindel, Hypotonie, Bronchospasmus bei prädisponierten Patientinnen, neonatale Bradykardie, neonatale Hypoglykämie; fetales Wachstum kontrollieren [LL1-4].

Antihypertensiva zur stationären Akuttherapie schwerer Hypertonie

Wirkstoff Besonderheiten
Urapidil i.v. In Deutschland verfügbare Option zur initialen Akuttherapie; engmaschiges Monitoring (enge Überwachung) von Blutdruck und Herzfrequenz erforderlich
Nifedipin p.o. Akutoption bei geeigneter Überwachung; keine unkontrollierte sublinguale Anwendung (Anwendung unter der Zunge)
Dihydralazin i.v. Zugelassen; häufiger starke Kopfschmerzen, Reflextachykardie (reflexartig schneller Herzschlag) und überschießende Hypotonie als unter Urapidil; Monitoring zwingend
Labetalol i.v. International etablierte Akuttherapie; in Österreich und der Schweiz verfügbar; in Deutschland eingeschränkt verfügbar

Urapidil

  • Wirkweise – Urapidil senkt den Blutdruck über periphere α1-Blockade und zentrale serotonerge Mechanismen [LL1].
  • Indikationen – Stationäre Akuttherapie schwerer Hypertonie in der Schwangerschaft nach Klinikstandard [LL1-4].
  • Nebenwirkungen – Hypotonie, Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerz, Müdigkeit, Palpitationen; überschießende Blutdrucksenkung vermeiden [LL1].

Nifedipin p.o. zur Akuttherapie

  • Wirkweise – Nifedipin blockiert L-Typ-Calciumkanäle und führt zu peripherer Vasodilatation [LL1-4].
  • Indikationen – Stationäre oder klinisch überwachte Akuttherapie schwerer Hypertonie bei geeigneter Situation und nach Klinikstandard [LL1-4].
  • Nebenwirkungen – Kopfschmerz, Flush, Tachykardie, Schwindel, Hypotonie, periphere Ödeme; bei Kombination mit Magnesiumsulfat engmaschige Überwachung wegen möglicher Hypotonie und neuromuskulärer Effekte (Nerven- und Muskeleffekte) [LL1-4].

Dihydralazin

  • Wirkweise – Dihydralazin wirkt direkt vasodilatierend auf die arterielle Gefäßmuskulatur [LL1].
  • Indikationen – Stationäre Akuttherapie schwerer Hypertonie in der Schwangerschaft nach Klinikstandard [LL1-4].
  • Nebenwirkungen – Kopfschmerz, Tachykardie, Palpitationen, Übelkeit, Erbrechen, überschießende Hypotonie; die Nebenwirkungen können die klinische Abgrenzung gegenüber einer Progredienz (Fortschreiten) der Präeklampsie erschweren [LL1].

Labetalol i.v.

  • Wirkweise – Labetalol blockiert α1- und β-Rezeptoren und senkt den Blutdruck rasch, ohne typischerweise eine ausgeprägte Reflextachykardie auszulösen [LL1-4].
  • Indikationen – Intravenöse Akuttherapie schwerer Hypertonie in der Schwangerschaft in Ländern mit Verfügbarkeit; hypertensiver Notfall (Bluthochdrucknotfall) nach Klinikstandard [LL1-4].
  • Nebenwirkungen – Bradykardie, Hypotonie, Schwindel, Bronchospasmus, Übelkeit, neonatale Bradykardie und Hypoglykämie; kontraindiziert bei schlecht eingestelltem Asthma bronchiale, höhergradigem AV-Block (höhergradiger Störung der elektrischen Überleitung am Herzen), relevanter Bradykardie und dekompensierter Herzinsuffizienz (entgleister Herzschwäche) [LL1-4].

Antikonvulsiva

Wirkstoff Besonderheiten
Magnesiumsulfat i.v. Mittel der Wahl zur Prophylaxe und Therapie der Eklampsie; Calciumgluconat 1 g i.v. als Antidot (Gegenmittel) bereithalten; Überwachung von Atmung, Reflexen, Bewusstsein, Diurese (Harnausscheidung) und Sauerstoffsättigung

Magnesiumsulfat

  • Wirkweise – Magnesiumsulfat reduziert die neuromuskuläre Erregbarkeit (Erregbarkeit von Nerven und Muskeln) und wirkt antikonvulsiv (krampflösend); es ist zur Prävention und Behandlung eklamptischer Krampfanfälle Mittel der Wahl [LL1-3, 2-3].
  • Indikationen – Manifeste Eklampsie (eindeutig vorhandene Eklampsie), schwere Präeklampsie mit neurologischen Warnzeichen (Warnzeichen des Nervensystems), schwere Präeklampsie mit hohem Krampfrisiko, peripartale (um die Geburt herum) und postpartale Krampfprophylaxe nach klinischer Situation [LL1-3, 2-3].
  • Nebenwirkungen – Flush, Wärmegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Somnolenz (starke Schläfrigkeit), Muskelschwäche, Reflexabschwächung bis Reflexverlust, Hypotonie, Atemdepression (verminderte Atmung) bei Überdosierung, kardiale Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen) bei schwerer Intoxikation (Vergiftung) [LL1-3, 2-3].
  • Kontraindikationen/Cave – Myasthenia gravis (krankhafte Muskelschwäche), schwere Nierenfunktionsstörung, Oligurie/Anurie (verminderte oder fehlende Urinausscheidung) ohne engmaschiges Monitoring, höhergradige kardiale Erregungsleitungsstörung (höhergradige Störung der elektrischen Weiterleitung im Herzen), Bradykardie, schwere Ateminsuffizienz (schwere Atemschwäche); bei Atemdepression Magnesiumsulfat stoppen, Calciumgluconat applizieren (verabreichen) und intensivmedizinische Atemwegssicherung (Sicherung der Atmung auf der Intensivstation) veranlassen [LL1-3].

Therapie bei Lungenödem oder kardialer Dekompensation im Rahmen schwerer Präeklampsie/Eklampsie

Wirkstoff Besonderheiten
Nitroglycerin Bei Präeklampsie/Eklampsie mit Lungenödem bzw. kardialer Dekompensation (akuter Verschlechterung der Herzleistung); intensivierte Überwachung erforderlich
Furosemid i.v. Nicht routinemäßig zur Präeklampsietherapie; nur bei Lungenödem, Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder klarer Volumenindikation

Nitroglycerin

  • Wirkweise – Nitroglycerin setzt Stickstoffmonoxid frei, führt zu venöser und dosisabhängig arterieller Vasodilatation und reduziert kardiale Vorlast (Blutmenge vor dem Herzen) sowie pulmonale Stauung (Stauung in der Lunge) [LL3-4].
  • Indikationen – Lungenödem oder kardiale Dekompensation bei Präeklampsie/Eklampsie; antihypertensive Akutsituation mit pulmonaler Stauung nach intensivmedizinischem Standard [LL3-4].
  • Nebenwirkungen – Kopfschmerz, Flush, Hypotonie, Tachykardie, Schwindel, Übelkeit; engmaschige Blutdruckkontrolle erforderlich [LL3-4].

Furosemid

  • Wirkweise – Furosemid ist ein Schleifendiuretikum und hemmt den Na-K-2Cl-Kotransporter im aufsteigenden Schenkel der Henle-Schleife (Teil des Nierenkanälchens); dadurch kommt es zu Natriurese und Diurese [LL3-4].
  • Indikationen – Lungenödem, Herzinsuffizienz oder relevante Volumenüberladung (zu viel Flüssigkeit im Kreislauf) im Rahmen schwerer Präeklampsie/Eklampsie; keine routinemäßige antihypertensive Präeklampsietherapie [LL1, LL3-4].
  • Nebenwirkungen – Exsikkose (Austrocknung), Hypovolämie (vermindertes Blutvolumen), Hypokaliämie, Hyponatriämie, Hypotonie, Verschlechterung der Nierenfunktion, ototoxische Effekte (gehörschädigende Wirkungen) bei hohen Dosen; uteroplazentare Perfusion beachten [LL3-4].

Nebenindikationen

Prävention der Präeklampsie bei Risikopatientinnen

Wirkstoff Besonderheiten
Acetylsalicylsäure (ASS) Prophylaxe bei anamnestischem Risiko und/oder hohem Risiko im Präeklampsie-Screening; keine Therapie einer manifesten schweren Präeklampsie

Acetylsalicylsäure (ASS)

  • Wirkweise – ASS hemmt irreversibel die Cyclooxygenase-1 der Thrombozyten, vermindert die Thromboxan-A2-Bildung und beeinflusst das Thromboxan-Prostacyclin-Gleichgewicht zugunsten einer antiaggregatorischen Wirkung [LL1-2, 4].
  • Indikationen – Präeklampsie in der Eigenanamnese (eigene Krankheitsvorgeschichte), frühe oder schwere Präeklampsie in früherer Schwangerschaft, chronische Hypertonie, chronische Nierenkrankheit, Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2, systemischer Lupus erythematodes (entzündliche Autoimmunerkrankung), Antiphospholipid-Syndrom (Autoimmunerkrankung mit erhöhter Gerinnselneigung), Mehrlingsschwangerschaft, hohes Risiko im Präeklampsie-Screening und weitere Risikokonstellationen nach nationaler Leitlinie [LL1-2, 4].
  • Nebenwirkungen – Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden), Übelkeit, Blutungsneigung, selten Bronchospasmus bei Analgetika-Asthma (durch Schmerzmittel ausgelöstes Asthma), allergische Reaktionen; Kontraindikationen und Blutungsrisiko beachten [LL1-2, 4].
  • Cave – ASS ist eine Prophylaxe und keine Behandlung einer manifesten Präeklampsie; bei manifester schwerer Präeklampsie stehen Blutdruckkontrolle, Magnesiumsulfat, Überwachung und Entbindungsplanung im Vordergrund [LL1-2].

Antenatale Lungenreifeinduktion bei drohender indizierter Frühgeburt

Wirkstoff Besonderheiten
Betamethason Bei drohender Frühgeburt innerhalb des leitliniengerechten Gestationsalters (Schwangerschaftsalter); keine Verzögerung einer dringlich indizierten Entbindung
Dexamethason Alternative zu Betamethason; Anwendung nach lokalem Standard und Verfügbarkeit

Betamethason

  • Wirkweise – Betamethason ist plazentagängig (kann den Mutterkuchen passieren) und fördert die fetale Lungenreifung durch Induktion der Surfactant-Produktion (Bildung einer oberflächenaktiven Substanz für die Lungenbläschen) und strukturelle Reifung des fetalen Lungengewebes [LL5, 5].
  • Indikationen – Drohende Frühgeburt bei schwerer Präeklampsie, erwartete medizinisch indizierte Entbindung im relevanten Gestationsalter (Schwangerschaftsalter), fetale Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung des ungeborenen Kindes) mit drohender Frühgeburt [LL1, LL5, 5].
  • Nebenwirkungen – Transiente (vorübergehende) maternale Hyperglykämie, Schlafstörung, Flush, vorübergehende Veränderung fetaler Bewegungen und fetaler Herzfrequenzparameter; bei Diabetes mellitus oder Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes) engmaschige Blutzuckerkontrolle [LL5, 5].

Dexamethason

  • Wirkweise – Dexamethason ist plazentagängig und beschleunigt die fetale Lungenreifung durch glukokortikoidvermittelte Surfactant-Induktion [LL5, 5].
  • Indikationen – Alternative zur antenatalen Lungenreifeinduktion bei hoher Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt im leitliniengerechten Gestationsalter [LL5, 5].
  • Nebenwirkungen – Transiente maternale Hyperglykämie, Schlafstörung, Flush, gastrointestinale Beschwerden, vorübergehende fetale Herzfrequenz- und Bewegungsveränderungen [LL5, 5].

Thromboseprophylaxe bei erhöhtem venösem Thromboembolierisiko

Wirkstoff Besonderheiten
Enoxaparin Keine Präeklampsietherapie; nur bei zusätzlichem venösem Thromboembolierisiko, Immobilisation, postpartalem Risiko oder Sectio caesarea mit Risikofaktoren
Dalteparin Alternative zu Enoxaparin; neuraxiale Anästhesie und Entbindungsplanung beachten

Enoxaparin

  • Wirkweise – Enoxaparin ist ein niedermolekulares Heparin und hemmt überwiegend Faktor Xa über Antithrombin-vermittelte Mechanismen [LL1-3].
  • Indikationen – Thromboseprophylaxe (Vorbeugung von Blutgerinnseln) bei stationärer Aufnahme, Immobilisation (eingeschränkter Beweglichkeit), Adipositas (starkem Übergewicht), früherer venöser Thromboembolie (Blutgerinnsel-bedingtem Gefäßverschluss in einer Vene), Thrombophilie (erhöhter Neigung zu Blutgerinnseln), postpartalem Hochrisiko oder Sectio caesarea (Kaiserschnitt) mit zusätzlichen Risikofaktoren [LL1-3].
  • Nebenwirkungen – Blutung, Hämatome (Blutergüsse) an der Injektionsstelle (Einstichstelle), Thrombozytopenie, selten Heparin-induzierte Thrombozytopenie, Transaminasenerhöhung, Osteoporoserisiko (Risiko für Knochenschwund) bei Langzeitgabe; Zeitabstände zu neuraxialer Anästhesie (rückenmarksnaher Betäubung) beachten [LL1-3].

Dalteparin

  • Wirkweise – Dalteparin ist ein niedermolekulares Heparin und hemmt vorwiegend Faktor Xa über Antithrombin [LL1-3].
  • Indikationen – Prophylaxe venöser Thromboembolien bei erhöhtem Risiko im Rahmen stationärer oder postpartaler Betreuung; nicht als krankheitsmodifizierende Therapie der Präeklampsie [LL1-3].
  • Nebenwirkungen – Blutung, Hämatome, Thrombozytopenie, selten Heparin-induzierte Thrombozytopenie, Transaminasenerhöhung, Osteoporoserisiko bei Langzeitgabe [LL1-3].

Postpartale antihypertensive Therapie

Wirkstoff Besonderheiten
Nifedipin retard Geeignet postpartal und mit Stillen vereinbar; strukturierte Blutdruckkontrolle erforderlich
Metoprolol Mit Stillen vereinbar; Säugling auf Bradykardie, Trinkschwäche und Hypoglykämiezeichen beobachten
Enalapril Postpartal und in der Stillzeit als ACE-Hemmer-Option verwendbar; in der Schwangerschaft kontraindiziert
Captopril Postpartale ACE-Hemmer-Option; in der Schwangerschaft kontraindiziert

Nifedipin retard postpartal

  • Wirkweise – Nifedipin blockiert L-Typ-Calciumkanäle und senkt den Blutdruck durch arterielle Vasodilatation [LL1, 6].
  • Indikationen – Postpartale Hypertonie nach Präeklampsie, Eklampsie oder Gestationshypertonie (schwangerschaftsbedingtem Bluthochdruck); Umstellung von α-Methyldopa bei fortbestehendem Therapiebedarf [LL1, 6].
  • Nebenwirkungen – Kopfschmerz, Flush, Schwindel, Tachykardie, periphere Ödeme, Hypotonie [LL1, 6].

Metoprolol postpartal

  • Wirkweise – Metoprolol reduziert über β1-Blockade Herzfrequenz, Kontraktilität und Blutdruck [LL1, 6].
  • Indikationen – Postpartale Hypertonie, insbesondere bei zusätzlicher kardialer Indikation oder tachykarder Blutdrucksituation; Stillverträglichkeit berücksichtigen [LL1, 6].
  • Nebenwirkungen – Bradykardie, Müdigkeit, Schwindel, Hypotonie, Bronchospasmus bei prädisponierten Patientinnen; Säugling auf Bradykardie, Trinkschwäche und Hypoglykämiezeichen beobachten [LL1, 6].

Enalapril postpartal

  • Wirkweise – Enalapril ist ein ACE-Hemmer und vermindert die Bildung von Angiotensin II; dadurch sinken Vasokonstriktion (Gefäßverengung) und Aldosteron-vermittelte Natriumretention (hormonvermittelte Salz- und Wassereinlagerung) [LL1, 6].
  • Indikationen – Postpartale Hypertonie nach Entbindung, insbesondere bei fortbestehendem Hypertoniebedarf und geeigneter Nierenfunktion; Anwendung in der Schwangerschaft kontraindiziert [LL1, 6].
  • Nebenwirkungen – Hypotonie, Husten, Hyperkaliämie, Verschlechterung der Nierenfunktion, Schwindel, selten Angioödem (Schwellung von Haut oder Schleimhaut); Kontrolle von Kreatinin und Kalium erforderlich [LL1, 6].

Captopril postpartal

  • Wirkweise – Captopril ist ein ACE-Hemmer und reduziert die Angiotensin-II-vermittelte Vasokonstriktion sowie Aldosteron-vermittelte Natriumretention [LL1, 6].
  • Indikationen – Postpartale Hypertonie bei geeigneter Nierenfunktion und Stillwunsch; Anwendung in der Schwangerschaft kontraindiziert [LL1, 6].
  • Nebenwirkungen – Hypotonie, Husten, Hyperkaliämie, Verschlechterung der Nierenfunktion, Exanthem (Hautausschlag), Geschmacksstörung, selten Angioödem; Kontrolle von Kreatinin und Kalium erforderlich [LL1, 6].

Nicht empfohlene bzw. kontraindizierte Wirkstoffe in der Schwangerschaft

  • ACE-Hemmer – In der Schwangerschaft kontraindiziert, insbesondere im II. und III. Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) wegen fetaler/neonataler Nierenschädigung, Oligohydramnion (zu wenig Fruchtwasser) und weiterer Fetotoxizität (Schädigung des ungeborenen Kindes); postpartal können ausgewählte ACE-Hemmer bei Stillwunsch geeignet sein [LL1-4, 6].
  • Angiotensin-II-Rezeptorblocker – In der Schwangerschaft kontraindiziert wegen fetaler Nephrotoxizität (nierenschädigender Wirkung), Oligohydramnion und weiterer fetaler Risiken [LL1-4].
  • Renin-Inhibitoren – In der Schwangerschaft zu vermeiden bzw. kontraindiziert [LL1-4].
  • Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten – In der Schwangerschaft zu vermeiden bzw. kontraindiziert [LL1-4].
  • Atenolol – Nicht bevorzugt, insbesondere wegen ungünstigerer Daten zum fetalen Wachstum [LL1-4].
  • Diuretika – Nicht routinemäßig zur Präeklampsietherapie; Einsatz nur bei klarer Indikation wie Lungenödem, Herzinsuffizienz oder ausgewählter chronischer Hypertonie nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung [LL1-4].
  • Nitroprussid – Nur absolute intensivmedizinische Ausnahmesituation wegen potenzieller fetomaternaler Toxizität (möglicher Schädigung von Mutter und ungeborenem Kind) [LL3-4].
  • Calcium-Supplementation – Keine universelle Standardprophylaxe der Präeklampsie; eine Supplementation kann ernährungsmedizinisch begründet sein, ist aber nicht als routinemäßige präeklampsiespezifische Pharmakoprophylaxe (medikamentöse Vorbeugung) darzustellen [LL1, 7].
  • Magnesium-Supplementation, Selen, Vitamine, NO-Donatoren und Fischöl – Nicht als spezifische Präeklampsieprophylaxe empfohlen [LL1].

Beachte

  • Die medikamentöse Therapie darf eine indizierte Entbindung bei maternaler oder fetaler Gefährdung nicht verzögern [LL1-3].
  • Bei Eklampsie, Lungenödem, Schlaganfallverdacht, progredientem HELLP-Syndrom, therapierefraktärer (auf Behandlung nicht ansprechender) schwerer Hypertonie, Plazentalösung oder fetaler Gefährdung ist die Pharmakotherapie nur stabilisierende Überbrückung bis zur definitiven geburtshilflichen Entscheidung [LL1-3].
  • Die Blutdrucktherapie soll schwere Hypertonien vermeiden, aber keine relative Hypotonie erzeugen; insbesondere bei fetaler Wachstumsrestriktion ist die uteroplazentare Perfusion klinisch zu berücksichtigen [LL1-4].
  • Bei Kombination mehrerer Antihypertensiva sollte vorzugsweise eine zweite Substanzklasse ergänzt werden, anstatt die Maximaldosis eines einzelnen Wirkstoffs auszureizen [LL1].
  • Unter Magnesiumsulfat sind Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Bewusstsein, Patellarsehnenreflexe und Diurese zu überwachen; Calciumgluconat muss verfügbar sein [LL1-3, 2-3].
  • Bei Diabetes mellitus oder Gestationsdiabetes ist nach antenataler Kortikosteroidgabe eine engmaschige Blutzuckerkontrolle erforderlich [LL5, 5].
  • Postpartal sollte der Blutdruck leitliniengerecht kontrolliert und auf Zielwerte <135/85 mmHg eingestellt werden; persistierende Hypertonie, Proteinurie oder Organbeteiligung (Beteiligung von Organen) erfordern weiterführende internistisch-nephrologische bzw. kardiologische Abklärung (Abklärung durch Innere Medizin, Nierenheilkunde bzw. Herzmedizin) [LL1, 6].
  • Nach Präeklampsie/Eklampsie besteht ein erhöhtes langfristiges kardiovaskuläres Risiko (Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen); die postpartale Therapie ist in ein strukturiertes Langzeitrisikomanagement einzubetten [LL1, 6].

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  3. Positionspapier: Thomopoulos C, Hitij JB, De Backer T et al.: Management of hypertensive disorders in pregnancy: a Position Statement of the European Society of Hypertension Working Group 'Hypertension in Women'. J Hypertens. 2024;42(7):1109-1132. doi: 10.1097/HJH.0000000000003739
  4. McEvoy JW, McCarthy CP, Bruno RM et al.: 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. Eur Heart J. 2024;45(38):3912-4018. doi: 10.1093/eurheartj/ehae178
  5. S2k-Leitlinie: Prävention und Therapie der Frühgeburt (AWMF-Register-Nr. 015-025) Oktober 2022 Langfassung