Präeklampsie/Eklampsie – Einleitung

Die Präeklampsie/Eklampsie (schwangerschaftsbedingte Bluthochdruckerkrankung/Krampfanfallserkrankung) bezeichnet ein Spektrum hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen (Schwangerschaftserkrankungen mit Bluthochdruck) mit maternaler Organbeteiligung (Beteiligung mütterlicher Organe) und/oder fetoplazentarer Dysfunktion (Funktionsstörung von ungeborenem Kind und Mutterkuchen). Die Präeklampsie ist eine schwangerschaftsspezifische hypertensive Multisystemerkrankung (Bluthochdruckerkrankung mit Beteiligung mehrerer Organsysteme), die typischerweise nach der 20. Schwangerschaftswoche auftritt und nicht allein durch Hypertonie (Bluthochdruck) und Proteinurie (Eiweißausscheidung im Urin) definiert ist. Die Eklampsie bezeichnet generalisierte tonisch-klonische Krampfanfälle (Krampfanfälle mit Muskelversteifung und Muskelzuckungen) in Schwangerschaft, Geburt oder Wochenbett, die nicht durch eine andere neurologische Ursache (Ursache im Nervensystem) erklärt werden können [LL1-3].

Synonyme und ICD-10: EPH-Gestose; Gestose; Praeeklampsie; Präeklampsie; proteinurische Hypertonie; Schwangerschaftstoxikose; Schwangerschaftsvergiftung; Spätgestose; HELLP-Syndrom; Eklampsie; ICD-10-GM O14.-: Präeklampsie; O14.0 leichte bis mäßige Präeklampsie; O14.1 schwere Präeklampsie; O14.2 HELLP-Syndrom; O14.9 Präeklampsie, nicht näher bezeichnet; ICD-10-GM O15.-: Eklampsie; O15.0 Eklampsie während der Schwangerschaft; O15.1 Eklampsie unter der Geburt; O15.2 Eklampsie im Wochenbett; O15.9 Eklampsie, bei der der zeitliche Bezug nicht angegeben ist

Formen der hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen im Kontext der Präeklampsie/Eklampsie

  • Gestationshypertonie (schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck) (ICD-10-GM O13) – nach der 20. Schwangerschaftswoche neu auftretende Blutdruckwerte ≥ 140/90 mmHg bei zuvor normotensiver Schwangerer (Schwangerer mit normalem Blutdruck) ohne zusätzliche Kriterien einer Präeklampsie [LL1-3].
  • Gestationsproteinurie (schwangerschaftsbedingte Eiweißausscheidung im Urin) (ICD-10-GM O12.-) – neu in der Schwangerschaft aufgetretene Proteinurie ohne Hypertonie und ohne vorbestehende renale Ursache (Ursache in den Nieren); sie erfüllt allein nicht die Diagnosekriterien der Präeklampsie [LL1, LL2].
  • Präeklampsie (ICD-10-GM O14.-) – Hypertonie ≥ 140/90 mmHg nach der 20. Schwangerschaftswoche plus Proteinurie und/oder maternale Organmanifestation (Krankheitszeichen an mütterlichen Organen) und/oder fetoplazentare Dysfunktion. Mögliche Manifestationen sind Nierenfunktionsstörung (Störung der Nierenfunktion), Leberbeteiligung (Beteiligung der Leber), Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen), Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), neurologische Symptome (Beschwerden des Nervensystems), Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) oder fetale Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung des ungeborenen Kindes) [LL1-3].
  • Präeklampsie mit schweren Merkmalen (ICD-10-GM O14.1) – Präeklampsie mit schwerer Hypertonie, schwerer Organbeteiligung, neurologischer Symptomatik (Beschwerden durch das Nervensystem), Dyspnoe (Atemnot)/Lungenödem, ausgeprägter Leber- oder Nierenbeteiligung, Thrombozytopenie oder relevanter fetaler Gefährdung (Gefährdung des ungeborenen Kindes) [LL1-3].
  • HELLP-Syndrom (schwere Sonderform mit Blutzerfall, erhöhten Leberwerten und Blutplättchenmangel) (ICD-10-GM O14.2) – schwere Verlaufsform mit Hämolyse, erhöhten Leberenzymen (Leberwerten) und Thrombozytopenie; häufig mit Präeklampsie assoziiert (verbunden), jedoch nicht zwingend mit ausgeprägter Proteinurie oder schwerer Hypertonie verbunden [LL1, LL4].
  • Eklampsie (ICD-10-GM O15.-) – generalisierte tonisch-klonische Krampfanfälle in Schwangerschaft, Geburt oder Wochenbett, die keiner anderen neurologischen Ursache, z. B. Epilepsie (Krampfleiden), zugeordnet werden können [LL1-3].
  • Chronische Hypertonie mit Pfropfpräeklampsie (dauerhafter Bluthochdruck mit zusätzlich auftretender Präeklampsie) (ICD-10-GM O11) – vorbestehende oder vor der 20. Schwangerschaftswoche diagnostizierte Hypertonie mit neu auftretender Präeklampsie-typischer Organmanifestation, Proteinurie oder fetoplazentarer Dysfunktion [LL1-3].

Pathophysiologisch (die Krankheitsentstehung betreffend) steht ein Zusammenspiel aus gestörter Plazentation (gestörter Bildung und Einnistung des Mutterkuchens), plazentarer Dysfunktion (Funktionsstörung des Mutterkuchens), antiangiogenem Ungleichgewicht (Ungleichgewicht gefäßwachstumshemmender Botenstoffe), endothelialer Dysfunktion (Funktionsstörung der Gefäßinnenhaut), systemischer Inflammation (Entzündungsreaktion des ganzen Körpers) und maternaler Gefäßvulnerabilität (erhöhter Empfindlichkeit mütterlicher Blutgefäße) im Vordergrund. Besonders relevant ist die Erhöhung des antiangiogenen Faktors soluble fms-like tyrosine kinase 1 (sFlt-1) (gefäßwachstumshemmender Botenstoff) bei relativer Erniedrigung von placental growth factor (PlGF) (Wachstumsfaktor des Mutterkuchens); dieses angiogene Ungleichgewicht (Ungleichgewicht der gefäßbildenden und gefäßhemmenden Botenstoffe) ist diagnostisch (für die Diagnose) und prognostisch (für die Vorhersage des Verlaufs) bedeutsam und bildet die Grundlage der sFlt-1/PlGF-Quotienten-Bestimmung (Bluttest-Verhältnis dieser beiden Plazenta-Botenstoffe) [LL1-3].

Hinweis!
Proteinurie ist ein wichtiges diagnostisches Kriterium (Untersuchungsmerkmal), aber keine zwingende Voraussetzung für die Diagnose einer Präeklampsie, wenn eine Hypertonie mit typischer maternaler Organmanifestation oder fetoplazentarer Dysfunktion vorliegt [LL1-3].

Epidemiologie

Häufigkeitsgipfel: Erhöhte Risiken bestehen insbesondere bei Erstgebärenden (Frauen mit erster Geburt), höherem maternalen Alter (höherem Alter der Mutter), vorausgegangener Präeklampsie, chronischer Hypertonie, chronischer Nierenerkrankung (dauerhafter Erkrankung der Nieren), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Adipositas (starkem Übergewicht), Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen durch Fehlsteuerung des Immunsystems), Mehrlingsschwangerschaft und assistierter Reproduktion (medizinisch unterstützter Fortpflanzung) [LL1-3].

Die Prävalenz (Häufigkeit) der hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen liegt bei etwa 5-10 %. Die Präeklampsie betrifft in Europa etwa 2-3 % der Schwangerschaften [LL1-3].

Verlauf und Prognose

Verlauf

  • Gestationshypertonie – kann sich im Verlauf zur Präeklampsie entwickeln; nach der Entbindung normalisiert sich der Blutdruck meistens innerhalb der ersten 12 Wochen, eine Persistenz (Fortbestehen) ist jedoch möglich [LL1-3].
  • Präeklampsie – kann rasch progredient (fortschreitend) verlaufen und zu schwerer Hypertonie, Nierenfunktionsstörung, Leberbeteiligung, Thrombozytopenie, Hämolyse, Lungenödem, neurologischen Symptomen, fetaler Wachstumsrestriktion, Plazentainsuffizienz (Funktionsschwäche des Mutterkuchens) oder intrauteriner Gefährdung (Gefährdung in der Gebärmutter) führen [LL1-3].
  • HELLP-Syndrom – kann akut mit Oberbauchschmerzen, Leberkapselspannung (Spannung der Leberhülle), Gerinnungsstörungen (Störungen der Blutgerinnung), Leberhämatom (Bluterguss in der Leber), Leberruptur (Leberriss), akutem Nierenversagen (plötzlichem Ausfall der Nierenfunktion) und disseminierter intravasaler Gerinnung (Verbrauchsgerinnung in den Blutgefäßen) einhergehen [LL1, LL4].
  • Eklampsie – ist eine lebensbedrohliche Komplikation (Folgeerkrankung) mit Krampfanfällen, Bewusstseinsstörung, Aspirationsrisiko (Risiko des Einatmens von Mageninhalt), Hirnödem (Flüssigkeitsansammlung im Gehirn), intrakranieller Blutung (Blutung im Schädelinneren) und erhöhter maternaler sowie perinataler Morbidität und Mortalität (mütterlicher sowie geburtsnaher Erkrankungs- und Sterblichkeit) [LL1-3].
  • Postpartaler Verlauf (Verlauf nach der Geburt) – Präeklampsie und Eklampsie können postpartal (nach der Geburt) persistieren oder erstmals auftreten; die ersten Tage bis Wochen nach der Geburt bleiben deshalb klinisch relevant [LL1-3].

Prognose

  • Präeklampsie – die Entbindung von Plazenta (Mutterkuchen) und Kind bleibt derzeit die einzige kausale Beendigung (ursächliche Beendigung) des Krankheitsprozesses. Antihypertensive Therapie (Behandlung mit blutdrucksenkenden Medikamenten), Magnesiumsulfat zur Krampfprophylaxe (Vorbeugung von Krampfanfällen) bzw. Krampftherapie (Behandlung von Krampfanfällen), maternale und fetale Überwachung (mütterliche und kindliche Überwachung) sowie geburtshilfliches Timing (Zeitplanung der Geburt) dienen der Vermeidung schwerer maternaler und perinataler Komplikationen (Komplikationen um die Geburt) [LL1-3].
  • HELLP-Syndrom und Eklampsie – erfordern eine unverzügliche klinische Behandlung; die Prognose hängt wesentlich von früher Erkennung, Stabilisierung, Magnesiumsulfattherapie, Blutdruckkontrolle und geburtshilflichem Management (geburtshilflicher Behandlung) ab [LL1-4].
  • Langzeitprognose (langfristige Vorhersage des Verlaufs) – eine durchgemachte Präeklampsie ist mit einem erhöhten Risiko für chronische Hypertonie, kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und renale Folgeerkrankungen (Folgeerkrankungen der Nieren) assoziiert; strukturierte Übergänge im vierten Trimester (erste 12 Wochen nach der Geburt) in die hausärztlich-internistische bzw. kardiologische Langzeitversorgung (hausärztlich-internistische bzw. herzmedizinische Langzeitbetreuung) sind daher relevant [3, LL1-3].
  • Experimentelle Therapieansätze (noch nicht etablierte Behandlungsansätze) – die selektive extrakorporale Entfernung (gezielte Entfernung außerhalb des Körpers) von sFlt-1 wurde bei sehr früher Präeklampsie in einer einarmigen, offenen Pilotstudie (frühen Erprobungsstudie ohne Vergleichsgruppe) untersucht und erschien dort sicher und gut verträglich; ein therapeutischer Nutzen (Behandlungsnutzen) muss jedoch in kontrollierten Studien (Vergleichsstudien) bestätigt werden. Das Verfahren ist keine Standardtherapie (Regelbehandlung) [1].

Beachte: Bei Blutdruckwerten von ≥ 160 mmHg systolisch (oberer Blutdruckwert) bzw. ≥ 110 mmHg diastolisch (unterer Blutdruckwert) soll eine Einweisung in die Klinik erfolgen. Gleiches gilt bei klinischem oder laborchemischem Verdacht (Verdacht aufgrund von Beschwerden oder Laborwerten) auf HELLP-Syndrom, Eklampsie, Präeklampsie mit schweren neurologischen Symptomen, persistierenden Kopfschmerzen, Sehstörungen, rechtsbetonten Oberbauchschmerzen, Dyspnoe, Oligurie/Anurie (verminderter/fehlender Urinausscheidung), Bewusstseinsstörung oder hypertensiver Krise (Blutdruckkrise) mit vitaler Bedrohung (Lebensgefahr). Ein umgehender Transport über das Rettungswesen in die Klinik ist erforderlich. Unabhängig von der maternalen Situation bestehen fetale Indikationen (kindliche Gründe) zur stationären Abklärung (Abklärung im Krankenhaus) und Überwachung [LL1-3].

Komorbiditäten

  • Nach Gestationshypertonie, Präeklampsie oder Eklampsie ist das Risiko für spätere chronische Hypertonie, kardiovaskuläre Erkrankungen und renale Folgeerkrankungen erhöht [3, LL1-3].
  • Eine große schwedische Registerkohorte (Gruppe aus Registerdaten) zeigte nach Gestationshypertonie, Präeklampsie und Eklampsie ein erhöhtes Risiko für neu auftretende neurologische Erkrankungen (Erkrankungen des Nervensystems), insbesondere Migräne (anfallsartige Kopfschmerzerkrankung), Kopfschmerzen, Epilepsie und Schlafstörungen; nach Eklampsie war die Assoziation mit späterer Epilepsie besonders ausgeprägt [2].

Hinweise

  • Die aktuelle S2k-Leitlinie empfiehlt ein allgemeines Screening (Früherkennungsuntersuchung) auf Präeklampsie bei jeder Schwangeren [LL1].
  • Bei Frauen nach hypertensiver Schwangerschaftserkrankung sollen im Wochenbett und im vierten Trimester insbesondere Blutdruckkontrolle, kardiometabolische Risikostratifizierung (Einschätzung des Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisikos), Beratung zu Lebensstil, Stillzeit und Kontrazeption (Empfängnisverhütung) sowie die strukturierte Weiterbetreuung berücksichtigt werden [3, LL1-3].
  • Bei persistierender Hypertonie, Proteinurie oder Nierenfunktionsstörung nach der Geburt ist eine gezielte internistische bzw. nephrologische Abklärung (Abklärung durch einen Nierenspezialisten) erforderlich [LL1-3].

Literatur

  1. Thadhani R et al.: Targeted removal of soluble Fms-like tyrosine kinase 1 in very preterm preeclampsia: a pilot trial. Nat Med. 2026;32:2173-2181. doi:10.1038/s41591-026-04333-6
  2. Friis T et al.: Gestational Hypertension, Preeclampsia, and Eclampsia and Future Neurological Disorders. JAMA Neurol. 2025;82(2):142-151. doi:10.1001/jamaneurol.2024.4426
  3. Choi E et al.: The Fourth Trimester: a Time for Enhancing Transitions in Cardiovascular Care. Curr Cardiovasc Risk Rep. 2022;16:219-229. doi:10.1007/s12170-022-00706-x

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie (AWMF-Register-Nr. 015-018) Juli 2024 Langfassung
  2. Magee LA et al.: The 2021 International Society for the Study of Hypertension in Pregnancy classification, diagnosis & management recommendations for international practice. Pregnancy Hypertens. 2022;27:148-169. doi:10.1016/j.preghy.2021.09.008
  3. Thomopoulos C et al.: Management of hypertensive disorders in pregnancy: a Position Statement of the European Society of Hypertension Working Group 'Hypertension in Women'. J Hypertens. 2024;42(7):1109-1132. doi:10.1097/HJH.0000000000003739
  4. European Association for the Study of the Liver: EASL Clinical Practice Guidelines on the management of liver diseases in pregnancy. J Hepatol. 2023;79(3):768-828. doi:10.1016/j.jhep.2023.03.006