Zufuhrempfehlungen
Zum Ausgleich der täglichen Verluste an Kochsalz über Schweiß, Urin und Fäzes (Stuhl) benötigt der menschliche Organismus unter physiologischen Bedingungen etwa 2-3 g Natriumchlorid pro Tag. Mit zunehmender extrarenaler Ausscheidung (Ausscheidung außerhalb der Niere) – etwa bei starkem Schwitzen infolge sportlicher Aktivität, hoher Umgebungstemperaturen oder Saunagängen – sollte die Kochsalzzufuhr individuell angepasst und entsprechend gesteigert werden [1, 2].
Auch fieberhafte Erkrankungen, gastrointestinale Verluste (Verluste über den Magen-Darm-Trakt, z. B. Diarrhoe (Durchfall), Erbrechen) sowie eine osmotische Diurese (vermehrte Harnausscheidung durch osmotisch wirksame Substanzen) können den täglichen Natriumchloridbedarf deutlich erhöhen [2, 3].
- Als minimaler Bedarf bzw. untere Grenze der Kochsalzzufuhr wird eine tägliche Aufnahme von 1,4 g Kochsalz (entsprechend 550 mg Natrium) angesehen.
- Der Referenzwert für Erwachsene liegt bei 3,8 g Kochsalz pro Tag [5].
Diese Untergrenze ist primär als biochemischer Mindestbedarf zur Aufrechterhaltung der Natriumhomöostase (Gleichgewicht des Natriumhaushalts) zu verstehen [4].
Bereits seit vielen Jahren empfehlen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie zahlreiche medizinische Fachgesellschaften, insbesondere für Patienten mit Hypertonie (Bluthochdruck), im Rahmen ernährungstherapeutischer Maßnahmen eine Reduktion der Kochsalzzufuhr auf 5-6 g pro Tag (entspricht etwa einem gestrichenen Teelöffel). Auf Grundlage epidemiologischer und interventioneller Studien (Studien mit gezielten Eingriffen), die zeigen, dass eine Reduktion der Kochsalzzufuhr mit einer signifikanten Senkung des Blutdrucks sowie einer Reduktion des Risikos für kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz- und Gefäßerkrankungen) einhergeht, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) inzwischen auch der Allgemeinbevölkerung eine moderate Kochsalzrestriktion auf 5-6 g pro Tag zur Primärprävention (Vorbeugung) kardiovaskulärer Erkrankungen [1, 2].
Eine Kochsalzreduktion kann dabei – abhängig vom Ausgangsblutdruck und der individuellen Salzsensitivität (Empfindlichkeit gegenüber Salz) – zu einer Blutdrucksenkung von etwa 2-8 mmHg führen [3]. Der blutdrucksenkende Effekt ist dabei nicht linear, sondern abhängig von der individuellen Salzsensitivität, dem Ausgangsblutdruck sowie begleitenden Faktoren wie Alter, Adipositas, Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung) und Nierenfunktion [1, 7].
Im Folgenden werden ergänzend die Zufuhrempfehlungen für Natrium und Chlorid dargestellt. Die angegebenen D-A-CH-Referenzwerte (Ernährungsrichtwerte für Deutschland, Österreich und die Schweiz) beziehen sich ausdrücklich auf gesunde, normalgewichtige Personen und sind nicht auf Kranke, Rekonvaleszente (Personen in der Erholungsphase nach Erkrankungen) oder spezielle Belastungssituationen übertragbar. Der individuelle Bedarf kann – etwa in Abhängigkeit von Ernährungsweise, Alkohol- und Genussmittelkonsum, klimatischen Bedingungen oder Dauermedikation – deutlich über den Referenzwerten liegen.
- Die Schätzwerte für eine minimale Zufuhr von Natrium1 liegen für Jugendliche > 15 Jahre und Erwachsene bei 1.500 mg/Tag [4].
- Die Schätzwerte für eine minimale Zufuhr von Chlorid1 liegen für Jugendliche > 15 Jahre und Erwachsene bei 2.300 mg/Tag [4].
11 mmol Natrium entsprechen 23,0 mg.
1 mmol Chlorid entspricht 35,5 mg.
1 g Kochsalz (NaCl) enthält jeweils 17 mmol Natrium und Chlorid, entsprechend: 1 g NaCl = 0,6 g Chlorid (17 × 35,5 mg) + 0,4 g Natrium (17 × 23 mg).
Eine große populationsbasierte (bevölkerungsbezogene) Beobachtungsstudie, die PURE-Studie, kam zu dem Ergebnis, dass eine Reduktion der Kochsalzzufuhr nur bei sehr hoher Aufnahme erforderlich erscheint, nämlich bei einer Natriumzufuhr von über 5 g Natrium pro Tag (entspricht etwa 12,5 g Kochsalz pro Tag). Die Studie bestätigte zwar den Zusammenhang zwischen hoher Kochsalzzufuhr und Blutdruckanstieg, dieser zeigte sich jedoch primär in Regionen mit ohnehin sehr hohem Salzkonsum.
Ferner wurde eine inverse Assoziation (gegenläufiger Zusammenhang) zwischen Salzkonsum und Myokardinfarktrate (Häufigkeit von Herzinfarkten) sowie Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) beobachtet. Als mögliche Erklärung wird diskutiert, dass Organsysteme unterschiedlich salzsensitiv reagieren und Natrium unter bestimmten Bedingungen sogar protektive Effekte (schützende Wirkungen) entfalten könnte. Auffällig war zudem ein erhöhtes Risiko für Myokardinfarkt (Herzinfarkt) und Apoplex (Schlaganfall) bei sehr niedriger Kochsalzzufuhr [6].
Vor diesem Hintergrund werden die sehr restriktiven Empfehlungen der WHO und der American Heart Association (AHA) zur Natrium- bzw. Kochsalzzufuhr zunehmend kritisch diskutiert. Zur Ableitung belastbarer Handlungsempfehlungen sind jedoch weiterhin randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien (nach Zufallsprinzip durchgeführte Vergleichsstudien) erforderlich, die sowohl Nutzen als auch potenzielle Risiken einer langfristigen Salzrestriktion differenziert bewerten.
Literatur
- Klaus D, Hoyer J, Middeke M: Kochsalzrestriktion zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(26): 457-62. doi: 10.3238/arztebl.2010.0457.
- Schauder P, Ollenschläger G: Ernährungsmedizin. Prävention und Therapie. 3. Auflage, Urban & Fischer, München/Jena, 2006.
- Müller MJ: Ernährungsmedizinische Praxis. Methoden – Prävention – Behandlung. 2. Auflage, Springer Medizin Verlag Heidelberg, 2007.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung, Schweizerische Vereinigung für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 5. Auflage. In: DGE/ÖGE/SGE/SVE. Umschau- Braus-Verlag, Frankfurt/Main (2013).
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) BfR empfiehlt Maßnahmen zur Verringerung des Salzgehaltes in Lebensmitteln. Stellungnahme Nr. 035/2009 des BfR vom 30. Juli 2008.
- Mente A, O’Donnell M, Rangarajan S et al.: Urinary sodium excretion, blood pressure, cardiovascular disease, and mortality: a community-level prospective epidemiological cohort study. Lancet 2018; 392: 496-506.
- He FJ, MacGregor GA: Salt intake, plasma sodium, and worldwide salt reduction. Ann Med 2012; 44(Suppl 1): S127-S137. doi: 10.3109/07853890.2012.660495.