Harnsteine (Urolithiasis) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Urolithiasis (Harnsteinleiden) mitbedingt sein können:
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Sepsis (Blutvergiftung) beziehungsweise Urosepsis (Blutvergiftung durch Harnwegsinfektion) – klinisch wichtigste lebensbedrohliche infektiöse Komplikation (Folgeproblem) bei obstruktiver Urolithiasis mit infiziertem Harnstau (Urinrückstau); eine sofortige antibiotische Therapie (Behandlung mit Antibiotika) und notfallmäßige Harnableitung (Ableitung des Urins) sind prognoseentscheidend [1, 2, LL 1, LL 2]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Dysurie (Schmerzen/Brennen beim Wasserlassen) – kann insbesondere bei distalen Uretersteinen (Harnleitersteinen), Blasensteinen (Harnblasensteinen), Urethrasteinen (Harnröhrensteinen) oder begleitender Harnwegsinfektion (Infektion der Harnwege) auftreten [LL 1, LL 2]
- Hämaturie (Blut im Urin) – häufiger klinischer oder laborchemischer Befund bei Urolithiasis; kann als Mikrohämaturie (nicht sichtbares Blut im Urin) oder Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin) auftreten [LL 1, LL 2]
- Nierenkolik (krampfartiger Nierenschmerz) – typische akute Schmerzkomplikation bei Steinpassage (Steinabgang) oder akuter Obstruktion (Verlegung) des oberen Harntraktes (Harnwege) [LL 1, LL 2]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Akute Nierenschädigung (akute Nierenfunktionsstörung) – kann bei einseitiger Obstruktion mit Einzelniere (einziger Niere), beidseitiger Obstruktion, prolongiertem Harnstau oder septischer Komplikation auftreten [1, 2, LL 1, LL 2]
- Chronische Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) – kann bei rezidivierender Obstruktion, Infektsteinen (infektionsbedingten Harnsteinen), Nephrokalzinose (Kalkablagerung in der Niere), genetisch bedingter Steinbildung, primärer Hyperoxalurie (angeborene erhöhte Oxalatausscheidung), Cystinurie (erhöhte Cystinausscheidung im Urin) oder 2,8-Dihydroxyadeninurie (erblicher Stoffwechseldefekt) mitbedingt werden [1, 3, LL 1]
- Harnsteinrezidiv (Wiederauftreten von Harnsteinen) – zentrale Langzeitkomplikation; das Rezidivrisiko (Wiedererkrankungsrisiko) ist insbesondere bei Hochrisikogruppe der Harnsteinbildner, metabolischen Risikokonstellationen (stoffwechselbedingten Risikokonstellationen), Infektsteinen, Harnsäuresteinen, Cystinsteinen, residualen Fragmenten (verbliebenen Steinresten) und fehlender Metaphylaxe (Vorbeugung nach Erkrankung) erhöht [1, 4, LL 1, LL 2]
- Harnwegsinfektionen – Harnsteine und Harnwegsinfektionen (HWI) können sich wechselseitig begünstigen; relevant sind insbesondere obstruktive Konstellationen, Infektsteine, Residualsteine, Dauerkatheter (dauerhaft liegender Blasenkatheter), neurogene Blase (nervenbedingte Blasenfunktionsstörung) und anatomische Abflussstörungen [1, 2, LL 1, LL 2]
- Hydronephrose (Erweiterung des Nierenbeckens durch Harnstau) beziehungsweise Stauungsniere – entsteht durch Harnabflussstörung bei obstruierendem Stein; bei fortbestehender Obstruktion Risiko für Funktionsverlust der betroffenen Niere [LL 1, LL 2]
- Obstruktive Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung bei Harnabflussstörung) – urologischer Notfall bei infiziertem Harnstau; kann in Sepsis, septischen Schock (Kreislaufversagen durch Blutvergiftung) und akute Nierenschädigung übergehen [1, 2, LL 1, LL 2]
- Pyonephrose (Eiterniere) – eitrige Infektion eines gestauten Nierenbeckenkelchsystems (Hohlraumsystem der Niere); meist Folge einer infizierten Obstruktion und potenziell septisch verlaufend [LL 1, LL 2]
- Ureterstrikturen und Urethrastrikturen (Verengungen von Harnleiter und Harnröhre) – können nach wiederholten Steinpassagen, chronischer Entzündung, instrumentellen Eingriffen oder postinterventionell (nach einem Eingriff) auftreten; klinisch relevant durch erneute Obstruktion, Harnstau und Rezidivrisiko [LL 1, LL 2]
- Urethritis (Harnröhrenentzündung) – kann bei distalen Steinen, Urethrasteinen oder begleitender Infektion auftreten [LL 1, LL 2]
Prognosefaktoren (Vorhersagefaktoren)
Hochrisikogruppe der Harnsteinbildner – modifiziert nach S2k-Leitlinie und European Association of Urology (EAU)-Guideline
- Anatomische Anomalien (körperliche Fehlbildungen), die eine Steinbildung begünstigen können
- Hufeisenniere (hufeisenförmige Niere)
- Kelchdivertikel (Ausstülpung eines Nierenkelchs) beziehungsweise Kelchzyste (flüssigkeitsgefüllter Hohlraum eines Nierenkelchs)
- Markschwammniere (angeborene Erweiterung der Sammelrohre der Niere)
- Subpelvine Harnleiterstenose (Verengung des Harnleiters unterhalb des Nierenbeckens) beziehungsweise Ureterabgangsstenose (Verengung am Abgang des Harnleiters)
- Ureterstriktur
- Ureterozele (sackförmige Erweiterung des Harnleiterendes)
- Vesikoureterorenaler Reflux (Rückfluss von Urin aus der Blase bis zur Niere)
- Arzneimittelinduzierte Steinbildung (durch Medikamente ausgelöste Steinbildung)
- Wirkstoffe, die im Urin kristallisieren können – z. B. Aciclovir, Allopurinol/Oxypurinol, Amoxicillin/Ampicillin, Ceftriaxon, Ephedrin, Indinavir und andere Proteaseinhibitoren (Hemmstoffe eiweißspaltender Enzyme), Magnesiumtrisilicat, Sulfonamide, Triamteren [1, LL 1]
- Wirkstoffe, die die Urinzusammensetzung steinbildend verändern können – z. B. Acetazolamid, Ascorbinsäure, Calcium, Furosemid, Laxantien (Abführmittel), Losartan, Methoxyfluran, Orlistat, Topiramat, Vitamin D, Zonisamid [1, LL 1]
- Biographische und genetische Ursachen
- 2,8-Dihydroxyadeninurie – Mangel an Adenin-Phosphoribosyltransferase; autosomal-rezessiver Erbgang (Vererbung, bei der beide Genkopien verändert sein müssen) [1, 3, LL 1]
- Cystinurie – Typ A, B und AB; genetisch bedingte Steinbildung durch erhöhte renale Ausscheidung von Cystin sowie Arginin, Lysin und Ornithin [1, 3, LL 1]
- Familiäre Steinbildung beziehungsweise positive Familienanamnese (Vorkommen in der Familie) [1, LL 1]
- Früher Beginn der Urolithiasis – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen [1, 3, LL 1]
- Lesch-Nyhan-Syndrom (erbliche Störung des Harnsäurestoffwechsels) – X-chromosomal-rezessiv vererbte Störung des Purinstoffwechsels (Stoffwechsel der Purinbausteine) mit Hyperurikämie (erhöhte Harnsäure im Blut) und erhöhtem Risiko für Harnsäuresteinbildung [1, 3, LL 1]
- Mukoviszidose (zystische Fibrose) beziehungsweise zystische Fibrose [1, 3, LL 1]
- Primäre Hyperoxalurie – autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselerkrankung mit erhöhter Oxalatausscheidung und hohem Risiko für Nephrokalzinose, chronische Nierenkrankheit und terminale Niereninsuffizienz (endgültiges Nierenversagen) [1, 3, LL 1]
- Renale tubuläre Azidose Typ I (Störung der Säureausscheidung der Niere) – distale renale tubuläre Azidose mit erhöhtem Risiko für Calciumphosphatsteine (Steine aus Calciumphosphat), Nephrokalzinose und chronische Nierenkrankheit [1, 3, LL 1]
- Xanthinurie (erhöhte Xanthinausscheidung im Urin) – angeborene Störung des Purinstoffwechsels mit reduzierter Xanthinoxidase-Aktivität [1, 3, LL 1]
- Erkrankungen, die mit Steinbildung assoziiert sind
- Chronische Nierenkrankheit [1, LL 1]
- Enterische Hyperoxalurie (erhöhte Oxalatausscheidung durch Darmerkrankung) – insbesondere nach intestinaler Resektion (operativer Darmentfernung), jejunoilealem Bypass (Dünndarmumgehung), bariatrischer Chirurgie (Adipositaschirurgie), Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung), Malabsorptionssyndrom (Aufnahmestörung im Darm), Harnableitung oder exokriner Pankreasinsuffizienz (Schwäche der Bauchspeicheldrüse bei der Verdauungsenzymbildung) [1, LL 1]
- Erhöhte Vitamin-D-Spiegel [1, LL 1]
- Gicht (Harnsäurestoffwechselstörung) beziehungsweise Harnsäure- und Uratsteinbildung [1, LL 1]
- Harntransportstörung [LL 1, LL 2]
- Hyperparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenüberfunktion) [1, LL 1, LL 2]
- Infektsteinbildung beziehungsweise Struvitsteinbildung (Bildung von Magnesium-Ammonium-Phosphat-Steinen) [1, LL 1, LL 2]
- Metabolische Knochenerkrankung (stoffwechselbedingte Knochenerkrankung) [1, LL 1]
- Metabolisches Syndrom (Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung und erhöhter Glucose) [1, LL 1]
- Nephrokalzinose [1, LL 1]
- Polyzystische Nierenerkrankung (Zystennierenerkrankung) [1, LL 1]
- Rückenmarksverletzung (Verletzung des Rückenmarks) und neurogene Blase [1, LL 1]
- Sarkoidose (entzündliche Systemerkrankung) [1, LL 1]
- Steinbezogene und verlaufsbezogene Risikofaktoren
- Beidseitige große Steinmasse [LL 1, LL 2]
- Brushitsteinbildung beziehungsweise Calciumhydrogenphosphat-Dihydrat-Steinbildung (Steinbildung aus Calciumhydrogenphosphat-Dihydrat) [1, LL 1]
- Cystinsteine [1, LL 1]
- Einzelniere – die Einzelniere erhöht nicht per se die Steinbildung, macht aber die Rezidivvermeidung wegen des Risikos einer akuten Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) besonders wichtig [1, LL 1]
- Harnsäure- und Uratsteine [1, LL 1]
- Häufig rezidivierende Steinbildung – insbesondere drei oder mehr Steine innerhalb von drei Jahren [LL 2]
- Infektsteine beziehungsweise Struvitsteine [1, LL 1, LL 2]
- Kurzer Abstand seit der letzten Steinmanifestation (erstmaliges oder erneutes Auftreten von Steinen) [1, LL 1]
- Residualsteine nach vorausgegangener Therapie [1, LL 1, LL 2]
- Wiederholte Harnwegsinfektionen [1, LL 1]
- Umwelt- und berufliche Faktoren
- Chronische Blei- und Cadmiumexposition (Belastung mit Blei und Cadmium) [1, LL 1]
- Hohe Umgebungstemperaturen beziehungsweise berufliche Hitzeexposition (Hitzebelastung) [1, LL 1]
- Trinkmengenrestriktion (eingeschränkte Trinkmenge) oder unzureichende Flüssigkeitszufuhr [1, LL 1]
Literatur
- Skolarikos A, Geraghty R, Somani B et al.: Metabolic Evaluation and Recurrence Prevention for Urinary Stone Patients: An EAU Guidelines Update. Eur Urol. 2024;86(4):343-363. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2024.05.029
- Svensson H, Grenabo L, Lindqvist K, Sörstedt E, Hugosson J: Urosepsis due to obstructive stones: Epidemiological data from a population-based study in Sweden. BJUI Compass. 2026;7(2):e70158. https://doi.org/10.1002/bco2.70158
- Assadi F, Faghihi T: A narrative review of monogenic disorders causing nephrolithiasis and chronic kidney disease. Nephrology (Carlton). 2024;29(12):781-790. https://doi.org/10.1111/nep.14373
- Veronese N, Ciriminna S, Errera CM et al.: Preventing and treating kidney stones: an umbrella review of meta-analyses of non-surgical randomized controlled trials. Minerva Urol Nephrol. 2025;77(4):472-478. https://doi.org/10.23736/S2724-6051.25.06296-2
- Down C, Malthouse T, Lobo N et al.: Gender differences in acute stone admissions: should we have a lower threshold for treatment in female patients? BJU Int. 2021;128(6):697-701. https://doi.org/10.1111/bju.15363
Leitlinien
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Urolithiasis. 2025. https://uroweb.org/guidelines/urolithiasis
- S2k-Leitlinie Urolithiasis: Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe. (AWMF-Registernummer 043-025) Mai 2019 Langfassung