Anti-Müller-Hormon (AMH)

Beim Anti-Müller-Hormon (AMH; Mullerian-Inhibiting-Substance (MIS)) handelt es sich um ein Proteohormon bzw. Glykoprotein, das eine wichtige Rolle in der sexuellen Differenzierung während der Embryonalentwicklung spielt.
Es wird bei männlichen Feten in den Sertoli-Zellen des Hodens gebildet und führt zur Rückbildung des sogenannten Müller´schen Ganges. Dies bewirkt eine physiologische Entwicklung der männlichen Gonaden (Keimdrüsen) und unterdrückt die Ausbildung von Uterus (Gebärmutter), Tuben (Eileiter) und Vagina (Scheide).
Das AMH wird bei der geschlechtsreifen Frau im Ovar (Eierstock) gebildet. Bei weiblichen Feten fehlt es.

Das Anti-Müller-Hormon unterliegt keinen Schwankungen und kann deshalb jederzeit mit hoher Aussagekraft bestimmt werden.

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Blutserum

Vorbereitung des Patienten

  • Nicht nötig       

Störfaktoren

  • Nicht bekannt

Normwert

Geschlecht Normwert in μg/l (ng/mL)
Frauen (fertil) 1-10
Frauen (menopausal) < 0,4
Männer 1,5-4,3

Beurteilung

  • AMH-Wert < 0,1 ng/mL – Verdacht auf Infertilität
  • AMH-Wert ≥ 0,1 - < 1,0 ng/mL – Verdacht auf drohende Infertilität


Indikationen

  • Frau
    • Fertilitätsdiagnostik (Bestimmung der ovariellen Funktionsreserve; prämatures Ovarversagen (POF))
    • Sterilitätstherapie (wg. hormoneller Stimulationstherapie)
    • Granulosazelltumor-Verlaufskontrolle
    • Einschätzung der ovariellen Reaktion bei Fettleibigkeit und PCO-Syndrom
  • Mann
    • Untersuchung der Gonadenfunktion/Keimdrüsenfunktion (DD. Intersexualität und Kryptorchismus/Anorchismus*; Hoden nicht tastbar ist und eine intraabominelle Lage hat (Retensio testis abdominalis) oder der Hoden ist nicht vorhanden (Anorchie))
    • Abschätzung der Sertolizell-Funktion
    • Pubertas praecox/tarda (vorzeitige bzw. späte Pubertät)

*AMH ist geeignet, bei krytorchen Jungen das Vorhandensein von Hoden nachzuweisen.

Interpretation

Interpretation erhöhter Werte

  • Frau
    • Anovulatorische Zyklen (Zyklen ohne Eisprung)  
    • PCO-Syndrom – Syndrom der polyzystischen Ovarien; Erkrankung, die durch das Auftreten von multiplen Zysten an den Ovarien (Eierstöcken) zu Hormonveränderungen führt

Interpretation erniedrigter Werte

  • Frau
    • Eingeschränkte ovarielle Funktionsreserve sowie schlechtes Ansprechen auf eine ovarielle Stimulation (Patientinnen mit niedrigen AMH-Werten benötigen höhere FSH-Dosen bei der ovariellen Stimulation als Frauen mit hohen/normalen Spiegeln).
    • Therapie mit Metformin – orales Medikament, welches bei Diabetes mellitus eingesetzt wird (orales Antidiabetikum)
  • Mann
    • Anorchie/komplette Fehlen oder die vollständige Funktionsuntüchtigkeit beider Hoden (AMH stark erniedrigt oder fehlend)
    • Pubertas praecox vera/echte vorzeitige Pubertät (starker AMH-Abfall)

Wichtige Hinweise

  • Bei etwa einem Zehntel aller Kinderwunschpatientinnen führt ein Gendefekt dazu, dass die Stimulationsbehandlung (ovarielle Reaktion/Eierstockreaktion) schlechter ausfällt als es angesichts der AMH-Bestimmung zu erwarten wäre. Es konnte nachgewiesen werden, dass Frauen mit einer angeborenen Funktionsstörung eines Enzyms des Folsäure-Stoffwechsels (Methylen-Tetra-Hydro-Folat-Reduktase: MTHFR) um fast 25 % schlechter auf die Hormonbehandlung reagieren [1].
  • Die gleichzeitige Analyse des MTHFR-Gens kann die richtige Bewertung des AMH-Tests signifikant erhöhen.
  • Die prophylaktische Salpingektomie (operative Entferung eines Eileiters) verringert die ovarielle Reservekapzität nicht [2].
  • AMH-Spiegel sind bei BRCA1-Mutation häufig erniedrigt ist, nicht aber bei BRCA2-Mutation [3].
  • Innerhalb eines Zyklus ist eine Schwankung des AMH-Werts um etwa 20 % normal [4].
  • Frauen mit einem niedrigen Spiegel des Anti-Müller-Hormons (AMH < 0,7 ng/ml) hatten in einer Studie eine ähnliche kumulative Wahrscheinlichkeit, innerhalb sechsmaliger Versuche schwanger zu werden, wie Frauen mit normalen AMH-Spiegeln im Serum (65% versus 62%) [5]. 

Literatur

  1. Pavlik R et al.: Divergent effects of the 677C>T mutation of the 5,10-methylene-tetrahydrofolate reductase (MTHFR) gene on ovarian responsiveness and anti-Mullerian hormone concentrations. Fertility and Sterility epub ahead (2011). doi:10.1016/j.fertnstert.2011.03.023:
  2. Song T et al.: Impact of opportunistic salpingectomy on anti-Müllerian hormone in patients undergoing laparoscopic hysterectomy: a multicenter randomised controlled trial. BJOG 2016, online 24. Juni. doi: 10.1111/1471-0528.14182
  3. Phillips KA et al.: Anti-Müllerian hormone serum concentrations of women with germline BRCA1 or BRCA2 mutations. Hum Reprod 2016; 31: 1126-1132. doi:10.1093/humrep/dew044
  4. Hadlow N et al.: Towards improving analysis and interpretation of antimüllerian hormone in women. Fertil Steril 2016;106:1230-1237. doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.fertnstert.2016.06.037
  5. Steiner AZ et al.: Association Between Biomarkers of Ovarian Reserve and Infertility Among Older Women of Reproductive Age. JAMA 2017; 318: 1367-1376. doi: 10.1001/jama.2017.14588

     
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