Individueller Mikronährstoff-Mehrbedarf

Der Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen ist keine für alle Menschen konstante Größe. Er wird durch physiologische Voraussetzungen, Lebensalter, Geschlecht, Lebensphase, Ernährungsweise, körperliche Belastung, Erkrankungen und Arzneimittel beeinflusst. Die Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr berücksichtigen wesentliche Unterschiede zwischen Altersgruppen, Geschlechtern sowie Schwangerschaft und Stillzeit. Sie sind jedoch populationsbezogene Orientierungswerte für gesunde Personen und entsprechen nicht dem exakt bestimmbaren Bedarf eines einzelnen Menschen [1].

Eine vollwertige und bedarfsgerechte Ernährung kann bei gesunden Menschen grundsätzlich eine ausreichende Mikronährstoffversorgung (Vitalstoffversorgung) ermöglichen. Ein vielfältiges Lebensmittelangebot gewährleistet jedoch nicht automatisch, dass alle erforderlichen Mikronährstoffe in ausreichender Menge aufgenommen und vom Organismus verwertet werden. Der individuelle Versorgungsstatus wird vielmehr durch das Zusammenwirken von alimentärer Zufuhr, Bioverfügbarkeit (für den Organismus verfügbarer Anteil), intestinaler Resorption (Aufnahme aus dem Darm), Transport, Speicherung, metabolischer Umwandlung und Ausscheidung bestimmt [2].

Der Begriff Vitalstoff-Mehrbedarf umfasst dabei unterschiedliche Konstellationen. Neben einem tatsächlich erhöhten physiologischen Bedarf kann eine unzureichende Versorgung daraus resultieren, dass zu wenig Mikronährstoffe aufgenommen, nicht ausreichend resorbiert oder verwertet bzw. vermehrt ausgeschieden werden. Auch ein therapeutischer Bedarf zur Wiederauffüllung verminderter Körperspeicher ist vom normalen physiologischen Bedarf zu unterscheiden.

Biographische Ursachen

Zu den biographischen Einflussfaktoren gehören die individuelle biologische Ausstattung sowie die jeweilige Lebensphase. Menschen unterscheiden sich hinsichtlich der Aktivität von Enzymen, der Expression von Transportproteinen, der Resorptionsleistung, der Speicherfähigkeit und der Ausscheidung einzelner Mikronährstoffe. Genetische Varianten können dadurch die Aufnahme, Umwandlung und Verwertung bestimmter Vitamine und Mineralstoffe beeinflussen.

Klinisch eindeutig relevant sind insbesondere seltene angeborene Enzym-, Transport- und Resorptionsdefekte. Häufig vorkommende genetische Varianten begründen dagegen nicht automatisch einen erhöhten Mikronährstoffbedarf. Genetische Befunde sollten daher nur im Zusammenhang mit Ernährungsanamnese, klinischem Phänotyp (beobachtbare körperliche und stoffwechselbezogene Merkmale), Erkrankungen und geeigneten Laborparametern bewertet werden.

Auch antioxidative Enzymsysteme, bzw. Superoxiddismutase, Katalase und Glutathionperoxidase, weisen interindividuelle Unterschiede auf. Daraus kann eine unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber oxidativen Belastungen und Noxen entstehen. Eine solche biochemische Individualität erlaubt jedoch ohne weitere klinische Befunde keine unmittelbare Ableitung einer bestimmten Supplementierungsdosis.

Eine besondere Bedeutung haben die unterschiedlichen Lebensphasen. Während Kindheit und Adoleszenz (Jugendalter) werden Mikronährstoffe für Zellteilung, Wachstum, Blutbildung, Skelettentwicklung, Muskelaufbau und neurologische Reifung benötigt. In der Pubertät können zusätzlich hormonelle Veränderungen, ein rasches Längenwachstum und mit Beginn der Menstruation (monatliche Regelblutung) erhöhte Eisenverluste relevant werden [1].

Schwangerschaft und Stillzeit sind durch nährstoffspezifisch veränderte Anforderungen gekennzeichnet. In der Schwangerschaft führen der Aufbau fetaler und plazentarer Gewebe, die Expansion des mütterlichen Blutvolumens sowie Veränderungen von Resorption, Stoffwechsel und renaler Ausscheidung zu einem veränderten Bedarf. Da der Bedarf an mehreren Mikronährstoffen stärker ansteigen kann als der Energiebedarf, nimmt die erforderliche Nährstoffdichte der Ernährung zu [1].

Während der Stillzeit werden Mikronährstoffe über die Muttermilch an den Säugling abgegeben. Der mütterliche Bedarf wird unter anderem durch Milchmenge, Stilldauer, Ernährungsweise und Größe der vorhandenen Körperspeicher beeinflusst. Die Konzentration einzelner Mikronährstoffe in der Muttermilch ist unterschiedlich stark von der mütterlichen Zufuhr und dem mütterlichen Versorgungsstatus abhängig.

Im höheren Lebensalter steigt nicht grundsätzlich der Bedarf an allen Mikronährstoffen. Häufig nimmt jedoch der Energiebedarf und damit die verzehrte Nahrungsmenge ab, während der Bedarf an zahlreichen Mikronährstoffen weitgehend bestehen bleibt. Dadurch gewinnt eine hohe Nährstoffdichte der Ernährung an Bedeutung. Appetitmangel, Kau- und Schluckstörungen, funktionelle Einschränkungen, soziale Isolation, Multimorbidität (gleichzeitiges Vorliegen mehrerer Erkrankungen) und Polypharmazie (gleichzeitige Anwendung mehrerer Arzneimittel) können das Risiko einer Unterversorgung zusätzlich erhöhen [3].

Verhaltensbedingte Ursachen

Der individuelle Mikronährstoffstatus wird wesentlich durch Ernährungsweise und Lebensführung geprägt. Eine ausreichende oder übermäßige Energiezufuhr ist nicht mit einer ausreichenden Mikronährstoffzufuhr gleichzusetzen. Eine Ernährung kann reich an Fett, Zucker, Alkohol oder stark verarbeiteten Lebensmitteln und gleichzeitig arm an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Ballaststoffen sein.

Unregelmäßiges Essen, häufiges Auslassen von Mahlzeiten und eine geringe Vielfalt der Lebensmittelauswahl können die Zufuhr mehrerer Mikronährstoffe gleichzeitig vermindern. Auch eine Gemeinschaftsverpflegung kann zu einer ungünstigen Versorgung beitragen, wenn regelmäßig nur eine begrenzte Auswahl an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Milchprodukten oder gleichwertigen Alternativen angeboten bzw. gewählt wird.

Restriktive Reduktionsdiäten und länger dauernde Fastenperioden sind insbesondere dann mit einem erhöhten Versorgungsrisiko verbunden, wenn die Gesamtenergiezufuhr deutlich vermindert wird. Mit sinkender Nahrungsmenge nimmt regelmäßig auch die absolute Zufuhr zahlreicher Mikronährstoffe ab. Besonders kritisch sind einseitige Diätformen, bei denen ganze Lebensmittelgruppen ausgeschlossen werden, ohne diese ernährungsphysiologisch angemessen zu ersetzen.

Bei vegetarischer, veganer oder stark rohköstlich ausgerichteter Ernährung hängt das Versorgungsrisiko wesentlich von der konkreten Lebensmittelauswahl, der Energie- und Proteinzufuhr (Eiweißaufnahme), der Verwendung angereicherter Lebensmittel und einer gegebenenfalls erforderlichen gezielten Supplementierung ab. Bei veganer Ernährung ist eine regelmäßige und zuverlässige Vitamin-B12-Supplementierung erforderlich. Ferner sind potentiell kritische Nährstoffe individuell zu berücksichtigen [4].

Tabak- und Alkoholkonsum können den Mikronährstoffstatus über unterschiedliche Mechanismen beeinflussen. Chronischer Alkoholkonsum kann mit einer verminderten Ernährungsqualität, eingeschränkter Resorption, veränderter hepatischer Speicherung und erhöhten Verlusten verbunden sein. Tabakkonsum erhöht die oxidative Belastung und ist unter anderem mit einem erhöhten Vitamin-C-Umsatz assoziiert.

Kaffee, schwarzer Tee und grüner Tee verursachen dagegen keinen allgemeinen Mikronährstoffmehrbedarf. Polyphenolreiche Getränke können jedoch bei zeitgleichem Konsum die Resorption von Nicht-Hämeisen aus pflanzlichen Lebensmitteln vermindern. Die klinische Relevanz hängt vom Eisenstatus, der Gesamtzufuhr und dem zeitlichen Abstand zur Mahlzeit ab.

Beruflicher und emotionaler Stress sowie Schlafmangel sind nicht als gesicherte direkte Ursachen eines pauschalen Mehrbedarfs an allen Mikronährstoffen anzusehen. Sie können die Versorgung jedoch indirekt beeinträchtigen, indem sie Appetit, Mahlzeitenrhythmus, Lebensmittelauswahl, Regeneration sowie Alkohol- und Tabakkonsum beeinflussen.

Leistungssport und schwere körperliche Arbeit erhöhen den Energieumsatz und können den absoluten Umsatz einzelner Mikronährstoffe verändern. Zusätzlich können Schweißverluste, belastungsabhängige gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Blutverluste und ein erhöhter Gewebeumbau relevant werden. Ein erhöhtes Versorgungsrisiko besteht insbesondere bei einer dauerhaft niedrigen Energieverfügbarkeit, restriktiver Gewichtskontrolle oder ausgeprägten Verlusten [5]. Ein genereller Bedarf an hochdosierten Mikronährstoffpräparaten lässt sich aus körperlicher Aktivität jedoch nicht ableiten.

Krankheitsbedingte Ursachen

Akute und chronische Erkrankungen können die Mikronährstoffversorgung durch verminderte Nahrungsaufnahme, eingeschränkte Resorption, veränderten Stoffwechsel oder erhöhte Verluste beeinträchtigen. Häufig wirken mehrere dieser Mechanismen gleichzeitig [2].

Nahrungsmittelintoleranzen gegenüber Fructose (Fruchtzucker), Lactose (Milchzucker) oder Sorbit führen nicht regelhaft zu einer allgemeinen Mikronährstoffmalabsorption. Ein Versorgungsrisiko kann jedoch durch ausgeprägte gastrointestinale Beschwerden, chronische Diarrhoe (anhaltende Durchfälle), verminderte Nahrungsaufnahme oder sehr restriktive Eliminationsdiäten entstehen.

Von besonderer Bedeutung sind chronische Erkrankungen des Verdauungsapparates. Erkrankungen und operative Veränderungen des Magens können die Freisetzung und Resorption unter anderem von Eisen und Vitamin B12 beeinträchtigen. Erkrankungen des Dünndarms können aufgrund der großen Bedeutung dieses Darmabschnittes für die Mikronährstoffaufnahme zu multiplen Defiziten führen.

Zöliakie, Morbus Crohn, chronische Enteritiden, Strahlenenteritis sowie ausgedehnte Dünndarmresektionen können die Resorptionsfläche und die Funktion spezifischer Transportmechanismen vermindern. Bei Erkrankung oder Resektion des terminalen Ileums (letzter Abschnitt des Dünndarms) sind insbesondere die Aufnahme von Vitamin B12 und die Rückresorption von Gallensäuren betroffen.

Auch bei Colitis ulcerosa können eine verminderte Nahrungsaufnahme, chronische Entzündung, Diarrhoe, intestinale Blutverluste und Arzneimittelwirkungen zur Unterversorgung beitragen. Da die Resorption der meisten Mikronährstoffe überwiegend im Dünndarm erfolgt, entsteht das Versorgungsrisiko bei einer isolierten Dickdarmerkrankung vor allem durch diese Begleitmechanismen.

Weitere chronische Erkrankungen können den Mikronährstoffstatus durch Entzündungsreaktionen, veränderte Transportproteine, eingeschränkte Organfunktion und erhöhte Ausscheidung beeinflussen. Bei Nieren- oder Leberfunktionsstörungen ist neben einem Mangel auch eine Akkumulation einzelner Mikronährstoffe möglich. Eine erhöhte Zufuhr ist daher nicht automatisch angezeigt.

Langzeit-Arzneimittelgebrauch

Eine langfristige Arzneimitteltherapie kann den Mikronährstoffstatus durch Appetitminderung, Veränderungen des gastrointestinalen pH-Wertes, Komplexbildung, Hemmung intestinaler Transportmechanismen, Beeinflussung enzymatischer Stoffwechselwege oder eine erhöhte renale bzw. gastrointestinale Ausscheidung verändern [6].

Die klinische Bedeutung hängt von Wirkstoff, Dosierung, Behandlungsdauer, Ausgangsstatus, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Begleitmedikation ab. Eine Langzeittherapie begründet daher nicht generell eine Supplementierung. Sie kann jedoch Anlass für eine gezielte Ernährungs- und Arzneimittelanamnese sowie eine nährstoffspezifische Labordiagnostik sein.

Umweltbelastungen und Intoxikationen

Umweltbedingte Schadstoffexpositionen und Intoxikationen (Vergiftungen) können Organfunktionen, Stoffwechselprozesse und antioxidative Schutzsysteme beeinträchtigen. Art und Ausmaß der Auswirkungen hängen von Substanz, Dosis, Expositionsdauer, Aufnahmeweg und individueller Empfindlichkeit ab.

Aus einer möglichen Schadstoffbelastung lässt sich keine generelle Indikation für eine unspezifische oder hochdosierte Mikronährstoffgabe ableiten. Vorrangig sind die Identifikation und Beendigung der Exposition sowie eine toxikologisch bzw. arbeitsmedizinisch begründete Diagnostik und Therapie.

Einordnung der Einflussfaktoren

Die genannten Faktoren führen nicht in jedem Fall zu einem tatsächlich erhöhten physiologischen Bedarf. Häufig erhöhen sie vielmehr das Risiko einer unzureichenden Versorgung, indem sie die Zufuhr, Resorption, metabolische Verfügbarkeit oder Speicherung beeinträchtigen bzw. die Verluste steigern.

Ein einzelner Risikofaktor belegt weder einen manifesten Mikronährstoffmangel noch die Notwendigkeit einer hochdosierten Supplementierung. Die Beurteilung muss die individuelle Lebensphase, Ernährungsweise, Erkrankungen, Arzneimittel, körperliche Belastung und mögliche Expositionen zusammenführen.

Die wesentlichen Einflussfaktoren auf einen individuellen Vitalstoff-Mehrbedarf (Mikronährstoffe) lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Biographische Ursachen

  • Biochemische Individualität – genetisch bedingte unterschiedliche Ausstattung z. B. mit Scavenger-Enzymsystemen (Radikal-fangende Enzyme), das bedeutet auch unterschiedliche Sensibilität gegenüber Noxen (z. B. Alkohol, Tabakkonsum, Arzneimittel); des Weiteren z. B. genetisch bedingte Resorptions-, Transport- und Enzymdefekte bzw. verminderte Synthese (Herstellung) von Enzymen etc., teils auch erworben (z. B. krankheitsbedingt). Diese unterschiedliche Körperchemie führt zu individuellen Ernährungsbedürfnissen.
  • Lebensphasen
    • Kinder/Heranwachsende
    • Schwangerschaft/Stillphase
    • Alter: Fehl- und Mangelernährung im Alter
      • unausgewogene und unzureichende Nahrungsaufnahme
      • verminderte Enzymaktivität
      • gestörte Membranfunktionen und Transportvorgänge
      • Resorptionsstörungen

Verhaltensbedingte Ursachen

Krankheitsbedingte Ursachen

Langzeit-Arzneimittelgebrauch

Umweltbelastungen – Intoxikationen
(Vergiftungen)

Die Ermittlung des individuellen Vitalstoff-Mehrbedarfs erfolgt mittels einer Vitalstoff-Analyse.

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung (Hrsg.): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 3. Auflage. Bonn 2025, einschließlich Erratum, Stand Mai 2026. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr.
  2. Berger MM, Shenkin A, Dizdar OS et al.: ESPEN practical short micronutrient guideline. Clin Nutr 2024;43(3):825-857. doi: 10.1016/j.clnu.2024.01.030.
  3. Volkert D, Beck AM, Cederholm T et al.: ESPEN practical guideline: Clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr 2022;41(4):958-989. doi: 10.1016/j.clnu.2022.01.024.
  4. Klug A, Barbaresko J, Alexy U et al.: Update of the DGE position on vegan diet – Position statement of the German Nutrition Society (DGE). Ernahrungs Umschau 2024;71(7):60-84. doi: 10.4455/eu.2024.22.
  5. Mountjoy M, Ackerman KE, Bailey DM et al.: 2023 International Olympic Committee's (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). Br J Sports Med 2023;57(17):1073-1097. doi: 10.1136/bjsports-2023-106994.
  6. Daniels MS, Park BI, McKay DL: Adverse Effects of Medications on Micronutrient Status: From Evidence to Guidelines. Annu Rev Nutr 2021;41:411-431. doi: 10.1146/annurev-nutr-120420-023854.