Herzmuskelantikörper (HMA)
Der Herzmuskelantikörper (HMA) ist kein validierter allgemeiner Screeningparameter, kein alleiniger Diagnostikparameter für Myokarditis (Herzmuskelentzündung) und kein routinemäßiger Verlaufsparameter. Die klinische Aussagekraft hängt wesentlich von der Prätestwahrscheinlichkeit, dem verwendeten Assay, der Antigenspezifität, dem Titer, der Organ- beziehungsweise Gewebespezifität und der Abgrenzung gegenüber unspezifischen Begleitautoantikörpern ab [1-5].
Synonyme
- Anti-Herz-Autoantikörper
- Anti-heart autoantibodies (AHA)
- Herzreaktive Autoantikörper
- Kardiale Autoantikörper
- Anti-Myokard-Antikörper
- Anti-intercalated disk autoantibodies (AIDA) – bei Nachweis von Autoantikörpern gegen interkalierte Disks
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Serum
- Plasma nur bei ausdrücklich validierter Methodik des jeweiligen Labors
Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Keine Nüchternblutabnahme erforderlich
- Die Abnahme sollte möglichst vor Beginn einer hochdosierten Immunsuppression (Unterdrückung des Abwehrsystems) erfolgen, wenn der Befund zur immunologischen Einordnung einer Myokardschädigung (Schädigung des Herzmuskels) herangezogen werden soll
Störfaktoren
- Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen), Lipämie (Vermehrung von Blutfetten) oder ausgeprägter Ikterus (Gelbsucht) können methodenabhängig die Messung beeinträchtigen
- Heterophile Antikörper, Rheumafaktoren, hohe Immunglobulinkonzentrationen oder paraproteinämische Konstellationen können immunologische Testsysteme stören
- Intravenöse Immunglobuline, Plasmapherese (Blutplasmaaustausch), Immunadsorption (Entfernung krankheitsrelevanter Antikörper aus dem Blut) oder immunsuppressive Therapie (das Abwehrsystem unterdrückende Behandlung) können die Nachweisbarkeit beeinflussen
- Systemische Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen mit fehlgeleiteter Abwehrreaktion gegen den eigenen Körper) können mit begleitenden Autoantikörpern und Kreuzreaktivitäten einhergehen
- Unterschiedliche Substrate, Antigenpräparationen, Grenzwerte und Auswerteverfahren führen zu eingeschränkter Vergleichbarkeit zwischen Laboren
Methode
- Indirekte Immunfluoreszenz auf Herzgewebe oder kombinierten Gewebeschnitten
- Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA) für definierte kardiale Zielantigene, beispielsweise kardiales Myosin oder Troponin I
- Immunoblot oder Linienblot bei ausgewählten Antigenspezifitäten
- Proteinarray- oder Multiplexverfahren vorwiegend in Forschungs- und Speziallaboren
- Die Testsysteme sind nicht standardisiert austauschbar; Befunde müssen immer methoden- und laborbezogen interpretiert werden
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Material | Referenzbereich |
|---|---|
| Serum | Negativ |
| Semiquantitative indirekte Immunfluoreszenz | Negativ beziehungsweise Titer unterhalb des methodenspezifischen Grenzwerts |
| Antigenspezifische Immunoassays | Unterhalb des labor- und assaydefinierten Cut-offs |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Verdacht auf autoimmune Myokarditis oder immunvermittelte entzündliche Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung) bei passender klinischer Konstellation
- Differentialdiagnostische Abklärung einer unklaren dilatativen Kardiomyopathie, insbesondere bei Verdacht auf vorausgegangene oder persistierende Myokarditis
- Zusatzdiagnostik bei Verdacht auf kardiale Beteiligung systemischer Autoimmunerkrankungen, beispielsweise systemische Sklerose (Bindegewebsverhärtung), systemischer Lupus erythematodes (SLE; Schmetterlingsflechte) oder Sarkoidose (Knötchenkrankheit)
- Abklärung einer nichtischämischen Myokardschädigung mit erhöhtem Troponin, wenn Klinik, Elektrokardiogramm, Echokardiographie (Herzultraschall) oder Magnetresonanztomographie (MRT) auf eine entzündliche Genese (Entstehungsursache) hinweisen
- Spezialdiagnostik bei rezidivierender Myokarditis oder familiärer Häufung von Myokarditis/Kardiomyopathie im Rahmen eines erweiterten kardiologischen und immunologischen Abklärungsalgorithmus
- Forschungsdiagnostik bei immunvermittelten Myokardschäden, einschließlich Immuncheckpoint-Inhibitor-assoziierter Myokarditis
Interpretation
Erhöhte Werte/positiver Nachweis
- Autoimmune Myokarditis oder entzündliche Kardiomyopathie bei passender klinischer, bildgebender und gegebenenfalls bioptischer Konstellation
- Dilatative Kardiomyopathie mit immunologischer Beteiligung, insbesondere bei Nachweis organ- oder herzspezifischer Autoantikörper
- Postinfektiöse Autoimmunreaktion nach Myokarditis; ein positiver HMA-Befund beweist jedoch keine aktive Virusinfektion
- Systemische Autoimmunerkrankungen mit kardialer Beteiligung, beispielsweise systemische Sklerose, systemischer Lupus erythematodes oder Sarkoidose
- Unspezifischer Begleitbefund nach Myokardschädigung, beispielsweise nach Myokardinfarkt (Herzinfarkt), kardialer Operation oder ausgeprägter myokardialer Nekrose (Gewebeuntergang des Herzmuskels)
- Ein positiver Befund ist nur im Kontext von Symptomatik (Beschwerdebild), Troponin, Elektrokardiogramm, Echokardiographie, Magnetresonanztomographie (MRT), Endomyokardbiopsie (Gewebeentnahme aus dem Herzmuskel) und Ausschluss ischämischer Ursachen bewertbar
Erniedrigte Werte/negativer Nachweis
- Kein Nachweis von Herzmuskelantikörpern mit der verwendeten Methode
- Ein negativer Befund schließt eine Myokarditis, eine immunvermittelte Kardiomyopathie oder eine kardiale Beteiligung bei Autoimmunerkrankung nicht aus
- Falsch negative Befunde sind möglich bei niedriger Antikörperkonzentration, früher oder abgeklungener Erkrankung, nach Immunsuppression, nach Immunadsorption oder bei nicht abgedeckter Antigenspezifität
Spezifische Konstellationen
- HMA positiv, Troponin erhöht und kardiale Magnetresonanztomographie (MRT) vereinbar mit Myokarditis – Hinweis auf entzündliche Myokardschädigung; zur ätiologischen Sicherung kann bei Hochrisikokonstellation eine Endomyokardbiopsie erforderlich sein
- HMA positiv, unklare dilatative Kardiomyopathie und Ausschluss relevanter koronarer Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) – Hinweis auf mögliche immunvermittelte entzündliche Kardiomyopathie; Befund ist nicht beweisend
- HMA positiv bei systemischer Autoimmunerkrankung – Hinweis auf mögliche kardiale Beteiligung; weitere kardiologische Diagnostik erforderlich
- HMA positiv ohne klinische, laborchemische oder bildgebende Hinweise auf Myokardschädigung – meist unklare klinische Relevanz; keine alleinige Therapieindikation
Weiterführende Diagnostik
- Hochsensitives kardiales Troponin T (hs-cTnT) oder Troponin I (hs-cTnI)
- Creatinkinase (CK), CK-MB und Lactatdehydrogenase (LDH) bei ergänzender Beurteilung myokardialer Zellschädigung
- Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) bzw. BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
- NT-proBNP (N-terminales pro brain natriuretic peptide) bei Verdacht auf Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
- Elektrokardiogramm und Langzeit-Elektrokardiogramm bei Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen), Synkopen (Ohnmachtsanfälle) oder Palpitationen (Herzklopfen)
- Echokardiographie zur Beurteilung von Ventrikelfunktion (Herzkammerfunktion), Wandbewegungsstörungen, Perikarderguss (Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel) und hämodynamischer Relevanz
- Kardiale Magnetresonanztomographie (MRT) mit T1-/T2-Mapping, Ödemdiagnostik (Diagnostik von Gewebeschwellungen) und Late Gadolinium Enhancement nach aktuellen Kriterien bei Verdacht auf entzündliche Myokardschädigung
- Koronardiagnostik zum Ausschluss einer ischämischen Ursache bei entsprechender klinischer Konstellation
- Endomyokardbiopsie mit Histologie (Gewebeuntersuchung), Immunhistochemie (antikörperbasierte Gewebeuntersuchung) und molekularpathologischer Erregerdiagnostik bei fulminantem Verlauf, schwerer Herzinsuffizienz, malignen Rhythmusstörungen, AV-Block (Blockierung der Erregungsleitung zwischen Vorhof und Herzkammer), Therapieresistenz (fehlendes Ansprechen auf Behandlung) oder Verdacht auf spezifische Formen wie Riesenzellmyokarditis, eosinophile Myokarditis, Sarkoidose oder Immuncheckpoint-Inhibitor-assoziierte Myokarditis
- Autoimmunserologie in Abhängigkeit von der klinischen Konstellation, beispielsweise antinukleäre Antikörper (ANA), extrahierbare nukleäre Antigene (ENA), Anti-dsDNA, Antiphospholipid-Antikörper, antineutrophile zytoplasmatische Antikörper (ANCA), Rheumafaktor und CCP-AK
- Genetische Diagnostik bei rezidivierender Myokarditis, familiärer Kardiomyopathie, auffälliger Familienanamnese oder Verdacht auf genetische Kardiomyopathie mit entzündlicher Präsentation
Klinische Hinweise
- HMA sollten nicht als alleiniger Test zur Diagnose oder zum Ausschluss einer Myokarditis verwendet werden
- Die Diagnose einer Myokarditis basiert auf der Integration von Klinik, Biomarkern, Elektrokardiogramm, Echokardiographie, kardialer Magnetresonanztomographie (MRT) und bei entsprechender Risikokonstellation Endomyokardbiopsie [1, 2]
- HMA können die Verdachtsdiagnose einer autoimmunen oder immunvermittelten Myokardschädigung stützen, ersetzen aber weder die bildgebende Diagnostik noch die histologische, immunhistochemische und molekularpathologische Abklärung [1-5]
- Ein positiver HMA-Befund ohne klinischen Kontext ist nicht krankheitsspezifisch und begründet keine Immunsuppression
- Für Screening asymptomatischer Personen, Routineverlaufskontrollen oder Therapieentscheidungen ohne weitere Befundkonstellation besteht keine ausreichende Evidenz
Literatur
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- Drazner MH, Bozkurt B, Cooper LT, Aggarwal NR, Basso C, Bhave NM et al.: 2024 ACC Expert Consensus Decision Pathway on Strategies and Criteria for the Diagnosis and Management of Myocarditis: A Report of the American College of Cardiology Solution Set Oversight Committee. J Am Coll Cardiol. 2025;85(4):391-431. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2024.10.080
- Won T, Song EJ, Kalinoski HM, Moslehi JJ, Čiháková D. Autoimmune Myocarditis, Old Dogs and New Tricks. Circ Res. 2024;134(12):1767-1790. https://doi.org/10.1161/CIRCRESAHA.124.323816
- Caforio ALP. Myocarditis: endomyocardial biopsy and circulating anti-heart autoantibodies are key to diagnosis and personalized etiology-directed treatment. Eur Heart J. 2021;42(16):1618-1620. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab024
- Caforio ALP, De Luca G, Baritussio A, Seguso M, Gallo N, Bison E et al.: Serum Organ-Specific Anti-Heart and Anti-Intercalated Disk Autoantibodies as New Autoimmune Markers of Cardiac Involvement in Systemic Sclerosis: Frequency, Clinical and Prognostic Correlates. Diagnostics (Basel). 2021;11(11):2165. https://doi.org/10.3390/diagnostics11112165