sST2

sST2 (soluble suppression of tumorigenicity 2) ist die lösliche Isoform des ST2-Rezeptors und gehört zur Interleukin-1-Rezeptorfamilie. ST2 liegt als membranständige Form ST2L und als lösliche Form sST2 vor. Das IL-33/ST2L-Signal vermittelt kardioprotektive (herzschützende), antifibrotische (gegen Gewebeverhärtung gerichtete) und antiinflammatorische (entzündungshemmende) Effekte; sST2 bindet Interleukin-33 als löslicher Decoy-Rezeptor (Fangrezeptor) und kann dadurch diese protektiven (schützenden) Signalwege abschwächen [1, 2].

In der klinischen Labordiagnostik wird sST2 vor allem zur additiven prognostischen Risikostratifizierung (zusätzlichen Abschätzung des Krankheitsverlaufs und Risikos) bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) eingesetzt. Erhöhte sST2-Konzentrationen sind bei akuter (plötzlich auftretender) und chronischer (lang andauernder) Herzinsuffizienz mit einem erhöhten Risiko für Mortalität (Sterblichkeit) und herzinsuffizienzbedingte Hospitalisierung (Krankenhausaufnahme) assoziiert. sST2 ist kein primärer diagnostischer Marker zum Nachweis oder Ausschluss einer Herzinsuffizienz; hierfür bleiben BNP beziehungsweise NT-proBNP die leitlinienrelevanten natriuretischen Peptide [2-4, LL1, LL2].

Synonyme

  • Soluble ST2
  • Löslicher ST2-Rezeptor
  • Soluble suppression of tumorigenicity 2
  • IL1RL1, lösliche Isoform
  • sST2-Biomarker

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • EDTA-Plasma oder Heparin-Plasma, je nach Testsystem

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
  • Keine Nüchternblutabnahme erforderlich
  • Verlaufsmessungen möglichst unter vergleichbaren klinischen Bedingungen und mit demselben Testsystem durchführen
  • Bei akuter Infektion (Ansteckung), Sepsis (Blutvergiftung), schwerer systemischer Entzündung oder akuter pulmonaler Erkrankung (Lungenerkrankung) ist die Interpretation eingeschränkt

Störfaktoren

  • Akute und chronische systemische Entzündungen
  • Sepsis und schwere Infektionen
  • Akute pulmonale Erkrankungen und fibrotische Lungenerkrankungen
  • Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen durch Fehlsteuerung des Immunsystems) und systemische fibrosierende Erkrankungen
  • Akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens), Myokarditis (Herzmuskelentzündung) und andere Formen akuter myokardialer Schädigung (Herzmuskelschädigung)
  • Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) kann sST2 mitbeeinflussen; der Einfluss ist jedoch im Vergleich zu NT-proBNP geringer
  • Alter und Geschlecht können sST2-Konzentrationen in einzelnen kardiovaskulären Erkrankungsgruppen beeinflussen; die klinische Interpretation bleibt daher populations-, krankheits- und testabhängig [5]
  • Methodenabhängige Unterschiede zwischen Testsystemen; Verlaufskontrollen sollten nicht zwischen unterschiedlichen Assays verglichen werden
  • Präanalytische Fehler, insbesondere ungeeignete Probenlagerung oder wiederholte Auftau-/Einfrierzyklen

Methode

  • Immunoassay
  • Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA)
  • Chemilumineszenz-Immunoassay, je nach Labor und Testsystem
  • Angabe üblicherweise in ng/ml
  • Der häufig verwendete klinische Risiko-Cut-off von 35 ng/ml bezieht sich insbesondere auf validierte sST2-Testsysteme bei Patienten mit Herzinsuffizienz und ist nicht als allgemeiner populationsbezogener Normwert zu verstehen [1-4]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Konstellation Referenzbereich/Bewertung
Erwachsene, orientierende Bewertung < 35 ng/ml: niedrigeres prognostisches Risiko bei Herzinsuffizienz, labor- und methodenabhängig
Erwachsene mit Herzinsuffizienz ≥ 35 ng/ml: erhöhtes Risiko für Mortalität und herzinsuffizienzbedingte Hospitalisierung
Verlaufskontrolle Interpretation nur mit demselben Testsystem und im klinischen Kontext; ansteigende Werte sprechen für ungünstigere Prognose

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Der Wert von 35 ng/ml ist ein prognostischer Risiko-Cut-off und kein diagnostischer Grenzwert zum Nachweis einer Herzinsuffizienz.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Prognostische Risikostratifizierung bei chronischer Herzinsuffizienz
  • Prognostische Risikostratifizierung bei akuter dekompensierter Herzinsuffizienz
  • Abschätzung des Risikos für kardiovaskuläre Mortalität, Gesamtmortalität und herzinsuffizienzbedingte Hospitalisierung
  • Additive Risikostratifizierung zusätzlich zu NT-proBNP beziehungsweise BNP und klinischen Parametern
  • Verlaufskontrolle bei Patienten mit Herzinsuffizienz, sofern serielle Messungen mit demselben Testsystem erfolgen
  • Risikoeinschätzung bei akutem Koronarsyndrom oder nach Myokardinfarkt (Herzinfarkt) als ergänzender prognostischer Marker
  • Forschungs- und Spezialdiagnostik bei myokardialer Fibrose (Herzmuskelvernarbung), inflammatorischer Herzbeteiligung (entzündlicher Herzbeteiligung) oder systemischen fibrosierenden Erkrankungen

Interpretation

Erhöhte Werte

  • Erhöhtes Risiko für Mortalität bei akuter oder chronischer Herzinsuffizienz
  • Erhöhtes Risiko für Rehospitalisierung (erneute Krankenhausaufnahme) bei Herzinsuffizienz
  • Hinweis auf myokardiale Wandspannung, inflammatorische Aktivierung und profibrotische Signalwege
  • Prognostischer Zusatznutzen zu NT-proBNP beziehungsweise BNP, insbesondere im multimarkerbasierten Risikomodell
  • Mögliche Erhöhung bei akutem Koronarsyndrom, Myokardinfarkt oder Myokarditis
  • Mögliche Erhöhung bei Sepsis, systemischen Entzündungen, fibrotischen Lungenerkrankungen, Autoimmunerkrankungen und chronischer Niereninsuffizienz

Erniedrigte Werte

  • Für erniedrigte sST2-Werte besteht keine eigenständige krankheitsspezifische diagnostische Bedeutung
  • Werte unterhalb des prognostischen Cut-offs sprechen bei Herzinsuffizienz für ein niedrigeres Ereignisrisiko, schließen jedoch eine Herzinsuffizienz nicht aus

Spezifische Konstellationen

  • Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (verminderter Auswurfleistung) (HFrEF): sST2 ist mit ungünstiger Prognose und höherem Hospitalisierungsrisiko assoziiert
  • Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF): sST2 kann prognostische Zusatzinformationen liefern, ist jedoch nicht diagnostisch spezifisch
  • Akute Dyspnoe (Atemnot): sST2 ersetzt nicht BNP beziehungsweise NT-proBNP zur diagnostischen Abklärung einer akuten Herzinsuffizienz
  • Serielle Messung: Persistierend erhöhte oder ansteigende Werte sprechen für eine ungünstigere Prognose; fallende Werte können mit therapeutischer Stabilisierung vereinbar sein
  • Multimarker-Ansatz: Die kombinierte Bewertung mit NT-proBNP beziehungsweise BNP, hochsensitivem kardialem Troponin und klinischen Risikoscores ist der isolierten sST2-Bewertung überlegen

Weiterführende Diagnostik

  • NT-proBNP oder BNP bei Verdacht auf Herzinsuffizienz
  • Hochsensitives kardiales Troponin T oder hochsensitives kardiales Troponin I bei Verdacht auf akutes Koronarsyndrom oder Myokardschädigung
  • Kleines Blutbild, Differentialblutbild
  • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) beziehungsweise BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
  • Elektrolyte – Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphat
  • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, gegebenenfalls Cystatin C beziehungsweise Kreatinin-Clearance
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
  • Schilddrüsenparameter – TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), fT3, fT4
  • Echokardiographie (Herzultraschall) zur Beurteilung von Ejektionsfraktion, diastolischer Funktion (Füllungsfunktion des Herzens), Klappenvitien (Herzklappenfehler), pulmonalem Druck (Lungendruck) und Volumenstatus
  • Elektrokardiogramm (Herzstromkurve) bei Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen), Ischämiezeichen (Zeichen einer Minderdurchblutung) oder kardialer Dekompensation (Entgleisung der Herzfunktion)
  • Röntgen-Thorax (Röntgenaufnahme des Brustkorbs) oder Lungensonographie (Ultraschall der Lunge) bei Dyspnoe, pulmonaler Stauung (Lungenstauung) oder pleuralem Erguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand)
  • Magnetresonanztomographie (MRT) des Herzens bei Verdacht auf Myokarditis, infiltrative Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung mit Einlagerungen) oder kardiale Fibrose
  • Computertomographie (CT) der Lunge beziehungsweise hochauflösende Computertomographie (HRCT) bei Verdacht auf interstitielle Lungenerkrankung (Erkrankung des Lungenzwischengewebes) oder Lungenfibrose
  • Rheumatologische und immunologische Diagnostik bei Verdacht auf systemische Autoimmunerkrankung oder fibrosierende Systemerkrankung

Literatur

  1. Pascual-Figal DA, Januzzi JL. The biology of ST2: the International ST2 Consensus Panel. Am J Cardiol. 2015;115(7 Suppl):3B-7B. https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2015.01.034
  2. Januzzi JL, Pascual-Figal D, Daniels LB. ST2 testing for chronic heart failure therapy monitoring: the International ST2 Consensus Panel. Am J Cardiol. 2015;115(7 Suppl):70B-75B. https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2015.01.044
  3. Emdin M, Aimo A, Vergaro G, Bayes-Genis A, Lupón J, Latini R, Meessen J, Anand IS, Cohn JN, Gravning J, Gullestad L, Broch K, Ueland T, Nymo SH, Brunner-La Rocca HP, de Boer RA, Gaggin HK, Ripoli A, Passino C, Januzzi JL. sST2 predicts outcome in chronic heart failure beyond NT-proBNP and high-sensitivity troponin T. J Am Coll Cardiol. 2018;72(19):2309-2320. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2018.08.2165
  4. Aimo A, Januzzi JL, Bayes-Genis A, Vergaro G, Sciarrone P, Passino C, Emdin M. Clinical and prognostic significance of sST2 in heart failure: JACC Review Topic of the Week. J Am Coll Cardiol. 2019;74(17):2193-2203. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2019.08.1039
  5. Beetler DJ, Di Florio DN, Bruno KA, Watanabe M, Fairweather D. Sex and age differences in sST2 in cardiovascular disease. Front Cardiovasc Med. 2023;9:1073814. https://doi.org/10.3389/fcvm.2022.1073814

Leitlinien

  1. Heidenreich PA, Bozkurt B, Aguilar D, Allen LA, Byun JJ, Colvin MM, Deswal A, Drazner MH, Dunlay SM, Evers LR, Fang JC, Fedson SE, Fonarow GC, Hayek SS, Hernandez AF, Khazanie P, Kittleson MM, Lee CS, Link MS, Milano CA, Nnacheta LC, Sandhu AT, Stevenson LW, Vardeny O, Vest AR, Yancy CW. 2022 AHA/ACC/HFSA Guideline for the Management of Heart Failure. J Card Fail. 2022;28(5):e1-e167. https://doi.org/10.1016/j.cardfail.2022.02.010
  2. McDonagh TA, Metra M, Adamo M, Gardner RS, Baumbach A, Böhm M, Burri H, Butler J, Čelutkienė J, Chioncel O, Cleland JGF, Coats AJS, Crespo-Leiro MG, Farmakis D, Gilard M, Heymans S, Hoes AW, Jaarsma T, Jankowska EA, Lainscak M, Lam CSP, Lyon AR, McMurray JJV, Mebazaa A, Mindham R, Muneretto C, Piepoli MF, Price S, Rosano GMC, Ruschitzka F, Skibelund AK; ESC Scientific Document Group. 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure. Eur Heart J. 2021;42(36):3599-3726. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab368