HIV-Test

Der HIV-Test ist eine labormedizinische Untersuchung (Laboruntersuchung) zum Nachweis einer Infektion (Ansteckung) mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) (HI-Virus), einem Retrovirus (Virusart), das unbehandelt zum erworbenen Immundefektsyndrom (AIDS) (erworbene Abwehrschwäche) führen kann.

In der klinischen Labordiagnostik dient die Testung dem frühzeitigen Infektionsnachweis, der Einleitung einer antiretroviralen Therapie (Behandlung mit virushemmenden Medikamenten), der Vermeidung weiterer Transmissionen (Übertragungen) sowie der Abklärung definierter klinischer Verdachts- und Risikokonstellationen. Der diagnostische Standard in der Primärdiagnostik ist der Labor-Ag-Ak-Kombinationstest der 4. Generation mit nachfolgender Stufendiagnostik (mehrstufige Diagnostik) bei reaktiven oder unklaren Befunden [1-4].

Synonyme

  • HIV-Diagnostik
  • HIV-Serologie
  • HIV-Suchtest
  • HIV-Testung
  • HIV-Screening

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum oder Plasma
    • EDTA-Blut, insbesondere für die HIV-NAT (Nukleinsäure-Amplifikationstest)
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Vor Durchführung des HIV-Tests ist eine ärztliche Aufklärung (Aufklärungsgespräch) mit dokumentierter Einwilligung (Zustimmung) erforderlich
  • Störfaktoren
    • Testung innerhalb der diagnostischen Lücke (Window-Phase) (Zeitspanne ohne sicheren Nachweis) mit der Möglichkeit falsch-negativer Ergebnisse
    • Verzögerte Antikörperbildung, z. B. bei schwerer Immunsuppression (geschwächtes Immunsystem)
    • Seltene unspezifische Reaktivitäten bzw. falsch-reaktive Screeningbefunde
    • Unter antiretroviraler Postexpositionsprophylaxe (PEP) (Vorbeugung nach möglicher Ansteckung) oder Präexpositionsprophylaxe (PrEP) (Vorbeugung vor möglicher Ansteckung) kann die diagnostische Einordnung im Einzelfall erschwert sein
  • Methode
    • Primärdiagnostik mittels HIV-1/2-Antikörper/HIV-1-p24-Antigen-Kombinationstest der 4. Generation
    • Bei reaktivem Suchtest obligate Bestätigungsdiagnostik im Rahmen einer Stufendiagnostik
    • Bestätigungsdiagnostik mittels HIV-1/HIV-2-Differenzierungsassay und, je nach Konstellation, ergänzend HIV-NAT
    • Direkter Virusnachweis mittels HIV-RNA-NAT insbesondere bei Verdacht auf sehr frische Infektion, diskrepanten Befunden oder in der Neugeborenendiagnostik (Diagnostik bei Neugeborenen) [1-4]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Befund Referenzbereich
HIV-Ag-Ak-Suchtest negativ / nicht reaktiv
HIV-1/HIV-2-Differenzierungsassay negativ / kein spezifischer Antikörpernachweis
HIV-NAT negativ / kein Virusnachweis

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Erhöhtes Risiko einer HIV-Infektion
    • Professionelle Sexarbeit
    • Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)
    • Häufig wechselnde Sexualpartner, insbesondere bei analem oder vaginalem Geschlechtsverkehr ohne Kondom
    • Intravenöser Drogengebrauch
    • Herkunft aus bzw. Aufenthalt in Hochprävalenzregionen
  • Expositions- und Vorsorgesituationen
    • Nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit unbekanntem oder HIV-positivem Partner
    • Nach Nadelstichverletzung oder anderer beruflicher Exposition
    • Nach Bluttransfusionen, insbesondere wenn diese im Ausland erfolgt sind
    • Vor bzw. nach Blut-, Samen- und Organspenden
    • Vor Beginn, unter Verlaufskontrolle und bei Beendigung einer PrEP sowie im Kontext einer PEP [1, 3]
  • Schwangerschaft und Kinderwunsch
    • Schwangere im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge
    • Frauen oder Paare mit Kinderwunsch
    • Paare mit Wunsch nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr
  • Klinische Verdachtsmomente
    • Akutes retrovirales Syndrom (akute Virus-Erkrankung) mit Fieber, Exanthem (Hautausschlag), Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung), Pharyngitis (Rachenentzündung) oder Myalgien (Muskelschmerzen)
    • Lang anhaltendes Fieber, Gewichtsverlust oder Nachtschweiß
    • Anhaltende chronische Müdigkeit
    • Persistierende Diarrhö (anhaltender Durchfall)
    • Lang anhaltender trockener Husten zusammen mit Dyspnoe (Atemnot)
    • Unklare Hauttumoren, Mundsoor (Pilzinfektion im Mund) oder andere opportunistische Infektionen (Infektionen bei geschwächtem Immunsystem)
  • Indikatorerkrankungen und assoziierte Konstellationen
    • Neudiagnose einer sexuell übertragbaren Infektion, z. B. Gonorrhoe, Syphilis, Chlamydien-Infektion, Lymphogranuloma venereum, Ulcus molle, Herpes-simplex-Infektion, Trichomoniasis oder HPV-assoziierte Erkrankung
    • Hepatitis B oder Hepatitis C
    • Tuberkulose
    • Herpes zoster bei jüngeren Patienten
    • Immunthrombozytopenie (Verminderung der Blutplättchen), unklare Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen) oder Thrombozytopenie (Verminderung der Blutplättchen)
    • Rezidivierende bakterielle Pneumonien (wiederkehrende Lungenentzündungen)
    • Orale Haarleukoplakie (weiße Schleimhautveränderung im Mund)
    • Seborrhoische Dermatitis (entzündliche Hauterkrankung), neu aufgetretene oder atypische Psoriasis (Schuppenflechte)
    • Zervix- oder Analdysplasie (Gewebeveränderung) bzw. entsprechendes Karzinom (Krebserkrankung)
    • Lymphome (Tumorerkrankungen des Lymphsystems) [4]

Interpretation

  • Nichtreaktiver HIV-Ag-Ak-Suchtest
    • Kein serologischer Hinweis auf eine HIV-Infektion
    • Eine sehr frische Infektion kann innerhalb der diagnostischen Lücke (Zeitspanne ohne sicheren Nachweis) nicht sicher ausgeschlossen werden
    • Bei rezenter Exposition (kürzliches Risikoereignis) ist eine Wiederholungstestung erforderlich
  • Reaktiver HIV-Ag-Ak-Suchtest
    • Kein Beweis einer HIV-Infektion
    • Obligate Abklärung durch Bestätigungsdiagnostik
  • Typische Befundkonstellationen
    • HIV-RNA positiv, Antikörper negativ bzw. Differenzierungsassay negativ: vereinbar mit sehr früher akuter HIV-Infektion
    • p24-Antigen und/oder Suchtest reaktiv, Differenzierungsassay noch negativ oder unklar: Verdacht auf frühe Serokonversionsphase (Phase der Antikörperbildung), ergänzende HIV-NAT indiziert
    • Suchtest reaktiv und HIV-1/HIV-2-Differenzierungsassay positiv: HIV-Infektion gesichert
    • Suchtest reaktiv, Bestätigungstest negativ und HIV-NAT negativ: wahrscheinlich falsch-reaktiver Screeningbefund, Verlaufskontrolle je nach Exposition erforderlich
  • Diagnostische Fensterphase
    • HIV-NAT kann eine Infektion typischerweise früher erfassen als serologische Verfahren, meist etwa 10-33 Tage nach Exposition
    • Laborbasierte HIV-Ag-Ak-Tests der 4. Generation erfassen Infektionen typischerweise etwa 18-45 Tage nach Exposition
    • Für den praktischen Ausschluss einer Infektion nach Einzelexposition gilt bei laborbasiertem 4.-Generations-Test in vielen europäischen Empfehlungen eine Kontrollfrist von 6 Wochen [2, 3]

Weiterführende Diagnostik

  • HIV-RNA quantitativ (Viruslast) zur Basisdiagnostik und zum Therapiemonitoring
  • CD4-positive T-Lymphozyten und CD4/CD8-Ratio zur Beurteilung des Immunstatus
  • HIV-Resistenztestung vor Therapiebeginn bzw. bei virologischem Versagen
  • Abklärung von Koinfektionen bzw. Begleiterkrankungen, insbesondere Hepatitis B, Hepatitis C, Syphilis und Tuberkulose
  • Bei fortgeschrittener Immunsuppression gezielte Diagnostik opportunistischer Infektionen
  • Bei Neugeborenen HIV-positiver Mütter virologische Diagnostik mittels NAT, da maternale Antikörper die Serologie limitieren [1-3]

Epidemiologische und klinische Hinweise

  • Übertragungswege
    • Sexualkontakte (Hauptübertragungsweg in Europa) – ungeschützter vaginaler oder analer Geschlechtsverkehr
    • Parenterale Transmission (Übertragung über Blut) – gemeinsame Nutzung kontaminierter Spritzen und Kanülen bei intravenösem Drogengebrauch
    • Blut- und Blutprodukte – durch etablierte Screeningverfahren heute extrem geringes Restrisiko
    • Vertikale Transmission (Übertragung von der Mutter auf das Kind) – intrauterin, peripartal oder postnatal; ohne Therapie bis zu 30 %, unter adäquater Therapie < 1 %
    • Organtransplantationen – durch Screeningmaßnahmen heute selten
    • Berufliche Exposition – Nadelstichverletzungen; Übertragungsrisiko ca. 0,3 % bei HIV-positivem Blut
  • Risikomodulatoren
    • Begleitende sexuell übertragbare Infektionen erhöhen das Transmissionsrisiko
    • Hohe Viruslast des Indexfalls und Schleimhautläsionen sind relevante Risikofaktoren
    • Rauchen wurde in älteren Beobachtungsstudien als möglicher Risikofaktor diskutiert, eine kausale Evidenz für eine erhöhte HIV-Infektionsrate ist jedoch nicht gesichert und findet in aktuellen Leitlinien keine Berücksichtigung [5]

Literatur

  1. World Health Organization. Consolidated guidelines on differentiated HIV testing services. Geneva: WHO; 2024. https://www.who.int/publications/i/item/9789240096394
  2. Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin 29/2015. HIV-Stufendiagnostik. Berlin: RKI; 2022. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_HIV_AIDS.html
  3. Deutsche Gesellschaft für Virologie e. V., Gesellschaft für Virologie e. V., AWMF. S2k-Leitlinie Labordiagnostik schwangerschaftsrelevanter Virusinfektionen. Registernummer 093-001. 2021/2022. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/093-001l_S2k_Labordiagnostik-schwangerschaftsrelevanter-Virusinfektionen_2022-02.pdf
  4. Sullivan AK, Raben D, Reekie J et al.: Feasibility and effectiveness of indicator condition-guided testing for HIV: results from HIDES I. PLoS One. 2013;8(1):e52845. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0052845
  5. European AIDS Clinical Society. EACS Guidelines. Version 13.0. 2025. https://www.eacsociety.org/guidelines/eacs-guidelines/