Mangelernährung im Alter – Medizingerätediagnostik

Die Diagnose der Mangelernährung im Alter wird nicht durch eine einzelne apparative Untersuchung (Untersuchung mit einem medizinischen Gerät) gestellt, sondern durch Anamnese (Krankengeschichte), körperliche Untersuchung, validiertes Ernährungsscreening (standardisierte Vortestung des Ernährungszustandes), Ernährungsassessment (genaue Beurteilung des Ernährungszustandes), Anthropometrie (Körpermaßmessung) und Labordiagnostik.

Die Medizingerätediagnostik dient bei der Mangelernährung im Alter vor allem der objektiven Erfassung von Körpergewicht, Körperzusammensetzung, Muskelkraft, körperlicher Funktion, Dysphagie (Schluckstörung), Begleiterkrankungen und möglichen Ursachen einer ungewollten Gewichtsabnahme. Eine ungezielte apparative Tumorsuche ist nicht leitliniengerecht; bildgebende (darstellende) und endoskopische Verfahren (Spiegelungsuntersuchungen) werden symptom-, befund- und risikoadaptiert eingesetzt [1-4].

Obligate Medizingerätediagnostik

  • Standardisierte Messung von Körpergewicht, Körpergröße und Body-Mass-Index (BMI) – zur objektiven Erfassung von Untergewicht, Gewichtsverlauf und Schweregrad der Mangelernährung im Kontext der Global Leadership Initiative on Malnutrition (GLIM)-Kriterien [1-3]
  • Standardisierte Verlaufsdokumentation des Körpergewichts – zur Erfassung eines ungewollten Gewichtsverlustes; klinisch relevant sind insbesondere ein Gewichtsverlust > 5 % innerhalb von 6 Monaten oder > 10 % über mehr als 6 Monate [2, 3]
  • Messung des Wadenumfangs – als einfaches anthropometrisches Verfahren bei eingeschränkter Messbarkeit von Körpergewicht oder Körpergröße sowie als Hinweis auf reduzierte Muskelmasse im geriatrischen Assessment (altersmedizinische Beurteilung) [1, 2]

Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik und obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Handkraftmessung mittels Handdynamometer (Handkraftmessgerät) – zur Erfassung reduzierter Muskelkraft und zur Abklärung einer wahrscheinlichen Sarkopenie (altersbedingter Muskelschwund); nach European Working Group on Sarcopenia in Older People 2 (EWGSOP2) sprechen Werte < 27 kg bei Männern und < 16 kg bei Frauen für eine reduzierte Handkraft [1, 5]
  • Chair-Rise-Test (Aufstehtest), Ganggeschwindigkeit, Timed-Up-and-Go-Test (Aufsteh- und Gehtest) oder Short Physical Performance Battery (SPPB) – zur Beurteilung der körperlichen Funktion, Mobilität (Beweglichkeit), Frailty (Gebrechlichkeit) und Schweregradabschätzung bei Verdacht auf Sarkopenie oder funktionelle Folgen der Mangelernährung [1, 5]
  • Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) – zur ergänzenden Bestimmung der Körperzusammensetzung, insbesondere fettfreier Masse, Körperzellmasse, Gesamtkörperwasser und Hinweise auf reduzierte Muskelmasse; die Aussagekraft ist bei Ödemen (Wassereinlagerungen), Dehydratation (Austrocknung), akuter Erkrankung und instabiler Flüssigkeitsbilanz eingeschränkt [2-4]
  • Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) – zur präziseren Bestimmung der appendikulären Muskelmasse (Muskelmasse der Arme und Beine) bei Verdacht auf Sarkopenie sowie zur Osteodensitometrie (Knochendichtemessung) bei erhöhtem Osteoporose-, Sturz- oder Frakturrisiko, längerer Mangelernährung, Immobilität (Unbeweglichkeit), Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen) oder Glucocorticoidtherapie [1, 4, 5]
  • Indirekte Kalorimetrie – zur Messung des Ruheenergieverbrauchs bei unklarer oder schwer abschätzbarer Stoffwechsellage, ausgeprägter Multimorbidität (Mehrfacherkrankung), chronisch-konsumierenden Erkrankungen, schwerer Unterernährung, Adipositas (Fettleibigkeit) mit Mangelernährung oder unzureichendem Therapieansprechen trotz kalkulierter Energiezufuhr [1, 2]
  • Fiberendoskopische Evaluation des Schluckens (FEES) oder Videofluoroskopie des Schluckaktes – bei Verdacht auf Dysphagie, Aspiration (Einatmen von Fremdmaterial), rezidivierende Pneumonien (wiederkehrende Lungenentzündungen), Husten beim Essen oder Trinken, neurologische Erkrankungen, unklare Nahrungsverweigerung oder prolongierte Mahlzeitendauer [1]
  • Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) – bei abdominellen Beschwerden (Bauchbeschwerden), pathologischen Leberparametern, Cholestasezeichen (Hinweise auf Gallenstau), Aszites (Bauchwassersucht), tastbarer Resistenz (tastbare Verhärtung), unklarer Anämie (Blutarmut), ungewolltem Gewichtsverlust mit Red Flags (Warnzeichen) oder Verdacht auf gastrointestinale, hepatobiliäre, pankreatische oder maligne Erkrankungen
  • Ösophago-Gastro-Duodenoskopie (Speiseröhren-Magen-Zwölffingerdarm-Spiegelung) – bei Dysphagie, Odynophagie (Schmerzen beim Schlucken), persistierender Übelkeit, Erbrechen, gastrointestinaler Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), Eisenmangelanämie, epigastrischen Beschwerden (Oberbauchbeschwerden), frühem Sättigungsgefühl, Verdacht auf Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme), Ulkuskrankheit (Geschwürkrankheit) oder Tumorerkrankung
  • Koloskopie (Darmspiegelung) – bei unklarer Eisenmangelanämie, positivem Test auf okkultes Blut im Stuhl, chronischer Diarrhoe (Durchfall), neu aufgetretener Obstipation (Verstopfung), rektaler Blutung (Blutung aus dem Enddarm), ungewolltem Gewichtsverlust mit gastrointestinalen Symptomen (Beschwerden im Magen-Darm-Trakt) oder Verdacht auf kolorektales Karzinom (Dickdarm- oder Enddarmkrebs)
  • Röntgenaufnahme des Thorax (Röntgen-Thorax) in zwei Ebenen – bei Husten, Dyspnoe (Atemnot), Fieber, Nachtschweiß, Hämoptysen (Bluthusten), Verdacht auf Pneumonie, Tuberkulose (Schwindsucht), chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder pulmonale Tumorerkrankung
  • Computertomographie (CT) – gezielt bei klinischen Red Flags, unklarer konsumierender Symptomatik (zehrende Beschwerden), Verdacht auf Malignom (bösartiger Tumor), entzündlicher Systemerkrankung, intraabdomineller Pathologie (krankhafter Befund im Bauchraum) oder komplizierter infektiöser Erkrankung; nicht als ungezielte Routineuntersuchung bei jeder Mangelernährung
  • Magnetresonanztomographie (MRT) – gezielt bei neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems), Verdacht auf zerebrale Ursachen (das Gehirn betreffende Ursachen) von Dysphagie oder Appetitverlust, muskuloskelettalen Ursachen (Muskeln und Skelett betreffende Ursachen) funktioneller Einschränkung, unklaren Weichteilbefunden oder weiter abklärungsbedürftigen Befunden aus Sonographie (Ultraschalluntersuchung) oder Computertomographie (CT)
  • Elektrokardiographie (EKG) und Echokardiographie (Herzultraschall) – bei Dyspnoe, Ödemen, Leistungsknick, kardialen Symptomen (Herzbeschwerden), Verdacht auf Herzinsuffizienz, Rhythmusstörungen oder kardialer Ursache von Inappetenz (Appetitlosigkeit), Schwäche und Gewichtsverlust
  • Schilddrüsensonographie (Ultraschall der Schilddrüse) – bei Struma (Kropf), tastbarem Schilddrüsenknoten, pathologischer Schilddrüsenlaborchemie oder Verdacht auf strukturelle Schilddrüsenerkrankung
  • Schilddrüsenszintigraphie (nuklearmedizinische Schilddrüsenuntersuchung) – nicht als Routineverfahren bei Mangelernährung, sondern bei supprimiertem TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), Verdacht auf Autonomie (unabhängige Hormonproduktion) oder funktionell abklärungsbedürftigen Schilddrüsenknoten

Nicht regelhaft indizierte Medizingerätediagnostik

  • Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) als ungezieltes Ganzkörper-Screening – ohne Red Flags, pathologische Befunde oder spezifische klinische Fragestellung nicht evidenzbasiert
  • Osteodensitometrie allein wegen Mangelernährung – nur bei zusätzlichem Osteoporose-, Sturz- oder Frakturrisiko beziehungsweise bei längerer Krankheitsdauer und relevanten Risikofaktoren sinnvoll
  • Schilddrüsenszintigraphie als Primärdiagnostik – nur nach entsprechender klinischer und laborchemischer Vordiagnostik indiziert
  • Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) als alleinige Diagnostik der Mangelernährung – nicht ausreichend, da Diagnose und Schweregrad nach klinischem Assessment und GLIM-Kriterien erfolgen

Klinische Hinweise

  • Die apparative Diagnostik ersetzt nicht das validierte Ernährungsscreening und das strukturierte Ernährungsassessment. Bei älteren Personen sollen Mangelernährung und Risiko für Mangelernährung routinemäßig mit einem validierten Instrument erfasst werden; bei auffälligem Screening folgt ein systematisches Assessment [1].
  • Die GLIM-Diagnose der Mangelernährung erfordert mindestens ein phänotypisches Kriterium (sichtbares/merkmalbezogenes Kriterium) und mindestens ein ätiologisches Kriterium (ursachenbezogenes Kriterium). Phänotypische Kriterien sind Gewichtsverlust, niedriger Body-Mass-Index (BMI) oder reduzierte Muskelmasse; ätiologische Kriterien sind reduzierte Nahrungsaufnahme oder -verwertung sowie Entzündung/Krankheitslast [2, 3].
  • Bei älteren Patienten mit ungewolltem Gewichtsverlust müssen Dysphagie, Kauprobleme, Zahnstatus, Depression, Demenz, Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente), Schmerzen, gastrointestinale Erkrankungen, chronische Entzündung, Herzinsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) und Malignome differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden [1].
  • Reduzierte Handkraft weist auf reduzierte Muskelkraft hin, bestätigt aber allein keine Sarkopenie. Zur Bestätigung einer Sarkopenie ist der Nachweis reduzierter Muskelmasse oder Muskelqualität erforderlich; eine eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit spricht für eine schwere Sarkopenie [5].

Literatur

  1. S3-Leitlinie Klinische Ernährung und Hydrierung im Alter (AWMF-Registernummer 073-019) Februar 2025 Langfassung
  2. Volkert D, Beck AM, Cederholm T, Cruz-Jentoft A, Goisser S, Hooper L et al.: ESPEN practical guideline: Clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr. 2022;41(4):958-989. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2022.01.024
  3. Cederholm T, Jensen GL, Correia MITD, Gonzalez MC, Fukushima R, Higashiguchi T,et al.: GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition - A consensus report from the global clinical nutrition community. Clin Nutr. 2019;38(1):1-9. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2018.08.002
  4. Barazzoni R, Jensen GL, Correia MITD, Gonzalez MC, Higashiguchi T, Shi HP,et al.: Guidance for assessment of the muscle mass phenotypic criterion for the Global Leadership Initiative on Malnutrition diagnosis of malnutrition. Clin Nutr. 2022;41(6):1425-1433. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2022.02.001
  5. Cruz-Jentoft AJ, Bahat G, Bauer J, Boirie Y, Bruyère O, Cederholm Tet al.: Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age Ageing. 2019;48(1):16-31. https://doi.org/10.1093/ageing/afy169

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie Klinische Ernährung und Hydrierung im Alter (AWMF-Registernummer 073-019) Februar 2025 Langfassung