Kreatinin-Clearance
Kreatinin-Clearance ist die aus der Kreatininkonzentration im Urin, der Urinmenge pro Zeit und dem Serumkreatinin berechnete renale Clearance von Kreatinin. Sie dient als orientierende Untersuchungsmethode zur Abschätzung der glomerulären Filtrationsrate (GFR) und damit der Nierenfunktion. In der aktuellen nephrologischen Routinediagnostik ist sie der kreatininbasierten geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) jedoch meist nachgeordnet, weil sie durch tubuläre Kreatininsekretion sowie Fehler der Urinsammlung systematisch limitiert ist [3, 6, 8].
Kreatinin ist ein endogenes Stoffwechselprodukt des Muskelstoffwechsels, das glomerulär filtriert und in geringerem Umfang tubulär sezerniert wird. Deshalb überschätzt die gemessene Kreatinin-Clearance die tatsächliche GFR typischerweise, insbesondere bei eingeschränkter Nierenfunktion [6, 8].
Synonyme
- Endogene Kreatinin-Clearance
- Kreatininclearance
- Creatinin-Clearance
- CrCl
- Kreatinin-Clearance aus Sammelurin
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- 24-h-Sammelurin
- Serum oder Plasma zur Bestimmung des Serumkreatinins, möglichst am Ende oder während der Sammelperiode entnommen
- Dokumentation von Sammelzeit, Gesamthurinvolumen, Körpergröße und Körpergewicht
- Vorbereitung des Patienten
- Beginn der 24-h-Sammlung nach Verwerfen des ersten Morgenurins
- Danach vollständige Sammlung sämtlicher Urinportionen über die definierte Sammelzeit
- Am Ende der Sammelperiode vollständige Entleerung der Harnblase (Harnblase) und Mitaufnahme dieser Portion in den Sammelbehälter
- Normale, ausreichende Flüssigkeitszufuhr; keine forcierte Trinkmenge
- Möglichst keine außergewöhnlich hohe Fleischzufuhr am Vortag und während der Sammlung
- Möglichst keine intensive körperliche Belastung am Vortag und während der Sammlung
- Störfaktoren
- Unvollständige oder überlange/zu kurze Urinsammlung
- Fehlerhafte Dokumentation von Sammelbeginn, Sammelende oder Gesamtvolumen
- Hohe Muskelmasse, sehr geringe Muskelmasse, Amputationen (Abtrennung von Gliedmaßen), Kachexie (starke Auszehrung), Sarkopenie (Muskelschwund)
- Gekochtes Fleisch, Creatin-Supplemente, intensive körperliche Aktivität
- Medikamente mit Einfluss auf die tubuläre Kreatininsekretion oder das Serumkreatinin, z. B. Cimetidin, Trimethoprim, Fenofibrat, Cobicistat
- Akute Änderungen der Nierenfunktion; in instabilen Situationen ist die Methode nur eingeschränkt interpretierbar
- Analytische Interferenzen der Kreatininmessung, methodenabhängig insbesondere bei Jaffé-basierten Verfahren
- Methode
- Berechnung der endogenen Kreatinin-Clearance nach der Formel:
Kreatinin-Clearance (ml/min) = (Urin-Kreatinin × Urinvolumen) / (Serum-Kreatinin × Sammelzeit in Minuten) - Bei Normierung auf 1,73 m² Körperoberfläche:
Kreatinin-Clearance normiert = Kreatinin-Clearance gemessen × 1,73 / Körperoberfläche - Berechnung der Körperoberfläche meist nach Mosteller:
Körperoberfläche (m²) = √([Körpergröße in cm × Körpergewicht in kg] / 3600) - Die Kreatinin-Clearance ist keine exakte Messung der GFR; bei höherem Genauigkeitsbedarf ist die Messung der GFR mit exogenen Filtrationsmarkern vorzuziehen [6, 8]
- Berechnung der endogenen Kreatinin-Clearance nach der Formel:
Normbereiche (je nach Labor)
Für die Kreatinin-Clearance existieren keine einheitlich standardisierten, heute allgemein empfohlenen Referenzintervalle mehr. Die Befundinterpretation sollte altersbezogen, körperkonstitutionsbezogen und möglichst unter Einbeziehung moderner eGFR-/mGFR-Konzepte erfolgen. Die nachfolgenden Tabellen sind daher als orientierende Referenz-/Perzentilbereiche zu verstehen, bezogen auf 1,73 m² Körperoberfläche [5-7].
Orientierende altersbezogene Referenzbereiche – Frauen
| Alter | Orientierungsbereich in ml/min/1,73 m² | Grundlage |
|---|---|---|
| Junge Erwachsene (ca. 20 Jahre) | 81-121 | 5.-95. eGFR-Perzentile gesunder europäischer Frauen [7] |
| Mittleres Erwachsenenalter | Altersabhängige Abnahme, grob etwa 0,8 ml/min/1,73 m² pro Jahr bzw. ca. 6-8 ml/min/1,73 m² pro Dekade | Populationsdaten/Verlaufsdaten [2, 5] |
| Hohes Alter (ca. 80 Jahre) | 46-81 | 5.-95. eGFR-Perzentile gesunder europäischer Frauen [7] |
Orientierende altersbezogene Referenzbereiche – Männer
| Alter | Orientierungsbereich in ml/min/1,73 m² | Grundlage |
|---|---|---|
| Junge Erwachsene (ca. 20 Jahre) | 78-119 | 5.-95. eGFR-Perzentile gesunder europäischer Männer [7] |
| Mittleres Erwachsenenalter | Altersabhängige Abnahme, grob etwa 0,8 ml/min/1,73 m² pro Jahr bzw. ca. 6-8 ml/min/1,73 m² pro Dekade | Populationsdaten/Verlaufsdaten [2, 5] |
| Hohes Alter (ca. 80 Jahre) | 49-84 | 5.-95. eGFR-Perzentile gesunder europäischer Männer [7] |
Orientierende altersbezogene Referenzbereiche – Kinder
| Alter | Orientierungsbereich in ml/min/1,73 m² | Kommentar |
|---|---|---|
| 1.-2. Lebenswoche | Etwa 15-50 | Starke Reifungsabhängigkeit; Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) und postnatales Alter beachten |
| 1.-12. Lebensmonat | Progressiver Anstieg | Unter 2 Jahren ausschließlich altersangepasst interpretieren |
| > 2 Jahre | In der Regel ≥ 90 | Nach KDIGO 2024 soll ein eGFR < 90 ml/min/1,73 m² bei Kindern und Jugendlichen als niedrig gewertet werden |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Orientierende Bestimmung der Nierenfunktion, wenn eine 24-h-Urin-Sammlung bereits vorliegt
- Situationen, in denen eGFR auf Kreatininbasis wahrscheinlich unzuverlässig ist, z. B. stark veränderte Muskelmasse
- Abschätzung der renalen Eliminationsleistung, wenn keine exogene mGFR-Bestimmung verfügbar ist
- Verlaufskontrolle bei chronischen Nierenerkrankungen (dauerhaften Nierenkrankheiten) in ausgewählten Einzelfällen
- Nephrologische, internistische oder pharmakologische Fragestellungen mit Bedarf an individualisierter Einschätzung der Nierenfunktion
- Historisch auch zur Medikamentendosierung; heute meist zugunsten validierter eGFR-Verfahren zurücktretend, außer in speziellen Konstellationen [6, 8]
Interpretation
- Erniedrigte Werte
- Verminderte glomeruläre Filtration
- Akute Nierenschädigung (plötzliche Schädigung der Niere) bzw. akute Nierenfunktionsverschlechterung
- Chronische Nierenkrankheit
- Prärenale Ursachen (Ursachen vor der Niere), z. B. Volumenmangel, Hypotonie (niedriger Blutdruck), Schock
- Renale Ursachen (Ursachen in der Niere), z. B. Glomerulonephritis (Entzündung der Nierenkörperchen), tubulointerstitielle Nephritis (Entzündung des Nierengewebes), diabetische Nierenerkrankung, hypertensive Nephropathie (nierenbedingte Schädigung durch Bluthochdruck)
- Postrenale Ursachen (Ursachen nach der Niere), z. B. Harnabflussbehinderung
- Erhöhte Werte
- Glomeruläre Hyperfiltration, z. B. in Frühstadien des Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder in der Schwangerschaft
- Scheinbar erhöhte Werte bei Sammelfehlern oder erhöhter Kreatininausscheidung
- Überinterpretation vermeiden, da die Kreatinin-Clearance die wahre GFR systematisch überschätzen kann [3, 6]
- Spezifische Konstellationen
- Bei sehr geringer Muskelmasse kann Serumkreatinin die Einschränkung der Nierenfunktion maskieren; hier sind Cystatin C bzw. eGFRcr-cys oft geeigneter [1, 6]
- Bei Medikamenten mit enger therapeutischer Breite kann eine präzisere GFR-Bestimmung erforderlich sein [6, 8]
- Bei instabiler Nierenfunktion ist weder die klassische eGFR noch die 24-h-Kreatinin-Clearance ideal; die klinische Gesamtsituation ist entscheidend
Weiterführende Diagnostik
- Serumkreatinin mit automatischer eGFR-Berechnung
- Cystatin C und kombinierte eGFR aus Kreatinin und Cystatin C
- Albuminurie-Diagnostik (Untersuchung auf Eiweiß im Urin), bevorzugt Albumin/Kreatinin-Quotient im Spontanurin
- Urinstatus und Urinsediment
- Messung der GFR mit exogenen Filtrationsmarkern bei höherem Genauigkeitsbedarf
- Sonographie (Ultraschall) der Nieren und Harnwege je nach klinischer Fragestellung
- Verlaufsbeurteilung anhand serieller Messungen statt Einzelwertinterpretation
Klinische Hinweise
- Die Kreatinin-Clearance aus 24-h-Urin ist weiterhin verfügbar, aber methodisch deutlich fehleranfälliger als oft angenommen. Häufige Fehlerquellen sind Unter- oder Übersammlung des Urins [6].
- Nach KDIGO 2024 soll die initiale GFR-Beurteilung in Erwachsenen primär mit eGFR auf Kreatininbasis erfolgen; wenn Cystatin C verfügbar ist, soll zur GFR-Kategorisierung eGFRcr-cys verwendet werden [6].
- Wenn eGFRcr-cys voraussichtlich ungenau ist oder eine besonders präzise Einschätzung therapeutische Konsequenzen hat, soll die GFR mit exogenen Markern gemessen werden. Ist dies nicht verfügbar, kann ersatzweise eine zeitlich definierte Urinsammlung zur Bestimmung der Kreatinin-Clearance erwogen werden [6].
- Für die Medikamentendosierung sind laut KDIGO 2024 in den meisten klinischen Situationen validierte eGFR-Formeln auf Serumkreatininbasis ausreichend; bei enger therapeutischer Breite, Toxizitätsrisiko oder unzuverlässiger Kreatinin-basierter Schätzung sind eGFRcr-cys oder mGFR vorzuziehen [6, 8].
- Die Kreatinin-Clearance überschätzt die tatsächliche GFR typischerweise, weil Kreatinin nicht nur filtriert, sondern auch tubulär sezerniert wird [6, 8].
- Cystatin C verbessert die Risikostratifikation gegenüber Serumkreatinin allein und ist insbesondere bei grenzwertigen oder klinisch inkonsistenten Befunden wertvoll [1, 6].
- Altersbezogene Einordnung ist essenziell. Ein Wert, der bei jungen Erwachsenen klar pathologisch wäre, kann im hohen Alter noch im populationsbasierten Referenzbereich liegen; dies entbindet jedoch nicht von der CKD-Diagnostik nach KDIGO einschließlich Albuminurie und Chronizität [5-7].
- Renale Hyperfiltration sollte nicht unkritisch als „besonders gute Nierenfunktion“ interpretiert werden; sie kann mit ungünstigen kardiovaskulären Assoziationen (Zusammenhängen mit Herz- und Gefäßerkrankungen) einhergehen [3, 4].
- Zur Berechnung der endogenen Kreatinin-Clearance müssen folgende Daten vorliegen:
- Sammelperiode in Minuten
- Gesamturinmenge
- Urin-Kreatininkonzentration
- Serum-Kreatininkonzentration
- Körpergröße
- Körpergewicht
- Berechnung der endogenen Kreatinin-Clearance
Literatur
- Shlipak MG, Matsushita K, Ärnlöv J, Inker LA, Katz R, Polkinghorne KR, Rothenbacher D, Sarnak MJ, Astor BC, Coresh J, Levey AS, Gansevoort RT. Cystatin C versus Creatinine in Determining Risk Based on Kidney Function. N Engl J Med. 2013;369(10):932-943. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1214234
- Denic A, Glassock RJ, Rule AD. Structural and Functional Changes With the Aging Kidney. Adv Chronic Kidney Dis. 2016;23(1):19-28. https://doi.org/10.1053/j.ackd.2015.08.004
- Korhonen PE, Kiiski S, Kautiainen H, Ojanen S, Tertti R, Koskela T. The Relationship of Kidney Function, Cardiovascular Morbidity, and All-Cause Mortality: a Prospective Primary Care Cohort Study. J Gen Intern Med. 2023;38(8):1834-1842. https://doi.org/10.1007/s11606-022-07885-8
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- Herold JM, Wiegrebe S, Nano J, et al. Population-based reference values for kidney function and kidney function decline in 25- to 95-year-old Germans without and with diabetes. Kidney Int. 2024;106(4):699-711. https://doi.org/10.1016/j.kint.2024.06.024
- Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2024;105(4 Suppl):S117-S314. https://doi.org/10.1016/j.kint.2023.10.018
- Astley ME, Chesnaye NC, Hallan S et al.: Age- and sex-specific reference values of estimated glomerular filtration rate for European adults. Kidney Int. 2025;107(6):1076-1087. https://doi.org/10.1016/j.kint.2025.02.025
- St. Peter WL, Bzowyckyj AS, Anderson-Haag T et al.: Moving forward from Cockcroft-Gault creatinine clearance to race-free estimated glomerular filtration rate to improve medication-related decision-making in adults across healthcare settings: A consensus of the National Kidney Foundation Workgroup for Implementation of Race-Free eGFR-Based Medication-Related Decisions. Am J Health Syst Pharm. 2025;82(12):644-659. https://doi.org/10.1093/ajhp/zxae317