Gedeihstörung – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Gedeihstörung (unzureichendes Wachstum und unzureichende Gewichtszunahme) mitbedingt sein können:

Definition

  • Eine Gedeihstörung bezeichnet das Ausbleiben der erwarteten normalen physiologischen (natürlichen) Entwicklung eines Kindes; klinisch zeigt sie sich vor allem durch eine unzureichende Gewichtszunahme, eine Wachstumsverzögerung und/oder eine altersunangemessene Entwicklungsprogression (Entwicklungsfortschritt). In aktuellen englischsprachigen Leitlinien wird hierfür der Begriff faltering growth beziehungsweise faltering weight verwendet [1, 2, LL 1, LL 2].

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel) – häufige hämatologische (das Blut betreffende) Folge einer länger bestehenden unzureichenden Energie- und Mikronährstoffzufuhr; klinisch relevant durch Müdigkeit, Blässe, verminderte Belastbarkeit, reduzierte kognitive (geistige) Leistungsfähigkeit und zusätzliche Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung [2, 4]
  • Vitaminmangelanämien (Blutarmut durch Vitaminmangel) – insbesondere bei kombinierter Mangelernährung (unzureichende Ernährung) mit Defiziten von Folsäure oder Vitamin B12 möglich; relevant bei chronischer (lang anhaltender) Unterversorgung, restriktiven Ernährungsformen, Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme) oder komplexer sozialmedizinischer Belastung [2, 4]
  • Sekundäre Immundysfunktion (erworbene Fehlfunktion des Abwehrsystems) – Mangelernährung kann mit gestörter Barrierefunktion (Schutzfunktion), Thymusatrophie (Rückbildung der Thymusdrüse), veränderter zellulärer Immunantwort (Abwehrreaktion der Immunzellen) und reduzierter Impfantwort (verminderte Reaktion auf Impfungen) bei schwerer Mangelernährung einhergehen; daraus resultiert eine erhöhte Infektanfälligkeit beziehungsweise ein schwererer Infektionsverlauf [3, 4]

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Protein-Energie-Mangelernährung (Eiweiß- und Energiemangel) – zentrale Folge einer persistierenden (anhaltenden) Gedeihstörung bei unzureichender Energie- und Proteinzufuhr (Eiweißzufuhr) oder erhöhtem Bedarf; klinisch relevant durch Verlust von Fett- und Muskelmasse, Wachstumsverlangsamung, reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit und erhöhtes Morbiditätsrisiko (Krankheitsrisiko) [1, 4, LL 1, LL 2]
  • Mikronährstoffmängel (Mangel an lebenswichtigen Nährstoffen in kleiner Menge) – insbesondere Eisen-, Vitamin-A-, Vitamin-D-, Zink-, Iod-, Folsäure- und Vitamin-B12-Mangel können bei chronischer Unterversorgung oder Malabsorption auftreten; sie verstärken Anämie (Blutarmut), Infektanfälligkeit, Knochenmineralisationsstörungen (Störungen der Knochenhärtung) und Entwicklungsdefizite (Entwicklungsrückstände) [2, 4]
  • Verzögerte Pubertätsentwicklung (verspätete geschlechtliche Reifung) – bei länger bestehender Unterernährung (zu geringe Nahrungszufuhr) oder chronischer Erkrankung möglich; pathophysiologisch (krankheitsmechanistisch) durch reduziertes Energieangebot, gestörte hypothalamisch-hypophysär-gonadale Achsenaktivität (gestörte Steuerung der Geschlechtshormone über Gehirnanhangdrüse und Keimdrüsen) und unzureichende somatische Reifung (körperliche Reifung) erklärbar [1, 4]
  • Hypovitaminose D (Vitamin-D-Mangel) mit gestörter Knochenmineralisation – insbesondere bei zusätzlicher geringer Calciumzufuhr, reduzierter Sonnenexposition (Sonnenlichteinwirkung), Malabsorption oder chronischer Entzündung; klinisch relevant durch Rachitisrisiko (Risiko für Knochenerweichung im Kindesalter), Muskelschwäche und verminderte Knochenstabilität [2, 4]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Rezidivierende Infektionen (wiederkehrende Infektionen) – Mangelernährung und Gedeihstörung stehen in einem bidirektionalen Zusammenhang (wechselseitigen Zusammenhang) mit Infektionen; Infektionen erhöhen Energiebedarf und Nährstoffverluste, während Mangelernährung die Abwehrlage verschlechtert [3, 4]
  • Pneumonie (Lungenentzündung) – bei schwerer kindlicher Mangelernährung eine der häufigsten infektiösen Komorbiditäten (Begleiterkrankungen); relevant durch erhöhtes Risiko für Hospitalisation (Krankenhausaufnahme), prolongierten Verlauf (verlängerten Verlauf) und erhöhte Mortalität (Sterblichkeit) [3, 4]
  • Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung) – häufige Komorbidität bei kindlicher Mangelernährung; klinisch relevant durch Verstärkung von Appetitverlust, Malabsorption, Flüssigkeitsverlust, Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze) und weiterer Gewichtsabnahme [3, 4]
  • Tuberkulose (Schwindsucht) – wichtige infektiöse Komorbidität bei kindlicher Mangelernährung, insbesondere in Hochprävalenzregionen (Regionen mit häufigem Vorkommen); relevant durch chronische Entzündung, katabole Stoffwechsellage (abbauende Stoffwechsellage), Appetitverlust und zusätzliche Wachstumshemmung [4]
  • Bakteriämie (Bakterien im Blut)/Sepsis (Blutvergiftung) – bei schwerer akuter (plötzlich auftretender) Mangelernährung erhöhtes Risiko für invasive bakterielle Infektionen (schwere bakterielle Infektionen mit Eindringen in den Körper); klinisch besonders relevant bei Fieberarmut, unspezifischer Symptomatik (unklaren Beschwerden) oder fehlender typischer Entzündungsreaktion (Abwehrreaktion) [3, 4]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Muskelhypotrophie (Muskelschwund) und Muskelschwäche – Folge unzureichender Energie- und Proteinzufuhr; klinisch relevant durch verminderte motorische Aktivität (Bewegungsaktivität), verzögerte grobmotorische Entwicklung (Entwicklung großer Bewegungsabläufe), reduzierte Belastbarkeit und erhöhtes Risiko für funktionelle Entwicklungsrückstände (alltagsbezogene Entwicklungsrückstände) [1, 4]
  • Osteopenie (verminderte Knochendichte) beziehungsweise verminderte Knochenmineralisation – bei chronischer Unterernährung, Vitamin-D-Mangel, Calciumdefizit oder verzögerter Pubertät möglich; relevant durch verminderte Entwicklung der maximalen Knochenmasse und potenziell erhöhtes Frakturrisiko (Knochenbruchrisiko) [2, 4]
  • Rachitis (Knochenerweichung im Kindesalter) – bei ausgeprägtem Vitamin-D- und/oder Calcium-Mangel mögliche Folge; klinisch relevant durch Knochenverformungen, Wachstumsstörung, Muskelschwäche und motorische Entwicklungsverzögerung (verzögerte Bewegungsentwicklung) [2, 4]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Beeinträchtigung der psychomotorischen Entwicklung (Entwicklung von Bewegung und geistiger Steuerung) des Kindes – insbesondere bei früher, länger bestehender oder schwerer Mangelernährung; betroffen sind grobmotorische, feinmotorische (kleine Bewegungsabläufe), sprachliche und adaptive Entwicklungsbereiche (Anpassungsfähigkeiten) [1, 5]
  • Beeinträchtigung der kognitiven Entwicklung (geistigen Entwicklung) – kindliche Mangelernährung ist mit schlechterer kognitiver Entwicklung, verminderten Lernleistungen und reduzierter schulischer Leistungsfähigkeit assoziiert (verbunden); besonders relevant bei Auftreten in sensiblen Entwicklungsfenstern (besonders empfindlichen Entwicklungsphasen) [1, 5]
  • Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Entwicklungsprobleme (seelische Entwicklungsprobleme) – möglich bei chronischer Mangelernährung, belasteter Fütterungsinteraktion (schwieriger Essenssituation zwischen Kind und Betreuungsperson), sozialer Deprivation (sozialer Vernachlässigung) oder persistierender Grunderkrankung (anhaltender zugrunde liegender Erkrankung); die Evidenz (wissenschaftliche Beweislage) ist heterogener (uneinheitlicher) als für neurokognitive Entwicklungsdefizite (Entwicklungsrückstände von Nervensystem und geistiger Leistung) [5]
  • Entwicklungsregression (Rückschritt in der Entwicklung) oder ausbleibende Entwicklungsprogression – Warnzeichen bei schwerer oder progredienter (fortschreitender) Gedeihstörung; erfordert rasche Abklärung organischer, neurologischer (das Nervensystem betreffender), infektiöser, metabolischer (stoffwechselbedingter) und psychosozialer Ursachen [LL 1, LL 2]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Untergewicht – Leitsymptom beziehungsweise direkte Folge der Gedeihstörung; definitionsrelevant sind unter anderem Gewicht-für-Länge oder Body-Mass-Index-für-Alter unterhalb altersbezogener Grenzwerte, unzureichende Gewichtszunahme oder Abfall über relevante Perzentilen (Wachstumskurvenlinien) beziehungsweise z-Score-Grenzen (statistische Abweichungsgrenzen) [1, LL 1, LL 2]
  • Wachstumsretardierung (Wachstumsverzögerung) – bei persistierender Gedeihstörung mit Übergang von initial unzureichender Gewichtszunahme zu Längen-/Höhenwachstumsverlangsamung; relevant durch Risiko für bleibende Kleinwüchsigkeit bei fehlendem oder unvollständigem Aufholwachstum [1, LL 1, LL 2]
  • Geringe Gewichtszunahme trotz altersentsprechendem Nahrungsangebot – klinisches Warnsignal für organische Ursachen, Malabsorption, chronische Entzündung, erhöhten Energiebedarf oder Fütterungsstörung (Ess- und Fütterungsproblem) [LL 1, LL 2]
  • Dehydratation (Austrocknung) und Elektrolytstörungen – insbesondere bei Kombination aus Gedeihstörung, Gastroenteritis, Erbrechen, Durchfall oder unzureichender Flüssigkeitszufuhr; klinisch relevant durch akute Verschlechterung des Allgemeinzustands und erhöhtes Hospitalisationsrisiko [3, 4]
  • Reduzierter Allgemeinzustand und Apathie (Teilnahmslosigkeit) – Hinweis auf schwere Mangelernährung, relevante Infektion, metabolische Entgleisung (Stoffwechselentgleisung) oder ausgeprägte psychosoziale Vernachlässigung; als klinisches Warnzeichen zu werten [3, 4, LL 1, LL 2]

Prognosefaktoren

  • Schweregrad der Gedeihstörung
    • Ausmaß des Gewichtsdefizits, Geschwindigkeit des Gewichtsabfalls und zusätzliche Längen-/Höhenwachstumsverlangsamung sind zentrale prognostische Marker (Vorhersagefaktoren) [1, LL 1, LL 2]
  • Alter bei Beginn
    • Ein Beginn in den ersten Lebensmonaten beziehungsweise in den ersten 1.000 Lebenstagen ist prognostisch ungünstiger, da in dieser Phase Wachstum, Gehirnentwicklung und Organreifung besonders vulnerabel (verletzlich) sind [1, 5]
  • Dauer der Unterversorgung
    • Je länger die unzureichende Energie-, Protein- oder Mikronährstoffversorgung besteht, desto höher ist das Risiko für Wachstumsretardierung, Entwicklungsdefizite, Muskelhypotrophie und unvollständiges Aufholwachstum [1, 5]
  • Organische Grunderkrankung
    • Chronische gastrointestinale (Magen und Darm betreffende), kardiale (das Herz betreffende), pulmonale (die Lunge betreffende), renale (die Nieren betreffende), endokrine (hormonelle), neurologische, metabolische oder infektiöse Erkrankungen verschlechtern die Prognose, wenn Energiebedarf, Nährstoffverluste oder Malabsorption nicht kausal (ursächlich) behandelt werden [LL 1, LL 2]
  • Infektiöse Komorbiditäten
    • Pneumonie, Gastroenteritis, Tuberkulose, invasive bakterielle Infektionen und rezidivierende Infekte erhöhen Morbidität, Hospitalisationsrisiko und Mortalität bei schwerer Mangelernährung [3, 4]
  • Mikronährstoffstatus
    • Eisen-, Vitamin-A-, Vitamin-D-, Zink-, Iod-, Folsäure- und Vitamin-B12-Mangel beeinflussen Hämatopoese (Blutbildung), Immunfunktion (Abwehrfunktion), Knochenentwicklung und Neuroentwicklung (Entwicklung des Nervensystems) und sind deshalb prognostisch relevant [2, 4, 5]
  • Psychosoziale Situation
    • Ernährungsunsicherheit, belastete Eltern-Kind-Interaktion, Vernachlässigung, elterliche psychische Erkrankung, Armut oder eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung können Erkennung, Therapieadhärenz (Therapietreue) und Verlauf wesentlich beeinflussen [LL 1, LL 2]
  • Ansprechen auf Ernährungsintervention
    • Rasche Normalisierung der Gewichtszunahme unter strukturierter Ernährungsberatung, Kalorienanreicherung, oraler Supplementierung (Ergänzung) oder Therapie einer Fütterungsstörung spricht für eine bessere Prognose; fehlendes Ansprechen erfordert weiterführende organische und psychosoziale Abklärung [1, LL 1, LL 2]
  • Aufholwachstum
    • Vollständiges Aufholwachstum verbessert die Langzeitprognose; unvollständiges Aufholwachstum ist mit persistierendem Kleinwuchs, reduzierter Muskelmasse und erhöhtem Entwicklungsrisiko assoziiert [1, 5]

Literatur

  1. Meyer R: An Update on the Diagnosis and Management of Faltering Growth and Catch-Up Growth in Young Children. Ann Nutr Metab. 2024;80(Suppl 1):18-28. https://doi.org/10.1159/000540930 
  2. Mao C, Shen Z, Long D, Liu M, Xu X, Gao X et al.: Epidemiological study of pediatric nutritional deficiencies: an analysis from the global burden of disease study 2019. Nutr J. 2024;23:44. https://doi.org/10.1186/s12937-024-00945-1 
  3. Rytter MJH, Kolte L, Briend A, Friis H, Christensen VB: The Immune System in Children with Malnutrition-A Systematic Review. PLoS One. 2014;9(8):e105017. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0105017 
  4. Moate T, Rabie T, Minnie C, Mäenpää A: Comorbidities of Child Malnutrition in Low- and Medium-Income Countries: A Systematic Review. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2022;75(4):400-410. https://doi.org/10.1097/MPG.0000000000003558 
  5. Kirolos A, Goyheneix M, Kalmus Eliasz M, Chisala M, Lissauer S, Gladstone M et al.: Neurodevelopmental, cognitive, behavioural and mental health impairments following childhood malnutrition: a systematic review. BMJ Glob Health. 2022;7(7):e009330. https://doi.org/10.1136/bmjgh-2022-009330 

Leitlinien

  1. National Institute for Health and Care Excellence: Faltering growth: recognition and management of faltering growth in children. NICE guideline NG75. Published 27 September 2017. https://www.nice.org.uk/guidance/ng75 
  2. Kersten HB, Goday PS, Abdelhadi R, Adolphe S, Anania N, Bennett DS et al.: Clinical Practice Guideline for Diagnosis and Management of Faltering Weight. Pediatrics. 2026;157(4):e2025075764. https://doi.org/10.1542/peds.2025-075764