Vorzeitiger Blasensprung – Prävention

Eine spezifische Maßnahme, die das Auftreten eines vorzeitigen Blasensprungs (vorzeitigen Platzens der Fruchtblase) zuverlässig verhindert, ist bislang nicht nachgewiesen. Dies gilt insbesondere für den frühen vorzeitigen Blasensprung vor 37+0 Schwangerschaftswochen (preterm prelabor rupture of membranes; PPROM). Für den vorzeitigen Blasensprung am Termin besteht ebenfalls keine etablierte spezifische Primärprävention. Die verfügbaren Maßnahmen dienen überwiegend der Erkennung eines erhöhten Risikos, der Reduktion beeinflussbarer Risikofaktoren und der Prävention einer spontanen Frühgeburt (Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche); ihre Wirksamkeit zur unmittelbaren Verhinderung einer Ruptur der Eihäute (Zerreißung der Fruchtblasenhüllen) ist nicht gesondert belegt [1, 4, LL1].

Risikostratifizierung

  • Erfassung nicht oder nur eingeschränkt beeinflussbarer Risikomerkmale möglichst präkonzeptionell, spätestens zu Beginn der Schwangerschaft [2, LL1]:
    • Vorausgegangener früher vorzeitiger Blasensprung
    • Vorausgegangene spontane Frühgeburt oder später Spontanabort (späte Fehlgeburt)
    • Zervixinsuffizienz (Schwäche des Gebärmutterhalses)
    • Vorausgegangene Zervixoperation, insbesondere Konisation oder Trachelektomie
    • Uterine Fehlbildung (Fehlbildung der Gebärmutter)
    • Mehrlingsschwangerschaft
  • Erfassung potenziell beeinflussbarer oder behandelbarer Risikofaktoren [2, 4, LL1]:
    • Kurzes Intervall zwischen zwei Schwangerschaften
    • Untergewicht oder Mangelernährung
    • Tabak- und Nikotinkonsum
    • Symptomatische urogenitale Infektion (Infektion der Harn- oder Geschlechtsorgane)
    • Unzureichend eingestellte maternale Grunderkrankung (Grunderkrankung der Mutter)
  • Anpassung der Untersuchungsintervalle und der weiteren Betreuung an das individuelle Risiko für einen PPROM beziehungsweise eine spontane Frühgeburt [2, LL1]

Prävention in nachfolgenden Schwangerschaften

  • Nach einem vorausgegangenen PPROM beträgt das zusammengefasste Risiko eines erneuten PPROM etwa 18 %. Wegen der erheblichen Heterogenität der zugrunde liegenden Studien ist eine individuelle Vorhersage jedoch nur eingeschränkt möglich [3].
  • Präkonzeptionelle oder frühzeitige geburtshilfliche Beratung mit Aufarbeitung des vorausgegangenen Schwangerschaftsverlaufs [LL1]:
    • Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) zum Zeitpunkt des Blasensprungs und der Geburt
    • Hinweise auf Zervixinsuffizienz oder vorzeitige Wehentätigkeit
    • Infektiologische und mikrobiologische Befunde
    • Plazentahistologischer Befund, sofern verfügbar
    • Vorausgegangene Eingriffe an der Zervix oder am Uterus
    • Weitere maternale, fetale oder geburtshilfliche Risikofaktoren
  • Frühzeitige Anbindung an eine spezialisierte Frühgeburtssprechstunde [LL1, LL2, LL5]
  • Vermeidung eines sehr kurzen Intervalls bis zur nächsten Schwangerschaft, insbesondere von weniger als zwölf Monaten nach einer Frühgeburt, sofern dies mit der individuellen Familienplanung vereinbar ist [LL1]
  • Bei erforderlichen Eingriffen an der Zervix strenge Indikationsstellung und möglichst gewebeschonendes Vorgehen [LL1]

Allgemeine schwangerschaftsmedizinische Risikoreduktion

  • Beendigung des Tabak- und Nikotinkonsums sowie Vermeidung einer relevanten Passivrauchexposition. Der Rauchstopp reduziert das allgemeine Frühgeburtsrisiko; ein spezifischer präventiver Effekt auf das PPROM-Risiko ist nicht abschließend belegt [2, 4, LL1].
  • Ernährung und Körpergewicht
    • Ausgewogene und bedarfsdeckende Ernährung
    • Erkennen und ernährungsmedizinische Behandlung von Untergewicht oder Mangelernährung; ein direkter präventiver Effekt auf das PPROM-Risiko ist nicht gesichert [2].
    • Diagnostik und Behandlung nachgewiesener Mikronährstoffmängel oder einer Anämie (Blutarmut) nach den allgemeinen Empfehlungen für die Schwangerschaft
    • Bedarfsgerechte Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren entsprechend den allgemeinen Ernährungsempfehlungen für die Schwangerschaft. Empfehlungen zur Supplementierung, insbesondere bei niedriger Ausgangszufuhr, beziehen sich auf die Verringerung des allgemeinen Frühgeburtsrisikos; ein spezifischer Schutz vor PPROM ist nicht nachgewiesen [5].
  • Maternale Grunderkrankungen
    • Präkonzeptionelle beziehungsweise frühzeitige Optimierung insbesondere von Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), arterieller Hypertonie (Bluthochdruck) und anderen chronischen Erkrankungen
    • Leitliniengerechte Überwachung und Behandlung schwangerschaftsbedingter Erkrankungen; ein spezifischer präventiver Effekt auf das PPROM-Risiko ist nicht gesichert [2].
  • Körperliche Aktivität
    • Fortführung einer der Schwangerschaft angepassten körperlichen Aktivität bei fehlenden Kontraindikationen
    • Keine routinemäßige Einschränkung der körperlichen Aktivität und keine prophylaktische Bettruhe [4].

Prävention und Behandlung von Infektionen

  • Zeitnahe diagnostische Abklärung bei auffälligem vaginalem Ausfluss, Dysurie (Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen), Unterbauchbeschwerden oder anderen Hinweisen auf eine vaginale, zervikale oder Harnwegsinfektion [2, LL1]
  • Leitliniengerechte Behandlung symptomatischer urogenitaler Infektionen einschließlich einer symptomatischen bakteriellen Vaginose (Störung der natürlichen Scheidenflora durch vermehrte Besiedelung mit bestimmten Bakterien) [LL1]
  • Diagnostik und Behandlung sexuell übertragbarer Infektionen entsprechend dem individuellen Risiko und den geltenden Vorsorgeempfehlungen [LL1]
  • Ein generelles Screening und eine antibiotische Behandlung einer asymptomatischen Bakteriurie (Bakterien im Urin ohne Beschwerden) allein zur Prävention eines PPROM oder einer Frühgeburt können aufgrund unzureichender Evidenz nicht empfohlen werden. Andere schwangerschaftsmedizinische Indikationen zur Urindiagnostik und Behandlung bleiben davon unberührt [LL1].
  • Keine prophylaktische Antibiotikatherapie ohne nachgewiesene Infektion oder andere definierte Indikation [1, LL1]
  • Kein generelles Screening auf asymptomatische bakterielle Vaginose bei Schwangeren ohne erhöhtes Frühgeburtsrisiko [LL1]
  • Bei asymptomatischen Schwangeren mit erhöhtem Frühgeburtsrisiko ist das Vorgehen hinsichtlich einer bakteriellen Vaginose wegen widersprüchlicher Evidenz individuell festzulegen [4, LL1].
  • Keine routinemäßige Bestimmung des vaginalen Mikrobioms außerhalb kontrollierter Studien [LL1]

Prävention einer PPROM-assoziierten spontanen Frühgeburt bei erhöhtem Risiko

  • Die folgenden Maßnahmen vermindern bei entsprechender Indikation das Risiko einer spontanen Frühgeburt. Eine eigenständige Verringerung der PPROM-Inzidenz ist nicht überzeugend nachgewiesen [1, 4, LL1].
  • Transvaginale Zervixlängenmessung ab 16+0 Schwangerschaftswochen bei asymptomatischer Einlingsschwangerschaft nach vorausgegangener spontaner Frühgeburt oder spätem Spontanabort; weitere Kontrollen entsprechend dem individuellen Risiko [LL1]
  • Vaginales Progesteron bei asymptomatischer Einlingsschwangerschaft und einer vor 24+0 Schwangerschaftswochen transvaginal gemessenen Zervixlänge von ≤ 25 mm [LL1]:
    • 200 mg Progesteron vaginal täglich oder 90 mg Progesterongel täglich
    • Fortführung bis 36+6 Schwangerschaftswochen, sofern keine vorzeitige Entbindung oder andere Beendigungsindikation eintritt [4, LL1]
    • Bei Einlingsschwangerschaft ohne vorausgegangene spontane Frühgeburt empfiehlt die Society for Maternal-Fetal Medicine vaginales Progesteron bei einer Zervixlänge von ≤ 20 mm; bei 21-25 mm soll die Indikation im Rahmen einer gemeinsamen Entscheidungsfindung geprüft werden [LL3].
    • Eine vorausgegangene spontane Frühgeburt einschließlich eines PPROM stellt bei aktuell nicht verkürzter Zervix keine hinreichend belegte alleinige Indikation für vaginales Progesteron dar [LL4].
  • Cerclage bei Einlingsschwangerschaft, vorausgegangener spontaner Frühgeburt oder spätem Spontanabort und einer vor 24+0 Schwangerschaftswochen transvaginal gemessenen Zervixlänge von ≤ 25 mm [4, LL1, LL2, LL5]
  • Nach vorausgegangenem PPROM kann bei einer zwischen 16+0 und 24+0 Schwangerschaftswochen transvaginal gemessenen Zervixlänge von < 25 mm eine prophylaktische Cerclage individuell erwogen werden [LL2].
  • Bei Kombination aus belasteter Anamnese (Krankengeschichte) und kurzer Zervix (verkürztem Gebärmutterhals) sind vaginales Progesteron und Cerclage leitliniengerechte Optionen. Nutzen, Risiken und Präferenz der Schwangeren sollen in die Auswahl einbezogen werden; eine routinemäßige Kombination beider Maßnahmen ist nicht etabliert [LL2, LL5].
  • Bei Einlingsschwangerschaft ohne vorausgegangene spontane Frühgeburt und einer Zervixlänge von 10-25 mm soll ohne Zervixdilatation (Erweiterung des Gebärmutterhalses) keine Cerclage angelegt werden [LL3].
  • Eine primäre prophylaktische Cerclage kann bei entsprechender geburtshilflicher Anamnese ab dem frühen zweiten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) erwogen werden [LL1, LL5].
  • Eine Cerclage ist keine spezifische Präventionsmaßnahme gegen einen vorzeitigen Blasensprung und soll ausschließlich bei leitliniengerechter Indikation zur Prävention einer spontanen Frühgeburt beziehungsweise bei Zervixinsuffizienz erfolgen [LL1, LL2, LL5].
  • Bei Mehrlingsschwangerschaft ist eine individuelle Betreuung durch ein spezialisiertes Zentrum erforderlich. Progesteron, Cerclage oder Zervixpessar sind allein aufgrund der Mehrlingsschwangerschaft nicht routinemäßig zur Frühgeburtsprävention indiziert [4, LL1, LL3].

Keine routinemäßige Prävention durch

  • Antibiotika ohne nachgewiesene Infektion oder andere definierte Indikation [1, LL1]
  • Bettruhe, generelle körperliche Schonung oder routinemäßige Karenz von Geschlechtsverkehr [4]
  • Prophylaktische Tokolyse [LL1]
  • 17-alpha-Hydroxyprogesteroncaproat zur Behandlung einer sonographisch kurzen Zervix [LL3]
  • Acetylsalicylsäure ausschließlich zur Prävention eines vorzeitigen Blasensprungs [1]
  • Zervixpessar außerhalb einer individuell begründeten Indikation beziehungsweise außerhalb kontrollierter Studien [4, LL1, LL3]
  • Serielle Bestimmung von Biomarkern bei asymptomatischen Schwangeren oder Bestimmung des vaginalen Mikrobioms außerhalb kontrollierter Studien [LL1]
  • Probiotika zur gezielten Verhinderung einer Frühgeburt oder eines vorzeitigen Blasensprungs [4, LL1]
  • Vitamin C oder andere Nahrungsergänzungsmittel ohne nachgewiesenen Mangel beziehungsweise andere spezifische Indikation [1, LL1]

Abkürzungsverzeichnis

  • AGREE II: Appraisal of Guidelines for Research and Evaluation II
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • DGGG: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • EBCOG: European Board and College of Obstetrics and Gynaecology
  • LL: Leitlinie
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence
  • OEGGG: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • PPROM: preterm prelabor rupture of membranes
  • S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
  • SGGG: Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • SMFM: Society for Maternal-Fetal Medicine

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. El-Achi V, Aggarwal S, Hyett J: Interventions for the Prevention of Preterm Premature Rupture of Membranes: A Systematic Review and Meta-Analysis. Fetal Diagn Ther 2022;49(5-6):273-278. doi: 10.1159/000525655 
  2. Lin D, Hu B, Xiu Y et al.: Risk factors for premature rupture of membranes in pregnant women: a systematic review and meta-analysis. BMJ Open 2024;14(3):e077727. doi: 10.1136/bmjopen-2023-077727 
  3. Min Y, Yao Q: Risk of recurrent preterm premature rupture of membrane in subsequent pregnancy: a systematic review and meta-analysis. J Matern Fetal Neonatal Med 2026;39(1):2610066. doi: 10.1080/14767058.2025.2610066 
  4. Ramachandran A, Clottey KD, Gordon A et al.: Prediction and prevention of preterm birth: Quality assessment and systematic review of clinical practice guidelines using the AGREE II framework. Int J Gynaecol Obstet 2024;166(3):932-942. doi: 10.1002/ijgo.15514 
  5. Savona-Ventura C, Mahmood T, Mukhopadhyay S et al.: Omega-3 fatty acid supply in pregnancy for risk reduction of preterm and early preterm birth: A position statement by the European Board and College of Obstetrics and Gynaecology (EBCOG). Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2024;295:124-125. doi: 10.1016/j.ejogrb.2024.02.009 

Leitlinien

  1. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Prävention und Therapie der Frühgeburt. S2k-Leitlinie, Version 5.0, Stand September 2022, gültig bis 30. September 2026; Aktualisierung angemeldet. AWMF-Registernummer 015-025; Langfassung [LL1]
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Preterm labour and birth. NICE Guideline NG25, veröffentlicht November 2015, zuletzt aktualisiert Juni 2022. Leitlinie; Empfehlungen [LL2]
  3. Society for Maternal-Fetal Medicine, Biggio J, SMFM Publications Committee: SMFM Consult Series #70: Management of short cervix in individuals without a history of spontaneous preterm birth. Am J Obstet Gynecol 2024;231(2):B2-B13. doi: 10.1016/j.ajog.2024.05.006 [LL3]
  4. Jain V, McDonald SD, Farine D et al.: Technical Update No. 467: Progesterone for Previous Spontaneous Preterm Birth. J Obstet Gynaecol Can 2026;48(5):103272. doi: 10.1016/j.jogc.2026.103272 [LL4]
  5. Shennan AH, Story L: Cervical Cerclage: Green-top Guideline No. 75. BJOG 2022;129(7):1178-1210. doi: 10.1111/1471-0528.17003; Leitlinienseite [LL5]