Vorzeitiger Blasensprung – Anamnese
Die Anamnese (Krankengeschichte) stellt einen wichtigen Baustein in der Diagnostik (medizinischen Abklärung) des vorzeitigen Blasensprungs (vorzeitigen Platzens der Fruchtblase) dar. Sie dient insbesondere der Erfassung des Flüssigkeitsabgangs, der seitdem verstrichenen Zeit, des Gestationsalters (Schwangerschaftsalters), einer möglichen Wehentätigkeit sowie maternaler und fetaler Warnzeichen (Warnzeichen bei der Mutter und dem ungeborenen Kind). Die Diagnose kann durch die Anamnese allein nicht gesichert werden; bei Verdacht ist eine zeitnahe geburtshilfliche Untersuchung erforderlich [1, LL1-2].
Aktuelle Schwangerschaftsanamnese (Krankengeschichte der aktuellen Schwangerschaft)
Zu erfassen sind Gestationsalter und Schwangerschaftsdatierung sowie Beginn, Dauer und Charakteristika des Flüssigkeitsabgangs [1, LL1-2].
- In welcher Schwangerschaftswoche befinden Sie sich?
- Wann ist der errechnete Geburtstermin?
- Wie wurde das Schwangerschaftsalter bestimmt?
- Datum der letzten Regelblutung
- Frühe Ultraschalluntersuchung
- Besteht eine Einlings- oder Mehrlingsschwangerschaft?
- Wann haben Sie erstmals einen vaginalen Flüssigkeitsabgang (Flüssigkeitsabgang aus der Scheide) bemerkt?
- Datum und genaue Uhrzeit
- Vor oder nach Beginn regelmäßiger Wehen
- Wie viel Zeit ist seit dem erstmaligen Flüssigkeitsabgang vergangen?
- Trat die Flüssigkeit schwallartig oder tröpfchenweise aus?
- War der Flüssigkeitsabgang einmalig, intermittierend oder kontinuierlich?
- Ist seit dem erstmaligen Ereignis erneut oder weiterhin Flüssigkeit abgegangen?
- Wie groß war die ungefähre Flüssigkeitsmenge?
- Wie häufig mussten Sie Unterwäsche oder Vorlagen wechseln?
- Verändert sich der Flüssigkeitsabgang beim Aufstehen, Gehen, Husten oder bei Lagewechsel?
- Welche Farbe hatte die Flüssigkeit?
- Klar beziehungsweise farblos
- Rosa oder blutig
- Grünlich oder bräunlich
- Gelblich oder eitrig
- War die Flüssigkeit geruchlos oder auffällig beziehungsweise übelriechend?
- Konnten Sie den Flüssigkeitsabgang willentlich zurückhalten?
- Trat der Flüssigkeitsabgang beim Husten, Niesen oder bei körperlicher Belastung auf?
- Kam es zuvor zu Geschlechtsverkehr, einer vaginalen Untersuchung, einem Sturz oder einem Trauma?
Wehen- und Schmerzanamnese (Krankengeschichte zu Wehen und Schmerzen)
Wehenmuster, zunehmender Becken- beziehungsweise Pressdruck und anhaltende Schmerzen sind zur Beurteilung einer beginnenden Geburt sowie möglicher Komplikationen gezielt zu erfragen [1, LL1-2].
- Bestehen Unterbauchschmerzen oder ein Druckgefühl im Becken?
- Haben Sie das Gefühl, das Kind sei tiefer getreten?
- Bestehen ein ausgeprägter Druck nach unten oder Pressdrang?
- Seit wann bestehen die Beschwerden?
- Treten die Schmerzen kontinuierlich oder in regelmäßigen Abständen auf?
- Wie häufig treten die Schmerzen beziehungsweise Wehen auf und wie lange dauern sie an?
- Werden die Beschwerden häufiger oder stärker?
- Bestehen Rückenschmerzen?
- Ist die Gebärmutter auch zwischen möglichen Wehen schmerzhaft oder druckempfindlich?
Maternale und fetale Warnzeichen (Warnzeichen bei der Mutter und dem ungeborenen Kind)
Fieber, Schüttelfrost, übelriechender Ausfluss, uterine Schmerzen (Schmerzen der Gebärmutter), vaginale Blutung (Blutung aus der Scheide) und verminderte Kindsbewegungen können auf eine maternale oder fetale Gefährdung (Gefährdung der Mutter oder des ungeborenen Kindes) hinweisen [1, LL1-2].
- Besteht eine vaginale Blutung?
- Wann hat die Blutung begonnen?
- Wie stark ist sie?
- Welche Farbe hat das Blut?
- Haben Sie Fieber gemessen? Wenn ja, wie hoch war die Temperatur?
- Bestehen Schüttelfrost oder ein ausgeprägtes allgemeines Krankheitsgefühl?
- Haben Sie Herzrasen, Schwindel oder Kreislaufbeschwerden bemerkt?
- Besteht übelriechender oder eitriger vaginaler Ausfluss?
- Bewegt sich Ihr Kind wie gewohnt?
- Wann haben Sie zuletzt sichere Kindsbewegungen wahrgenommen?
- Sind die Kindsbewegungen deutlich vermindert?
- Haben Sie keine Kindsbewegungen mehr wahrgenommen?
- Haben Sie in der Scheide eine Nabelschnur oder einen kindlichen Körperteil gesehen beziehungsweise ertastet?
Bisherige Abklärung des Flüssigkeitsabgangs
Bereits erfolgte Untersuchungen, deren Ergebnisse und der Beginn therapeutischer Maßnahmen müssen einschließlich digital-vaginaler Untersuchungen nachvollziehbar erfasst werden [1, LL1-2].
- Wurden Sie wegen des aktuellen Flüssigkeitsabgangs bereits ambulant oder stationär untersucht?
- Wann und in welcher Einrichtung erfolgte die Untersuchung?
- Wurde der Flüssigkeitsabgang durch eine Untersuchung oder einen Fruchtwassertest bestätigt?
- Wurden bereits folgende Untersuchungen durchgeführt?
- Sterile Spekulumuntersuchung
- Vaginaler Fruchtwassertest
- Ultraschalluntersuchung
- Kardiotokographie
- Blutuntersuchung
- Mikrobiologischer Abstrich
- Wurden seit Beginn des Flüssigkeitsabgangs digitale vaginale Untersuchungen durchgeführt? Wenn ja, wann und wie häufig?
- Wurde bereits eine antibiotische oder geburtshilfliche Behandlung begonnen?
- Falls ein früher vorzeitiger Blasensprung bereits diagnostiziert wurde:
- In welcher Schwangerschaftswoche trat er auf?
- Wie lange besteht der Blasensprung bereits?
- Waren Sie seitdem durchgehend oder wiederholt stationär behandelt?
Bisheriger Schwangerschaftsverlauf
Vorbefunde zu Fruchtwassermenge, Zervix (Gebärmutterhals), Plazenta (Mutterkuchen), fetalem Wachstum (Wachstum des ungeborenen Kindes) und Kindslage beeinflussen Risikobeurteilung und weiteres Vorgehen [1, LL1-2].
- Gab es bisher Auffälligkeiten oder Komplikationen während der Schwangerschaft?
- Liegen die Ergebnisse der bisherigen Vorsorge-, Ultraschall- und Screeninguntersuchungen vor?
- Bestanden Auffälligkeiten hinsichtlich:
- Fruchtwassermenge, insbesondere Polyhydramnion (zu viel Fruchtwasser) oder Oligohydramnion (zu wenig Fruchtwasser)
- Fetalem Wachstum
- Plazentasitz, insbesondere Placenta praevia (vor dem Muttermund liegender Mutterkuchen), oder Plazentafunktion
- Zervixlänge beziehungsweise vorzeitiger Zervixverkürzung (vorzeitiger Verkürzung des Gebärmutterhalses)
- Fetalen Fehlbildungen (Fehlbildungen des ungeborenen Kindes)
- Welche Kindslage wurde bei der letzten Ultraschalluntersuchung festgestellt?
- Schädellage (Kopflage)
- Beckenendlage (Lage mit dem Gesäß nach unten)
- Querlage oder Schräglage
- War der vorangehende kindliche Teil bei der letzten Untersuchung bereits fest im Becken eingestellt?
- Bestanden in dieser Schwangerschaft vaginale Blutungen, vorzeitige Wehen oder eine Verkürzung beziehungsweise Eröffnung des Gebärmutterhalses?
- Wurde eine Zervixcerclage, ein vollständiger Muttermundverschluss oder ein Zervixpessar angelegt?
- Wurden invasive pränataldiagnostische oder fetale Eingriffe durchgeführt?
- Amniozentese
- Chorionzottenbiopsie
- Fetoskopischer oder intrauteriner Eingriff
- Wurden in der aktuellen Schwangerschaft Streptokokken der Gruppe B im Vaginal-/Rektalabstrich oder im Urin nachgewiesen?
- Erkrankte ein früher geborenes Kind an einer invasiven Infektion durch Streptokokken der Gruppe B?
- Wurden während der aktuellen Schwangerschaft vaginale, zervikale oder Harnwegsinfektionen festgestellt?
Geburtshilfliche Eigenanamnese (eigene Vorgeschichte früherer Schwangerschaften und Geburten)
Ein vorausgegangener PPROM, eine spontane Frühgeburt (Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche), ein Spätabort (späte Fehlgeburt) oder eine Zervixinsuffizienz (Schwäche des Gebärmutterhalses) sind für die individuelle Risikobeurteilung besonders relevant [1, LL1].
- Wie viele Schwangerschaften und Geburten hatten Sie bisher?
- Kam es bei einer früheren Schwangerschaft zu:
- Vorzeitigem Blasensprung am Termin
- Frühem vorzeitigen Blasensprung vor 37+0 Schwangerschaftswochen
- Spontaner Frühgeburt
- Spätabort
- Zervixinsuffizienz
- Vorzeitiger Plazentalösung (vorzeitiger Ablösung des Mutterkuchens)
- Intraamnialer Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase) beziehungsweise Chorioamnionitis (Entzündung der Eihäute und der Fruchthöhle)
- Neonataler Infektion (Infektion des Neugeborenen)
- In welcher Schwangerschaftswoche traten der frühere Blasensprung beziehungsweise die Geburt oder Schwangerschaftsbeendigung auf?
- Wurden frühere Schwangerschaften durch eine Mehrlingsschwangerschaft, ein Polyhydramnion oder eine fetale Fehlbildung kompliziert?
Infektions- und Sexualanamnese (Krankengeschichte zu Infektionen und Sexualkontakten)
Eine weiterführende Infektions- und Sexualanamnese ist bei klinischen oder anamnestischen Hinweisen auf eine genitale Infektion (Infektion der Geschlechtsorgane) beziehungsweise sexuell übertragbare Infektion erforderlich [1, LL1].
- Bestanden zuletzt Beschwerden einer vaginalen, genitalen oder Harnwegsinfektion?
- Veränderter oder übelriechender Ausfluss
- Juckreiz oder Brennen
- Schmerzen beim Wasserlassen
- Vermehrter oder imperativer Harndrang (plötzlich einsetzender, schwer unterdrückbarer Harndrang)
- Unterbauchschmerzen
- Wurde kürzlich eine bakterielle Vaginose (Störung der natürlichen Scheidenflora durch vermehrte Besiedelung mit bestimmten Bakterien), Harnwegsinfektion oder sexuell übertragbare Infektion diagnostiziert?
- Gab es kürzlich neue Sexualkontakte oder wurde bei einem Sexualpartner eine sexuell übertragbare Infektion festgestellt?
- Bestanden kürzlich fieberhafte Infektionen oder relevante Infektionskontakte?
Weitere Eigenanamnese (weitere eigene Krankengeschichte)
Zu erfassen sind Erkrankungen und Voroperationen, die das Infektionsrisiko, die Zervixfunktion (Funktion des Gebärmutterhalses) oder die geburtshilfliche Behandlung unmittelbar beeinflussen können [1, LL1].
- Bestehen behandlungsrelevante maternale Erkrankungen (Erkrankungen der Mutter)?
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
- Immunsuppressiv behandelte Erkrankung
- Relevante Gerinnungsstörung (Störung der Blutgerinnung)
- Ist eine Fehlbildung der Gebärmutter bekannt?
- Wurden Operationen am Gebärmutterhals oder an der Gebärmutter durchgeführt?
- Konisation beziehungsweise Schlingenexzision
- Andere Zervixoperation
- Operation einer Gebärmutterfehlbildung
- Bestehen Allergien, insbesondere gegen Antibiotika?
Medikamentenanamnese (Krankengeschichte zur Einnahme von Arzneimitteln)
Bereits verabreichte Antibiotika und geburtshilfliche Medikamente sowie Allergien und die relevante Dauermedikation sind vollständig zu dokumentieren [1, LL1-2].
- Welche Arzneimittel nehmen Sie regelmäßig oder bei Bedarf ein?
- Haben Sie während der aktuellen Schwangerschaft Antibiotika erhalten? Wenn ja, welches Präparat, aus welchem Grund und wann?
- Wurden bereits Medikamente wegen vorzeitiger Wehen oder drohender Frühgeburt angewendet?
- Tokolytika
- Antenatale Kortikosteroide
- Magnesiumsulfat
- Progesteron
- Nehmen Sie gerinnungshemmende oder immunsuppressive Arzneimittel ein?
Genussmittelanamnese (Angaben zum Konsum von Genussmitteln)
Nikotin- und Drogenkonsum sind als beeinflussbare Risikofaktoren zu erfassen [1, LL1].
- Rauchen Sie oder verwenden Sie nikotinhaltige Produkte? Wenn ja, welche und in welcher Menge?
- Nehmen Sie Cannabis oder andere Drogen ein?
Wichtiger Hinweis [1, LL1-2]
- Bei vermutetem Fruchtwasserabgang ist unabhängig von der Flüssigkeitsmenge eine zeitnahe geburtshilfliche Abklärung erforderlich.
- Bei Fieber, Schüttelfrost, übelriechendem Ausfluss, vaginaler Blutung, zunehmenden Schmerzen oder deutlich verminderten beziehungsweise fehlenden Kindsbewegungen ist unverzüglich eine geburtshilfliche Klinik zu kontaktieren beziehungsweise aufzusuchen.
- Bei sicht- oder tastbarer Nabelschnur beziehungsweise einem kindlichen Körperteil, starker vaginaler Blutung, Kreislaufkollaps (Zusammenbruch des Kreislaufs) oder ausgeprägten anhaltenden Schmerzen ist unverzüglich der Rettungsdienst unter 112 zu verständigen.
Unsere Empfehlung: Drucken Sie die Anamnese aus, markieren Sie alle mit „Ja“ beantworteten Fragen und nehmen Sie das Dokument zusammen mit Ihrem Mutterpass und vorhandenen Befunden zur geburtshilflichen Untersuchung mit.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- DGGG: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- LL: Leitlinie
- OEGGG: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- PPROM: preterm prelabor rupture of membranes
- S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
- SGGG: Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- Berger R, Abele H, Bahlmann F et al.: Prävention und Therapie der Frühgeburt. Leitlinie der DGGG, OEGGG und SGGG (S2k-Level, AWMF-Registernummer 015/025, September 2022) – Teil 2 mit Empfehlungen zur tertiären Prävention der Frühgeburt und zum Management des frühen vorzeitigen Blasensprungs. Geburtshilfe Frauenheilkd 2023;83(5):569-601. doi: 10.1055/a-2044-0345 [1]
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Prävention und Therapie der Frühgeburt. S2k-Leitlinie, Version 5.0, Stand September 2022, Amendment Januar 2023; Gültigkeit bis 30.09.2026 verlängert, in Überarbeitung. AWMF-Registernummer 015-025; Langfassung [LL1]
- Royal College of Obstetricians and Gynaecologists: Care of Women Presenting with Suspected Preterm Prelabour Rupture of Membranes from 24+0 Weeks of Gestation. Green-top Guideline No. 73, 2019, überprüft Oktober 2024 und um zwei Jahre verlängert. Leitlinienseite; doi: 10.1111/1471-0528.15803 [LL2]