Vorzeitiger Blasensprung – Klassifikation
Der vorzeitige Blasensprung (vorzeitiges Platzen der Fruchtblase) (prelabor rupture of membranes, PROM) bezeichnet die Ruptur der Eihäute (Zerreißung der Fruchtblasenhüllen) vor Beginn der Wehentätigkeit. Die Klassifikation erfolgt nach Gestationsalter (Schwangerschaftsalter), nach der Beziehung zur potenziellen fetalen Lebensfähigkeit (möglichen Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes), nach der Entstehung, nach dem zeitlichen Verlauf und nach dem klinischen Risikostatus [LL1, LL3].
| Klassifikationsachse | Form | Definition beziehungsweise Abgrenzung | Medizinische Einordnung |
|---|---|---|---|
| Nach Gestationsalter – Grundklassifikation | Vorzeitiger Blasensprung am Termin | Ruptur der Eihäute ab 37+0 Schwangerschaftswochen vor Wehenbeginn | Englisch: term prelabor rupture of membranes beziehungsweise term PROM [LL1, LL3] |
| Früher vorzeitiger Blasensprung | Ruptur der Eihäute vor 37+0 Schwangerschaftswochen und vor Wehenbeginn | Englisch: preterm prelabor rupture of membranes beziehungsweise PPROM; Oberbegriff für alle präterminlichen Formen (Formen vor dem errechneten Geburtstermin) [LL1, LL3] | |
| Nach der Beziehung zur potenziellen fetalen Lebensfähigkeit | Präviabler PPROM (vorzeitiger Blasensprung vor Erreichen der möglichen Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes) | PPROM vor Erreichen der potenziellen fetalen Lebensfähigkeit | Besonders frühe Untergruppe des PPROM. Eine weltweit einheitliche Gestationsgrenze besteht nicht. Beratung und Vorgehen richten sich nach Gestationsalter, fetalem Zustand (Zustand des ungeborenen Kindes), lokalen neonatologischen Behandlungsmöglichkeiten (Behandlungsmöglichkeiten für Neugeborene) und dem Willen der Schwangeren [LL1, LL2]. |
| Periviabler PPROM (vorzeitiger Blasensprung im Grenzbereich der möglichen Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes) | PPROM im Übergangsbereich zur potenziellen fetalen Lebensfähigkeit | International gebräuchlicher Zusatzbegriff. Die Abgrenzung ist nicht weltweit einheitlich und hängt auch davon ab, ab wann eine neonatale Reanimation (Wiederbelebung eines Neugeborenen) und Intensivtherapie (intensivmedizinische Behandlung) vom Behandlungsteam als angemessen angesehen und von der Schwangeren gewünscht wird [LL2]. | |
| Nach managementrelevanten Gestationsintervallen | PPROM vor 24+0 Schwangerschaftswochen | PPROM vor 24+0 Schwangerschaftswochen | Managementrelevantes Gestationsintervall, aber nicht gleichbedeutend mit präviablem PPROM; die individuelle Lebensfähigkeitsgrenze kann hiervon abweichen [LL1, LL2]. |
| PPROM zwischen 24+0 und 33+6 Schwangerschaftswochen | PPROM im für ein primär abwartendes Vorgehen relevanten Gestationsintervall, sofern keine Entbindungsindikation (medizinischer Grund zur Geburtseinleitung oder Entbindung) besteht | Die Grenze von 24+0 Schwangerschaftswochen ist eine managementrelevante Abschnittsgrenze und keine allgemeingültige Definition des Beginns der fetalen Lebensfähigkeit [LL1-3]. | |
| Später PPROM | PPROM zwischen 34+0 und 36+6 Schwangerschaftswochen | Englisch: late preterm PPROM; eigenständiges managementrelevantes Gestationsintervall [LL1, LL3] | |
| Nach der Entstehung | Spontaner PROM beziehungsweise PPROM | Spontane Ruptur der Eihäute vor Wehenbeginn | Regelform des vorzeitigen Blasensprungs [LL1, LL3] |
| Iatrogener PPROM (durch einen medizinischen Eingriff verursachter vorzeitiger Blasensprung) | Unbeabsichtigte Ruptur der Eihäute nach einer invasiven pränataldiagnostischen, transamnialen oder fetoskopischen Intervention | Englisch: iatrogenic preterm prelabor rupture of membranes beziehungsweise iPPROM; eine geplante Amniotomie (künstliche Eröffnung der Fruchtblase) ist hiervon abzugrenzen [1]. | |
| Nach dem zeitlichen Verlauf | Wehenbeginn innerhalb von 24 Stunden | Einsetzen der Wehentätigkeit innerhalb von 24 Stunden nach dem Blasensprung | Zeitliche Verlaufsangabe; die Wehentätigkeit setzt definitionsgemäß erst nach dem Blasensprung ein [LL1, LL3]. |
| Wehenbeginn nach mehr als 24 Stunden | Einsetzen der Wehentätigkeit mehr als 24 Stunden nach dem Blasensprung | Zeitliche Verlaufsangabe bei fortbestehender Schwangerschaft [LL1, LL3] | |
| Latenzintervall (Zeitspanne zwischen Blasensprung und Geburt) | Zeit zwischen Blasensprung und Geburt | Vor allem beim PPROM klinisch relevante kontinuierliche Verlaufsgröße; nicht mit der Zeit bis zum Wehenbeginn gleichzusetzen [LL1, LL3]. | |
| Prolongierte Rupturdauer (verlängerte Dauer seit dem Blasensprung) | Rupturdauer von mindestens 18 Stunden bis zur Geburt | Risikomarker für eine neonatale Early-onset-Infektion (früh nach der Geburt auftretende Infektion) beziehungsweise eine frühe Gruppe-B-Streptokokken-Erkrankung (frühe Erkrankung des Neugeborenen durch Gruppe-B-Streptokokken), aber keine eigenständige Form des PROM [LL5]. | |
| Nach dem klinischen Risikostatus | Unkomplizierter PROM beziehungsweise PPROM | Keine klinischen Zeichen einer Infektion, Blutung, Nabelschnurkomplikation oder fetalen Gefährdung (Gefährdung des ungeborenen Kindes) | Der Risikostatus kann sich während des weiteren Verlaufs verändern [LL1, LL3]. |
| Mit nachfolgender Wehentätigkeit | Einsetzen der Wehentätigkeit nach der Ruptur der Eihäute | Keine eigenständige ätiologische Form (nach der Ursache definierte Form), sondern Übergang im klinischen Verlauf [LL1, LL3] | |
| Mit Verdacht auf oder Nachweis einer intraamnialen Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase) | Klinischer Verdacht aufgrund maternaler oder fetaler Befunde; Bestätigung durch geeignete Untersuchungen des Fruchtwassers oder postpartal durch die histopathologische Untersuchung der Plazenta | Komplizierter Verlauf; eine maternale Sepsis (schwere Infektionsreaktion des mütterlichen Organismus) ist gesondert als geburtshilflicher Notfall zu bewerten [LL1, LL4]. | |
| Mit vaginaler Blutung oder vorzeitiger Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens) | Vaginale Blutung beziehungsweise klinischer Verdacht auf eine vorzeitige Plazentalösung | Komplizierter Verlauf mit möglicher maternaler und fetaler Gefährdung [LL1, LL3] | |
| Mit Nabelschnurkomplikation | Nabelschnurvorfall (Vorfall der Nabelschnur vor das Kind), Nabelschnurvorliegen (Nabelschnur liegt vor dem vorangehenden Teil des Kindes) oder klinisch relevante Nabelschnurkompression (Zusammendrücken der Nabelschnur) | Akute oder intermittierende fetale Gefährdung möglich [LL1, LL3] | |
| Mit fetaler Gefährdung | Pathologisches Cardiotokogramm oder andere Zeichen einer fetalen Beeinträchtigung (Beeinträchtigung des ungeborenen Kindes) | Komplizierter Verlauf mit Prüfung einer unmittelbaren Entbindungsindikation [LL1, LL3] | |
| Mit ausgeprägtem oder persistierendem Oligohydramnion (deutlich verminderte Fruchtwassermenge) beziehungsweise Anhydramnion (fehlendes Fruchtwasser) | Deutlich verminderte beziehungsweise fehlende Fruchtwassermenge nach dem Blasensprung | Insbesondere bei frühem PPROM prognostisch relevant; erhöhtes Risiko unter anderem für Nabelschnurkompression und bei sehr frühem, länger anhaltendem Fruchtwasserverlust für pulmonale Hypoplasie (Unterentwicklung der Lunge) [LL1, LL2]. |
Der antenatale klinische Verdacht auf eine intraamniale Infektion ist von einer durch Fruchtwasseruntersuchung bestätigten intraamnialen Infektion und von der erst postpartal möglichen histopathologischen Diagnose einer Chorioamnionitis (Entzündung der Eihäute und der Fruchthöhle) zu unterscheiden. Eine ausschließlich histologisch diagnostizierte Chorioamnionitis ist keine antenatale Klassifikationsform des vorzeitigen Blasensprungs [LL4].
Abkürzungsverzeichnis
- ACOG: American College of Obstetricians and Gynecologists
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- iPPROM: iatrogenic preterm prelabor rupture of membranes
- LL: Leitlinie
- PPROM: preterm prelabor rupture of membranes
- PROM: prelabor rupture of membranes
- S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
- WHO: World Health Organization
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- Avilla-Royo E, Ochsenbein-Kölble N, Vonzun L et al.: Biomaterial-based treatments for the prevention of preterm birth after iatrogenic rupture of the fetal membranes. Biomater Sci 2022;10(14):3695-3715. doi: 10.1039/D2BM00401A
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Prävention und Therapie der Frühgeburt. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-025, Version 5.0, Stand 01.10.2022, gültig bis 30.09.2026, in Überarbeitung. Langfassung [LL1]
- Society for Maternal-Fetal Medicine, Battarbee AN, Osmundson SS et al.: Society for Maternal-Fetal Medicine Consult Series #71: Management of previable and periviable preterm prelabor rupture of membranes. Am J Obstet Gynecol 2024;231(4):B2-B15. doi: 10.1016/j.ajog.2024.07.016 [LL2]
- American College of Obstetricians and Gynecologists: Prelabor Rupture of Membranes: ACOG Practice Bulletin, Number 217. Obstet Gynecol 2020;135(3):e80-e97. Reaffirmed 2026. doi: 10.1097/AOG.0000000000003700 [LL3]
- American College of Obstetricians and Gynecologists, Silverman NS, Beigi RH et al.: ACOG Clinical Practice Update: Update on Criteria for Suspected Diagnosis of Intraamniotic Infection. Obstet Gynecol 2024;144(1):e17-e19. doi: 10.1097/AOG.0000000000005593 [LL4]
- World Health Organization: WHO recommendation on screening of pregnant women for intrapartum antibiotic prophylaxis for the prevention of early onset group B streptococcus disease in newborns. Geneva: World Health Organization; 2024. ISBN 978-92-4-009912-8. Leitlinie [LL5]