Vorzeitiger Blasensprung – Labordiagnostik

Die Labordiagnostik ergänzt Anamnese (Krankengeschichte), sterile Spekulumuntersuchung und klinische Überwachung. Sie dient dem Nachweis von Fruchtwasser bei unklarem Untersuchungsbefund sowie der Erkennung einer intraamnialen Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase) und maternalen Organbeteiligung (Beteiligung mütterlicher Organe). Die erforderlichen Untersuchungen richten sich nach Gestationsalter (Schwangerschaftsalter), klinischem Befund und Verlaufsform; nicht alle nachfolgend genannten Parameter sind bei jeder Schwangeren erforderlich [LL1].

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Bei klinisch unklarem Fruchtwasserabgang und fehlendem sichtbarem Fruchtwasser in der sterilen Spekulumuntersuchung:
    • Placental alpha microglobulin-1 (PAMG-1) im Vaginalsekret
    • Alternativ: Insulin-like growth factor-binding protein-1 (IGFBP-1) im Vaginalsekret
  • Bei eindeutig sichtbarem Fruchtwasserabgang aus dem Zervikalkanal (Gebärmutterhalskanal) oder einer Fruchtwasseransammlung im hinteren Scheidengewölbe ist kein zusätzlicher immunchemischer Fruchtwassertest erforderlich. PAMG-1 und IGFBP-1 sollen nicht routinemäßig parallel oder seriell bestimmt werden. Das Testergebnis ist gemeinsam mit Anamnese und klinischem Befund zu bewerten und darf nicht allein die weitere Behandlung bestimmen [LL1].
  • Beim frühen vorzeitigen Blasensprung (vorzeitiges Platzen der Fruchtblase) vor 37+0 Schwangerschaftswochen (preterm prelabor rupture of membranes, PPROM) beziehungsweise bei Verdacht auf eine intraamniale Infektion:
    • Blutbild einschließlich Leukozytenzahl
    • C-reaktives Protein (CRP)
    • Mikrobiologischer vaginaler beziehungsweise zervikovaginaler Abstrich zur Erreger- und Resistenzbestimmung – möglichst vor Beginn einer Antibiotikatherapie
    • Kombinierter vaginal-rektaler Abstrich auf Streptokokken der Gruppe B bei fehlendem oder nicht verwertbarem Vorbefund
  • Bei abwartendem Vorgehen nach PPROM:
    • Verlaufskontrollen von Leukozytenzahl und CRP in Abhängigkeit vom klinischen Zustand und dem geburtshilflichen Überwachungsprotokoll
    • Erneute mikrobiologische Diagnostik bei neu auftretenden klinischen Infektionszeichen oder zur Kontrolle eines behandlungsrelevanten initialen Erregernachweises – abhängig vom Ausgangsbefund, klinischen Verlauf und lokalen Behandlungspfad

Bei einem eindeutig diagnostizierten vorzeitigen Blasensprung am Termin ohne klinische Infektionszeichen sind routinemäßige Entzündungsparameter, mikrobiologische Abstriche oder Organfunktionsparameter nicht generell erforderlich. Der dokumentierte Streptokokken-B-Status und intrapartale Risikofaktoren sind gesondert zu berücksichtigen [LL1].

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Bei begründetem Verdacht auf Bakteriämie (Bakterien im Blut) oder Sepsis (lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion), insbesondere bei Fieber mit Schüttelfrost, hämodynamischer Instabilität (instabilem Kreislauf) oder Hinweisen auf eine Organfunktionsstörung (Störung der Funktion eines Organs):
    • Mindestens zwei Blutkulturpaare aus getrennten Entnahmestellen – möglichst vor Beginn der Antibiotikatherapie, sofern hierdurch keine relevante Therapieverzögerung entsteht [LL2]
    • Laktat im Blut [LL2]
    • Blutgasanalyse bei respiratorischer oder metabolischer Beeinträchtigung (Beeinträchtigung der Atmung oder des Stoffwechsels)
    • Thrombozytenzahl, Kreatinin, Elektrolyte, Bilirubin, Alanin-Aminotransferase, Aspartat-Aminotransferase, Quick beziehungsweise International Normalized Ratio, aktivierte partielle Thromboplastinzeit und Fibrinogen zur Beurteilung einer Organ- oder Gerinnungsbeteiligung [LL2]
  • Bei Dysurie (Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen), Pollakisurie (häufigem Wasserlassen kleiner Urinmengen), Flankenschmerzen, Fieber unklarer Ursache oder Verdacht auf einen Harnwegsinfekt (Infektion der Harnwege):
    • Urinstatus mit Leukozytenesterase und Nitrit
    • Urinsediment bei unklarem oder diskrepantem Befund
    • Urinkultur mit Erregernachweis und Resistenzbestimmung aus sachgerecht gewonnenem Mittelstrahlurin – möglichst vor Beginn einer Antibiotikatherapie
  • Ein negativer Nitrit- oder Leukozytenesterasetest schließt einen Harnwegsinfekt bei fortbestehendem klinischen Verdacht nicht aus; in diesem Fall ist eine Urinkultur erforderlich. Der Urin-pH-Wert ist für sich allein zur Diagnose oder zum Ausschluss eines Harnwegsinfekts ungeeignet [LL3].
  • Nukleinsäureamplifikationstest auf Chlamydia trachomatis und Neisseria gonorrhoeae beziehungsweise weiterführende Erregerdiagnostik bei entsprechender Anamnese, klinischem Befund oder erhöhtem Infektionsrisiko
  • Amniozentese mit Untersuchung des Fruchtwassers auf Leukozytenzahl, Glucose, mikrobiologische Kultur, molekularbiologischen Erregernachweis und gegebenenfalls Interleukin-6 – keine Routinediagnostik; nur in ausgewählten Einzelfällen in einem Perinatalzentrum (spezialisierten Zentrum für Risikoschwangerschaften und Neugeborene), wenn das Ergebnis das weitere Management voraussichtlich verändert [1, LL1].

Bewertung der Befunde

  • Leukozytenzahl und CRP dürfen weder einzeln noch in Kombination isoliert zur Diagnose oder zum Ausschluss einer intraamnialen Infektion verwendet werden. Erforderlich ist die gemeinsame Beurteilung von klinischem Zustand, Körpertemperatur, uterinem Befund (Befund der Gebärmutter), Fruchtwasserbeschaffenheit, maternalen Laborwerten und fetaler Herzfrequenz (Herzfrequenz des ungeborenen Kindes) [1, LL1].
  • Eine Leukozytose kann physiologisch in der Schwangerschaft, unter Wehentätigkeit und vorübergehend nach antenataler Kortikosteroidgabe auftreten. Erhöhte Entzündungsparameter können außerdem durch extrauterine Infektionsherde (Infektionsherde außerhalb der Gebärmutter) verursacht werden. Verlauf und Dynamik der Befunde sind deshalb aussagekräftiger als ein isolierter Einzelwert [1, LL1].
  • Procalcitonin, Blutsenkungsgeschwindigkeit, maternales Interleukin-6 und weitere experimentelle Entzündungsmarker werden zur routinemäßigen Erkennung einer intraamnialen Infektion nicht empfohlen. Kein einzelner untersuchter maternaler oder amnialer Marker besitzt hierfür eine ausreichende diagnostische Zuverlässigkeit [1].
  • Ein positiver vaginaler oder zervikovaginaler Erregernachweis kann eine Kolonisation (Besiedelung ohne Erkrankung) anzeigen und beweist keine intraamniale Infektion. Abgesehen von Erregern mit unmittelbarer therapeutischer Konsequenz und der Streptokokken-B-Prophylaxe dürfen Antibiotikatherapie oder Entbindungsentscheidung nicht allein auf einem Abstrichergebnis beruhen. Wiederholungsabstriche richten sich nach Ausgangsbefund, klinischem Verlauf und lokalem Behandlungspfad [LL1].
  • Die histologische Chorioamnionitis (mikroskopisch nachgewiesene Entzündung der Eihäute) ist eine pathologische Diagnose an Plazenta (Mutterkuchen), Eihäuten und gegebenenfalls Nabelschnur nach der Geburt. Sie kann antenatal durch Leukozytenzahl, CRP, Procalcitonin oder andere Einzelmarker weder sicher diagnostiziert noch ausgeschlossen werden. Die Indikation zur plazentahistologischen Untersuchung richtet sich nach Gestationsalter, klinischem Infektionsverdacht, neonatalem Verlauf (Verlauf beim Neugeborenen), weiteren geburtshilflichen Befunden und den lokalen pathologischen Standards [1].
  • Ein vaginaler pH- beziehungsweise Nitrazintest ist aufgrund falsch positiver Befunde bei Blut, Sperma, Urin oder bakterieller Vaginose (Störung der natürlichen Scheidenflora durch vermehrte Besiedelung mit bestimmten Bakterien) nicht zur alleinigen Diagnosesicherung geeignet [LL1].
  • Fetales Fibronektin dient nicht dem Nachweis eines Blasensprungs. Es kann ausschließlich zur Frühgeburtsrisikoeinschätzung bei ausgewählten symptomatischen Schwangeren mit intakten Eihäuten eingesetzt werden und ist nach gesicherter Ruptur der Eihäute nicht sinnvoll verwertbar [LL1].

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CRP: C-reaktives Protein
  • DGGG: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • IGFBP-1: Insulin-like growth factor-binding protein-1
  • LL: Leitlinie
  • OEGGG: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • PAMG-1: Placental alpha microglobulin-1
  • PPROM: preterm prelabor rupture of membranes
  • S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
  • S3: evidenz- und konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S3
  • SGGG: Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. Lanzarone V, Polkinghorne A, Eslick G et al.: Diagnostic tests for the prediction of histological chorioamnionitis and funisitis in pregnant women with preterm premature rupture of membranes: A systematic review. Aust N Z J Obstet Gynaecol 2025;65(1):13-24. doi: 10.1111/ajo.13864 

Leitlinien

  1. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: S2k-Leitlinie Prävention und Therapie der Frühgeburt. Version 5.0, Stand 01.10.2022. AWMF-Registernummer 015-025; Langfassung. [LL1]
  2. Deutsche Sepsis-Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin et al.: S3-Leitlinie Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025. Version 4.0, Stand 30.04.2025. AWMF-Registernummer 079-001; Langfassung. [LL2]
  3. Deutsche Gesellschaft für Urologie, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe et al.: S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen. Version 3.0, Stand 09.04.2024. AWMF-Registernummer 043-044; Langfassung. [LL3]