Vorzeitiger Blasensprung – Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie richtet sich nach Gestationsalter (Schwangerschaftsalter), Infektionsstatus, fetalem Zustand (Zustand des ungeborenen Kindes), Wehentätigkeit, GBS-Status und der Entscheidung für ein exspektatives oder entbindendes Vorgehen. Bei intraamnialer Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase), maternaler Sepsis (lebensbedrohlicher Infektionsreaktion der Mutter), vorzeitiger Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens), Nabelschnurvorfall (Vorfall der Nabelschnur vor das Kind) oder nicht beruhigendem fetalem Status ist die Entbindung indiziert; sie darf nicht zur Vervollständigung einer Lungenreifeinduktion (Behandlung zur Förderung der Lungenreifung des ungeborenen Kindes), Neuroprotektion (Schutz des Nervensystems des ungeborenen Kindes) oder Antibiotikagabe verzögert werden [LL1-6].

Therapieziel

  • Verlängerung der Schwangerschaft, sofern maternal und fetal vertretbar
  • Reduktion maternaler und neonataler Infektionen (Infektionen der Mutter und des Neugeborenen)
  • Reduktion frühgeburtsbedingter neonataler Morbidität und Mortalität (Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit des Neugeborenen infolge einer Frühgeburt)
  • Förderung der fetalen Lungenreifung
  • Fetale Neuroprotektion bei unmittelbar drohender sehr früher Geburt
  • Rechtzeitige Entbindung bei maternaler oder fetaler Gefährdung (Gefährdung der Mutter oder des ungeborenen Kindes)

Therapieempfehlungen

Hauptindikationen

  • Latenzantibiotika beim frühen vorzeitigen Blasensprung (Blasensprung vor 37+0 Schwangerschaftswochen) (PPROM) und exspektativem Vorgehen entsprechend Gestationsalter und Leitlinie [1, 2, LL1-6]
  • Antenatale Kortikosteroide bei relevantem Risiko einer Frühgeburt (Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche) innerhalb von sieben Tagen [3, 4, LL1-5]
  • Magnesiumsulfat zur fetalen Neuroprotektion bei unmittelbar drohender sehr früher Geburt [5, LL1, LL3-6]
  • Intrapartale Antibiotikaprophylaxe gegen Gruppe-B-Streptokokken (GBS) bei entsprechender Indikation [LL7]
  • Unverzügliche kalkulierte Antibiotikatherapie bei vermuteter oder bestätigter intraamnialer Infektion beziehungsweise maternaler Sepsis [LL7]
  • Medikamentöse Geburtseinleitung (medikamentöse Auslösung der Geburt) bei bestehender Entbindungsindikation [6, LL1-3]

Sekundäre Indikationen

  • Kurzzeitige Tokolyse (medikamentöse Wehenhemmung) höchstens in ausgewählten Einzelfällen zur antenatalen Kortikosteroidgabe oder zum in-utero-Transfer (Verlegung der Schwangeren vor der Geburt); keine Routinetokolyse bei PPROM [LL1-6]
  • Keine prophylaktische Routineantibiotikatherapie bei unkompliziertem Blasensprung am Termin ohne GBS-Indikation, intraamniale Infektion oder andere eigenständige Indikation [LL2, LL3, LL7]

Vorgehen nach Gestationsalter

Situation Medikamentöse Kernmaßnahmen Abgrenzung
Präviabler oder periviabler PPROM (Blasensprung vor beziehungsweise im Grenzbereich der möglichen Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes) Individuelle Beratung und gemeinsame Entscheidungsfindung. Bei gewünschtem expektativen Vorgehen empfiehlt SMFM Latenzantibiotika ab 24+0 SSW; zwischen 20+0 und 23+6 SSW können sie erwogen werden. Kortikosteroide und Magnesiumsulfat erst, wenn neonatale Reanimation (Wiederbelebung des Neugeborenen) und Intensivtherapie (intensivmedizinische Behandlung) medizinisch angeboten und gewünscht werden [LL6]. Der Anwendungsbereich von SMFM Consult Series Nr. 71 ist auf den präviablen und periviablen PPROM begrenzt; die Empfehlung darf nicht auf alle Gestationsalter übertragen werden.
PPROM vor 34+0 SSW Bei fehlender Entbindungsindikation in der Regel exspektatives Vorgehen mit Latenzantibiotika; Kortikosteroide und gegebenenfalls Magnesiumsulfat nach Gestationsalter und unmittelbar erwartetem Geburtszeitpunkt [1-5, LL1-5]. GBS-Prophylaxe ersetzt die Latenzantibiotikatherapie nicht; bei Geburtsbeginn ist die GBS-Prophylaxe zusätzlich nach Befund beziehungsweise Risikoprofil zu gewährleisten [LL7].
Später PPROM, 34+0 bis 36+6 SSW Entbindungszeitpunkt und Einsatz von Kortikosteroiden leitlinienabhängig und individuell festlegen. AWMF und ACOG lassen bei stabiler Situation sowohl Entbindung als auch exspektatives Vorgehen zu; RCOG empfiehlt bei fehlenden Kontraindikationen grundsätzlich exspektatives Vorgehen bis 37+0 SSW. Bei nachgewiesener GBS-Kolonisation (Besiedelung mit Gruppe-B-Streptokokken) ab 34+0 SSW formuliert RCOG, dass eine beschleunigte Entbindung vorteilhaft sein kann; NICE empfiehlt in dieser Situation die unmittelbare Geburt [LL1-5]. Keine pauschale internationale Einheitsempfehlung. Latenzantibiotika im späten PPROM sind fachgesellschaftsabhängig; bei ACOG werden sie ab 34+0 SSW nicht routinemäßig empfohlen. Die schwächere RCOG-Formulierung zur möglichen Beschleunigung der Geburt ist von der NICE-Empfehlung zur unmittelbaren Geburt abzugrenzen.
Blasensprung am Termin, ab 37+0 SSW Geburtseinleitung zeitnah anbieten; NICE lässt bei unauffälligem Befund alternativ ein exspektatives Vorgehen bis etwa 24 Stunden zu. Bei positivem GBS-Status unmittelbare Geburtseinleitung beziehungsweise geplante Sectio (Kaiserschnitt) nach geburtshilflicher Indikation und intrapartale GBS-Prophylaxe [6, LL3, LL7]. Keine prophylaktischen Latenzantibiotika ohne eigenständige Indikation.

Latenzantibiotika bei PPROM

Wirkstoff oder Regime Besonderheiten
Ampicillin plus Erythromycin, anschließend Amoxicillin plus Erythromycin Sieben-Tage-Regime nach dem in ACOG rezipierten Mercer-Schema. Verfügbarkeit und nationale Zulassung beachten [1, LL2].
Erythromycin oral Regime nach NICE und RCOG. Bei Kontraindikation gegen Erythromycin empfiehlt NICE ein geeignetes orales Penicillin [LL3, LL4].
Azithromycin als Makrolid-Alternative Keine international einheitliche Dosierung; Alternative bei fehlender Verfügbarkeit oder Unverträglichkeit von Erythromycin nach lokalem Antibiotic-Stewardship-Standard. Die vergleichende Evidenz ist überwiegend nicht randomisiert [2].
  • Wirkweise: Reduktion aszendierender bakterieller Infektionen (aufsteigender bakterieller Infektionen); Verlängerung der Latenz und Verminderung infektiöser sowie ausgewählter neonataler Komplikationen [1].
  • Indikationen: PPROM mit exspektativem Vorgehen innerhalb der von der jeweiligen Leitlinie erfassten Gestationsgrenzen [LL1-6].
  • Kontraindikationen: Allergie gegen den jeweiligen Wirkstoff. Bei klinischer intraamnialer Infektion ist ein Latenzregime nicht ausreichend; erforderlich sind kalkulierte Breitbandantibiotika und Entbindung [LL7].
  • Dosierung: Ein vollständiges, leitlinien- beziehungsweise hausstandardkonformes Regime verwenden; unterschiedliche Regime nicht unkritisch kombinieren oder verlängern.
  • Hinweise
    • Amoxicillin/Clavulansäure nicht als routinemäßiges Latenzregime einsetzen; es besteht ein Signal für ein erhöhtes Risiko neonataler nekrotisierender Enterokolitis (schwerer entzündlicher Darmerkrankung des Neugeborenen) [1, LL1-5].
    • Mikrobiologische Befunde, lokales Resistenzspektrum, Nierenfunktion und Art der Betalaktamallergie berücksichtigen.
    • Ein Latenzregime ersetzt weder die intrapartale GBS-Prophylaxe noch die Therapie einer intraamnialen Infektion.
  • Nebenwirkungen:  Gastrointestinale Beschwerden, Exanthem (Hautausschlag), allergische Reaktionen, antibiotikaassoziierte Diarrhö (antibiotikabedingter Durchfall); bei Makroliden QT-Verlängerung und relevante Arzneimittelinteraktionen beachten.

Antenatale Kortikosteroide

Wirkstoff Besonderheiten
Betamethason Gesamtdosis 24 mg; Standardregime.
Dexamethason Gesamtdosis 24 mg; Alternative, wenn Betamethason nicht verfügbar ist.
Einmalige Wiederholungsbehandlung Nur bei erneut hohem, kurzfristigem Frühgeburtsrisiko und erfüllten leitlinienspezifischen Kriterien; keine seriellen Routinekurse [4, LL1, LL2, LL3, LL4, LL5].
  • Wirkweise: Beschleunigung der fetalen Organ- und insbesondere Lungenreifung; Reduktion von Atemnotsyndrom (schwerer Atemstörung), intraventrikulärer Blutung (Hirnblutung in die Hirnkammern) und neonataler Mortalität bei drohender Frühgeburt [3].
  • Indikationen: Relevantes Risiko einer Frühgeburt innerhalb von sieben Tagen in den gestationsabhängigen Grenzen der anzuwendenden Leitlinie. PPROM ist keine eigenständige Kontraindikation [3, LL1, LL2, LL3, LL4, LL5].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff. Bei gebotener Entbindung wegen Infektion oder fetaler beziehungsweise maternaler Gefährdung darf die Geburt nicht für den Abschluss des Kurses verzögert werden.
  • Dosierung: Betamethason 2 × 12 mg i.m. im Abstand von 24 Stunden oder Dexamethason 4 × 6 mg i.m. im Abstand von 12 Stunden.
  • Hinweise
    • Keine routinemäßig wiederholten Kurse. NICE erlaubt höchstens einen Wiederholungskurs vor 34+0 SSW, wenn der erste Kurs länger als sieben Tage zurückliegt und eine Geburt innerhalb von 48 Stunden sehr wahrscheinlich ist; insgesamt höchstens zwei Kurse [LL3].
    • Bei Diabetes (Zuckerkrankheit) engmaschige Glukosekontrolle und vorübergehende Anpassung der antidiabetischen Therapie.
    • Eine klinische intraamniale Infektion erfordert Antibiotikatherapie und Entbindung; die Kortikosteroidgabe darf diese Maßnahmen nicht verzögern.
  • Nebenwirkungen: Vorübergehende maternale Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker der Mutter), Leukozytose und veränderte fetale Herzfrequenzvariabilität; bei Wiederholung mögliche Beeinflussung des fetalen Wachstums berücksichtigen [4].

Magnesiumsulfat zur fetalen Neuroprotektion

Wirkstoff Besonderheiten
Magnesiumsulfat Bei unmittelbar erwarteter Frühgeburt; Gestationsgrenze leitlinienabhängig. Nierenfunktion und klinische Toxizitätszeichen überwachen [5, LL1, LL3, LL4, LL5, LL6].
  • Wirkweise: Fetale Neuroprotektion mit Reduktion des Risikos einer Zerebralparese (frühkindliche Bewegungsstörung infolge einer Schädigung des Gehirns) bei sehr früher Geburt [5].
  • Indikationen: Unmittelbar drohende oder geplante sehr frühe Geburt innerhalb von 24 Stunden in den gestationsabhängigen Grenzen der anzuwendenden Leitlinie [LL1, LL3-6].
  • Kontraindikationen: Myasthenia gravis (krankhafte Muskelschwäche), höhergradiger AV-Block (höhergradige Störung der Erregungsleitung am Herzen) und schwere Niereninsuffizienz (schwere Nierenschwäche); relative Kontraindikationen und Interaktionen individuell prüfen.
  • Dosierung: 4 g i.v. als Initialdosis, anschließend 1 g/Stunde i.v.; bei ausbleibender Geburt nicht länger als 24 Stunden fortführen [LL3].
  • Hinweise
    • Magnesiumsulfat zur Neuroprotektion ist keine Tokolyse.
    • Reflexstatus, Atemfrequenz, Bewusstsein, Diurese und bei eingeschränkter Nierenfunktion Serum-Magnesium überwachen. Calciumgluconat als Antidot verfügbar halten.
    • Eine notwendige Entbindung nicht verzögern, wenn die Aufsättigungsdosis nicht vollständig appliziert werden kann.
  • Nebenwirkungen: Wärmegefühl, Übelkeit, Kopfschmerz und Hypotonie (niedriger Blutdruck); bei Überdosierung Reflexverlust, Atemdepression (verminderte Atmung), Herzrhythmusstörungen und Herzstillstand.

Intrapartale GBS-Prophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Penicillin G Mittel der Wahl [LL7].
Ampicillin Akzeptable Alternative [LL7].
Cefazolin Bei Penicillinallergie mit niedrigem Anaphylaxierisiko [LL7].
Clindamycin Nur bei hohem Anaphylaxierisiko und nachgewiesener Empfindlichkeit des GBS-Isolats einschließlich fehlender induzierbarer Resistenz [LL7].
Vancomycin Bei hohem Anaphylaxierisiko und nicht für Clindamycin geeignetem Isolat; Dosis und Monitoring an Nierenfunktion und lokalen Standard anpassen [LL7].
  • Wirkweise: Reduktion der vertikalen GBS-Transmission (Übertragung von Gruppe-B-Streptokokken von der Mutter auf das Kind) und der frühen invasiven GBS-Erkrankung des Neugeborenen.
  • Indikationen: Positiver GBS-Nachweis, GBS-Bakteriurie (Gruppe-B-Streptokokken im Urin) in der aktuellen Schwangerschaft, vorausgegangenes Kind mit invasiver GBS-Erkrankung oder leitliniengemäße risikobasierte Indikation bei unbekanntem Status [LL7].
  • Kontraindikationen: Wirkstoffallergie; das Anaphylaxierisiko bestimmt die Auswahl der Alternative.
  • Dosierung: Initialdosis und Erhaltungsdosen bis zur Geburt. Eine geburtshilflich indizierte Intervention nicht allein zur Erreichung einer vierstündigen Antibiotikadauer verzögern [LL7].
  • Hinweise: Latenzantibiotika außerhalb der Geburt gewährleisten nicht automatisch eine adäquate intrapartale GBS-Prophylaxe.
  • Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie (schwere allergische Sofortreaktion), gastrointestinale Beschwerden; unter Vancomycin Infusionsreaktion und Nephrotoxizität (Nierenschädigung).

Intraamniale Infektion und maternale Sepsis

Wirkstoff oder Regime Besonderheiten
Ampicillin plus Gentamicin Gebräuchliches kalkuliertes Regime. Nierenfunktion, lokale Resistenzlage und hausinterne Sepsisstandards berücksichtigen [LL7].
Zusatz bei Sectio caesarea Erweiterung der anaeroben Abdeckung [LL7].
  • Wirkweise: Kalkulierte Abdeckung der typischerweise polymikrobiellen intraamnialen Infektion.
  • Indikationen: Vermutete oder bestätigte intraamniale Infektion sowie maternale Sepsis.
  • Kontraindikationen: Substanzspezifische Allergien und relevante Organfunktionsstörungen; sie erfordern eine alternative kalkulierte Therapie, nicht den Verzicht auf Antibiotika.
  • Dosierung: Unverzüglich nach Blutkulturen beginnen, sofern die Probengewinnung den Therapiebeginn nicht verzögert; bei Sepsis an Organfunktion, Körpergewicht und lokale Standards anpassen.
  • Hinweise: 
    • Antibiotikatherapie und Entbindung sind parallel zu organisieren.
    • Eine intraamniale Infektion allein ist keine Indikation zur Sectio caesarea [LL7].
    • Nach vaginaler Geburt ist eine routinemäßige postpartale Fortsetzung meist nicht erforderlich; nach Sectio und bei persistierendem Fieber, Bakteriämie (Bakterien im Blut) oder Sepsis richtet sich die Dauer nach klinischem Verlauf und Befunden [LL7].
  • Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen und gastrointestinale Beschwerden; unter Gentamicin Nephro- und Ototoxizität (Nieren- und Gehörschädigung), unter Clindamycin erhöhtes Risiko einer Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch Clostridioides difficile).

Medikamentöse Geburtseinleitung

Wirkstoff Besonderheiten
Oxytocin Bei Blasensprung am Termin häufig bevorzugtes Verfahren; kontinuierliche fetale und uterine Überwachung. Dosierungsprotokolle unterscheiden sich [LL3].
Dinoproston Bei unreifer Zervix (unreifem Gebärmutterhals) am Termin erwägenswert. Nach Blasensprung besonders engmaschige Überwachung; produktspezifische Fachinformation und Mindestabstand vor anschließender Oxytocingabe beachten [LL3].
Misoprostol Niedrig dosiertes orales Misoprostol ist bei unreifer Zervix eine Option. Keine Anwendung nach vorausgegangener Sectio caesarea oder anderer transmuraler Uterusoperation; Zulassungsstatus und produktspezifische Fachinformation beachten [LL3].
  • Wirkweise: Oxytocin stimuliert uterine Kontraktionen (Zusammenziehungen der Gebärmutter); Prostaglandine fördern Zervixreifung (Reifung des Gebärmutterhalses) und Wehentätigkeit.
  • Indikationen: Vorzeitiger Blasensprung mit festgelegter vaginaler Entbindungsstrategie und fehlenden Kontraindikationen gegen eine Geburtseinleitung.
  • Kontraindikationen: Kontraindikation gegen vaginale Geburt; substanzspezifisch unter anderem uterine Überstimulation (übermäßige Wehentätigkeit) und bestimmte Uterusnarben (Narben der Gebärmutter) bei Prostaglandinanwendung.
  • Dosierung: Dosierung nach zugelassener Fachinformation und hausinternem Einleitungsprotokoll; Überstimulation vermeiden.
  • Hinweise
    • Bei Term-PROM empfiehlt NICE die Wahl zwischen zeitnaher Einleitung und exspektativem Vorgehen bis etwa 24 Stunden; danach soll die Einleitung angeboten werden.
    • Bei positivem GBS-Status soll die Geburt unmittelbar eingeleitet beziehungsweise eine anderweitig indizierte Sectio geplant werden [6, LL3].
  • Nebenwirkungen: Uterine Tachysystolie (zu häufige Wehentätigkeit) mit fetaler Herzfrequenzalteration (Veränderung der Herzfrequenz des ungeborenen Kindes), Übelkeit, Erbrechen und Fieber; bei hoher kumulativer Oxytocindosis selten Wasserintoxikation (Wasservergiftung).

Tokolyse in ausgewählten Einzelfällen

Wirkstoff Besonderheiten
Nifedipin Geburtshilfliche Anwendung Off-label; Blutdruck und Herzfrequenz überwachen. Nicht sublingual anwenden. Dosierung nach hausinternem Protokoll [LL1, LL2, LL5].
Atosiban Zugelassenes Tokolytikum gemäß Fachinformation; im PPROM nur restriktive Einzelfallentscheidung [LL1].
  • Wirkweise: Nifedipin blockiert L-Typ-Calciumkanäle; Atosiban antagonisiert Oxytocinrezeptoren und vermindert dadurch uterine Kontraktionen.
  • Indikationen: Keine Routinetokolyse. Allenfalls kurzfristig zur Vervollständigung der antenatalen Kortikosteroidgabe oder zum in-utero-Transfer bei fehlenden Kontraindikationen [LL1, LL2, LL5].
  • Kontraindikationen: Intraamniale Infektion oder maternale Sepsis, vorzeitige Plazentalösung, relevante Blutung, fetale Gefährdung, fortgeschrittene Geburt oder andere Indikation zur unmittelbaren Entbindung.
  • Dosierung: Nur kurzzeitig, in der Regel höchstens 48 Stunden; keine Erhaltungs- oder Wiederholungstherapie.
  • Hinweise
    • NICE beschränkt seine Tokolyseempfehlungen auf Frauen mit intakten Eihäuten; RCOG empfiehlt Tokolyse bei PPROM nicht [LL3, LL4]. ACOG, AWMF und SOGC lassen eine restriktive Kurzzeitanwendung in ausgewählten Fällen zu [LL1, LL2, LL5].
    • Magnesiumsulfat nicht als Tokolytikum einsetzen.
  • Nebenwirkungen: Nifedipin: Hypotonie, Kopfschmerz, Flush (Hautrötung mit Wärmegefühl) und Tachykardie (beschleunigter Herzschlag). Atosiban: Übelkeit, Kopfschmerz, Schwindel und Reaktionen an der Injektionsstelle.

Synoptischer Leitlinienvergleich

Fachgesellschaft Anwendungsbereich und Latenzantibiotika Später PPROM Kortikosteroide Magnesiumsulfat Tokolyse
AWMF/DGGG, OEGGG, SGGG [LL1] Exspektatives Vorgehen typischerweise bei 24+0 bis 33+6 SSW; bei gewünschter neonataler Maximaltherapie auch ab 22+0 SSW. Bei exspektativem Vorgehen antibiotische Prophylaxe für sieben Tage, bevorzugt mit einem Aminopenicillin und einem Makrolid; Amoxicillin/Clavulansäure vermeiden. Zwischen 34+0 und 36+6 SSW sind unmittelbare Entbindung und kontrolliertes exspektatives Vorgehen bis 37+0 SSW vertretbare Optionen. Bei drohender Frühgeburt vor 34+0 SSW; an der Grenze der Lebensfähigkeit entsprechend gemeinsamem Behandlungsziel. Wiederholung nur selektiv, nicht routinemäßig. Bei unmittelbar drohender Geburt vor 32+0 SSW. Keine Routine; selektiv und kurzfristig bei fehlender Infektion, Plazentalösung und fetaler Gefährdung.
ACOG [LL2] Bei PPROM vor 34+0 SSW und exspektativem Vorgehen sieben Tage Latenzantibiotika. Zwischen 34+0 und 36+6 SSW sind unmittelbare Entbindung und exspektatives Vorgehen vertretbar; Latenzantibiotika nicht routinemäßig. Standardkurs bis 33+6 SSW; selektiv im späten Frühgeburtsbereich bei Geburt innerhalb von sieben Tagen und ohne vorausgegangenen Kurs. Bei erwarteter Geburt vor 32+0 SSW. Keine Routine; vor 34+0 SSW ausnahmsweise kurzzeitig für Kortikosteroide oder Transfer.
NICE [LL3] Erythromycin 250 mg p.o. viermal täglich für höchstens zehn Tage oder bis zur Geburt; kein Amoxicillin/Clavulansäure. Individuelle Abwägung. Bei positivem GBS-Status und PPROM nach 34+0 SSW unmittelbare Geburt. Bei 22+0 bis 23+6 SSW besprechen, bei 24+0 bis 33+6 SSW anbieten, bei 34+0 bis 35+6 SSW erwägen. Ein Wiederholungskurs unter definierten Bedingungen; insgesamt höchstens zwei Kurse. Bei 23+0 bis 23+6 SSW besprechen, bei 24+0 bis 29+6 SSW anbieten, bei 30+0 bis 33+6 SSW erwägen, wenn Geburt innerhalb von 24 Stunden erwartet wird. Die Tokolyseempfehlungen gelten für intakte Eihäute; daraus folgt keine Routineempfehlung für PPROM.
RCOG [LL4] Erythromycin 250 mg p.o. viermal täglich für zehn Tage oder bis zur Geburt; kein Amoxicillin/Clavulansäure. Bei fehlenden Kontraindikationen exspektatives Vorgehen bis 37+0 SSW. Bei nachgewiesener GBS-Kolonisation ab 34+0 SSW kann eine beschleunigte Entbindung vorteilhaft sein; dies ist keine gleichlautende Empfehlung zur unmittelbaren Geburt wie bei NICE. Green-top Guideline Nr. 74 bietet Kortikosteroide bei erwarteter Frühgeburt von 24+0 bis 34+6 SSW an; von 35+0 bis 36+6 SSW sollen Nutzen und Risiken individuell besprochen werden. Eigene PPROM-Empfehlung für 24+0 bis 29+6 SSW. Für 30+0 bis 33+6 SSW verweist RCOG auf die NICE-Erwägung; RCOG formuliert dort keine eigenständige ablehnende Empfehlung. Bei PPROM nicht empfohlen.
SOGC [LL5] Latenzantibiotika von der Lebensfähigkeit bis 33+6 SSW. Mehrere Makrolid- beziehungsweise Betalaktam-Makrolid-Regime sind vertretbar; das optimale Regime ist nicht abschließend geklärt. Bei stabiler Situation exspektatives Vorgehen mindestens bis 35+0 SSW; weiterer Zeitpunkt individuell. Ein Kurs bei hohem Geburtsrisiko innerhalb von sieben Tagen von 24+0 bis 34+6 SSW; keine routinemäßige Gabe von 35+0 bis 35+6 SSW. Bei unmittelbar erwarteter Geburt vor 32+0 SSW. Evidenz für verlängerte oder wiederholte Tokolyse unzureichend; selektiv bis 48 Stunden für Kortikosteroide oder Transfer möglich.
SMFM [LL6] Ausschließlich präviabler und periviabler PPROM: Latenzantibiotika ab 24+0 SSW empfohlen; zwischen 20+0 und 23+6 SSW erwägbar. Nicht Gegenstand von Consult Series Nr. 71. Erst wenn neonatale Reanimation und Intensivtherapie medizinisch angeboten und gewünscht werden. Erst wenn neonatale Reanimation und Intensivtherapie medizinisch angeboten und gewünscht werden. Keine allgemeine PPROM-Empfehlung außerhalb des begrenzten Anwendungsbereichs.

Praxisrelevante Abgrenzung

  • Die Leitlinien unterscheiden sich insbesondere bei Antibiotikaregime und -dauer, dem Vorgehen bei spätem PPROM, den Gestationsgrenzen für Kortikosteroide und Magnesiumsulfat sowie bei der selektiven Tokolyse [7].
  • NICE und RCOG sind getrennt zu zitieren: RCOG übernimmt für Magnesiumsulfat bei 30+0 bis 33+6 SSW keine eigenständige ablehnende Position, sondern verweist auf NICE [LL3, LL4].
  • SMFM Consult Series Nr. 71 darf nur auf präviablen und periviablen PPROM angewendet werden [LL6].
  • Bei jeder Abweichung von einem Leitlinienregime sind Gestationsalter, klinische Situation, Resistenzlage, Allergieprofil und lokale Standards nachvollziehbar zu dokumentieren.

Hinweis: Dosierungen sind leitlinienbasierte Standard- beziehungsweise Beispielregime für Erwachsene. Fachinformation, Zulassungsstatus, Allergien, Organfunktion, lokale Resistenzlage und hausinterne Standards sind zusätzlich zu beachten.

Abkürzungsverzeichnis

  • ACOG: American College of Obstetricians and Gynecologists
  • AV: atrioventrikulär
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • DGGG: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • GBS: Gruppe-B-Streptokokken
  • i.m.: intramuskulär
  • i.v.: intravenös
  • I.E.: Internationale Einheiten
  • LL: Leitlinie
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence
  • OEGGG: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • p.o.: per os
  • PPROM: preterm prelabor rupture of membranes
  • RCOG: Royal College of Obstetricians and Gynaecologists
  • S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
  • SGGG: Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • SMFM: Society for Maternal-Fetal Medicine
  • SOGC: Society of Obstetricians and Gynaecologists of Canada
  • SSW: Schwangerschaftswoche

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

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  2. Seaman RD, Kopkin RH, Turrentine MA: Erythromycin vs azithromycin for treatment of preterm prelabor rupture of membranes: a systematic review and meta-analysis. Am J Obstet Gynecol 2022;226(6):794-801.e1. doi: 10.1016/j.ajog.2021.12.262
  3. McGoldrick E, Stewart F, Parker R et al.: Antenatal corticosteroids for accelerating fetal lung maturation for women at risk of preterm birth. Cochrane Database Syst Rev 2020;12(12):CD004454. doi: 10.1002/14651858.CD004454.pub4
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  7. Kua S, Roman A, Harbinson L et al.: Systematic review of national and international clinical practice guidelines for management of preterm prelabor rupture of membranes. Am J Obstet Gynecol 2026;234(6):1579-1592. doi: 10.1016/j.ajog.2025.11.030

Leitlinien

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