Vorzeitiger Blasensprung – Körperliche Untersuchung
Die körperliche Untersuchung dient dem klinischen Nachweis eines vermuteten vorzeitigen Blasensprungs (vorzeitiges Platzen der Fruchtblase) sowie dem frühzeitigen Erkennen von Wehentätigkeit, intraamnialer Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase), vorzeitiger Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens), fetaler Gefährdung (Gefährdung des ungeborenen Kindes) und eines Nabelschnurvorfalls (Vorfall der Nabelschnur vor das Kind) [LL1-4].
- Allgemeine körperliche Untersuchung
- Beurteilung des Allgemeinzustands
- Erfassung von Körpertemperatur, Blutdruck, Puls und Atemfrequenz
- Bei klinischer Beeinträchtigung zusätzliche Beurteilung von Bewusstseinslage, Sauerstoffsättigung und Kreislaufstabilität
- Prüfung auf klinische Zeichen einer systemischen Infektion (den gesamten Körper betreffende Infektion) beziehungsweise Sepsis (lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion), insbesondere Fieber, persistierende Tachykardie (anhaltend beschleunigter Herzschlag), Tachypnoe (beschleunigte Atmung), Hypotonie (niedriger Blutdruck) oder Bewusstseinsveränderung
- Bei Fieber, Sepsisverdacht, Dyspnoe (Atemnot), kardiorespiratorischen Beschwerden (Beschwerden von Herz und Atmung) oder relevanten Begleiterkrankungen kardiale und pulmonale Auskultation
- Geburtshilfliche Untersuchung des Abdomens (Bauches)
- Inspektion und Palpation des Abdomens
- Beurteilung von Fundusstand (Höhenstand des oberen Gebärmutterrandes) und Uterusgröße (Größe der Gebärmutter) in Relation zum Gestationsalter (Schwangerschaftsalter)
- Erfassung der Wehentätigkeit hinsichtlich Häufigkeit, Dauer und Intensität
- Beurteilung des Uterustonus (Spannungszustand der Gebärmutter) und einer uterinen Druckschmerzhaftigkeit (Druckschmerzhaftigkeit der Gebärmutter) als mögliche Hinweise auf eine intraamniale Infektion oder vorzeitige Plazentalösung
- Prüfung auf anhaltende beziehungsweise lokalisierte abdominale Schmerzen (Bauchschmerzen), Abwehrspannung oder andere Zeichen eines akuten Abdomens (plötzlich auftretenden schweren Bauchzustands)
- Bestimmung von fetaler Lage, Stellung und vorangehendem Teil (Lage, Ausrichtung und zuerst in das Becken eintretendem Körperteil des ungeborenen Kindes) durch äußere Handgriffe
- Beurteilung der Beziehung des vorangehenden Teils zum Beckeneingang, soweit dies durch die abdominale Palpation möglich ist; ein hochstehender beziehungsweise dem Beckeneingang nicht fest anliegender vorangehender Teil erhöht bei Blasensprung das Risiko eines Nabelschnurvorfalls [LL4].
- Inspektion von Vulva (äußerem weiblichen Genital) und Vorlage
- Prüfung auf sichtbaren Flüssigkeitsabgang aus der Scheide
- Beurteilung der ausgetretenen Flüssigkeit hinsichtlich Menge, Farbe, Geruch sowie Blut- oder Mekoniumbeimengung (Beimengung von Kindspech)
- Prüfung auf vaginale Blutung (Blutung aus der Scheide)
- Prüfung auf eine sichtbar vorliegende Nabelschnur oder prolabierte Kindsteile (vorgefallene Körperteile des Kindes)
- Bei entsprechenden Beschwerden oder klinischem Verdacht gezielte Prüfung auf entzündliche beziehungsweise herpetiforme vulväre Läsionen (bläschenartige beziehungsweise entzündliche Hautveränderungen am äußeren weiblichen Genital)
- Orientierende Kontrolle der fetalen Herzaktion (Herztätigkeit des ungeborenen Kindes)
- Unmittelbare Kontrolle der fetalen Herzfrequenz (Herzfrequenz des ungeborenen Kindes)
- Beachtung einer persistierenden fetalen Tachykardie (anhaltend beschleunigte Herzfrequenz des ungeborenen Kindes) als möglichem Hinweis auf eine intraamniale Infektion [LL1-2]
- Beachtung einer fetalen Bradykardie (verlangsamte Herzfrequenz des ungeborenen Kindes) oder wiederkehrender variabler Dezelerationen (wiederkehrende wechselnde Abfälle der kindlichen Herzfrequenz) als mögliche Hinweise auf eine Nabelschnurkompression (Zusammendrücken der Nabelschnur) beziehungsweise einen Nabelschnurvorfall [LL4]
- Bei auffälligem Befund unverzügliche weiterführende, gestationsaltergerechte fetale Überwachung; Durchführung und Interpretation der Kardiotokographie gehören zur Medizingerätediagnostik [LL1-3].
- Vaginale Untersuchung in Abhängigkeit vom Gestationsalter und klinischen Befund
- Bei anamnestisch und klinisch eindeutigem vorzeitigem Blasensprung am Termin soll ohne Wehentätigkeit keine routinemäßige vaginale Untersuchung mittels Spekulum oder Palpation erfolgen [LL3].
- Ist am Termin unklar, ob ein Blasensprung vorliegt, soll eine sterile Spekulumuntersuchung durchgeführt werden; bei fehlender Wehentätigkeit ist eine digitale vaginale Untersuchung zu vermeiden [LL3].
- Bei vermutetem frühen vorzeitigen Blasensprung erfolgt nach der Anamnese (Krankengeschichte) eine sterile Spekulumuntersuchung zum Nachweis von Fruchtwasser; eine digitale vaginale Untersuchung soll vermieden werden [1, LL2].
- Sterile Spekulumuntersuchung
- Nachweis einer Fruchtwasseransammlung im hinteren Scheidengewölbe oder eines Flüssigkeitsabgangs aus dem Zervikalkanal (Gebärmutterhalskanal) [1, LL2]
- Bei zunächst unklarem Befund Beobachtung während Husten oder vorsichtiger Valsalva-Pressbewegung
- Beurteilung der Flüssigkeit hinsichtlich Menge, Konsistenz, Farbe, Geruch sowie Blut-, Mekonium- oder Eiterbeimengung
- Inspektion von Vagina (Scheide) und Zervix (Gebärmutterhals) auf Blutung, pathologischen Fluor (krankhaft veränderten Ausfluss) und entzündliche Veränderungen
- Visuelle Beurteilung des Muttermunds hinsichtlich einer erkennbaren Eröffnung
- Prüfung auf vorgewölbte Eihäute (Fruchtblasenhüllen), eine sichtbar vorliegende Nabelschnur oder prolabierte Kindsteile
- Ein okkulter Nabelschnurvorfall (nicht sichtbarer Vorfall der Nabelschnur) kann durch eine unauffällige Spekulumuntersuchung nicht sicher ausgeschlossen werden [LL4].
- Klinische Beurteilung auf eine intraamniale Infektion
- Klinische Hinweiszeichen sind maternales Fieber (Fieber der Mutter), persistierende maternale oder fetale Tachykardie (anhaltend beschleunigte Herzfrequenz der Mutter oder des ungeborenen Kindes), uterine Druckschmerzhaftigkeit, übelriechender beziehungsweise eitriger Flüssigkeitsabgang und eine Verschlechterung des maternalen Allgemeinzustands (Allgemeinzustand der Mutter).
- Keiner dieser Befunde bestätigt oder widerlegt isoliert eine intraamniale Infektion. Erforderlich ist die gemeinsame Bewertung der klinischen Befunde, der fetalen Herzfrequenz und der Labordiagnostik [LL1-2].
- Die klinisch vermutete oder bestätigte intraamniale Infektion ist von der ausschließlich histologisch diagnostizierten Chorioamnionitis (Entzündung der Eihäute und der Fruchthöhle) abzugrenzen.
- Digitale vaginale Untersuchung
- Bei vermutetem oder bestätigtem vorzeitigem Blasensprung soll keine routinemäßige digitale vaginale Untersuchung erfolgen, solange keine fortgeschrittene Geburt vorliegt und der Tastbefund das unmittelbare geburtshilfliche Vorgehen nicht verändert.
- Insbesondere beim frühen vorzeitigen Blasensprung kann eine digitale vaginale Untersuchung die Verschleppung von Mikroorganismen begünstigen und die Latenzzeit (Zeitspanne bis zur Geburt) bis zur Geburt verkürzen [1, LL2].
- Eine digitale vaginale Untersuchung ist auf Situationen zu beschränken, in denen der Tastbefund unmittelbar handlungsrelevant ist, insbesondere bei vermuteter fortgeschrittener Muttermundseröffnung (weiter Eröffnung des Muttermunds), unmittelbar bevorstehender Geburt oder Verdacht auf Nabelschnurvorfall.
- Bei fetaler Bradykardie oder wiederkehrenden variablen Dezelerationen und Verdacht auf Nabelschnurvorfall ist eine unverzügliche digitale vaginale Untersuchung erforderlich, auch wenn bei der Spekulumuntersuchung keine Nabelschnur sichtbar ist [LL4].
- Bei vaginaler Blutung darf eine digitale vaginale Untersuchung erst nach sonographischem Ausschluss einer Placenta praevia (vor dem Muttermund liegenden Plazenta) erfolgen, sofern keine vitale geburtshilfliche Notfallsituation besteht.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- DGGG: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- LL: Leitlinie
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence
- OEGGG: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
- SGGG: Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- Berger R, Abele H, Bahlmann F et al.: Prevention and Therapy of Preterm Birth. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k Level, AWMF Registry Number 015/025, September 2022) – Part 2 with Recommendations on the Tertiary Prevention of Preterm Birth and on the Management of Preterm Premature Rupture of Membranes. Geburtshilfe Frauenheilkd 2023;83(5):569-601. doi: 10.1055/a-2044-0345 [1]
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: S2k-Leitlinie Prävention und Therapie der Frühgeburt. AWMF-Registernummer 015-025. Version 5.0, Stand: 1. Oktober 2022, gültig bis 30. September 2026, derzeit in Überarbeitung. Langfassung; Kurzfassung [LL1]
- Thomson AJ, on behalf of the Royal College of Obstetricians and Gynaecologists: Care of Women Presenting with Suspected Preterm Prelabour Rupture of Membranes from 24+0 Weeks of Gestation. Green-top Guideline No. 73. BJOG 2019;126(9):e152-e166. Im Oktober 2024 überprüft und um zwei Jahre verlängert. Leitlinienseite. doi: 10.1111/1471-0528.15803 [LL2]
- National Institute for Health and Care Excellence: Intrapartum care. NICE Guideline NG235. Veröffentlicht am 29. September 2023, zuletzt aktualisiert am 9. Juni 2026. Leitlinie; Empfehlungen [LL3]
- Royal College of Obstetricians and Gynaecologists: Umbilical Cord Prolapse. Green-top Guideline No. 50. Zweite Auflage, November 2014, im Dezember 2024 überprüft und um zwei Jahre verlängert. Leitlinienseite [LL4]