Präventive Einnahme von Acetazolamid

Mit zunehmender Höhe sinkt der Sauerstoffpartialdruck – der Körper muss sich anpassen, um ausreichend Sauerstoff aufzunehmen. Dieser Anpassungsprozess, die Akklimatisation, benötigt Zeit. Erfolgt der Aufstieg jedoch zu schnell oder besteht eine individuelle Empfindlichkeit gegenüber Höhenreizen, kann es zu Beschwerden wie Kopf- oder Schlafstörungen kommen oder sogar zur akuten Höhenkrankheit (AMS).

Die wichtigste Maßnahme bleibt ein langsamer, kontrollierter Aufstieg. Wenn dies jedoch nicht möglich ist – etwa bei Rettungsaktionen, Flugtransporten in große Höhen oder bekannter Höhenempfindlichkeit – kann eine medikamentöse Prophylaxe hilfreich sein. Das weltweit am besten erforschte und am häufigsten empfohlene Medikament zur Vorbeugung der akuten Höhenkrankheit ist Acetazolamid. Es unterstützt die Akklimatisation, steigert die Atmung und reduziert das Risiko höhenbedingter Beschwerden deutlich.

Wann ist eine Prophylaxe sinnvoll?

Medizinische Höhenexperten empfehlen Acetazolamid bei:

  • Bekannter Höhenempfindlichkeit – z. B. bereits AMS bei < 3.000 m erlebt
  • Schnellem Aufstieg, insbesondere:
    • Einsatzkräfte bei Rettungsaktionen
    • Expeditionslogistik (Hüttentransfers, kurzfristige Höhenwechsel)
  • Unmöglicher Akklimatisation (z. B. Flug nach > 3.000 m Höhe)

Wirkmechanismus – einfach erklärt

Acetazolamid blockiert ein Enzym namens Carboanhydrase. Dieses Enzym steuert wichtige Prozesse in Lunge, Niere und Gehirn. Wenn man dieses Enzym hemmt, verändert man die nachfolgend aufgeführten Abläufe im Körper – und genau diese Veränderungen unterstützen die Anpassung an die Höhe.

1. Wirkung: Der Körper scheidet mehr Bicarbonat aus → Blut wird „saurer“ → Atmung steigt an

Warum passiert das?

Carboanhydrase steuert in der Niere, wie viel Bicarbonat zurück in den Körper gelangt. Wenn das Enzym blockiert ist:

  • spült die Niere mehr Bicarbonat aus
  • wird das Blut dadurch leicht saurer (metabolische Azidose)

Das klingt erst mal negativ – ist aber genau das, was man in der Höhe braucht.

Warum ist das gut?

In der Höhe versucht der Körper durch Hyperventilation mehr Sauerstoff aufzunehmen. Hyperventilation macht das Blut jedoch zu basisch, was wiederum die Atmung abbremst. Acetazolamid löst das Problem:

→ es macht das Blut wieder ein bisschen saurer,
→ die natürliche Atembremse verschwindet,
die Atmung läuft stabil weiter und steigt sogar an.

Ergebnis: Der Sauerstofftransport verbessert sich – das Risiko von Höhenkrankheit sinkt.

2. Wirkung: Verstärkte Harnausscheidung (Diurese)

Warum passiert das?

Wenn Bicarbonat verstärkt renal (d. h. über die Nieren) ausgeschieden wird, erhöht dies die osmotische Last im Tubuluslumen und führt zu einem vermehrten Verlust von Wasser und Elektrolyten – die Harnausscheidung steigt.

Warum ist das gut?

Die Diurese ist kein Selbstzweck, sondern ein Baustein des Gesamtsystems:

  • Durch den Bicarbonatverlust bleibt das Blut sauer genug, damit die Atmung weiter gesteigert bleibt.
  • Durch die erhöhte Atmung kommt mehr Sauerstoff ins Blut.
  • Gleichzeitig sinkt der Hirndruck (weniger Flüssigkeit im Gewebe), was Kopfschmerzen in der Höhe reduziert.

Ergebnis: Die Atmung verbessert sich, der Hirndruck sinkt, die Symptome der Höhenkrankheit treten seltener auf.

3. Wirkung: Entlastung des Gehirns und Senkung des Hirndrucks

Carboanhydrase spielt auch im Gehirn eine Rolle. Wenn es gehemmt wird:

  • wird weniger Liquor (Gehirnflüssigkeit) produziert,
  • sinkt der Druck im Kopf.

Warum ist das gut?

Die akute Höhenkrankheit ist im Kern eine leichte Hirnschwellung (Hirnödem). Weniger Hirndruck bedeutet:

  • weniger Kopfschmerzen
  • weniger Übelkeit
  • weniger Schwindel
  • geringeres Risiko für schwerere Formen wie Höhenhirnödem (HACE)

Ergebnis: Acetazolamid schützt das Gehirn vor höhenbedingter Überwässerung.

4. Wirkung: Augeninnendruck sinkt

Acetazolamid reduziert die Produktion von Kammerwasser im Auge (ebenfalls Carboanhydrase-abhängig).

Warum ist das gut?

Für die Höhenmedizin ist dies eher ein Nebeneffekt, aber:

  • bei Menschen mit erhöhtem Augeninnendruck (z. B. Glaukom) kann es hilfreich sein.
  • es reduziert Druckgefühle hinter den Augen, die in der Höhe vorkommen.

Fazit

  1. Blut wird leicht saurer → Atmung steigt → mehr Sauerstoff
  2. Mehr Urin → mehr Bicarbonatverlust → Atmung bleibt stabil hoch
  3. Hirndruck sinkt → weniger typische AMS-Symptome
  4. Augendruck sinkt → zusätzliche Druckentlastung

Die Wirkungen des Medikaments haben alle dasselbe Ziel: den Körper schneller und sicherer an die Höhe anzupassen. Acetazolamid unterstützt die natürliche Akklimatisation.

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Nicht einnehmen bei:

  • Schwerem Kalium- oder Natriummangel (Hypokaliämie/Hyponatriämie)
  • Schwerer Nieren- oder Leberinsuffizienz (Nieren- oder Leberschwäche)
  • Schwangerschaft (mangelnde Evidenz)

Vorsicht bei:

  • Engwinkelglaukom: Langzeitgebrauch kann Symptome überdecken
  • Sulfonamid-Allergie: strukturelle Ähnlichkeit → theoretisches Risiko

Wichtige Nebenwirkungen

Häufig, aber meist harmlos:

  • Parästhesien (Kribbeln) in Fingern/Zehen
  • Veränderter Geschmack (v. a. kohlensäurehaltige Getränke schmecken „metallisch“)
  • Vermehrtes Wasserlassen
  • Leichte Müdigkeit

Selten:

  • Allergische Reaktionen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Elektrolytstörungen (Kalium!)

Aktuell empfohlene Dosierung

  • Acetazolamid: 125 mg zweimal täglich (Start 24-48 h vor Aufstieg, Fortführung bis 48 h nach Erreichen der maximalen Schlafhöhe)
    • Hinweis: Die früher üblichen 2 × 250 mg gelten heute als höherdosiert und werden eher bei hohem Risiko eingesetzt.
  • Alternative (nur wenn Acetazolamid kontraindiziert ist):
    • Dexamethason 2 mg alle 6 h oder 4 mg alle 12 h – Einsatz ausschließlich in der Akut-/Notfallsituation, nicht zur routinemäßigen Primärprophylaxe.

Literatur

  1. Bärtsch P, Swenson ER: Clinical practice: Acute high-altitude illnesses. N Engl J Med. 2013 Jun 13;368(24):2294-302. doi: 10.1056/NEJMcp1214870.
  2. Luks AM et al.: Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Acute Altitude Illness. Wilderness Environ Med. 2019. doi: 10.1016/j.wem.2019.04.0.
  3. Ritchie ND, Baggott AV, Todd WTA: Acetazolamide for the prevention of acute mountain sickness--a systematic review and meta-analysis. J Travel Med. 2012 Sep-Oct;19(5):298-307. doi: 10.1111/j.1708-8305.2012.00629.