Allgemeine Ratschläge zum Bergsteigen

Bergsteigen und Aufenthalte in großen Höhen stellen besondere Anforderungen an den menschlichen Körper. Mit jedem Höhenmeter sinkt der Luftdruck – und damit der Sauerstoffpartialdruck, der für die Energiegewinnung aller Organe entscheidend ist. Je dünner die Luft, desto größer die Belastung für das Herz-Kreislauf-System, die Atmung und den Stoffwechsel. Ohne ausreichende Anpassung (Akklimatisation) kann es zu Beschwerden wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schlafproblemen kommen. In ungünstigen Fällen entwickeln sich schwerwiegende Erkrankungen wie die akute Höhenkrankheit, das Höhenlungenödem (HAPE) oder das Höhenhirnödem (HACE).

Eine sorgfältige Planung, ein langsamer Aufstieg und eine realistische Selbsteinschätzung sind die wichtigsten Maßnahmen, um gesundheitliche Risiken in der Höhe zu vermeiden.

Die folgenden Empfehlungen bieten eine zuverlässige Grundlage für sichere und gesunde Bergtouren – vom moderaten Trekking bis zu Hochgebirgsexpeditionen.

Gesundheitlicher Zustand und Planung

  • Nicht in die Höhe gehen bei Infekten: Akute Atemwegsinfekte erhöhen das Risiko für die akute Höhenkrankheit (AMS) und bronchiale Komplikationen.
  • Körperliche Vorbereitung: Ausdauergrundlage und muskuläre Fitness senken das Risiko für Erschöpfung und Unfälle.
  • Touren an individuelle Kondition anpassen: Strecke, Geschwindigkeit und Höhenmeter müssen den eigenen Fähigkeiten entsprechen.

Richtiges Aufsteigen und Anpassung (Akklimatisation)

  • Langsam aufsteigen – wichtigste Präventionsmaßnahme
  • Keine schnelle Höhenexposition: Unakklimatisiert sollten > 2.500 m Höhe nicht direkt erreicht werden.
  • Ab 2.500 m:
    • Tägliche Schlafhöhensteigerung: max. 300-500 m/Tag
    • Alle 3-4 Tage oder nach je 1.000 Höhenmetern einen Akklimatisationstag einlegen (ohne Änderung der Schlafhöhe).
  • Trekking-Regel („climb high – sleep low“): Höher steigen, aber deutlich tiefer schlafen. Effektiv zur Prävention der Höhenkrankheit.
  • Sehr große Höhen (> 4.000 m):
    • Kombination aus langsamer Anpassung, Reserve-Tag und medizinischer Vorbereitung
    • Für Expeditionen sinnvoll: portable Überdruckkammer (Gamow bag) und Sauerstoffsysteme

Eigenwahrnehmung und Belastungssteuerung

  • Bei Atemnot, Kopfschmerzen oder Erschöpfung: Sofort Pause machen, Symptome beobachten, ggf. Umkehr einleiten.
  • Nicht überschätzen: Besonders in Gruppen besteht die Gefahr, sich dem Gruppentempo anzupassen. Individuelle Belastungsgrenzen beachten.
  • Bei Anfälligkeit für Höhenkrankheiten:
    • Start ab 2.500 m besonders vorsichtig.
    • Schlafhöhenzuwachs: < 300-350 m/Tag.
    • Prophylaktische Strategien (z. B. Acetazolamid) ärztlich abklären.

Flüssigkeitsmanagement

  • Ausreichend trinken (keinen Alkohol)
  • In der Höhe kommt es zur Höhendiurese (vermehrtes Wasserlassen in der Höhe) – bedingt durch Hypoxie (Sauerstoffunterversorgung) und respiratorische Alkalose.
    • Richtwert: Zusätzlich ca. 1,5 Liter pro 1.000 Höhenmeter bei körperlicher Belastung (individuell variierend – Ziel: heller Urin, 5-7 Mal am Tag auf die Toilette gehen).

Sicherheitsausrüstung und Notfallmanagement

  • Obligatorisch bei Touren > 4.000 m oder abgelegenen Regionen:
    • Portable Überdruckkammer (Gamow/Dexa-Bag)
    • Notfallsauerstoff
    • Erste-Hilfe-Set inkl. Höhenmedizin
    • Satellitentelefon/GPS-Tracker
  • Tägliche Selbstkontrolle:
    • Schlafqualität
    • Appetit
    • Kopfschmerzen
    • Belastungstoleranz
    • Flüssigkeitszufuhr

Zusätzliche Empfehlungen nach modernem Leitlinienstandard

  • Kein schnelles Hinauffahren mit Seilbahn/Auto über 2.500-3.000 m ohne Akklimatisationszeit.
  • Vorherige Höhenanpassung möglich (z. B. schrittweise Touren in Mittelgebirgen oder moderate Höhe).
  • Erste Symptome ernst nehmen: Frühzeitiger Abstieg verhindert schwere Verläufe.
  • Regel: „Wer krank aufsteigt, stirbt abwärts.“

Literatur

  1. Bärtsch P, Swenson ER: Clinical practice: Acute high-altitude illnesses. N Engl J Med. 2013 Jun 13;368(24):2294-302. doi: 10.1056/NEJMcp1214870.
  2. Luks AM, Auerbach PS, Freer L et al.: Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Acute Altitude Illness: 2019 Update. Wilderness Environ Med. 2019 Dec;30(4S):S3-S18. doi: 10.1016/j.wem.2019.04.006.
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  4. Zafren K: Prevention of high altitude illnes. Travel Med Infect Dis. 2014 Jan-Feb;12(1):29-39. doi: 10.1016/j.tmaid.2013.12.002.
  5. International Society for Mountain Medicine (ISMM).
  6. UIAA MedCom Recommendations – High Altitude Specific.