Höhentauglichkeitsuntersuchung erforderlich?
Ein Aufenthalt in der Höhe – mit oder ohne aktives Bergsteigen – stellt für den menschlichen Organismus eine physiologische Belastung dar. Durch die Abnahme des Sauerstoffpartialdrucks steigt das Risiko für akute Höhenkrankheiten (z. B. akute Bergkrankheit (AMS), Höhenlungenödem (HAPE), Höhenhirnödem (HACE)) sowie für eine Verschlechterung bereits bestehender Erkrankungen.
Empfohlen wird daher eine individuelle Risikobeurteilung für alle Personen mit relevanten Vorerkrankungen oder Risikofaktoren vor Reisen über 2.500 m:
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Koronare Herzkrankheit (KHK; Erkrankung der Herzkranzgefäße)
- Zustand nach Myokardinfarkt (Herzinfarkt)
- Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
- Herzrhythmusstörungen
- Schwere arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)
- Zyanotische oder schwere angeborene Herzfehler
- Schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
- Zustand nach kardialen Interventionen (mind. 3 Monate warten, individuelle Beurteilung)
Lungenerkrankungen
- Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) – insbesondere GOLD III-IV
- Lungenemphysem (dauerhaft geschädigte, überblähte Lunge)
- Schwere Asthmaformen, unkontrolliertes Asthma bronchiale
- Restriktive Lungenerkrankungen (Lunge, die sich nicht mehr richtig ausdehnen kann)
- Pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck) – absolute Kontraindikation (Gegenanzeige) für Höhenaufenthalte > 2.500 m!
- Zustand nach Lungenoperationen (individuelle Beurteilung)
- Schlafbezogene Atmungsstörungen
- Menschen mit früherer HAPE-Episode (Höhenlungenödem) – hochriskante Gruppe
Blut- und Gerinnungsstörungen
- Hämoglobinopathien (erblich bedingte Erkrankungen des roten Blutfarbstoffs (Hämoglobin))
- Polyzythämie (zu viele rote Blutkörperchen – das Blut wird zu dick)
- Sichelzellerkrankung (Aufenthalte über 2.500 m problematisch → Risiko vaso-okklusiver Krisen/Sichelzellen verstopfen Blutgefäße)
- Thrombophilie (erhöhte Neigung zu Blutgerinnseln) oder erhöhtes Thromboserisiko
- Zustand nach Thrombose/Embolie (Zeitpunkt und Auslöser berücksichtigen)
Stoffwechselerkrankungen
- Schlecht eingestellter Diabetes mellitus
- Schwere Schilddrüsenerkrankungen
- Nebenniereninsuffizienz (Nebennierenschwäche) – Stressdosis beachten
- Elektrolytstörungen
Erkrankungen des Nervensystems und psychovegetative Störungen
- Epilepsie (Krampfanfälle)
- Migräne (besonders höhenassoziierte Trigger)
- Schwere Angststörungen/Panikstörungen
- Dysautonomien (Störungen der automatischen Körperregulation wie Puls, Blutdruck, Atmung, Verdauung, Temperatur, Schweißbildung)
Erkrankungen des Bewegungsapparates
- Schwere Arthrosen/Arthritis (eingeschränkte Mobilität → erhöhtes Risiko)
- Rückenerkrankungen mit Belastungsintoleranz
- Neuromuskuläre Erkrankungen, z. B. Myasthenia gravis, Muskeldystrophien, amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Polyneuropathien (Erkrankung der peripheren Nerven), Guillain-Barré-Syndrom (Polyneuropathie/Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven geschädigt sind, bei der es zu Muskelschwäche kommt)
Sinnesorgane
- Gleichgewichtsstörungen (z. B. Menière-Erkrankung)
- Augenkrankheiten mit Gefahr einer höhenbedingten Verschlechterung, z. B. Glaukom (Grüner Star)
- Kürzlich erfolgte Augenoperationen
Sonstige Risikogruppen
- Akute Erkrankungen (Infekte, gastrointestinale Entgleisungen (Magen-Darm-Erkrankungen), Fieber)
- Zustand nach schweren Erkrankungen während früherer Höhenaufenthalte (AMS, HAPE, HACE)
- Kinder < 1 Jahr und Menschen > 75 Jahre (individuelle Beurteilung)
- Schwangerschaft (Höhenaufenthalte über 3.000 m werden nicht empfohlen)
Bestandteile der Höhentauglichkeitsuntersuchung
Anamnese und klinische Basisuntersuchung
- Umfassende körperliche Untersuchung
- Ruhepuls, Blutdruckmessung, Oxygenierung (Ruhe, ggf. Belastung)
Laboruntersuchungen
- Blutbild
- C-reaktives Protein (CRP/Entzündungswert)
- Elektrolyte (Mineralstoffe mit elektrischen Ladungen)
- Leber- und Nierenparameter
- ggf. Ferritin (Depot-Eisen) bei Anämieverdacht (Verdacht auf Blutarmut)
- Urinsediment und Teststreifenuntersuchung
Kardiopulmonale Diagnostik
- Ruhe-EKG
- Belastungs-EKG (empfohlen ab 40 Jahren oder bei Risikopatienten)
- Spirometrie (Lungenfunktion), ggf. Bodyplethysmografie
- ggf. Diffusionskapazität (DLCO) bei pulmonalen Vorerkrankungen
- Höhen-Simulationstest bzw. Hypoxic-Challenge-Test bei pulmonalen oder kardialen (die Lunge oder das Herz betreffende) Risiken → bei COPD und schwerem Asthma bronchiale
Sinnesorgane
- Audiometrie (Hörtest)
- Sehtest
- ggf. Perimetrie bei Glaukom oder Sehnervpathologien
Optionale Untersuchungen in speziellen Risikogruppen
- Schlafmedizinische Diagnostik
- Echokardiographie bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder pulmonaler Hypertonie (Lungenhochdruck)
- HbA1c (Langzeit-Blutzuckerwert) und Therapieevaluation bei Diabetes mellitus
Literatur
- Luks AM et al.: Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Acute Altitude Illness. Wilderness Environ Med. 2019. doi: 10.1016/j.wem.2019.04.0.
- International Society for Mountain Medicine (ISMM).
- UIAA MedCom Recommendations – High Altitude Specific.