Höhentoleranz bei Herz-Kreislauf- und/oder Lungenkrankheiten

Aufenthalte in großer Höhe stellen den menschlichen Körper vor erhebliche Herausforderungen. Mit jedem Höhenmeter sinken Luftdruck und Sauerstoffpartialdruck – das bedeutet: In jedem Atemzug steht weniger Sauerstoff zur Verfügung. Der Körper reagiert darauf mit schnellerer und tieferer Atmung, einem Anstieg der Herzfrequenz und oft auch des Blutdrucks. Diese Anpassungsprozesse, die sogenannte Akklimatisation, dienen der Sicherung der Sauerstoffversorgung der Organe.

Während gesunde Menschen diese Veränderungen meist gut tolerieren, kann die verminderte Sauerstoffverfügbarkeit für Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen erhebliche Risiken bergen.

Aktuelle Leitlinien empfehlen zunehmend, keine starren Höhenlimits mehr zu verwenden, sondern die Entscheidung individuell zu treffen – abhängig von Diagnose, Schweregrad, Stabilität, aktueller Leistungsfähigkeit und Ergebnissen eventueller Voruntersuchungen (Belastungs-EKG, Spirometrie (Lungenfunktionsprüfung), Sauerstoffsättigung, Hypoxiebelastungstest). 

Höhentoleranz bei Herz- und Gefäßerkrankungen

Erkrankung Höhenaufenthalte > 2.000 m 2.000-3.000 m > 3.000 m
Asymptomatische oder stabile koronare Herzkrankheit – CCS I-II
(KHK; Erkrankung der Herzkranzgefäße)
vertretbar bei guter Belastbarkeit vertretbar bei optimaler Therapie nur nach Spezialbeurteilung; meist < 3.500 m
Herzinsuffizienz, NYHA I-II
(Herzschwäche)
meist vertretbar bei stabiler Situation vertretbar bei kontrollierter Belastbarkeit nur nach Spezialbeurteilung
Herzinsuffizienz, NYHA III-IV abzuraten nur im Ausnahmefall nach Spezialbeurteilung abzuraten
Herzrhythmusstörungen – höhergradige ventrikuläre, symptomatische Tachykardien
(beschleunigter Herzschlag)
abzuraten, wenn instabil vertretbar, wenn stabil unter Therapie abzuraten bzw. nur nach Spezialbeurteilung
Hypertonie – gut eingestellt
(Bluthochdruck)
vertretbar vertretbar, engmaschige Blutdruckkontrolle nur nach Spezialbeurteilung
Instabile Angina pectoris/kürzliches akutes Koronarsyndrom
(vor kurzem aufgetretener Herzinfarkt oder eine instabile Durchblutungsstörung am Herzen)
abzuraten (mind. 6 Monate warten) nur nach kompletter Stabilisierung abzuraten
Kongenitale Vitien (angeborene Herzfehler) – zyanotische (Haut wird blau) und schwere Formen abzuraten nur im Ausnahmefall nach spezialisierter Beurteilung abzuraten

Kürzliches thromboembolisches/ischämisches Ereignis – z. B.:

  • Tiefe Venenthrombose
  • Apoplex (Schlaganfall)
  • ICD-Implantation (Einsatz eines automatischen Herzschrittmachers)
abzuraten bis ausreichende Stabilität (meist ≥ 6 Monate) nur nach individueller Abklärung abzuraten
Vor geplanten Koronarinterventionen (z. B. Bypass) abzuraten nur mit eingeschränkter Belastung und Abklärung in der Regel nicht sinnvoll

Höhentoleranz bei Lungenkrankheiten

Erkrankung Höhenaufenthalte > 2.000 m 2.000-3.000 m > 3.000 m
Asthma bronchiale – gut kontrolliert vertretbar vertretbar (angepasste Belastung) individuell, nur mit langsamer Akklimatisation

Asthma bronchiale – unkontrolliert

abzuraten erst nach Stabilisierung vertretbar abzuraten
Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) – stabil (mild bis moderat) vertretbar; ggf. Hypoxietest vertretbar (submaximale Belastung) nur nach Spezialbeurteilung

Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) – exazerbiert (akut schlimmer geworden) oder schwer (GOLD III-IV)

abzuraten nur im Ausnahmefall mit Sauerstofftherapie abzuraten
CO₂-Retention
(Hyperkapnie/erhöhter Kohlendioxidgehalt im Blut)
abzuraten (hohes Risiko für Dekompensation/Verschlechterung) nur in streng ausgewählten Fällen abzuraten
FEV1 < 1,0 l – unabhängig von der Ursache
(FEV1 = Luftmenge, die man in der ersten Sekunde kräftig ausatmen kann)
abzuraten nur nach umfassender Diagnostik abzuraten
Pulmonal-arterielle Hypertonie
(Bluthochdruck in den Gefäßen der Lunge)
abzuraten höchstens im Einzelfall mit Supplemental-O₂ abzuraten

Literatur

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