Gastrointestinale Operationen und Mikronährstoffmangel: Risiken, Diagnostik und Therapie
Gastrointestinale Operationen können die Mikronährstoffversorgung durch eine verminderte Nahrungsaufnahme, veränderte Verdauungsabläufe, den Verlust resorptiver Darmabschnitte, eine beschleunigte Darmpassage und postoperative Komplikationen beeinträchtigen. Das individuelle Risiko wird vor allem durch die entfernten oder funktionell ausgeschalteten anatomischen Strukturen, die Funktion des verbleibenden Verdauungstrakts, den präoperativen Ernährungszustand sowie begleitende Erkrankungen bestimmt [1-5].
Besonders relevant sind Eingriffe an Magen, Duodenum (Zwölffingerdarm), Pankreas (Bauchspeicheldrüse), Jejunum (Leerdarm) und terminalem Ileum (letzter Abschnitt des Dünndarms) sowie ausgedehnte Dünndarmresektionen. Defizite können bereits vor der Operation bestehen und sich postoperativ verstärken. Andere Mangelzustände manifestieren sich aufgrund größerer Körperspeicher erst Monate oder Jahre nach dem Eingriff [2-4, 6-8, LL1].
Der vorliegende Beitrag behandelt primär nicht-bariatrische gastrointestinale Operationen. Adipositaschirurgische Eingriffe weisen teilweise vergleichbare Mechanismen auf, erfordern jedoch spezifische Nachsorge- und Substitutionskonzepte und werden daher gesondert dargestellt.
Klinische Bedeutung
Präoperative Mikronährstoffdefizite können durch eine maligne (bösartige) Grunderkrankung, chronische Entzündung, unzureichende Nahrungsaufnahme, Blutverluste, eine tumorbedingte Passagebehinderung oder eine vorausgegangene medikamentöse Tumortherapie verursacht sein. Postoperativ kommen anatomische und funktionelle Veränderungen des Verdauungstrakts hinzu. Nach Ösophagektomie (operative Entfernung der Speiseröhre) oder Gastrektomie (operative Teil- oder vollständige Entfernung des Magens) werden insbesondere Defizite von Vitamin B12, Vitamin D und Calcium beschrieben. Auch Eisenmangel ist klinisch relevant [6-8, LL1].
Mögliche Folgen sind Anämie (Blutarmut), neurologische Funktionsstörungen, eine verminderte Knochenmineralisation, Muskelschwäche, beeinträchtigte Immunfunktionen und verzögerte Wundheilung. Unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Leistungsminderung, Appetitverlust oder Gewichtsabnahme dürfen deshalb nicht vorschnell allein der Operation, der Tumorerkrankung oder dem Alter zugeschrieben werden [2, 3, 8, LL1].
Mechanismen der postoperativen Mikronährstoffdefizienz
Mehrere Mechanismen können gleichzeitig zur Entwicklung eines Mikronährstoffmangels beitragen:
- Verminderte orale Zufuhr infolge von Appetitverlust, frühzeitiger Sättigung, Dysphagie (Schluckstörung), Übelkeit, Schmerzen, Geschmacksveränderungen oder postoperativen Unverträglichkeiten [1, 6, 8, LL1]
- Maldigestion (unzureichende Aufspaltung der Nahrung) durch eine gestörte Vermischung des Speisebreis mit Galle und Pankreasenzymen [5, LL2, LL3]
- Malabsorption (verminderte Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm) nach Resektion oder funktioneller Ausschaltung spezifischer Resorptionsabschnitte [2-5]
- Verminderte Magensäureproduktion mit beeinträchtigter Freisetzung und Löslichkeit von insbesondere Eisen, Calcium und Vitamin B12 [6-8, LL1]
- Verlust des Intrinsic-Faktors (im Magen gebildetes Transportprotein für Vitamin B12) nach totaler Gastrektomie [7, LL5]
- Verminderte Gallensäureresorption nach Resektion des terminalen Ileums mit Diarrhoe (Durchfall), Fettmalabsorption und eingeschränkter Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K [2-4]
- Exokrine Pankreasinsuffizienz (Mangel an Verdauungsenzymen der Bauchspeicheldrüse), insbesondere nach Pancreatoduodenektomie (operative Entfernung des Pankreaskopfes und des Zwölffingerdarms) [5, LL2, LL3]
- Beschleunigte Darmpassage, chronische Diarrhoe oder ein High-output-Stoma (künstlicher Darmausgang mit krankhaft hoher Ausscheidungsmenge) mit erhöhten Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Mikronährstoffverlusten [2-4]
- Bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms mit Veränderungen des Gallensäurestoffwechsels und möglicher Beeinträchtigung der Vitamin-B12-Versorgung [2, 4]
- Erhöhter Bedarf im Rahmen von Entzündungen, Infektionen, Wundheilung und postoperativer Rekonvaleszenz (Erholungsphase) [1-3]
Operationsabhängige Risikoprofile
| Operation oder anatomische Veränderung | Wesentliche Mechanismen | Besonders relevante Mikronährstoffe |
| Ösophagektomie (operative Entfernung der Speiseröhre) mit Magenhochzug | Verminderte Nahrungsaufnahme, frühzeitige Sättigung, beschleunigte Passage, Dumping-Syndrom (Beschwerden durch eine zu schnelle Entleerung des verbliebenen Magens) und mögliche exokrine Pankreasinsuffizienz (unzureichende Bildung oder Abgabe von Verdauungsenzymen durch die Bauchspeicheldrüse) | Vitamin D, Vitamin B12, Calcium und Eisen; abhängig von Nahrungsaufnahme und Begleiterkrankungen zusätzlich Folsäure und Zink [6, 8, LL1] |
| Partielle Gastrektomie (operative Teilentfernung des Magens) | Verminderte Säureproduktion, reduzierte Speicherkapazität des Magens, beschleunigte Passage und je nach Rekonstruktion verminderte duodenale Nährstoffexposition (Kontakt der Nährstoffe mit dem Zwölffingerdarm, wo ein wichtiger Teil ihrer Verdauung und Aufnahme beginnt) | Eisen, Vitamin B12, Vitamin D, Calcium und Folsäure; bei anhaltendem Erbrechen zusätzlich Vitamin B1 [6-8, LL1] |
| Totale Gastrektomie (vollständige operative Entfernung des Magens) | Vollständiger Verlust des Intrinsic-Faktors und der Magensäureproduktion, veränderte Passage und verminderte Nahrungsaufnahme | Lebenslange Notwendigkeit einer Vitamin-B12-Substitution; zusätzlich erhöhtes Risiko für Eisen-, Vitamin-D-, Calcium- und Folsäuredefizite [6-8, LL1, LL5] |
| Pancreatoduodenektomie (operative Entfernung des Pankreaskopfes und des Zwölffingerdarms) | Verlust des Duodenums, veränderte gastrointestinale Rekonstruktion, exokrine Pankreasinsuffizienz und gestörte Vermischung von Nahrung, Galle und Pankreasenzymen | Besonders Eisen, Zink und Vitamin D; bei ausgeprägter Maldigestion oder unzureichender Pankreasenzymersatztherapie zusätzlich Vitamine A, E und K, Calcium, Magnesium und Selen [5, LL2-LL4] |
| Proximale Dünndarmresektion (operative Entfernung eines magennahen Abschnitts des Dünndarms) | Verlust von Resorptionsfläche im Duodenum (Zwölffingerdarm) oder Jejunum (Leerdarm, mittlerer Abschnitt des Dünndarms) und beschleunigte Darmpassage | Insbesondere Eisen, Folsäure, Calcium und Magnesium; bei ausgedehnter Resektion breiteres Defizitspektrum [2-4] |
| Resektion des terminalen Ileums oder Ileozökalresektion (Entfernung des letzten Dünndarmabschnitts und des Übergangs zum Dickdarm) | Verminderte Vitamin-B12- und Gallensäureresorption, Diarrhoe (Durchfall) und bei relevantem Gallensäureverlust Fettmalabsorption | Vitamin B12; bei ausgeprägter Gallensäuremalabsorption zusätzlich Vitamine A, D, E und K sowie Calcium, Magnesium und Zink [2-4] |
| Ausgedehnte Dünndarmresektion und Kurzdarmsyndrom (Funktionsstörung nach Verlust großer Dünndarmabschnitte) | Deutlich verminderte Resorptionsfläche, beschleunigte Passage, hohe intestinale Verluste (über den Darm) und gegebenenfalls chronische intestinale Insuffizienz (unzureichende Fähigkeit des Darms, Nährstoffe, Flüssigkeit und Elektrolyte aufzunehmen) mit Abhängigkeit von parenteraler Ernährung | Breites Defizitspektrum, insbesondere Vitamine A, B1, B12, D, E und K, Folsäure, Eisen, Zink, Kupfer, Selen, Calcium, Magnesium und Phosphat [2-4] |
| Isolierte Kolektomie (operative Entfernung des Dickdarms) oder Ileostomie | Keine primäre Ausschaltung wesentlicher Mikronährstoffresorptionsorte bei erhaltener Dünndarmanatomie; bei hoher Stomaausscheidung jedoch erhebliche Flüssigkeits-, Natrium- und Magnesiumverluste | Vor allem Magnesium und Zink bei chronisch hoher Ausscheidung; Vitamin B12 und fettlösliche Vitamine primär bei zusätzlicher Ileumresektion oder Dünndarmfunktionsstörung [2-4] |
Besonders relevante Mikronährstoffe
Vitamin B12: Nach totaler Gastrektomie fehlt der Intrinsic-Faktor dauerhaft, sodass eine lebenslange Substitution erforderlich ist. Nach einer Resektion des terminalen Ileums hängt das Risiko vom Umfang der Resektion und von der Funktion des verbliebenen Ileums ab. Auch eine bakterielle Fehlbesiedlung und eine ausgeprägte exokrine Pankreasinsuffizienz können die Vitamin-B12-Versorgung beeinträchtigen [2-5, 7, LL5].
Eine normale oder grenzwertige Vitamin-B12-Konzentration im Serum schließt einen funktionellen Mangel nicht sicher aus. Bei klinischem Verdacht oder widersprüchlicher Befundkonstellation können Methylmalonsäure (Stoffwechselprodukt, dessen Konzentration bei einem Vitamin-B12-Mangel ansteigen kann) und Holo-Transcobalamin (biologisch verfügbare Vitamin-B12-Fraktion) ergänzend bestimmt werden. Eine erhöhte Methylmalonsäurekonzentration ist bei eingeschränkter Nierenfunktion nur eingeschränkt interpretierbar [2, 3].
Eisen: Eisenmangel kann bereits präoperativ durch chronische Blutverluste oder eine unzureichende Nahrungsaufnahme bestehen. Postoperativ tragen eine verminderte Magensäureproduktion, die Resektion oder Umgehung des Duodenums, eine reduzierte Zufuhr und fortbestehende Blutverluste zum Defizit bei. Ferritin (Speicherprotein für Eisen und Laborwert zur Beurteilung der Eisenspeicher), Transferrinsättigung (TfS; Laborwert, der angibt, welcher Anteil des Eisentransportproteins Transferrin mit Eisen beladen ist) und C-reaktives Protein (CRP) sollten gemeinsam beurteilt werden, da Ferritin bei einer systemischen Entzündungsreaktion trotz unzureichender Eisenspeicher normal oder erhöht sein kann [2, 3, 6, 8].
Vitamin D, Calcium und Magnesium: Defizite treten insbesondere nach Operationen des oberen Gastrointestinaltrakts, bei Fettmalabsorption, hoher Stomaausscheidung und chronischer intestinaler Insuffizienz auf. Eine langfristig unzureichende Versorgung kann einen sekundären Hyperparathyreoidismus (gesteigerte Parathormonsekretion infolge einer unzureichenden Calciumversorgung) und eine verminderte Knochenmineraldichte begünstigen. Neben 25-Hydroxy-Vitamin D sollten deshalb abhängig vom individuellen Risiko Calcium, Phosphat, Magnesium, alkalische Phosphatase und Parathormon berücksichtigt werden [2-4, 6, LL1].
Fettlösliche Vitamine: Die Vitamine A, D, E und K sind insbesondere bei Gallensäureverlust, ausgeprägter Steatorrhoe (Fettstuhl), Kurzdarmsyndrom und unzureichend behandelter exokriner Pankreasinsuffizienz gefährdet [2-5, LL2, LL3]. Gerinnungsparameter können bei einem klinisch relevanten Vitamin-K-Mangel verändert sein, müssen jedoch unter Berücksichtigung der Leberfunktion und einer möglichen Antikoagulation (Gabe von Blutverdünnern) interpretiert werden.
Zink, Kupfer und Selen: Zinkverluste können bei chronischer Diarrhoe, hoher Stomaausscheidung und intestinaler Insuffizienz auftreten. Eine längerfristige hochdosierte Zinksubstitution kann die intestinale Kupferaufnahme hemmen und eine Hypocuprämie (zu niedrige Kupferkonzentration im Blut) mit Anämie, Neutropenie (Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen) und neurologischen Funktionsstörungen verursachen. Bei längerfristiger Zinktherapie sollten daher auch Kupferstatus und Blutbild überwacht werden [2-4].
Vitamin B1: Ein Thiaminmangel kann sich bei anhaltendem Erbrechen, sehr geringer Nahrungsaufnahme, rascher Gewichtsabnahme oder beginnender Wiederernährung entwickeln. Bei Verdacht auf eine Wernicke-Enzephalopathie mit Bewusstseinsveränderungen, Augenbewegungsstörungen oder Ataxie (Störung der Bewegungskoordination) ist Vitamin B1 unverzüglich und vor einer größeren Glucosezufuhr parenteral zu verabreichen [2, 3].
Risikoadaptierte Diagnostik
Eine präoperative Untersuchung ermöglicht die Erkennung bereits bestehender Defizite und schafft einen Ausgangswert für die postoperative Verlaufskontrolle. Umfang und Frequenz der Diagnostik sollten sich nach der Operationsanatomie, dem Ernährungszustand, der klinischen Symptomatik, der Nahrungsaufnahme, der Stuhl- oder Stomaausscheidung sowie den bisherigen Laborbefunden richten [1-5, 8].
| Untersuchungsbereich | Geeignete Parameter | Besondere Indikationen |
| Hämatologie und Eisenstoffwechsel | Blutbild, Ferritin, Transferrinsättigung (TfS) und C-reaktives Protein | Grunddiagnostik nach größeren gastrointestinalen Operationen, insbesondere nach Ösophagektomie, Gastrektomie und duodenalen Resektionen [2, 3, 6, 8] |
| Vitamin-B12- und Folsäurestatus | Vitamin B12, Folsäure; bei unklarer Konstellation Methylmalonsäure und Holo-Transcobalamin | Insbesondere nach totaler oder partieller Gastrektomie, Ileumresektion und bei makrozytärer Anämie oder neurologischen Symptomen [2, 3, 7, LL5] |
| Knochen- und Mineralstoffwechsel | 25-Hydroxy-Vitamin D, Calcium, Phosphat, Magnesium, alkalische Phosphatase (AP) und gegebenenfalls Parathormon | Nach Operationen des oberen Gastrointestinaltrakts, bei Fettmalabsorption, Kurzdarmsyndrom, hoher Stomaausscheidung oder Frakturrisiko [2-4, 6, LL1] |
| Fettlösliche Vitamine | Vitamin A und Vitamin E; Gerinnungsparameter bei Verdacht auf Vitamin-K-Mangel | Bei Steatorrhoe, exokriner Pankreasinsuffizienz, relevantem Gallensäureverlust und chronischer intestinaler Insuffizienz [2-5, LL2, LL3] |
| Spurenelemente | Zink, Kupfer und Selen | Bei chronischer Diarrhoe, hoher Stomaausscheidung, ausgeprägter Maldigestion, Kurzdarmsyndrom oder langfristiger parenteraler Ernährung [2-4] |
| Knochengesundheit | Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA; Messung der Knochenmineraldichte) | Bei langfristigem Malabsorptionsrisiko, Frakturen oder wiederholt auffälligem Vitamin-D-Calcium-Stoffwechsel [2-4, 8] |
Albumin ist kein spezifischer Marker der Energie-, Protein- oder Mikronährstoffversorgung. Eine Hypalbuminämie (zu niedrige Albuminkonzentration im Blut) kann unter anderem durch systemische Entzündungen, Flüssigkeitsverschiebungen, Leberfunktionsstörungen sowie intestinale oder renale Proteinverluste verursacht werden [1-3].
Auch einzelne Mikronährstoffkonzentrationen können durch Entzündungen, Veränderungen von Transportproteinen, den Hydratationsstatus und eingeschränkte Organfunktionen beeinflusst werden. Laborbefunde sind deshalb gemeinsam mit dem C-reaktiven Protein, der Operationsanatomie, der klinischen Symptomatik und dem zeitlichen Verlauf zu bewerten [2, 3].
Kontrollintervalle
Für die verschiedenen gastrointestinalen Operationen existieren keine einheitlichen, durchgehend evidenzbasierten Kontrollintervalle. Vor allem für Langzeitüberlebende nach Ösophagus- und Pankreasoperationen sind die Empfehlungen heterogen und häufig konsensbasiert [8].
Als pragmatisches Vorgehen kann bei Patienten mit relevantem anatomischem oder funktionellem Risiko eine Basisdiagnostik präoperativ sowie etwa 3-6 Monate und 12 Monate nach dem Eingriff erwogen werden. Die weiteren Intervalle sind anhand der Operationsanatomie, der klinischen Entwicklung und der bisherigen Laborbefunde festzulegen. Bei stabilen Verhältnissen ist häufig eine jährliche Kontrolle ausreichend; bei Gewichtsabnahme, anhaltender Diarrhoe, Steatorrhoe, hoher Stomaausscheidung, unzureichender Nahrungsaufnahme oder auffälligen Laborwerten sind kürzere Intervalle erforderlich [2-4, 8, LL3].
Eine lebenslange Nachsorge ist insbesondere nach totaler Gastrektomie, relevanter Ileumresektion, ausgedehnter Dünndarmresektion, chronischer intestinaler Insuffizienz sowie bei fortbestehender exokriner Pankreasinsuffizienz erforderlich [3-5, 7, LL3, LL5].
Therapeutische Grundsätze
Die Behandlung richtet sich nach dem nachgewiesenen oder klinisch hochwahrscheinlichen Defizit, der verbleibenden Anatomie, der Resorptionskapazität und der Dringlichkeit der klinischen Manifestation. Eine pauschale hochdosierte Mehrfachsupplementierung ohne Diagnostik und Verlaufskontrolle ist zu vermeiden [2, 3].
- Eine unzureichende Energie- und Proteinzufuhr ist frühzeitig zu erkennen und durch Ernährungsberatung, orale Zusatznahrung oder bei entsprechender Indikation enterale Ernährung zu behandeln [1].
- Eine exokrine Pankreasinsuffizienz ist durch eine ausreichend dosierte Pankreasenzymersatztherapie zu den Mahlzeiten zu behandeln. Bei unzureichender Wirkung sind Dosis, Einnahmezeitpunkt und Therapieadhärenz zu überprüfen; in ausgewählten Fällen kann eine zusätzliche Säurehemmung erforderlich sein [5].
- Nach totaler Gastrektomie ist eine lebenslange Vitamin-B12-Substitution erforderlich. Hochdosiertes, oral verabreichtes Vitamin B12 kann über eine geringe, vom Intrinsic-Faktor unabhängige passive Resorption wirksam sein. In den bislang untersuchten Patientengruppen wurden überwiegend Tagesdosen von 500-1.500 µg eingesetzt. Die Evidenz ist jedoch durch heterogene Dosierungen, überwiegend kurze Nachbeobachtungszeiten und eine geringe Zahl randomisierter Studien begrenzt [LL5].
- Bei schwerem Vitamin-B12-Mangel, neurologischen Symptomen, unsicherer regelmäßiger Einnahme oder unzureichendem biochemischem Ansprechen ist eine parenterale Substitution vorzuziehen. Nach relevanter Ileumresektion ist die Applikationsform anhand des Resektionsumfangs und des Ansprechens festzulegen [2, 3].
- Ein Eisenmangel kann bei ausreichender Resorptionskapazität oral behandelt werden. Bei relevanter Malabsorption, ausgeprägter Anämie, Unverträglichkeit oder unzureichendem Ansprechen ist eine intravenöse Eisengabe zu erwägen [2, 3].
- Vitamin D, Calcium und Magnesium sind anhand der Laborbefunde, der Nierenfunktion und des Knochenstoffwechsels zu dosieren. Bei persistierendem sekundärem Hyperparathyreoidismus sind eine unzureichende Zufuhr, Malabsorption und mangelnde Therapieadhärenz zu prüfen [2-4].
- Die Vitamine A, E und K sollten bei Fettmalabsorption gezielt und laborkontrolliert substituiert werden. Eine unkritische Hochdosistherapie ist aufgrund möglicher Toxizität und Arzneimittelinteraktionen zu vermeiden [2, 3].
- Zink, Kupfer und Selen sind bei hohen intestinalen Verlusten oder langfristiger parenteraler Ernährung individuell zu dosieren und im Verlauf zu kontrollieren [2-4].
- Patienten mit Kurzdarmsyndrom, chronischer intestinaler Insuffizienz oder komplexen kombinierten Defiziten sollten in Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Zentrum für intestinale Rehabilitation behandelt werden [4].
Klinische Warnzeichen
Eine vorgezogene oder erweiterte Mikronährstoffdiagnostik ist insbesondere angezeigt bei:
- Neu aufgetretener mikrozytärer oder makrozytärer Anämie
- Parästhesien (Missempfindungen), Gangunsicherheit, Ataxie, kognitiven Veränderungen oder Muskelschwäche
- Anhaltendem Erbrechen, rascher Gewichtsabnahme oder sehr geringer Nahrungsaufnahme
- Chronischer Steatorrhoe (Fettstuhl) oder deutlich erhöhter Stomaausscheidung
- Nachtblindheit, erhöhter Blutungsneigung oder wiederkehrenden Hämatomen
- Knochenschmerzen, atraumatischen Frakturen, Muskelkrämpfen oder Tetanie (schmerzhafte Muskelverkrampfungen)
- Dermatitis, Alopezie (Haarausfall), Geschmacksstörungen oder verzögerter Wundheilung
- Neutropenie, ungeklärter Anämie oder Panzytopenie (Verminderung aller Blutzellreihen)
Fazit
Gastrointestinale Operationen stellen eine heterogene Risikokonstellation für Mikronährstoffdefizite dar. Entscheidend ist eine anatomie- und funktionsbezogene Beurteilung. Nach totaler Gastrektomie ist eine lebenslange Vitamin-B12-Substitution erforderlich. Nach Pancreatoduodenektomie sind insbesondere Eisen, Zink und Vitamin D sowie eine mögliche exokrine Pankreasinsuffizienz zu berücksichtigen. Ileumresektionen gefährden die Vitamin-B12- und Gallensäureresorption, während ausgedehnte Dünndarmresektionen ein breites und häufig dauerhaftes Defizitspektrum verursachen können.
Eine präoperative Basisdiagnostik, risikoadaptierte postoperative Verlaufskontrollen und eine gezielte, laborkontrollierte Substitution ermöglichen es, klinisch relevante Mangelzustände frühzeitig zu erkennen und Über- oder Fehlsubstitutionen zu vermeiden.
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